[Buch] Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen – Ein Handbuch für Unerschrockene

[Buch von Johanna Schellhagen im Büchner Verlag] Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen – Ein Handbuch für UnerschrockeneJohanna Schellhagen macht seit fünfundzwanzig Jahren Filme über soziale Bewegungen, Streiks, Klassenkämpfe und die Klimabewegung. Dabei hat sie gemerkt, dass wir mehr tun müssen, als an den Staat zu appellieren, um uns eine Zukunft auf diesem Planeten zu sichern. Es fehlt nicht an Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren und zu kämpfen. Was fehlt, ist eine überzeugende Strategie, die uns vereint und in die Lage versetzt, den Kapitalismus hinter uns zu lassen. In ihrem Buch entwirft die Autorin skizzenhaft, wie der Übergang in eine vernünftige Gesellschaft aussehen könnte – eine Gesellschaft, die nicht mehr an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. Schellhagen zeigt: Eine nachhaltige Produktionsweise innerhalb der planetaren Grenzen ist absolut möglich. Die entscheidende Frage ist, wie wir genügend materielle Macht aufbauen können, um sie durchzusetzen...“ Klappentext zum Buch von Johanna Schellhagen (Labournet TV) im Büchner Verlag – siehe mehr zum Buch und der Buchpremiere am 21. Februar in Berlin sowie als Leseprobe im LabourNet Germany das umfangreiche Nachwort von Karl Heinz Roth:

  • [Buch] Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen – Ein Handbuch für Unerschrockene
  • Buchpremiere am 21. Februar 2026: Ab 19h in Aquarium, Skalitzer Str. 6., Berlin Kreuzberg. Nach eine kurzen Lesung aus dem Buch sprechen Vertreter*innen von Gesundheit statt Profite, Vogliamo Tutto, Angry Workers und Lichtenrade Solidarisch über ihre politische Praxis. Anschließend Live-Musik von Josepha Conrad. Siehe die Einladung zur Buchpremiere auf Labournet TV externer Link

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Nachwort von Karl Heinz Roth

Seit über zwanzig Jahren dreht Johanna Schellhagen Dokumentarfilme über den Alltag und die Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit. Sie war 2002 in Argentinien unterwegs und berichtete über den Massenwiderstand der Bevölkerung gegen die marktradikale Beschneidung ihrer Existenzgrundlagen. Zwei Jahre später rekonstruierte sie das mörderische Vorgehen der kolumbianischen Paramilitärs gegen Gewerkschaftsaktivisten, die die Belegschaften gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Nestlé und Coca-Cola mobilisiert hatten.

2005 dokumentierte sie Zumutungen des Systems Hartz IV, das mit seinen Methoden der staatlichen Arbeitserzwingung die Ausweitung des Niedriglohnarbeit absicherte. In den folgenden Jahren gab sie den Arbeitenden des Industriegürtels von Neu Delhi, den migrantischen Logistikarbeitern Italiens und den oppositionellen Gewerkschaftern bei Opel in Bochum eine Stimme. Dies sind nur die wichtigsten Beispiele.

In ihren Filmen kommen Menschen zu Wort, deren Erfahrungen und Lernprozesse von den herrschenden Medien ausgeblendet werden und auch in der Linken fast keine Rolle spielen.

Johanna Schellhagen ist aber nicht nur als Filmemacherin unterwegs. Sie hat 1990 bis 1995 in Innsbruck und Graz analytische Philosophie studiert und war anschließend fünf Jahre lang in verschiedenen Jobs der Filmbranche tätig. Nach diesen zehn Lehrjahren hatte sie ihre Lektion gelernt: Es ging nicht nur darum, den Erniedrigten und Ausgebeuteten ein Gesicht und eine Stimme zu geben und ihnen solidarisch beizustehen.

Genauso wichtig erschien es, über die zeitliche und geografische Begrenztheit ihrer immer wieder aufflackernden Kämpfe und Aufstände nachzudenken. Die Filmerin wandelte sich zur teilnehmenden Beobachterin. Sie stellte sich die Aufgabe, die aufgezeichneten Lern- und Erfahrungsprozesse zu verstetigen und an andere Kollektive weiterzugeben. Zu Beginn des neuen Millenniums eröffnete Schellhagen eine Internetplattform für Video-AktivistInnen (kanalB.org). 2011 folgte die Gründung des Labournet.TV, einem kombinierten Online-Archiv und ein Filmerinnen-Archiv, in dem das kollektive Gedächtnis der arbeitenden Klassen visuell gespeichert und abrufbar ist. Seither engagiert sie sich für die Schließung der wohl schmerzlichsten Lücke, die die regionale und globale Vernetzung des sozialen Widerstands behindert. Wir können nur hoffen, dass diese Pioniertat Schule macht und bald auch auf die übrigen Kommunikationsmedien – Radio, TV, Autonome Internet-Portale usw.) übergreift.

