AlarmstufeRot – Kunst ist systemrelevant: Deutschlands sechstgrößter Wirtschaftszweig steht vor dem Kollaps

Dossier

Les intermittents ont fait exploser le – standard du – Medef“Die aktuelle Situation bedroht die Veranstaltungswirtschaft. Clubs sterben aus, KünstlerInnen, VeranstaltungstechnikerInnen und VeranstalterInnen sind arbeitslos oder stehen vor der Insolvenz. Dagegen hat sich das Bündnis AlarmstufeRot externer Link gebildet, ein Zusammenschluss der einflussreichsten Initiativen und Verbände der deutschen Veranstaltungswirtschaft, hinter dem rund 10000 Unternehmen mit 250000 Beschäftigten stehen. An dessen erster bundesweiter Protestaktion, der «Night of Light 2020», haben sich über 40000 Mitwirkende aus mehr als 8000 Unternehmen beteiligt. (…) Zum Beispiel fallen die Hunderttausende von Soloselbständigen durchs Raster, sie haben meist keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sich nur die wenigstens eine Arbeitslosenversicherung leisten können.Darauf wird seit März in zahlreichen Petitionen und Gesprächen mit der Politik hingewiesen, aber es interessiert offensichtlich nicht, obwohl die Veranstaltungsbranche die sechstgrößte Branche des Landes ist und auch das sechsthöchste Steueraufkommen beiträgt…“ Aus dem Interview von Ravi T. Kühnel mit Daniel Schulz bei SoZ vom Oktober 2020 externer Link – siehe weiter aus dem Interview und Neues zum Thema:

