[Buch] Cyber Valley – Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen – Am Beispiel Tübingen

[Buch] Cyber Valley - Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen - Am Beispiel TübingenKünstliche Intelligenz (KI) ist das Thema der Gegenwart und als solches formt es die Zukunft. Der Staat propagiert sie, die Industrie forciert sie und die Bevölkerung nutzt sie. Erstere reden von einer Revolution, letztere erwarten keine großen Veränderungen. Schauen wir uns an, wo sie erforscht wird, wer von Anfang an dabei ist und wer nicht. Schauen wir auf das beschauliche Universitätstädtchen Tübingen. Hier soll Amazon ansiedeln, hier soll ein Top-Standort für KI-Forschung weltweit entstehen. Man baut hier Forschungslabore statt Wohnungen; man hofft auf den Boom; man lügt wie gedruckt. Vielleicht war es zu viel Zukunft für einen kleinen Ort. Man wollte als Standort „viral gehen“, glänzen durch Popularität. Man baute einen Erlebnispark für Risikokapital. Man baute einen Forschungcampus. Und es regt sich Protest. Die Wissenschaft fusioniert hier mit der Wirtschaft: Gemeinsam testen sie Datenbanken und Infrastrukturen mit irgendwelchen Daten und verkaufen uns das als Vergangenheit der Menschheit, Zukunft der Technik oder Aufbau der DNA. Sie meinen, alles bewiesen zu haben, weil sie es berechnet haben. Woher sie das nehmen, liegt im Dunkel der Datenbanken – die wir ohne ihre Hilfe nicht mehr entschlüsseln können.” Klappentext zum Buch von Christoph Marischka vom Dezember 2019 (Papyrossa-Verlag, ISBN: 978 3894387228, 164 S., 14,90 €). Siehe weitere Informationen zum Buch und als Leseprobe im LabourNet Germany das Unterkapitel “Überwachungs- oder Plattformkapitalismus?” – wir danken Autor und Verlag!

  • Der Papyrossa-Verlag hat neben Infos zum Buch (und Bestellung) externer Link das Inhaltsverzeichnis externer Link und die Einleitung externer Link als Leseprobe veröffentlicht.
  • Auf dem Blog zum Buch externer Link werden begleitend die Online-Quellen zum Buch externer Link dokumentiert, aber auch Lesungen / Vorträge des Autors
  • Christoph Marischka hat Politik, Volkswirtschaftslehre und Psychologie in Tübingen studiert und ist dort bis heute in der Informationsstelle Militarisierung aktiv, wo er sich u.a. mit Militärforschung an deutschen Hochschulen beschäftigt.
  • “Überwachungs- oder Plattformkapitalismus?”
    Setzen wir dem Überwachungskapitalismus nach Zuboff das gegenüber, was Nick Srnicek als Plattformkapitalismus bezeichnet. Demnach sollten auch »Tech-Unternehmen … als wirtschaftliche Akteure innerhalb einer kapitalistischen Sphäre der Produktion betrachtet werden.« Dies bedeute, von ihrer Rolle als »kulturelle Akteure, definiert durch die Kalifornische Ideologie, oder politische Akteure, die nach Macht streben«, zu abstrahieren und stattdessen im Kern anzuerkennen, dass sie »dazu gezwungen sind, Profite zu machen, um Wettbewerber auszustechen«. Anders als Zuboff betont Srnicek nicht nur die vielen Formen, mit denen Menschen und soziale Beziehungen erfasst werden, sondern auch die Funktion, die Big Data im Produktionsprozess selbst einnimmt einnimmt: »Auf der grundlegendsten Ebene beinhaltet das industrielle Internet die Integration von Sensoren und Computerchips in den Produktionsprozess und von Trackern (z. B. RFID) in die Logistik. In Deutschland wurde diese Entwicklung ›Industrie 4.0‹ getauft. Die Idee besteht darin, dass jede Komponente im Produktionsprozess in die Lage versetzt wird, mit Maschinen und anderen Komponenten ohne die Führung durch Arbeiter*innen oder Manager*innen zu kommunizieren. Daten über die Position und den Zustand dieser Komponenten werden ständig mit anderen Elementen des Produktionsprozesses ausgetauscht.« Das zugrunde liegende Ziel sei keineswegs neu und bestehe in einer Steigerung der Effizienz, der Reduktion von Kosten und Standzeiten. Auch dass sich der Kapitalismus immer neue Wege suche und suchen müsse, um Profit zu erzielen, sei keine Neuigkeit. Dies habe schon in der Vergangenheit den Drang nach kontinuierlichen technologischen Innovationen hervorgebracht, die gebraucht wurden, um Kosten zu reduzieren und Marktanteile zu gewinnen, aber auch, um  Arbeiter*innen zu kontrollieren, zu dequalifizieren und die Macht qualifizierter Arbeiter*innen zu unterlaufen. Die heutige Prominenz von Plattform-Industrien erklärt er nicht primär über die Existenz neuer technischer Möglichkeiten, sondern kurz gesagt daraus, dass sich das Kapital wegen einer strukturellen Krise der produzierenden Industrie zunehmend in die Hightech-Branchen verlagert hätte. (…) Der Plattformkapitalismus ist einerseits davon geprägt, dass die digitale Wirtschaft als hegemoniales Modell erscheint: »Städte müssen smart werden, die Wirtschaft disruptiv, Arbeiter*innen müssen flexibler werden und Regierungen fügsam und intelligent.« Eine zentrale Rolle spielen hierbei Plattform-Unternehmen. (…)  Marxistisch inspirierte Literatur nähert sich entsprechend dem Thema der Digitalisierung oft an, ohne gleich eine neue Stufe oder Form des Kapitalismus auszurufen und analysiert stattdessen deren Wirkung auf den Arbeitsmarkt und die Arbeitsverhältnisse. Untersuchungen aus nahezu allen Branchen – von der Pflege über die Bildung bis in die Produktion – zeigen, wie die Digitalisierung die Prekarisierung, Überwachung und den Arbeitsdruck erhöht und die Organisierung und Autonomie der Angestellten tendenziell einschränkt…” Unterkapitel III.5: 2. Teil (Seiten 120-131) aus dem Buch Cyber Valley – Unfall des Wissens
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=162844
nach oben