Zu Beginn der 2020er Jahre absolvierte Johanna Schellhagen einen weiteren Lernprozess. Sie erkannte, dass zwischen den Tendenzen zur Selbstorganisation der arbeitenden Klassen und der sich ausbreitenden Umweltkrise innere Zusammenhänge bestehen, die von den Gruppen der Arbeiterlinken und den Initiativen der Klimabewegung nicht wahrgenommen werden. Sie drehte 2022 einen Dokumentarfilm, in dem sie versuchte, der Umweltbewegung die Lernprozesse der streikenden ArbeiterInnen zu vermitteln. Der laute Frühling – Gemeinsam aus der Klimakrise fand breite Resonanz. Es gab mehr als 200 Filmvorführungen mit anschließender Diskussion. Das war ein Glücksfall. Im Sommer  2022 war offenkundig geworden, dass die Umweltbewegung an ihre Grenzen gestoßen war. Wenn sie nicht resignieren wollten, mussten ihre AktivistInnen sich neu orientieren. Hier eröffneten sich neue Horizonte, die jedoch nicht mehr mit den Mitteln eines Dokumentarfilms erfasst werden konnten. Johanna Schellhagen entschloss sich, ihre Überlegungen und Vorschläge für eine Synthese der Arbeiterlinken und der Umweltbewegung schriftlich zu formulieren. Das Ergebnis ist das vorliegende Buch. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen sozialrevolutionären Aufbruch. Wir sollten es als eine Botschaft verstehen, mit der die Autorin ihre Erfahrungen, die sie bei der visuellen Dokumentation der Arbeiterkämpfe gemacht hatte, an die AktivistInnen der Umweltbewegung weitervermittelt, die sich an den Diskussionen nach der Aufführung des »Lauten Frühling« beteiligten.*

Die Eckpunkte dieser Botschaft sind klar:

(1) Es ist sinnlos zu glauben, durch Symbolpolitik (Massendemonstrationen, Klimacampps usw.) oder direkte Aktionen (Waldbesetzungen und Verkehrsblockaden) Druck auf die Regierungen ausüben zu können. Sie sind integraler Bestandteil des kapitalistischen Regulationssystems und unfähig, entscheidende Reformen in Gang zu bringen, um die Umweltzerstörung zu stoppen. Sie können nichts unternehmen, was die kapitalistische Wachstumsdynamik beeinträchtigen würde. Diese Erkenntnis hat sich in den avanciertesten Gruppen der Umweltbewegung (»Ende Gelände«, »Die letzte Generation«) durchgesetzt.

(2) Deshalb sind große Teile der Umweltbewegung in die linken Parteien eingetreten, um über die parlamentarische Legislative einen Kurswechsel durchzusetzen. Dabei sind sie gescheitert. In Großbritannien wurden beispielsweise zigtausende AktivistInnen in den internen Fraktionskämpfen der Labour Party verschlissen und haben sich resigniert zurückgezogen. Auch das parlamentarische System ist integraler Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaftsformation und wird niemals in der Lage sein, den staatlichen Exekutivapparat über die von ihm gesetzten Grenzen hinauszutreiben.

(3) Es bleibt infolgedessen nichts anderes übrig, als sich eigenständig zu organisieren und den Kampf gegen die Klima- und Umweltkrise selbst in die Hand zu nehmen. Dies ist der Punkt, an dem die AktivistInnen der Umweltbewegung von den autonomen Basisorganisationen lernen können, die im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts in zahlreichen Regionen entstanden sind: Betriebskomitees der Autozulieferer und anderer Branchen, Basiskomitees migrantischer ArbeiterInnen im italienischen Logistiksektor, die aus ersten Ansätzen in England hervorgegangenen Angry Workers of the World und selbstorganisierte Stadtteilinitiativen wie die in Bremen-Gröpelingen entstandene Stadtteilgewerkschaft.

