Arbeitsorganisation

“… Abhängig Beschäftigte sollen (…) unter Leistungsdruck stehen, als wären sie Selbständige. Viele nehmen es zunächst als Befreiung vom bisherigen Prinzip »Befehl und Gehorsam« wahr, da sie auf den ersten Blick eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können. »Wie der Alkohol kann auch diese Steuerung Hoch- und Glücksgefühle auslösen, die im Kern gesteigerte Macht- und Selbstwertgefühle sind«, sagt der Philosoph Klaus Peters. Sie folgen aus der scheinbaren eigenen Entscheidungsbefugnis. »Diese Symptome sind nicht etwa für Spinner oder Opportunisten reserviert, sondern sie gehören wesentlich zum System der indirekten Steuerung. Allerdings häufen sie sich bei Berufsanfängern, die noch ein unverbrauchtes Kraft- und Gesundheitsreservoir für eine Arbeit ohne Ende mitbringen«, so Peters. Erst nach und nach und bei fortgeschrittener Arbeit an einem »Projekt«, wie es schönfärberisch heißt, erkennen die Beschäftigten, dass die Dokumentation der Arbeitszeit eine Absicherung dem Unternehmen gegenüber darstellt. Können nämlich die Ziele nicht erreicht werden, gibt es Druck. Es drohen Versetzungen auf schlechter bezahlte Stellen, Verlagerung von Aufgaben an andere Standorte oder Kündigungen. Der einzelne Beschäftige wird in eine Position versetzt, in der er nicht mehr vom Vorgesetzten angewiesen, sondern unmittelbar durch den Druck des Marktes gesteuert wird. (…) Auch Angstgefühle spielen dabei eine Rolle. Das Gefühl, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden, beispielsweise um die ehrgeizige Zeitplanung einhalten zu können, führt zu einem schlechten Gewissen. »Es geht um eine Situation, in die ein hochqualifizierter Softwareentwickler gerät, indem er unglücklicherweise gerade dann, wenn er in Urlaub fahren will, mit einem akuten und unaufschiebbaren Arbeitsproblem konfrontiert wird. Ein Arbeitskollege, der vermutlich eine höhere Position als der Betroffene innehat, repräsentiert dabei die Logik des Arbeitssystems. Der Gesamtkontext dieser Arbeitssituation führt dazu, dass der Betroffene zwar wegfahren, doch am Urlaubsort im Prinzip keinen Urlaub machen kann, da er immer ›online‹ zu sein hat.« »Diese Angst macht krank und produziert ihrerseits genau das, was die sozialdarwinistische Hegemonie beabsichtigt: weitere Spaltungen in der Gesellschaft…” Artikel von Marcus Schwarzbach bei der jungen Welt vom 21. Februar 2017 externer Link (Marcus Schwarzbach, Berater für Betriebsräte, ist Autor von »Work around the clock? Industrie 4.0, die Zukunft der Arbeit und die Gewerkschaften«, Papyrossa-Verlag, Köln 2016, 138 S., Euro 12,90)

Grafik zur Debatte um Arbeit 4.0. - fuer das LabourNet Germany erstellt durch T.S.“… Börsensysteme, Roboter im OP, selbstfahrende Autos. Die Nutzer intelligenter Technologien müssten immer mehr Verantwortung tragen und benötigten deshalb mehr Kompetenz, fordert der Informatiker Michael Herczeg. (…) Im Umgang mit neuen, intelligenten Technologien sollten Nutzer nicht passiv bleiben. Sie müssten vielmehr lernen, mit den Technologien zu kommunizieren und zu interagieren. Das fordert Michael Herczeg, Gründer und Leiter des Instituts für Multimediale und Interaktive Systeme (IMIS-Institut) an der Universität Lübeck, im Deutschlandradio Kultur. “Das heißt nichts anders, als dass die Nutzer letztlich dann auch die Verantwortung tragen, wenn sie solche Systeme erst kaufen, dann einsetzen und dann dirigieren.” Dafür benötige jeder Einzelne mehr Kompetenz und werde stärker gefordert. (…) Angesichts dieser Entwicklung benötige man einen neuen gesetzlichen Rahmen. Das sei Teil des Prozesses der Kultivierung einer solchen Technologie. Der Gesetzgeber müsse in den “Kultivierungsprozess” mit einbezogen werden. Der Informatiker warnte davor, beispielsweise beim automatisierten Fahren die Risiken auf die Bevölkerung zu verlagern, während die Profite bei den großen Unternehmen blieben…Michael Herczeg im Gespräch mit Liane von Billerbeck bei Deutschlandradio Kultur vom 15. Februar 2017 externer Link

