Tarifrunde Einzelhandel 2021 – wird sie zum »tariflichen Rettungspaket«?

Dossier

ver.di-Kampagne zur Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen im Handel: „Einer für alle - Tarifverträge, die für alle gelten!““… In Deutschland bildeten die Streiks bei Amazon den inoffiziellen Auftakt der diesjährigen Tarifrunde im Einzelhandel. Im Frühsommer werden die Arbeitsbedingungen und Löhne der 2,5 Millionen Beschäftigten neu verhandelt. Zu den Kernforderungen von Verdi gehört, einen Flächentarifvertrag auszuhandeln und für allgemeinverbindlich erklären zu lassen. So würde die Vereinbarung für alle Unternehmen in der Branche gelten, auch für die, die nicht tarifgebunden sind oder sich – wie Amazon – trotz Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband nicht an den Tarifvertrag halten. Allerdings muss die Allgemeinverbindlichkeit von beiden Tarifparteien, also Verdi und HDE, beantragt werden. Dem verweigert sich der Arbeitgeberverband bislang. Auch sonst dürfte die Tarifrunde konfliktreich werden. So fordert Verdi eine Lohnsteigerung von 4,5 Prozent und ein Mindestentgelt von 12,50 Euro pro Stunde. Die Arbeitgeber verweisen hingegen auf sinkende Umsätze im Einzelhandel wegen der Pandemie und warnen vor zahlreichen Insolvenzen. Sie verlangen ihrerseits ein »tarifliches Rettungspaket« und damit die Verlagerung der Krisenkosten auf die abhängig Beschäftigten. (…) Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts stiegen die Umsätze im Einzelhandel im Vergleich zum Vorjahr preisbereinigt um etwa vier Prozent. Es wären also genug Gewinne für eine deutliche Lohnerhöhung da, wie Verdi betont. Der Streik bei Amazon dürfte also nicht der letzte in diesem Jahr gewesen sein. Auch in anderen Bereichen des Einzelhandels könnte der erstrebten Öffnung der Geschäfte trotz hoher Infektionszahlen schnell die arbeitskampfbedingte Schließung folgen. Das wäre gut sowohl für die Entwicklung der Löhne im Einzelhandel als auch für den Kampf gegen die Covid-19-Pandemie.” Aus dem Artikel “In den anstehenden Tarifverhandlungen kündigen sich Streiks an: Der Kampf ist eröffnet” von Stefan Dietl in der Jungle World vom 15.4.2021 externer Link, siehe dazu:

  • Lohnerhöhung nach Geschäftslage? Bei den Tarifrunden im Handel hat Ver.di eine harte Nuss zu knacken New
    “… Im Einzelhandel haben wir es mit einer gespaltenen Konjunktur zu tun. Da sind zuallererst die Profiteure der Pandemie. Dazu gehören die Lebensmittelsupermärkte, Discounter, Drogeriemärkte, die SB-Warenhäuser, die hauptsächlich Lebensmittel verkaufen, und natürlich der Online-Handel. Alle hatten seit März 2020 hohe Umsatzsteigerungen, was sich natürlich auch auf die Gewinne niedergeschlagen hat. Auf der anderen Seite gab es aber Verlierer. Das waren die Geschäfte, die hauptsächlich Textilien, Schuhe, Möbel und alle anderen Sachen verkaufen, die nicht unbedingt für den direkten Lebensunterhalt nötig sind. (…) Zum Start in die Tarifrunde im Frühjahr dieses Jahres waren also noch viele Beschäftigte aus den geschlossenen Betrieben in Kurzarbeit. In den Bereichen, in denen während der Pandemie durchgearbeitet wurde, ist der Organisationsgrad sehr schwach. Wer kann sich schon vorstellen, dass bei Rewe, Edeka, Aldi, Lidl oder Netto gestreikt wird? Das gab es in der Vergangenheit ganz selten, und in dieser Situation mit diesen Bereichen Druck aufbauen zu können, ist schier unmöglich. Lediglich bei den SB-Warenhäusern wie Kaufland, Marktkauf etc. waren Aktionsmöglichkeiten vorhanden. Obwohl die Forderung nach 4,5 Prozent mehr Lohn schon sehr moderat war, ist es bis heute nicht möglich gewesen, zu einem Tarifabschluss