(4) Ausgehend von diesen Erfahrungen lassen sich in ersten Umrissen die Ansätze einer revolutionären Selbstorganisation ableiten: die von einer organisatorischen Kerntruppe moderierte Einrichtung von Betriebszellen, Solidaritäts- und Stadtteilgruppen und kommunikativer Medien, die zugleich die lokale, regionale und transkontinentale Vernetzung mit ähnlich gelagerten Ansätzen vorantreiben. Sie sind in ihrer Binnenstruktur basisdemokratisch und egalitär, Frauen und Männer arbeiten gleichberechtigt am Aufbau eines Delegiertensystems, das sie auf die sich vergrößernden und ausbreitenden Strukturen der revolutionären Selbstorganisation übertragen.

(5) An diesen Erfahrungs- und Lernprozessen könnten die AktivistInnen der Umweltbewegung anknüpfen. Sie sollten sich in kleinen Gruppen zusammenschließen und »strategisch arbeiten gehen«, um ihre Agenda in den Unterklassen zu verankern. Dabei könnten sie entweder eigenständig aktiv werden oder in den schon bestehenden Netzwerken.

(6) Aus dem Zusammengehen der beiden derzeitigen Hauptströmungen des anti-systemischen Aufbruchs werden sich Potenziale der Gegenmacht entwickeln, die in bestimmten Konstellationen in eine revolutionäre Massenbewegung umschlagen. Am Beispiel eines von Deutschland ausgehenden Umbruchs hat die Autorin eine auf die Jahre 2030–2032 datiertes Szenario entworfen. Der sich dann vollziehende Umsturz hat aber nur dann eine Chance, wenn er in seine Dispositive die historischen Erfahrungen der Arbeiterlinken einbezieht. Der Systemsturz wird nur dann irreversibel in eine postkapitalistische Gesellschaft münden, wenn seine AkteurInnen in allen Etappen das Heft in der Hand behalten und eine rätedemokratisch verfasste Struktur der gesellschaftlichen Selbstverwaltung durchsetzen. Die künftige Planung, Umsetzung und Gestaltung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses geht von den lokalen Entscheidungsinstanzen – Betriebs-, Stadteil- und Lokalkomitees – aus und wird über das Delegiertensystem auf die regionalen und die globale Ebene weitervermittelt. Das Akkumulationsregime und die staatlichen Regulationssysteme der kapitalistischen Gesellschaftsformation sind Vergangenheit.

(7) Schon in der Übergangsperiode wird das Geld abgeschafft und durch die Arbeitszeitrechung als dem allgemeinen Wertmaß ersetzt. Alle gesellschaftlich nutzlosen Arbeits- und Produktionsprozesse (Rüstungssektor, Werbung, Luxusindustrie, Finanzsektor usw.) werden stillgelegt oder für die Zwecke einer an den menschlichen und sozialen Bedürfnissen orientierten Produktion konvertiert. Allein dadurch wird sich das Arbeits- und Produktionsvolumen um bis zu dreißig Prozent verringern, sodass schon jetzt eine Kehrtwende zur Überwindung der Umwelt- und Klimakrise in Gang kommt und mit einer erheblichen Reduktion der gesellschaftlich notwendigen Arbeit kombiniert werden kann. Ausgehend davon können die lokalen, regionalen und weltweit agierenden Selbstverwaltungsgremien zu einer gesamtwirtschaftlichen Planung und Steuerung (»öffentliche Buchführung« in den Worten der Autorin) übergehen. Dabei kommt ihr zustatten, dass die in der Klimawissenschaft weiterentwickelten Systeme der linearen Programmierung problemlos auf die in Gang kommende Gebrauchswertwirtschaft übertragen werden können. Beim Übergang zur kommunistischen Gesellschaft wird dann auch die Arbeitszeitrechnung überflüssig, und die Balance zwischen der menschlichen Zivilisation und der Natur ist wiederhergestellt.*

Schellhagens Buch ist wegweisend für die Debatte um neue Handlungsoptionen und Zielsetzungen auf der Route zu einer egalitären und nachhaltig-ökologisch agierenden Weltgesellschaft. Es regt zu ergänzenden Überlegungen und Vorschlägen an. Beim Nachdenken über ihren Beitrag sind mir drei Problemfelder in den Sinn gekommen, die ich diesem überaus wichtigen Buch mit auf den Weg geben möchte.