“Eine internationale Studie sieht ein ambivalentes Ergebnis, Telearbeiter arbeiten mehr und intensiver, ihr Arbeitstag ist zugleich zerrissener und flexibler als der von (noch) “normalen” Arbeitnehmern. Telearbeit zeichnet sich dadurch aus, dass in der Regel die erst seit der Industrialisierung sich durchsetzende Trennung der Arbeits- und Wohnräume aufgehoben wird, wenn Zuhause gearbeitet wird. Zusätzlich zur räumlichen Entgrenzung werden die Grenzen zwischen (Lohn)Arbeit und Freizeit aufgehoben, da das Arbeiten in den räumlich entfernten Büroräumen die zeitliche Befristung der Anwesenheit in diesen mit sich bringt. Telearbeit begann schließlich mit dem Internet im Laufe der 1970er Jahre, dazu kam schließlich die mobile Anbindung an das Netz, die es im Prinzip ermöglicht, überall und zu jeder Zeit zu arbeiten. Die in den 1990er Jahren erfolgten Prophezeiungen, die das Ende der Büroarbeit und die Ausbreitung der Telearbeit vorhersagten, stellten sich bislang nicht ein. Telearbeit entwickelte sich langsam und geschieht oft noch abwechselnd mit dem Aufenthalt im Büro. Eine internationale Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und von Eurofound fasst Untersuchungen über Telearbeit aus den Ländern Argentinien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden, Ungarn und den USA zusammen. (…) Die Studie kommt allerdings zu dem Schluss, dass nach Untersuchungen Telearbeiter sich eher zufriedener und gesünder fühlen und von einer besseren Work-Life-Balance sowie weniger Stress berichten, wenn sie große Freiheit haben, wo und wann sie arbeiten. Allerdings könne die Autonomie auch nicht ganz die negativen Folgen von längeren und intensiveren Arbeitszeiten kompensieren (siehe auch: Arbeitet man am besten im eigenen Büro oder gleich Zuhause?). ILO fordert die Regierung auf, Regelungen zu entwickeln, um die positiven Auswirkungen zu verstärken. Verwiesen wird etwa auf Frankreichs “Recht, nicht verbunden zu sein” oder auf die Maßnahme einiger Unternehmen, Emails nicht mehr in Ruhe- oder Ferienzeiten weiterzuleiten.” Artikel von Florian Rötzer vom 16. Februar 2017 bei Telepolis externer LinkZu weiteren Details siehe den englischen Joint ILO–Eurofound Report “Working anytime, anywhere: The effects on the world of work” 2017 externer Link

“Die sogenannte Industrie 4.0 verändert nicht nur die Wirtschaft. Die technischen Neuerungen haben ebenso große Auswirkungen auf die Arbeit und auf das Leben fast aller Menschen. Doch was hat es mit dem “Internet der Dinge” genau auf sich?” Video der IG Metall vom 14. Februar 2017 externer Link in dem die wichtigsten Auswirkungen auf die Arbeitswelt anschaulich dargestellt werden (Dauer: 5:00 Min.)