zu kommen. In den letzten zwei Monaten ist die Tarifrunde im Einzelhandel in die aktive Phase getreten. Es finden vermehrt Streiks, Demonstrationen und Aktionen in den Betrieben statt. Die Unternehmer wollen unbedingt einen differenzierten Abschluss, der ihnen erlaubt, die Lohnerhöhung nach Geschäftslage zu zahlen – oder auch nicht. Ungefähr so: der Lebensmittelhandel und Online-Handel sollen zahlen, die Textilien nicht. Eine entsprechende Empfehlung wurde im Juli an die Firmen ausgegeben: Wer es sich erlauben kann, möge den Beschäftigten 2 Prozent mehr zahlen, wer nicht, solle nichts zahlen. Dagegen gilt es jetzt anzukämpfen. Die Preissteigerungsrate ist im August auf 3,8 Prozent gestiegen, sie würde die Durchsetzung der Forderung nach 4,5 Prozent notwendig machen. Aufgrund der beschriebenen Situation wird dies nicht möglich sein. Ver.di hat den Vorschlag gemacht, dass eine Tarifsteigerung auch in Freizeit abgegolten werden kann. Das wurde bei der Post, der Bahn oder in der Metallindustrie schon vereinbart. Ob die Handelsunternehmer diesen Weg mitgehen werden? Wenn sie sich dagegen entscheiden, können diese Tarifrunden noch etwas dauern. Ein Abschluss von nur 2 Prozent mit einer dreijährigen Laufzeit und noch geringeren Erhöhungen in den Folgejahren wird Ver.di sich nicht erlauben können.” Artikel von Helmut Born in der SoZ Nr. 09/2021 externer Link
  • [Nach Lidl nun H&M] Insiderbericht: Die Wahrheit über Streikbrecher:innen bei H&M 
    H&M setzt im Zuge der aktuellen Tarifverhandlungen Streikbrecher:innen ein. Eine Kollegin berichtet über die Situation in dem “Fast Fashion Franchise” (…) Streikende werden als asozial bezeichnet und wer Streiks bricht, verhalte sich solidarisch, so meine Kolleg:innen. Ich finde diese Ansichten heftig und habe Schwierigkeiten, damit umzugehen. Das für die Streiks nötige Klassenbewusstsein fehlt und das ist meiner Meinung nach H&M zu verschulden. Das Unternehmen unterdrückt das Klassenbewusstsein ganz gezielt. Die Methode dabei ist, die Belegschaft zu spalten, indem die eigenen Beschäftigten aufgefordert werden zu „unterstützen“. Vom Streikbrechen ist niemals die Rede. Wer einspringe, der/die unterstütze und zu unterstützen klingt erstmal gut und richtig. Anstatt sich auf Tarifverhandlungen einzulassen, scheut H&M keine Kosten im Kampf gegen die Streikenden, denn die Streikbrecher:innen werden attraktiv vergütet: An- und Abreisekosten zum Einsatzort, Hotelkosten und Verpflegung werden zu 100 Prozent bezahlt. Für verantwortungslos halte ich zudem das unnötige Herumreisen zu Zeiten einer Pandemie. H&M nimmt Infektionen der Beschäftigten bewusst in Kauf…” Bericht von Margo Rosa, Mitarbeiterin bei H&M, vom 29. Jul 2021 bei Klasse gegen Klasse externer Link – siehe weiter unten den Bericht über Streichbrecherprämie bei Lidl
  • Tarifkampf im Einzelhandel: Gestern beklatscht, heute ignoriert 
    “Die Tarifverhandlungen für die 5,1 Millionen Beschäftigten im Handel stocken. (…) Die Lobgesänge aus Politik und Wirtschaft über die systemrelevanten Verkäufer*innen im Einzelhandel wirken kein Jahr später wie Musik aus einem anderen Jahrhundert. Doch von dem letztes Jahr versprochenen Respekt ist genauso viel geblieben wie vom längst verhallten Klatschen. Seit Mai verhandelt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über neue Tarifverträge für den Handel. Sie fordern eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent plus 45€ im Monat. Zudem soll das Mindestentgelt auf 12,50 € angehoben werden. Die Einzelhandels-Konzerne bieten 5,4 Prozent mehr Lohn. Aber verteilt auf drei Jahre, was eine durchschnittliche Lohnsteigerung