Im Hamsterrad. Das »Projekt« als belastende Form der Arbeitsorganisation im Kapitalismus

Buch von Hermann Bueren: „Bewegt Euch Schneller!“ Zur Kritik moderner ManagementmethodenIrgendwann, so stellte Guillaume Paoli im Rückblick auf die Zeit vor der Jahrtausendwende fest, »fingen alle an, ob Künstler, Manager, Politaktivisten, Spekulanten, Studenten, Existenzgründer oder Kleinkriminelle, von sich zu behaupten, sie seien an einem ›Projekt‹ bzw. an einer Anzahl von Projekten beteiligt.« (…) Vielmehr, so ordnete er seine Beobachtung zutreffend ein, handele es sich um einen bedeutenden Wandel sozialer Aktivität, mehr noch: Das Projekt werde zur »dominanten Form menschlicher Aktivität« und signalisiere den Durchbruch oder Anbeginn einer neuen Form der Organisation von menschlicher Arbeit im Kapitalismus. »Auch in meinem Freundeskreis«, stellt Paoli fest, »wimmelte es nur so von Projekten. Alle waren Projektmacher geworden und nahmen nicht einmal wahr, wie neuartig diese Situation war.«…“ Artikel von Hermann Bueren in der jungen Welt vom 8. März 2024 externer Link und mehr daraus/dazu:

  • Arbeiten Sie schon im Hamsterrad der Selbstausbeutung? Transparenz und Eigenverantwortung klingen verlockend – doch in der Projektarbeit verkehrt sich das oft ins Gegenteil New
    „Alle Jahre wieder – zu Beginn des neuen Jahres finden in vielen Betrieben Auftaktveranstaltungen statt. Mal wird zu „Geschäftsführer im Dialog“ oder einem „Townhall-Meeting“ eingeladen. Aus Sicht der Unternehmensleitung soll das neue Geschäftsjahr eingeläutet und die Belegschaft stimmungsmäßig vorbereitet werden. (…) Unternehmensberater betonen die Wichtigkeit der Projektorganisation. (…) Die Priorisierung von Projekten durch Projektportfoliomanagement (PPM) wird immer mehr zum zentralen Erfolgsfaktor, betont Sebastian Colditz, Consultant bei Campana & Schott (…) Die Beschäftigten betrachten die Projektlandschaft aus einem anderen Blickwinkel. In Projekten herrscht meist großer Druck. Das Arbeitsverhältnis wird oft zum Verhältnis „Dienstleister gegenüber Kunde“, um so scheinbar aus dem Angestellten einen „Unternehmer im Unternehmen“ zu machen. Der Beschäftigte nimmt dies zunächst als Befreiung vom bisherigen Prinzip, Anweisungen zu befolgen, wahr, da er eigenverantwortlich Entscheidungen treffen kann. Können die Ziele jedoch nicht erreicht werden, gibt es Druck. (…) Statt direkter Anweisungen, wie eine Arbeit auszuführen ist, organisieren die Beschäftigten einen Teil der Arbeitsabläufe selbst. Enormer Druck entsteht wegen hoher Transparenzanforderungen, denn in Projektsitzungen müssen die Projektmitglieder ihre Arbeitsplanung offenlegen. Vor allem die Einschätzung, wie viel Zeit für einzelne Schritte benötigt wird, setzt unter Zeitdruck. Oft werden über spezielle Software detaillierte Arbeitspakete erfasst, die der Planung dienen sollen. Auch entsteht sozialer Druck innerhalb der Projektgruppe, denn es wird gemeinsam über das Vorgehen gesprochen, entsprechend erwarten Projektmitglieder die Umsetzung. Der Druck der Kunden wird oftmals direkt auf die Beschäftigten übertragen. Dabei bestimmt häufig Angst den Alltag – die Angst, als nicht leistungsfähig dazustehen. Es drohen der Entzug von Finanzmitteln, die Versetzung auf eine schlechter bezahlte Stelle, die Verlagerung von Aufgaben an andere Standorte. (…) Die Methoden der Unternehmen sind keineswegs besonders neu. So werden etwa die Zielvorgaben für Projekte allmählich erhöht oder finanzielle Ressourcen immer knapper kalkuliert. Im Jahresrückblick melden Krankenkassen Auswertungen über Krankheitsursachen in der Arbeitswelt. Es überrascht bei der hohen Zahl an Projekten nicht, dass die Zahl psychisch Erkrankter seit Jahren hoch ist.“ Beitrag von Marcus Schwarzbach vom 8. Januar 2026 bei Telepolis externer Link („Projektmanagement: Arbeiten Sie schon im Hamsterrad der Selbstausbeutung?“)
  • Im Hamsterrad. Das »Projekt« als belastende Form der Arbeitsorganisation im Kapitalismus
    Weiter aus dem Artikel von Hermann Bueren in der jungen Welt vom 8. März 2024 externer Link: „… Vor der Jahrtausendwende dominierte in der Öffentlichkeit ein positives Bild von der »neuen« Arbeitsform, mit der in den Unternehmen experimentiert wurde. Nicht nur die Mitmenschen Paolis, auch manche Wissenschaftler, die die Anfänge dieser Arbeitsform beobachteten, sahen in ihrer Verbreitung den Beginn eines humanzentrierten Pfades in der Arbeitsorganisation, schien es doch so, als würden sich die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten durch erweiterte Gestaltungsspielräume und den Möglichkeiten eigener Kreativitätsentfaltung grundlegend verbessern. (…) Schon bald nach der Jahrtausendwende veränderten Management und Unternehmensleitungen in vielen Unternehmen das Profil der Projektarbeit aber zu ihren Gunsten und beendeten damit das Experimentierstadium. Sie wurde als dauerhafte Form in die unternehmensinternen Arbeitsprozesse integriert und unter dem Gesichtspunkt von Effizienz und Profitabilität einer betriebswirtschaftlichen Rationalität unterworfen. Besonders in der IT- und Softwareentwicklung wird für viele Beschäftigte das Projekt die charakteristische Form der Arbeit. Aber nicht nur dort. Auch die Konstruktions- und Designbereiche der Automobilindustrie oder des Maschinenbaus, die Telekommunikationsbranche oder der Finanzbereich sind inzwischen projektintensive Branchen. (…) Für viele Beschäftigte bei SAP, Siemens, T-Systems oder anderen Großunternehmen wurden die Schattenseiten der neuen Arbeitsform immer sichtbarer. In der Arbeitsorganisation der Firmen war das Projekt die typische Form der Bearbeitung von Aufträgen. Die Beschäftigten von IBM hatten bereits einige Jahre sogenannter Reorganisation hinter sich, als sie – auf Initiative von Betriebsräten und der IG Metall – in einigen deutschen Niederlassungen von IBM eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen im Unternehmen führten. Sie begannen, ihre Erfahrungen des Arbeitens in diesem Unternehmen zu thematisieren. Sie schrieben Texte, in denen sie sich mit dem eigenen Erleben des ständigen Leistungsdrucks, dem sie ausgesetzt waren, und dem Wirksamwerden der Mechanismen der neuen Arbeitsorganisation auseinandersetzten. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr dabei ein sehr persönlich gehaltener Text einer Projektleiterin. Darin kamen die Überforderung, das Gefühl der Ausweglosigkeit, des Nicht-entrinnen-Könnens aus einer Situation und die empfundene Endlosigkeit des eigenen Tuns in dauerhaft praktizierter Projektarbeit zum Ausdruck: »Die Situation ist nun beinahe unerträglich geworden. Eine grundsätzliche Entlastung ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil steigt der Druck noch dadurch, dass ich inzwischen (notgedrungen) so viele Dinge vernachlässigt habe, dass ich nun Angst haben muss, die Kontrolle über meine Projekte zu verlieren. Mich regiert blanke Angst. (…) Sollte es mir irgendwie gelingen, meine Arbeitszeit zu begrenzen und meine Projekte etwas langsamer abzuwickeln, hätte ich nicht viel gewonnen. Ich müsste den Druck, mein Projekt endlich zu beenden, nur noch länger ertragen. So ist inzwischen ein wichtiger Antrieb die falsche Hoffnung, das Projekt endlich abschließen zu können und dann doch endlich mal frei zu sein. Aber diese Hoffnung ist vollkommen und grundlegend unsinnig. Denn die Projektarbeit hat kein Ende.«…“

Siehe vom Autor von vielen Beträgen zuletzt:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=218811
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