Stephan Kaufmann: Digitalisierung, Klassenkampf, Revolution. Fortschritt oder alles wie gehabt? Ökonomische und soziale Effekte technischer InnovationDigitalisierung, Industrie 4.0 – warum sollen sich Linke für solche Themen interessieren? Was ist an Vernetzung, Smart Factories, Home-Office, Crowdwork, Big Data von Bedeutung? Die Antwort hängt wesentlich davon ab, welche sozialen Veränderungen sich hinter diesen technischen Begriffen überhaupt verbergen. Und damit beginnt schon das Problem. Denn unter dem Schlagwort «Digitalisierung» wird alles Mögliche verhandelt: technische Neuerungen, die es bereits gibt, Neuerungen, die kommen werden, Neuerungen, die technisch bloß denkbar sind, Neuerungen, die zwar technisch denkbar, aber ökonomisch – also im kapitalistischen Sinne – fragwürdig sind, sowie Neuerungen, die technisch und ökonomisch denkbar sind, deren soziale Folgen aber im Dunkeln liegen. Industrie 4.0 ist Realität, Versprechen und Drohung zugleich, eine Ankündigung, von der niemand weiß, ob sie eintritt, und wenn ja, in welcher Form. Sie wirkt massiv und diffus zugleich. Der Digitalisierungsdiskurs gleicht dem Globalisierungsdiskurs der 1990er Jahre. (…) Der vorliegende Text geht davon aus, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 keine subjektlosen Sachzwänge sind, sondern ein Projekt derer, die sich – Betonung auf «sich» – etwas davon versprechen. Von diesen Interessen hängt ab, was Wirklichkeit wird und was bloße Träumerei bleibt. Für Linke von Bedeutung ist dabei, dass die Lohnabhängigen in den 4.0-Szenarien als abhängige Variable eingeplant sind. Sie müssen sich an den «Wandel» anpassen. Sie leben im Passiv: Ihre Freizeit und ihre Arbeit werden digitalisiert. Daraus leitet sich die zentrale Anforderung an das Publikum ab: Flexibilität, sprich Biegsamkeit…” Aus der Ankündigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Publikation von Stephan Kaufmann externer Link in der Reihe Analysen (Nr. 33 vom Januar 2017, 38 Seiten) samt Inhaltsverzeichnis und Download. Siehe dazu auch die Rezension: (weiterlesen »)

Dossier

Weißbuch Arbeiten 4.0 des BMAS“Unter dem Titel “Arbeiten 4.0″ haben wir Fragen zur Arbeit von morgen in einem Grünbuch aufgeworfen und in einem breiten gesellschaftlichen Dialog diskutiert. Mit den Expertinnen und Experten der Sozialpartner, Verbände, Unternehmen und Wissenschaft. Mit den Bürgerinnen und Bürgern. Wer ein Grünbuch mit Fragen schreibt, muss auch ein Weißbuch mit Antworten vorlegen. Mit dem Weißbuch fassen wir unsere Schlussfolgerungen aus dem Dialog “Arbeiten 4.0″ zusammen. Wir möchten damit eine breitere gesellschaftliche Debatte dokumentieren und innerhalb der Bundesregierung sowie darüber hinaus einen Impuls zur gesellschaftlichen Gestaltung der Zukunft der Arbeit setzen.” BMAS-Mitteilung zum “Weißbuch Arbeit 4.0″ vom November 2016 externer Link – siehe dazu (erste) Reaktionen und Bewertungen:

  • Kommentar zur Arbeitszeittagung von DGB und FES: Falsche Bescheidenheit
    “Arbeitszeitkonferenz. Das Thema zog. Und so folgten viele dem Ruf von DGB und Friedrich-Ebert-Stiftung Mitte Januar nach Berlin: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politiker aller Couleur, darunter Carola Reimann (SPD), Uwe Lagosky (CDU), Brigitte Potmer (Bündnis 90/Die Grünen) und Klaus Ernst (Die Linke). Für ver.di sprach Andrea Kocsis. Andere Gewerkschaften tauchten im Programm nicht auf. Reiner Hoffmann begann seinen Beitrag mit der überraschenden Feststellung, das Gewinnerthema für die Bundestagswahl sei Arbeitszeitverkürzung, wenn sie glaubwürdig versprochen werden könnte. Doch es folgte sogleich der Kniefall des Gewerkschafters vor Nahles: Das „Weißbuch Arbeit 4.0“ aus dem Hause der Ministerin sei schon eine gute Vorlage mit einer Vision von „Guter Arbeit“. Die Möglichkeit von „Experimentierräumen“ für die Auflösung des 8-Stunden-Tages, das Einfallstor für Arbeitszeitverlängerungen, wurde von Hoffman ausdrücklich begrüßt. Er sprang über Nahles‘ Stöckchen, dass dafür ja die Tarifvertragsparteien zuständig seien – Verschlechterung des Arbeitsschutzes also nur mit Zustimmung der Gewerkschaften. Neusprech Hoffmann: „Flexibilität neu denken!“ (…) Was fordert die Gewerkschaft, wurde die ver.di-Vertreterin gefragt. Mehr als der Abbau von Überstunden und die gesetzliche Regulierung von Home-office-Arbeit fiel ihr dazu nicht ein. Wenn die Gewerkschaften mit ihren derzeitigen Arbeitszeitkampagnen nicht bei der einseitig durch Unternehmen gesteuerten Flexibilität stehenbleiben wollen, müssen sie auf den groben Unternehmerklotz der Verlängerung der Arbeitszeit auch einen groben gewerkschaftlichen Keil der radikalen Verkürzung der Arbeitszeit setzen!…” Kommentierter Bericht von Stephan Krull vom 6. Februar 2017 bei Google+ externer Link