von 1,8 Prozent pro Jahr ausmachen würde. Die Leistungen der Verkäufer*innen wollen sie mit einer einmaligen Coronaprämie von 300€ “honorieren”. Aber nur für die wenigen Vollzeitbeschäftigen. Der Großteil der Belegschaft verfügen nur über Teilzeitverträge oder gehört zu den 800.000 Mini-Jobber:innen in der Branche und kommen mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Händler:innen, die sich als „Krisenunternehmen“ deklarieren, sollen weder die Prämie zahlen müssen und die Lohnerhöhungen auf einen ihnen genehmen Zeitpunkt verschieben dürfen. Das Angebot ist eine Beleidigung für die Millionen Verkäufer:innen, die auch in den schärfsten pandemischen Lagen ihre Gesundheit riskieren, um die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Im Mai stieg die Inflationsrate in Deutschland mit 2,5 Prozent auf einen Wert, der seit zehn Jahren nicht mehr erreicht wurde. Davon besonders betroffen: Güter des täglichen Bedarfs, die besonders die Arbeiter:innenhaushalte treffen. Seit dem großen Preissprung zum Jahresbeginn warnen immer mehr Banken und Ökonomen vor den Gefahren einer hohen Inflation. Und in diesen dynamischen Zeiten wollen sich die Handelsverbände mit durchschnittlich 1,8 Prozent Gehaltserhöhung die nächsten drei Jahre Ruhe in den Laden bringen. Das Angebot entspricht also einem Reallohnverlust, der die meist weiblichen und prekär (Teilzeit, Befristung, Mini Job, Auslagerung, etc.) Beschäftigten direkt trifft. Deshalb ist auch die Wut über das Angebot und die Streikbereitschaft hoch. Doch unterzeichnet ver.di einen Tarifvertrag mit der von der Arbeitgeber:innenseite gewünschten Laufzeit, dürfte die Gewerkschaft in den nächsten drei Jahren nicht mehr streiken. Zuletzt streikten vergangenen Freitag in Berlin und Brandenburg Beschäftigte des Einzelhandels, mit einer „unglaublichen“ Beteiligung, wie ver.di-Sekretärin Conny Weissbach dem Tagesspiegel berichtete. Um die Streikbereitschaft der Beschäftigten zu brechen, empfiehlt der Handelsverband Deutschland (HDE) seinen Mitgliedern eine unkonventionelle Maßnahme: die großem Mitglieder des Verbandes sollen freiwillig die von den Bossen angebotene Lohnerhöhung zahlen…” Beitrag von Simon Zamora Martin vom 25. Juli 2021 bei ‘Klasse gegen Klasse’ externer Link
  • Vorstoß für einen „Orientierungsrahmen für freiwillige Entgelterhöhungen“ des Handelsverbandes Deutschland (HDE) verschärft Tarifkonflikt 
    Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) reagiert empört auf den einseitigen Vorstoß für einen sogenannten „Orientierungsrahmen für freiwillige Entgelterhöhungen“ des Handelsverband Deutschland (HDE), der heute (6. Juli 2021) bekannt wurde. „Damit verschärft der HDE den Tarifkonflikt im Einzel- und Versandhandel und erschwert die ohnehin komplizierten Verhandlungen weiter“, so Orhan Akman, bei ver.di verantwortlich für den Einzel- und Versandhandel. „Mit diesem Versuch einer einseitigen Lohnfestsetzung zündelt der HDE in der laufenden Tarifrunde. Das ist eine klare Provokation der Arbeitnehmerseite durch den Arbeitgeberverband“, so Akman. Nur zwei Tage vor den für Donnerstag angesetzten Verhandlungen im größten Tarifbezirk Nordrhein-Westfalen mit einer solchen Ankündigung an die Öffentlichkeit zu gehen, zeige nur, dass der HDE kein Interesse an einem zügigen Tarifabschluss mit Reallohnerhöhungen habe. Stattdessen sollen die Beschäftigten billig abgespeist werden. Jedoch hätten zehntausende Beschäftigte in den vergangenen Wochen durch zahlreiche Streiks sehr deutlich gemacht, dass sie auf längst fällige Reallohnerhöhungen warteten. Der HDE solle daher die Kampfbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen nicht unterschätzen. Die vom HDE ins Spiel gebrachte Erhöhung der bisherigen Tariflöhne von 2 Prozent (nach mehreren Nullmonaten) bleibt noch hinter der für 2021 prognostizierten Inflationsrate zurück. Die Beschäftigten, die im vergangenen Jahr noch als Heldinnen und Helden gefeiert wurden, sollen nun für ihren Einsatz mit Reallohnverlusten bestraft werden. Und das, während zum Beispiel der Lebensmittel-Einzelhandel Umsatzsteigerungen von teilweise über acht Prozent verbuchen konnte. (…) Der HDE verstecke sich hinter der Pandemie, um eine „Differenzierung“ in den Tarifabschlüssen durchzusetzen. „Die Ausgaben, die die Beschäftigten zu schultern haben, differenzieren auch nicht nach Teilbranchen“, unterstreicht Akman. „Wenn Unternehmen wirklich in eine Krise geraten sind, haben wir in der Vergangenheit immer Lösungen gefunden. Dafür bieten die Tarifverträge auch in ihrer bisherigen Form ausreichend Spielraum. Was der HDE hier will, ist aber ein Wünsch-Dir-Was für die Unternehmer, das ist mit uns nicht zu machen!“…” ver.di-Pressemitteilung externer Link “Vorstoß des HDE ist eine Provokation – Arbeitgeberverband im Einzelhandel verschärft Tarifkonflikt” vom 06.07.2021
  • Nach Geschmack des Kapitals. Rekordumsätze im Handel sind Ergebnis von Rekordarbeit. Erneut Streiks in Bayern und Hamburg. Erste Tarifrunde in Berlin und Brandenburg 
    “… Nach allen anderen Bundesländern starteten am Freitag nun die Tarifverhandlungen für 141.000 Berliner und 78.000 Beschäftigte im Brandenburger Einzelhandel. Nach den Angeboten der Unternehmen in den anderen Bundesländern drohe den Beschäftigten ein »dauerhafter Reallohnverlust«, sagte die Fachbereichsleiterin für den Handel in Berlin und Brandenburg, Conny Weißbach, am Freitag. »Auch für unsere Region erwarten wir schwierige Verhandlungen.« Sie bekräftigte außerdem die Forderung nach Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge des Einzelhandels. Durch allgemeingültige Spielregeln innerhalb der Branche wären die Personalkosten wettbewerbsneutral und würden Dumpinglöhne verhindert, »die zu Armut im Alter führen«. Auch der Handelsverband Deutschland meldete sich am Freitag zu Wort. In einem Zehn-Punkte-Plan für den nächsten Bundestag schlägt der Verein staatliche Einkaufsgutscheine in Höhe von 200 Euro vor. Die könnten dann in bestimmten stationären Geschäften eingelöst werden, die während des Lockdowns schließen mussten. Das wäre eine Lohnerhöhung nach Geschmack des Kapitals: ein Konjunkturpaket, wofür es selbst nicht zahlt, von dem es aber profitiert.” Artikel von Susanne Knütter in der jungen Welt vom 26.06.2021 externer Link

  • Permanente Abwertung: Bundesweite Tarifverträge sind im Einzelhandel trotz Coronakrise nicht in Sichtweite 
    Es geht um mehr Geld und um die Arbeitsbedingungen. Im hiesigen Einzelhandel läuft die Tarifrunde 2021 – von Bundesland zu Bundesland mit eigenen Verhandlungen. Einen bundesweiten Tarifvertrag gibt es seit über 20 Jahren nicht mehr. Während etwa in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Bayern dieser Tage begleitet von zahlreichen Warnstreiks die dritte Verhandlungsrunde startet, beginnen die Verhandlungen in Berlin und Brandenburg an diesem Freitag. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein kommen als letzte zur Party. Die Handelstarifrunde 2021 beginnt dort erst Anfang Juli. Das ist Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. Seit der Jahrtausendwende hatten die Arbeitgeber schrittweise die allgemeinverbindlichen bundesweiten Tarifverträge demontiert. Das macht es für die Gewerkschaften schwer, kollektiv Druck hinter ihre Forderungen zu bringen. Wenn NRW schon einen Abschluss hat, warum sollte Berlin drei Wochen später noch mit Warnstreiks anfangen? Laut Verdi stehen heute noch 28 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel unter dem Schutz eines Tarifvertrags. (…) Als die Läden dicht waren, sind die Kolleg*innen ja nicht einfach zu Hause geblieben. Entweder waren sie auf Kurzarbeit und mussten auf Lohn verzichten oder sie haben unglaublich viel im Hintergrund gearbeitet, Click & Collect-Päckchen gepackt und Waren umgelagert.« Deshalb sei die Pandemie vielmehr ein Argument für die Gewerkschaft, nun einen guten Tarifabschluss zu bekommen. Die durch die Pandemie beschleunigte Veränderung werde eher langfristig Auswirkungen haben, sagt auch Conny Weißbach, Leiterin des Fachbereichs Handel bei Verdi Berlin-Brandenburg – aber nicht schon in der Tarifrunde. Die Beschäftigten hätten sich zudem bei ihrer Arbeit an der Kasse oder im Lager permanent einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Die Konsequenz: »Sie wollen jetzt ihren Anteil am Gewinn sehen«, so Weißbach. (…) Die laufende Tarifrunde sei für Verdi unter anderem deshalb eine sehr schwere. Nach dieser jahrelangen Abwertung sagen Arbeitgeber nun: »Für so eine niedere Arbeit zahle ich nicht mehr Geld.« Gleichzeitig steigen Arbeitsverdichtung und Kontrolle (…)Beschäftigte im Lebensmitteilhandel haben sich krank gearbeitet und fühlen sich wenig wertgeschätzt. Auf der anderen Seite herrscht im Non-Food-Bereich vielerorts die Angst um den Arbeitsplatz. »Die Arbeitgeber erkennen das und versuchen die Kolleg*innen gegeneinander auszuspielen«, sagt Schneider, »aber bisher zeigt das keine Wirkung. Die Belegschaften stehen und streiken auch füreinander.«Artikel von Jörg Meyer vom 20.06.2021 im ND online externer Link (auf der ver.di-Sonderseite zur Tarifrunde nichts neues)
  • Profite ohne Skrupel: Einzelhandelskonzern Lidl lobt in Tarifrunde »Streikbrecherprämie« aus 
    “… Der Einzelhandel ist im Vergleich zu anderen Branchen besonders profitabel. Hier steigen die Löhne deutlich langsamer. Die Lohnlücke zur Gesamtwirtschaft lag 2019 bei 805 Euro. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke hervor, berichtete die Süddeutsche Zeitung am Montag. Im Jahr 2010 hat das mittlere Bruttoeinkommen eines Supermarktverkäufers demnach bei 2.320 Euro gelegen – 384 Euro unter dem mittleren Einkommen der übrigen Wirtschaft. Bis 2019 vergrößerte sich der Abstand auf 663 Euro und damit um 73 Prozent. Am schlimmsten ist es um den Versand- und Interneteinzelhandel bestellt: Dort habe sich die Lohnlücke von 333 Euro auf 738 Euro mehr als verdoppelt. Die Konzerne bleiben dabei. Statt den Beschäftigten armutsfeste Löhne zu zahlen, lobten sie »Streikbrecherprämien« aus, wie es [Hubert Thiermeyer, Verdi-Verhandlungsführer für den Einzelhandel in Bayern,] nennt. Lidl hatte am Wochenende »freiwillige Tariferhöhungen« von bis zu drei Prozent angeboten. »Wir wollen unsere Mitarbeiter – gerade im Hinblick auf ihren außergewöhnlichen Einsatz – nicht länger auf eine Einigung der Tarifparteien warten lassen«, säuselte Klaus Gehrig, Komplementär des Lidl-Dachkonzerns Schwarz-Gruppe, am Samstag. »Mit der freiwilligen tariflichen Erhöhung bringen wir unsere Wertschätzung zum Ausdruck und gehen zum wiederholten Male gerne in Vorleistung.