(1) Schon in den 1970er und 1980er Jahren gab es Initiativen und kritische WissenschaftlerInnen, die den Zusammenhang zwischen den krankmachenden Arbeitsverhältnissen und der Schädigung der natürlichen Umwelt erkannten. Damit umrissen sie ein Problemfeld des sozialen Widerstands, das sie präzise auf den Begriff brachten: Die Umweltzerstörung beginnt bei den Arbeitern. Vor allem in Italien entstanden Netzwerke, in denen revoltierende Belegschaften mit lokalen Basisinitiativen und engagierten Medizinern und Wissenschaftlern zusammenarbeiteten. Ihr Mentor war der Medizinwissenschaftler Giulio Maccacaro, zugleich Gründer der Assoziation »Medicina Democratica«, und ihr wichtigstes Sprachrohr die Zeitschrift Sapere. Auch in anderen Ländern gab es derartige Ansätze, so etwa in Deutschland. Sie entwickelten eine erstaunliche Fähigkeit, gemeinsam mit den Belegschaften die zerstörerischen Arbeits- und Umweltbedingungen aufzudecken und mit Streiks und Betriebsbesetzungen dagegen vorzugehen. Auf diese Weise erzielten sie erste Teilerfolge, die den Arbeiterschutz verbesserten und die Konzernleitungen zwangen, die Umweltschädigung zumindest abzumildern. Wenn es heute darum geht, die Kerne der Arbeiterlinken und der Umweltbewegung zusammenzuführen, dann sollten die damals gemachten ersten Erfahrungs- und Lernprozesse nicht unberücksichtigt bleiben.

(2) Die postkapitalistische Produktionsweise wird eine Gebrauchswertwirtschaft sein. Wir sollten sie als eine Ökonomie der knappen Ressourcen konzipieren, die trotzdem in der Lage ist, allen acht Milliarden Erdbewohnern einen egalitär verteilten Wohlstand zu ermöglichen. Wie wir wissen, sind Arbeit und Natur die beiden Quellen des gesellschaftlichen Reichtums. In der postkapitalistischen Gesellschaft wird es möglich, die zur Erzeugung der gesellschaftlich nützlichen Gebrauchsgüter notwenige Arbeitszeit fortschreitend zu verringern, um immer mehr disponible Zeit zur Entfaltung der sozialen und kulturellen Individualität und zur Betätigung in den Gremien der gesellschaftlichen Selbstorganisation freizumachen. Genau dasselbe wird für die Inanspruchnahme der natürlichen Ressourcen gelten: Sie wird sich ständig verringern, und gleichzeitig werden immer größere Anteile der verbrauchten Ressourcen – Boden, Wasser und Luft – renaturiert werden. Es wird nicht leicht sein, diesen wechselseitig verschränkten Prozess von reduzierter notwendiger Arbeit und reduziertem Naturverbrauch in Gang zu bringen und unumkehrbar zu machen. Dafür benötigen die lokalen, regionalen und weltweit koordinierenden Planungsgremien der selbstorganisierten Gesellschaft solide konzeptionelle Grundlagen, um die dafür zu erhebenden und zu verarbeitenden Massendaten sinnvoll zu koordinieren. Hier eröffnet sich für die Wirtschaftstheorie der postkapitalistischen Gesellschaftsformation ein wichtiges Aufgabenfeld. Sie sollten die seit 130 Jahren laufende Debatte über die Marx’sche Werttheorie hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen. Auf der Agenda steht die Erarbeitung einer neuen Gebrauchswertlehre, in der die drei Knappheitsfaktoren Arbeit, Natur und Produktionsmitteleinsatz gleichrangig aufeinander bezogen sind. In einem weiteren Schritt können die Planungsgremien der lokal, regional und weltweit vernetzten Rätegesellschaft dann darangehen, für ihre jeweiligen Bereiche gesamtwirtschaftliche Rahmendaten zur Steuerung des sozialen Produktions- und Reproduktionsprozesses zu erarbeiten.

(3) An mehreren Stellen ihrer Programmschrift beschäftigt sich die Autorin mit Fragen der Geldtheorie und der Abschaffung des Geldes durch die Einführung einer alternativen Arbeitszeitrechnung. Dabei betont sie zu Recht die Dringlichkeit einer möglichst raschen Überwindung des Geldes als eines universellen Wertmaßes, und alle, die sich schon einmal mit den Perspektiven einer postkapitalistischen Gesellschaftsformation befasst haben, werden ihr dabei zustimmen. Jedoch wird sich dieser Prozess nicht so schnell und quasi mit einem Federstrich vollziehen, wie dies dem von Johanna Schellhagen referierten Ökonomen Otto Neurath und später den niederländischen Rätekommunisten vorschwebte. In der Transformationsperiode zur egalitären Gesellschaft wird es in erster Linie darauf ankommen, alle Menschen, die ihr Arbeitsvermögen verausgaben, gleichrangig an den Resultaten des gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses teilhaben zu lassen.