(weiterlesen »)

Stephan Kaufmann: Digitalisierung, Klassenkampf, Revolution.Digitalisierung, Industrie 4.0 – warum sollen sich Linke für solche Themen interessieren? Was ist an Vernetzung, Smart Factories, Home-Office, Crowdwork, Big Data von Bedeutung? Die Antwort hängt wesentlich davon ab, welche sozialen Veränderungen sich hinter diesen technischen Begriffen überhaupt verbergen. Und damit beginnt schon das Problem. Denn unter dem Schlagwort «Digitalisierung» wird alles Mögliche verhandelt: technische Neuerungen, die es bereits gibt, Neuerungen, die kommen werden, Neuerungen, die technisch bloß denkbar sind, Neuerungen, die zwar technisch denkbar, aber ökonomisch – also im kapitalistischen Sinne – fragwürdig sind, sowie Neuerungen, die technisch und ökonomisch denkbar sind, deren soziale Folgen aber im Dunkeln liegen. Industrie 4.0 ist Realität, Versprechen und Drohung zugleich, eine Ankündigung, von der niemand weiß, ob sie eintritt, und wenn ja, in welcher Form. Sie wirkt massiv und diffus zugleich. Der Digitalisierungsdiskurs gleicht dem Globalisierungsdiskurs der 1990er Jahre. (…) Der vorliegende Text geht davon aus, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 keine subjektlosen Sachzwänge sind, sondern ein Projekt derer, die sich – Betonung auf «sich» – etwas davon versprechen. Von diesen Interessen hängt ab, was Wirklichkeit wird und was bloße Träumerei bleibt. Für Linke von Bedeutung ist dabei, dass die Lohnabhängigen in den 4.0-Szenarien als abhängige Variable eingeplant sind. Sie müssen sich an den «Wandel» anpassen. Sie leben im Passiv: Ihre Freizeit und ihre Arbeit werden digitalisiert. Daraus leitet sich die zentrale Anforderung an das Publikum ab: Flexibilität, sprich Biegsamkeit…” Aus der Ankündigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Publikation von Stephan Kaufmann externer Link in der Reihe Analysen (Nr. 33 vom Januar 2017, 38 Seiten) samt Inhaltsverzeichnis und Download, siehe dazu auch eine Rezension: (weiterlesen »)

ver.di-Aktionswoche "Pause": Pause machen. Durchatmen.Arbeiten im Büro wird ganz anders: Millionen Verwaltungsmitarbeiter schuften künftig an digitalen Fließbändern. Mit Leistungsvorgaben, die Stress und Burn-out erzeugen können. Mit diesem Ergebnis einer dreijährigen Feldstudie bei Konzernen und Mittelständlern erregt das Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung Aufsehen, das seit 50 Jahren die Industrie untersucht. Der Forscher Andreas Boes erklärt die Ergebnisse – und was sich tun lässt…” Alexander Hagelüken im Gespräch mit dem Soziologen Andreas Boes vom 20. Januar 2017 bei der SZ online externer Link. Dort besonders wichtig: (weiterlesen »)