  • Zahl der Erwerbstätigen in Kulturberufen steigt nach der Pandemie wieder, doch mit überdurchschnittlicher Quote an Selbstständigen und Geringverdienenden New
    • Viele Geringverdienende und Selbständige in Kulturberufen
      Seit dem Corona-Jahr 2021 arbeiten wieder mehr Menschen im Kulturbereich. Rund 1,3 Millionen waren im vergangenen Jahr in solchen Berufen tätig, das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Es waren rund sechs Prozent mehr als 2021. Zu den Erwerbstätigen im Kulturbereich zählen beispielsweise Künstlerinnen und Künstler, Journalisten oder Beschäftigte in Film und Theater. Sie machen etwa drei Prozent aus. Die Selbständigen-Quote ist überdurchschnittlich hoch und es gibt viele Geringverdienende. Ein Drittel erzielte 2024 ein monatliches Netto-Einkommen von unter 1.500 Euro. In anderen Berufen betraf das hingegen nur ein Viertel. Mit rund acht Prozent hatte Berlin 2024 den höchsten Anteil Erwerbstätiger in Kulturberufen. Auch Hamburg lag mit rund sechs Prozent deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt.“ Meldung vom 21.01.2026 im Deutschlandfunk Kultur externer Link über
    • 1,3 Millionen Erwerbstätige in Kulturberufen im Jahr 2024
      Zahl der Erwerbstätigen in Kulturberufen steigt gegenüber dem Pandemie-Jahr 2021 um 6 %. Selbstständigenquote mit rund 33 % fast viermal so hoch wie im Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Ein Drittel der Kulturschaffenden erzielt weniger als 1 500 Euro netto monatlich..:“ Destatis-Pressemitteilung vom 21. Januar 2026 externer Link
  • Equal Pay Day 2023 am 7. März nimmt die Kulturbranche in den Fokus: „Die Kunst der gleichen Bezahlung“
  • Gleiches Geld für alle: Wie teuer ist die Theaterfamilie? Ein paar Schlaglichter auf Versuche emanzipatorischer Arbeit am Theater
  • Gender Pay Gap: Ein Armutszeugnis für den Kulturbereich! Frauen werden im Kulturarbeitsmarkt strukturell benachteiligt
  • Die in die Pleite getriebenen Kreativen
    “…  Wie geht es den Kreativen, den Künstlerinnen und Künstlern, denen seit einem Jahr ihre Existenzgrundlage weitgehend entzogen wurde? Es geht ihnen schlecht und ist erstaunlich, wie wenig von ihnen zu hören oder zu sehen ist. Während andere Wirtschaftsverbände sich beinahe täglich vehement zu Wort melden, sind Kulturschaffende fast völlig im Dunkeln verschwunden. (…) Während ihre Arbeiten verstärkt von der ganzen Gesellschaft genutzt wurde, die Angestellten auch im Home Office viel Musik hörten, jede Menge Filme und Serien anschauten und mehr lasen als in der Zeit davor wurde und wird den geistigen Urhebern, den Kulturschaffenden, tatsächlich immer mehr der Boden unter den Füßen weggezogen. Das Verbot von Kulturveranstaltungen stand am Anfang der politischen Reaktionen auf die Pandemie und seither erleben die Kreativen einen praktisch durchgehenden Shutdown. Staatliche Unterstützung kam erst gar nicht, dann zögerlich und besteht bis heute aus einem Flickenteppich. (…) Zusätzlich fallen noch typische Zusatzeinkommen wie z.B. Unterrichten oder die Leitung kreativer Workshops in Corona-Zeiten aus. Schon vor der Pandemie gehörten die meisten nicht zu den Spitzenverdienern, besonders die bildenden Künstler verdienten gerade genug, um zu überleben – „Ein Drittel der bildenden Künstler lebt von nur 1000 Euro im Monat externer Link. (…) Der Staat setzt weiter auf sein lückenhaftes Hilfs-Patchwork externer Link und darauf, dass die Kreativen mit ihrer Flexibilität ein Stückchen davon ergattern oder den erleichterten Zugang zur Grundsicherung nutzen, um sich irgendwie durchzuschlagen. Entsprechend zynisch klingt für viele aus der Szene die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die der Deutschen Welle erklärte, sie sei „zuversichtlich, dass mit unserer Hilfe diese sehr zähe und widerständige Kultur, dieses überlebensfähige Milieu, auch diese Pandemie übersteht externer Link …“ BeitragArtikel von Andrea Naica-Loebell vom 03.03.2021 bei Telepolis externer Link
  • Coronakrise im Kulturbereich: »Das Problem sind die Mieten«
    Der Kulturbereich ist durch die Schließungen in seiner Substanz bedroht – der Ökonom Rüdiger Wink hat den Sektor untersucht und wagt im Gespräch eine Prognose für die Zukunft (…) Die Kulturwirtschaft ist sehr wichtig, gerade für Ballungsregionen und deren Standortpolitik. Wenn tatsächlich einzelne Teilbereiche wegfallen, wird sich das auch in geringerer Standortattraktivität niederschlagen. (…) Wenn die ganz normalen Mietforderungen weiter laufen, wird es den flächendeckenden Kahlschlag geben. (…) Es kann sein, dass sich ein nennenswerter Anteil der Beschäftigten mit Homeoffice von bestimmten Ballungsräumen unabhängig macht. Aber gerade jüngere und kulturaffine Personen werden weiter die Nähe zur Metropole suchen. Ich würde es eher umgekehrt sehen: Bisher war die Attraktivität des Standorts für Metropolen eher ein Selbstläufer. Wenn Homeoffice zu Verlagerungen führt, sollte es für Kommunen besonders relevant sein, den Standort attraktiv zu halten. Und das wird besonders über Kultur gehen. (…) Das grundsätzliche Thema ist die Mietenproblematik. Dort muss abgemildert werden. Wenn erst einmal etwas weggefallen ist, dann wird es extrem schwer, entsprechende Live-Angebote neu zu etablieren. Das sehe ich als die vordringlichste Aufgabe für Bund, Länder und Kommunen an.Interview von Tom Mustroph vom 21.12.2020 im ND online externer Link mit Rüdiger Wink. Der Ökonom hat in einem Monitoringbericht zur Kultur- und Kreativwirtschaft, den er gemeinsam mit der Hamburg Media School und der Goldmedia GmbH im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erarbeitet hat, die ökonomische Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft herausgestellt. Der Bericht liefert aber auch eine alarmierende Prognose zu den kurz- und mittelfristigen Schäden durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie im Kulturbereich.