Zugleich muss aber auch die extrem ungleiche geografische Allokation der nunmehr in Selbstverwaltung übernommenen Produktions- und Reproduktionsmittel beseitigt werden, die den voraufgegangenen kapitalistischen Akkumulations- und Verwertungsprozess auf Weltebene auszeichnete. Hier stellen sich völlig neue Aufgaben, die ich hier nur in den gröbsten Umrissen andeuten kann. Es scheint mir erstens unmöglich, das Geld als allgemeines Wertäquivalent und Wertmaß sofort nach dem Umsturz abzuschaffen. Denn die allererste Aufgabe wird darin bestehen, den US-Dollar als die noch immer dominierende Weltwährung auszuhebeln, das Weltfinanzsystem lahmzulegen und neue Weltinstitutionen zu schaffen, die den Globalen Süden entschulden, die ungleiche Verteilung der Produktions- und Reproduktionsinstrumente zu beseitigen und den globalen Lebensstandard zu nivellieren. Dafür ist die Ausgabe einer neuen Weltwährung (Globor) erforderlich, für die die assoziierten Regionalräte der sich formierenden postkapitalistischen Gesellschaft einstehen. Dieser Umstellungsprozess wird einige Jahre dauern. Erst wenn die materiellen Ressourcen der postkapitalistischen Produktions- und Reproduktionsweise über alle Kontinente gleichmäßig verteilt sind und sich der Lebensstandard nivelliert hat, kann die alternative Weltwährung durch ein geldloses Verrechnungssystem ersetzt werden, das aus der sich nach und nach konsolidierenden Gebrauchswertwirtschaft hervorgeht. Und erst dann können die lokalen, regionalen und weltweit assoziierten Planungsgremien der selbstorganisierten Gesellschaft die Quoten festlegen, in denen die Verrechnungseinheiten des Gesamtprodukts überwiesen werden an die in den Produktionsund Reproduktionsbereichen Tätigen, an die in ihnen noch nicht oder nicht mehr Aktiven und drittens an die allgemeinen Reproduktionsfonds  (Produktionsanlagen, Logistik, Bildungseinrichtungen, Gesundheitswesen und Pflegebereich sowie Infrastruktur).

Mit diesen Überlegungen möchte ich die Bedeutung der von Johanna Schellhagen vorgelegten Programmschrift keineswegs schmälern – ganz im Gegenteil. Als ich ihr Buch studierte, fühlte ich mich in die späten 1960er und guten 1970er Jahre zurückversetzt, als unsere Generation weltweit revoltierte und sich auf die Suche nach einer tragfähigen postkapitalistische Perspektive begab. Dabei kamen wir nicht weit und scheiterten – das »rote Jahrzehnt« endete kläglich. Jetzt, gut fünfzig Jahre danach, zeichnet sich ein neuer Aufbruch ab. Die Rahmenbedingungen, in die er einzugreifen beginnt, sind anders als damals. Am Ziel, dem Aufbau einer egalitären, basisdemokratisch verfassten und selbstorganisierten Gesellschaft, hat sich nichts Grundlegendes geändert. Nur das Anliegen ist dringlicher geworden. Die kapitalistische Dynamik war immer gewalttätig, menschenfeindlich und zerstörerisch. Inzwischen hat sie aber derartige Dimensionen angenommen, dass sie auch auf die natürlichen Grundlagen der menschlichen Zivilisation übergreift und sie zunehmend vernichtet. Auf diese drohende Perspektive kann es nur noch eine Antwort geben – den Systemsturz und den Übergang zu einer postkapitalistischen Produktions- und Lebensweise, die den gesellschaftlichen Reichtum mit immer geringer werdendem Aufwand an notwendiger Arbeit und natürlichen Ressourcen hervorbringt. Zur Erarbeitung dieser Gegenperspektive hat Johanna Schellhagen einen bedeutenden Beitrag geleistet.

Karl Heinz Roth im Dezember 2025

Siehe auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=234189
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