Grafik zur Debatte um Arbeit 4.0. - fuer das LabourNet Germany erstellt durch T.S.Die Digitalisierung verändert weitreichend Inhalte und Strukturen von Wirtschaft und Arbeit. Doch ob es zu steigender Erwerbslosigkeit kommt und wie sich die Einkommensverteilung und der Sozialstaat entwickeln, ist keine technologische Frage, sondern eine der ökonomischen Entwicklung und der Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit. Produktivitätszuwächse müssen für höhere Löhne, kürzere und bessere Arbeit und eine Ausweitung gesellschaftlich notwendiger Dienstleistungen genutzt werden…” Hinweis auf die Wirtschaftspolitischen Informationen 2/2016 vom Dezember 2016 herausgegeben vom ver.di-Bundesvorstand externer Link

Arbeitskampf um die 35-Stunden-WocheDas Symbol der aufgehenden Sonne stand Anfang der achtziger Jahre für den Kampf um die 35-Stundenwoche. Die Kampagne für Arbeitszeitverkürzung wurde über die DGB-Gewerkschaften hinaus auch von Jugendverbänden, Künstlern und Gruppen der außerparlamentarischen Linken jener Zeit unterstützt. Das Symbol erinnert an eine Zeit, als Reformen noch eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Lohnabhängigen bedeuteten und es die weit verbreitete Überzeugung gab, dass der technische Fortschritt dazu beitragen könne. Dieser Tage ist von Reformen hingegen nicht viel zu erwarten. So vage und unbestimmt die Begriffe aus dem Bereich »Arbeit 4.0« sind, so verbreitet ist auch die Überzeugung, dass intelligente Maschinen eine große Zahl der derzeitigen Arbeitsplätze überflüssig machen werden und dass immer mehr Menschen deshalb immer öfter immer schlechter bezahlte Jobs annehmen müssen, um zu überleben. (…) Und gerade bei der Organisierung prekär Beschäftigter mangelt es den etablierten Gewerkschaften an tragfähigen Konzepten. In Großbritannien und Italien gab es hingegen bereits Arbeitskämpfe von Beschäftigten bei Lieferdiensten. (…) »Wer gute Arbeit für alle erreichen will, muss auch bereit sein, reale Konflikte auszutragen. Nicht nur in Wahlkampfreden und Parlamenten, sondern in Betrieben, vor Gerichten und auf der Straße«, erinnert der Publizist Wolfgang Michal an einen Grundsatz der Arbeiterbewegung aus einer Zeit, als noch unter dem Logo der aufgehenden Sonne für Arbeitszeitverkürzung gekämpft wurde. Dieser Kampf wäre heute, da Maschinen und Roboter angeblich die Menschen ersetzen, aktueller denn je.” Artikel von Peter Nowak in der Jungle World vom 15. Dezember 2016 externer Link (weiterlesen »)

faircrowdwork.org: Community, Beratung und Hilfe für Crowdworker. Für faire Arbeit in der Cloud!“Die IG Metall hat gemeinsam mit mehreren internationalen Organisationen Anforderungen an sozial nachhaltige Arbeitsbedingungen auf digitalen Plattformen vereinbart. Grundlage ist ein von der IG Metall im April 2016 initiiertes erstes länderübergreifendes Treffen von Akteuren, die zu plattform-basierten Arbeiten aktiv sind oder dazu forschen. Unterzeichner der “Frankfurter Erklärung zu plattformbasierter Arbeit” (“Frankfurt Paper on platform-based work”) sind neben der IG Metall der österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), sowie die dortige Kammer für Angestellte und Arbeiter, die dänische Gewerkschaft der Vertriebs- und Büroangestellten HK, die schwedische Angestelltengewerkschaft Unionen sowie die US-amerikanische Service Employees International Union und die International Brotherhood of Teamsters – Local 117. (…) Die Unterzeichner der Erklärung verständigten sich auf folgende Mindeststandards für Beschäftigte auf Plattformen, sogenannte Crowdworker: Zum Lebensunterhalt müsse eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 35 bis 40 Stunden reichen. Neben einem Mindesteinkommen müssen ein bezahlbarer Zugang zum Gesundheitswesen, die Integration in die sozialen Sicherungssysteme, sowie eine Entschädigung für arbeitsbedingte Erkrankungen und Arbeitsunfälle gewährleistet sein. Außerdem müsse Crowdworkern Rechtsschutz gegen Diskriminierung, Misshandlung und unrechtmäßige Kündigung gewährt werden, sowie das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren…” Mitteilung der IG Metall vom 14. Dezember 2016 und die Frankfurter Erklärung zu plattformbasierter Arbeit externer Link

