Wie Arbeiterkinder schon während des Studiums in die Schuldenfalle getrieben werden – möglichst gleiche Bildungschancen, das war einmal
„… Die Eltern sind die Topfinanzierer der Studierenden. Wenn diese selbst materiell schlecht dastehen, stehen die Kinder vor dem Aus. Lediglich 16 Prozent der deutschen Studenten finanzieren ihr Studium ganz alleine über Nebenjobs und eigenes Vermögen. Die meisten greifen auf Stipendien, BAföG und vor allem die elterliche Hilfe zurück. (…) Wie fast alles, ist auch die Bildung zur Ware geworden. Wie lauteten unsere Forderungen noch vor einigen Jahren: Freier Zugang zu allen Bildungsangeboten für alle jungen Menschen, von der Kinderkrippe bis zum Hochschule, inklusive ein kostenloses, tägliches und gutes Mittagessen.“ Artikel vom 24. August 2016 beim Gewerkschaftsforum Dortmund
und viele Hintergründe zum Thema:
- Leistungsgerecht? Von wegen: Soziale Herkunft entscheidet immer stärker über Bildungschancen und Einkommen
„Eine neue Studie des ifo Instituts zeigt, dass soziale Mobilität in Deutschland deutlich abgenommen hat. Der wirtschaftliche Status der Eltern bestimmt heute stärker als früher, wie viel Kinder später verdienen. Die Befunde passen zu aktuellen Analysen über ungleich verteilte Bildungsinfrastruktur – und stellen das Leistungsversprechen des deutschen Bildungssystems grundsätzlich infrage. (…)
Die Analyse zeigt, dass die Abhängigkeit des späteren Einkommens vom Elternhaus seit den 1970er-Jahren deutlich zugenommen hat – und inzwischen ein Niveau erreicht, das mit den Vereinigten Staaten vergleichbar ist. Die Forscherinnen und Forscher Julia Baarck, Moritz Bode und Andreas Peichl stützen sich auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), die es erlauben, Einkommensverläufe von Eltern und ihren erwachsenen Kindern über mehrere Jahrzehnte hinweg miteinander zu verknüpfen. Erfasst werden Geburtsjahrgänge von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Gesellschaft, in der Herkunft wieder stärker über Lebenschancen entscheidet. Konkret zeigt die Studie: Wer in einem Haushalt aufwächst, der zum untersten Viertel der Einkommensverteilung gehört, landet später in vier von zehn Fällen selbst wieder im unteren Einkommensbereich. Nur etwa zehn Prozent dieser Kinder schaffen es in die Spitzengruppe der Einkommen. Umgekehrt bleiben Kinder aus wohlhabenden Familien häufig auch im Erwachsenenalter wohlhabend. Rund 44 Prozent der Kinder aus dem obersten Einkommensviertel gehören später ebenfalls zur obersten Einkommensgruppe, drei Viertel bleiben zumindest in der oberen Hälfte der Einkommensverteilung. (…)
In der Studie heißt es wörtlich: „Während sich der Anteil der Kinder mit Hochschulabschluss im untersten Viertel der Einkommensverteilung der Eltern im Laufe der Zeit kaum verändert hat, hat er sich bei Kindern aus einkommensstärkeren Familien etwa verdoppelt.“ Die Bildungsexpansion habe somit zwar den Aufstieg für die Mittelschicht erleichtert, die unteren sozialen Gruppen jedoch kaum erreicht. Hinzu kommt, dass politische Weichenstellungen in den 1990er-Jahren den Trend verstärkt haben könnten. Die Autoren verweisen auf Änderungen beim bedarfsabhängigen BAföG, durch die der Zugang zur Studienfinanzierung zeitweise erschwert wurde. Diese Entwicklung habe insbesondere Kinder aus einkommensschwachen Haushalten getroffen und damit die soziale Selektivität im Bildungssystem weiter erhöht. (…)
Die neue Studie macht deutlich, dass diese Mechanismen inzwischen messbare Auswirkungen auf die gesellschaftliche Durchlässigkeit insgesamt haben. Leistung allein reicht immer seltener aus, um die soziale Position der Eltern zu überwinden. Damit rückt die Frage nach Leistungsgerechtigkeit in ein neues Licht. Zwar gilt das deutsche Bildungssystem offiziell als leistungsorientiert, tatsächlich aber sind die Startbedingungen so ungleich, dass von gleichen Chancen kaum die Rede sein kann. Die Ergebnisse des ifo Instituts legen nahe, dass Deutschland sich zunehmend zu einer Gesellschaft entwickelt, in der vor allem soziale Herkunft über Lebenswege entscheidet – mit Folgen, die die Schulen direkt betreffen, aber weit über das Bildungssystem hinausreichen…“ Meldung von und bei News4Teatchers vom 11. Januar 2026