  • Kulturbranche droht Konformismus: Eine Studie des Wirtschaftsministeriums prognostiziert fatale Folgen für die Kulturbranche
  • Von Konzertveranstaltern und Schweinezüchtern. Zur aktuellen Situation von Konzertveranstaltern, Kulturarbeitern, Clubs und Spielstätten in der Corona-Krise
  • Arbeitslos durch die Nacht: Die Covid-19-Pandemie stellt auch die Clubszene vor große Herausforderungen. Die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen wurden noch schlechter
  • Deutsche Veranstaltungswirtschaft kollabiert: Zweite Großdemonstration am 28. Oktober in Berlin
    Die deutsche Veranstaltungswirtschaft ist der von den Corona-Schutzmaßnahmen am stärksten betroffene Wirtschaftszweig. Seit Anfang März sind Veranstaltungen weitgehend verboten. Die Unternehmen erzielen seitdem keine Einnahmen. Eine Perspektive, wann es weitergehen kann, ist nicht in Sicht. Viele Betriebe sind mittlerweile insolvent. Nur die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht erlaubt es der vergessenen Branche, noch auf ein Wunder zu warten. Trotz Verlängerung der Überbrückungshilfe sehen die Veranstalter kein Licht am Ende des Tunnels. Zum 28. Oktober 2020 ruft die deutsche Veranstaltungswirtschaft unter Federführung der Initiative #AlarmstufeRot erneut zur Großdemonstration nach Berlin auf, um auf ihre immer dramatischer werdende Lage aufmerksam zu machen. Mitwirkende der Initiative sind die Fachverbände Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Europäischer Verband der Veranstaltungscentren (EVVC), FAMAB Kom-munikationsverband, Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT), Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft (ISDV) und Berufsverband Discjockey (BVD)...“ Pressemitteilung von und bei #AlarmstufeRot externer Link , auf deren Homepage externer Link weitere Infos
  • Weiter aus dem Interview von Ravi T. Kühnel mit Daniel Schulz bei SoZ vom Oktober 2020 externer Link: „… [Was sind konkrete Forderungen der Bewegung?] Es geht um eine wirksame Finanzhilfe für die Clubs, Technikfirmen, Veranstalter und vor allem für die vielen Soloselbständigen, von denen viele seit März ohne jegliches Einkommen dastehen und entgegen den anfangs vollmundigen Versprechungen der Politik, unbürokratisch zu helfen, nun oftmals nicht mal Hartz IV gewährt bekommen. So gehen momentan reihenweise Existenzen den Bach runter, obwohl Deutschland das Land mit den am besten qualifizierten Veranstaltungstechnikern weltweit ist. Die müssen jetzt teilweise bei der Kartoffelernte helfen, weil sie sonst kein Geld verdienen können. Um die Corona-Schutzmaßnahmen wie Abstand, Hygiene und Masken, geht es dagegen überhaupt nicht. Die werden nicht in Frage gestellt, weil jeder, der mit Veranstaltungen zu tun hat begreift, dass sie nötig sind, um so schnell wie möglich durch die Krise zu kommen. Über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und Lockerungen in den einzelnen Branchen muss allerdings dringend geredet werden. Während z.B. Millionen von Hobby-Fußballern inzwischen wieder im Spielbetrieb sind (ich bin einer davon), kann es nicht sein, dass unser Bereich, an dem Existenzen hängen, geopfert wird, weil hier so wenig Menschen zu Konzerten zugelassen sind, dass diese nicht rentabel durchzuführen sind. Wenn nun in der ersten und zweiten Fußballbundesliga für 20 Prozent der Stadionkapazitäten wieder Zuschauer zugelassen werden, muss das gleiche analog auch für die Musikbranche gelten. Alles andere wäre nicht zu rechtfertigen. [Warum denkst du, ist es wichtig die Bewegung zu unterstützen?] Stellt euch einfach mal die Zeit des Lockdowns, der hier ja sogar noch gemäßigt war im Gegensatz zu den meisten anderen betroffenen Ländern, ohne Musik, ohne Filme, Dokus usw. vor. Musik ist systemrelevant! Ohne sie wären die Menschen in dieser Situation durchgedreht. Wenn man also nicht will, dass die kulturelle Vielfalt im Land der Dichter und Denker den Bach runter geht, dann sollte man sich solidarisch zeigen und mit uns auf die Straße gehen bzw. Petitionen unterschreiben, entsprechende Posts weiterteilen usw., denn das Club- und Firmensterben ist längst im Gang. Und ohne Clubs gibt es keine lebendige Subkultur, aus der ja nun mal alles entsteht. (…) [Wieviel Raum gibt die aktuelle Situation KünstlerInnen um sich zu entfalten?] Man kann sich kreativ entfalten wie eh und je, was ich auch mache, man hat ohne Konzerte nur kaum eine Möglichkeit, damit momentan seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und Streaming-Konzerte oder die Konzerte unter aktuellen Bedingungen sind nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Während des Sommers betrug die Auslastung der Branche gerade mal 10–20 Prozent, und mit Beginn der Indoor-Saison bricht das auch wieder weg…“ 

Siehe auch

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=179701
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