Grafik zur Debatte um Arbeit 4.0. - fuer das LabourNet Germany erstellt durch T.S.“Allmählich wird »4.0« zur Chiffre für vermeintlich undurchschaubare Veränderungen von Arbeit und Produktion. Doch die Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeitswelt sollten gerade Linke für sich nutzen, anstatt sich in Identitätspolitik zu verrennen. (…) Während linke Theoretikerinnen und Theoretiker noch vor einigen Jahren hoffnungsvoll auf die Occupy-Proteste in den USA schauten, entdeckt selbst Antonio Negri mittlerweile nirgends mehr die Multitude. Stattdessen werden Diskussionen um neue Gräben innerhalb der linken Szene geführt – während die einen sich gegen die vermeintliche »Butlerisierung deutscher Universitäten« wenden und queere Kämpfe abwerten, drohen andere, sich mit der Kritik der cultural appropriation in die Abgrenzung der »Kulturen« zu verrennen. Diese innerlinken Auseinandersetzungen erscheinen rückschrittlich. Es hatten sich bereits in der Vergangenheit »postidentitäre soziale Bewegungen« entwickelt, wie der Soziologe Oliver Marchart sie nennt, die sich gegen jede Form der Identitätspolitik wendeten. Sie hatten sogar deren Zusammenhang mit kapitalistischen Verhältnissen begriffen. Eine solche Bewegung, die transnational bedeutsam wurde und dabei dezentral und horizontal organisiert blieb, war der »Euromayday«: ein Netzwerk zunächst von italienischen, französischen und katalanischen Menschen, das sich 2001 gründete, um zeitgemäße Formen der Organisierung jenseits von Gewerkschaften zu entwickeln und ein gemeinsames politisches Subjekt zu erschaffen, das den Andro- und Eurozentrismus der traditionellen Arbeiterbewegung überwinden sollte. Die Verbindung über verschiedenste Interessensgruppen hinweg bestand in der gemeinsamen Erfahrung der Prekarität. Die Art, wie über die Beschreibung von Prekarität Kollektivität erzeugt wurde, die nicht identitär, also nicht vereinheitlichend und ausgrenzend war, könnte weiterhin Inspiration liefern…” Artikel von Carolin Wiedemann in der Jungle World Nr. 50 vom 15. Dezember 2016 externer Link

Der Büroalltag von Millionen Menschen ist dabei, sich komplett zu verändern. Das haben Sozialwissenschaftler in einer groß angelegten Studie herausgefunden. Immer mehr Unternehmen messen die Leistung ihrer Mitarbeiter und standardisieren jede Tätigkeit – der Effizenz wegen. Was der Einzelne leistet, wird genau nachvollziehbar – und endet für viele Arbeitnehmer in großem Stress. (… ) Dabei spielt der Einsatz von Teams eine große Rolle. Und wenn diese Teams anders als bei klassischen Firmenhierarchien selbst viel bestimmen können, profitieren Mitarbeiter, analysiert Forscher Kämpf: “Bekommen sie mehr Entscheidungsmacht, macht ihnen die Arbeit mehr Spaß und sie werden innovativer.” Das macht sich auch für Firmen bezahlt: “Wenn sie agiler werden, werden sie schneller, die Produkte haben mehr Qualität und weniger Fehler.” Allerdings sieht Kämpf, dass Firmen sich eher die Rosinen herauspicken. “Die Firmen nehmen gerne mehr Taktung und Transparenz. Sie zögern, den Teams mehr Entscheidungsmacht über ihre Arbeitslast zu geben.” Wenn aber Mitarbeiter die Arbeitslast nicht mitbestimmen, verheißt die neue Bürowelt Negatives: Dauerstress und permanenten Zeitdruck mangels Ruhepausen. Noch strikter wird es, wenn Tätigkeiten nach dem Vorbild der Fabriken in Einzelteile zerlegt, normiert und Leistung genau gemessen wird: Fließbandarbeit im Büro…” Artikel von Alexander Hagelüken vom 15. Dezember 2016 bei der Süddeutschen Zeitung online externer Link (weiterlesen »)