- Die Mär von sozialem Aufstieg – seit dem Kaiserreich hat sich nichts verändert. Michael Hartmann fordert die „Arbeiterkinderquote“
„Eine neue Studie belegt: Seit über 100 Jahren dominieren dieselben gesellschaftlichen Schichten die Spitze – Der Autor fordert die „Arbeiterkinderquote“
Wer in Deutschland wirtschaftlich und gesellschaftlich ganz nach oben will, braucht vor allem eines: das richtige Elternhaus. Das ist das Fazit einer neuen Studie des Soziologen Michael Hartmann, die Erschreckendes darlegt: Seit mehr als 100 Jahren rekrutiert sich die Wirtschaftselite aus den gleichen sozialen Gruppen – und das trotz dreier kompletter Systemwechsel. Damit hat sich seit dem Kaiserreich an der sozialen Zusammensetzung der Entscheidungsträger der deutschen Wirtschaft wenig geändert. (…) In Deutschland gilt die Legende der Leistungsgesellschaft. Sprich: Wer hart arbeitet, bringt es auch zu etwas – unabhängig von Herkunft oder sozialem Status. Diese Mär vom sogenannten meritokratischen Prinzip wird sogar umso mehr akzeptiert, je größer die Ungleichheit in einer Gesellschaft ist, haben Untersuchungen ergeben. Dass die Wahrheit ganz anders aussieht, unterstreicht jetzt die Studie „Mehr Kontinuität als Wandel – Die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute“, die Ende Juni im Berliner Journal für Soziologie erscheinen wird, und der Redaktion vorliegt. (…) Die Wirtschaftselite rekrutiert damit weiter über alle politischen Systeme hinweg vor allem aus den oberen drei bis vier Prozent der Bevölkerung (…) Der Zugang zu Macht bleibt ein exklusives Privileg – und wird nach wie vor vererbt, statt verdient. Oder, wie Hartmann es auf den Punkt bringt: „Die Aufnahme in erlesene Kreise funktioniert nach dem Prinzip der Ähnlichkeit“. Nur mit einem vertrauten „Stallgeruch“ öffnen sich Tür und Tor zu Entscheidungsträgerpositionen. (…) Untrügliches Zeichen für diese etablierte Kluft ist auch das zunehmend ungleich verteilte Vermögen in Deutschland. Nach Studien besitzen 3300 Superreiche fast ein Viertel des gesamten Finanzvermögens im Land, während ein Fünftel der Bevölkerung von Armut bedroht ist. (…) Um in diesem System etwas zu ändern, brauche es klare Vorgaben aus der Politik, findet Hartmann: „Wir brauchen eine gesetzlich verankerte Arbeiterkinderquote, vergleichbar mit der Frauenquote“. Nur, wenn sich die Zusammensetzung der Eliten über klare Maßgaben ändert, könne sich etwas ändern, so Hartmann. Auf diese Forderungen reagierten die derzeitigen Entscheidungsträger zwar genauso konsterniert wie auf die Diskussionen über den Ruf nach Frauenquoten in den 90er Jahren. Aber solange sich die „Zusammensetzung des Stallgeruchs der Eliten“ nicht verschiebe, werde sich auch wenig an der undemokratischen Undurchlässigkeit etwas ändern.“ Artikel von Ulrike Hagen vom 24. Juni 2025 in der Frankfurter Rundschau online
(die Studie noch nicht gefunden)
Siehe auch:
- Dossier: Privatschulen: Der Ausverkauf des Bildungssystems
- und das Dossier Debatte um Ungleichheit und Um-/Rückverteilung
- Von 2022: Die neue „Working Class“: „Sie strampeln sich wahnsinnig ab, aber sie kommen nie auf die sichere Seite“
- Von 2021 am Bsp. USA: „Ermüdender Aufstieg“: Kapitalistischer Wettbewerb und die Herausbildung der Arbeiterklasse. Oder: Warum die ArbeiterInnen nicht revoltieren
- Von 2020: [Leistungsprinzip] Leistung lohnt sich eben nicht und (ähnlich) Was ist Leistung? Teil einer Leistungsgesellschaft sein – was bedeutet das eigentlich?
- Von 2019: Lernen für die Rendite: Der nächste PISA-Schock – Lehrkräftemangel verschärft Ungleichheit
- und von 2013: Wie man als Dozent Arbeiterkinder behandeln solle. Merkwürdige Empfehlungen von der FU Berlin