Betriebsgruppe „Alternative“ im Hamburger Mercedes-Benz Werk“… Der Einsatz von uns alternative für gesunde Arbeitszeiten, auch bei der Betreuung sämtlicher Schichten durch die Instandhaltung, ist von der IGM und auch von der Perspektive bekämpft worden. Immerhin ist dadurch ein Bedarf von 5 Arbeitsplätzen weggefallen. Es bestätigt sich, dass es so ist wie wir es euch dargestellt haben: Die Beschäftigungssicherung setzt auf Verbilligung der Arbeit!!! Da treten alte gewerkschaftliche Ziele, wie die Arbeitszeitverkürzung, in den Hintergrund. Im Gegenteil die Arbeitszeiten werden noch durch Flexibilisierung und Sonderschichten erweitert. Angeblich sollen dadurch unsere Arbeitsplätze sicherer werden. Wie die IG Metall das jetzt mit ihrer Arbeitszeit-Kampagne ändern will bleibt uns bisher verschlossen. Doch schauen wir uns um, an allen Ecken und Kanten werden Arbeitsplätze durch Fremdvergabe und Leiharbeit abgebaut. Frage an die IG Metallfaktion und an die Perspektive, die dem immer wieder zustimmen, sieht so Beschäftigungssicherung aus? – Sicher nicht, aber das verkauft ihr den Kolleginnen und Kollegen hier!...” Rede bei der Betriebsversammlung am 29.11.2016 , darin auch umfangreiche Ausführungen zu “Was ist Industrie 4.0 und wie verändert sie unsere Arbeitswelt?”

Ausgebrannt. Betriebsräte als Lotsen für Burnout-Betroffene“… Wenn aber die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, könnte dies neue Chancen eines selbstbestimmten Umgangs mit Arbeitspflichten und Freizeitbedürfnissen eröffnen. Könnte. Wahrscheinlicher ist, dass die Arbeitszeiten zunächst länger, unberechenbarer und flexibler, kurzum: fremdbestimmter werden. Unbegrenzte Erreichbarkeit statt neuer Freiheit? Ein bedrohliches Szenario. Das liefe nicht nur dem weitverbreiteten Digitalisierungsoptimismus entgegen. Es wäre auch mit erheblichen Gesundheitsrisiken für die Betroffenen verbunden. In der Arbeitsforschung ist vielfach belegt: Die Länge und die Verteilung von Arbeitszeiten sowie die Regeln zur Erreichbarkeit sowie zu Pausen und Ruhezeiten prägen das Belastungsprofil der Arbeit. Je länger, flexibler und fremdbestimmter die Arbeitszeiten und je kürzer, unsicherer und unzuverlässiger Pausen und Ruhezeiten, desto höher Belastungen und Gesundheitsrisiken. Dabei wirken Einwirkungsmöglichkeiten der Beschäftigten bei der Arbeitszeitgestaltung den Risiken entgegen, während Arbeitsverdichtung und Fremdbestimmung sie verstärken. Doch wissenschaftliche Evidenz scheint wenig Einfluss auf das Betriebsgeschehen zu haben. (…) Demnach stellt das Regulierungsdreieck aus dem Acht-Stunden-Tag, der 40-Stunden-Woche sowie einer Mindest-Ruhezeit von elf Stunden mit Blick auf den Erhalt des physischen und psychischen Leistungsvermögens eine Art Goldstandard dar. Dauerhafte Überschreitungen bei der Arbeitszeit oder Unterbietungen bei den Ruhezeiten erhöhen signifikant Unfallrisiken und Gesundheitsbeeinträchtigungen. Und damit sind sie aus der Perspektive einer Arbeitspolitik mit humanisierungspolitischer Absicht besonders begründungsbedürftig…” Gastbeitrag von Hans-Jürgen Urban vom 27. November 2016 bei der Frankfurter Rundschau online