« Thiermeyer schmeckte die Offerte so wenig wie eine »schlankmachende Sachertorte«. Die Konzernchefs sollten ihr Angebot am Verhandlungstisch unterbreiten. Eines aber werde deutlich: Das Angebot sei eine Reaktion auf die hohe Streikbeteiligung. Verdi hatte zuvor erfolgreiche Ausstände in den Zentrallagern mehrerer Einzelhändler durchgeführt. »Freunde, kommt in die Puschen«, gab Thiermeyer den Unternehmern zu verstehen. Um Profit zu realisieren, scheint dem Konzern jedes Mittel recht. Medienberichten zufolge hat Lidl beim Bezirksamt Berlin-Mitte einen Bauantrag gestellt, um Kapazitäten ausbauen zu dürfen. Aus dem Antrag, der am 9. November 2020 – ausgerechnet am Jahrestag der Reichspogromnacht – gestellt wurde, geht hervor, dass Lidl ein Gebäude an der Stelle errichten wollte, wo sich das Mahnmal in Erinnerung an die Deportation von Juden befindet, die von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet wurden. Die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte hatte am Donnerstag abend einem Dringlichkeitsantrag zum Erhalt und Schutz des Geländes zugestimmt.” Artikel von Simon Zeise in der jungen Welt vom 1. Juni 2021 externer Link
  • [VKG] Tarifrunde Handel: Ohne Druck wird es keine Erhöhungen geben
    Im Groß- und Außen- sowie im Einzel- und Versandhandel werden in den kommenden Wochen für insgesamt 5,1 Mio. Beschäftigte die Tarife verhandelt. 3,1 Mio. arbeiten allein im Einzel- und Versandhandel in 317.000 Betrieben. Viele Handelsunternehmen haben während der Corona-Pandemie ausgesprochen gute Profite gemacht, sei es im Lebensmittelhandel, in Drogerien oder auch in den Baumärkten. Allein im Online-Handel sind die Umsätze im vergangenen Jahr um fast 21% gestiegen auf 71,5 Mrd €. Trotz der Lockdowns hat der Einzel- und Versandhandel den Gesamtumsatz intensiv gesteigert. Es war das elfte Wachstumsjahr in Folge. Doch wie auch in der Metalltarifrunde im Frühjahr oder der TR ÖD im Herbst letzten Jahres will die Kapitalseite ihre Profite behalten und machten in den ersten Verhandlungen keine Angebote für eine Tariferhöhung. Sie wollen für 2021 „jegliche Entgelterhöhung – einschließlich Einmalzahlungen – grundsätzlich ausfallen zu lassen“. Auch ab 2022 solle es nach dem Willen der Kapitalseite Entgelterhöhungen „nur in differenzierter Weise und nach der Krisenbetroffenheit der Unternehmen“ geben. (…) Auch viele Geschäftsführungen – vor allem im Einzelhandel – nutzen die Pandemie dazu, um schon lang geplante Umstrukturierungen und vor allem den Ausbau des Online-Handels gegen die Belegschaften durchzusetzen. Tausende von KollegInnen haben oder werden noch ihre Arbeitsplätze verlieren. Die ver.di-Forderungen sind moderat und liegen für den Einzel- und Versandhandel bei etwa 4,5 Prozent plus 45 Euro Festbetrag, um die unteren Entgeltgruppen besser zu stellen. Außerdem soll niemand für weniger als 12,50 Euro Stundenlohn arbeiten. Im Groß- und Außenhandel bewegen sich die Forderungen – je nach Landesbezirk – zwischen 4,5 und 6 Prozent plus Festbetrag. Die Festbeträge sind unterschiedlich hoch und reichen bis 199 Euro im Monat mehr bzw. 1 Euro mehr pro Stunde. In Baden-Württemberg wird zusätzlich eine tarifliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 100 % des Nettoverdienstes sowie eine Erhöhung der monatlichen tariflichen Sozialzulage gefordert. Außerdem fordert ver.di die Allgemein-verbindlichkeit der Tarifverträge für beide Teilbranchen des Handels. Positiv sind die Festbeträge, da sie insbesondere den unteren Entgeltgruppen nützen, die in der Pandemie am meisten verloren haben. Deshalb sollten diese Festbeträge im Ergebnis enthalten sein. Die Angst vor Altersarmut ist im Handel wegen der Niedriglöhne sehr groß, deshalb auch die Dringlichkeit des Mindestlohns von 12.50 Euro. (…) Auch in dieser Branche braucht es kräftigen Druck durch Streiks, sonst wird es keine Tariferhöhungen geben. Das haben alle Tarifrunden in 2020/2021 in den verschiedenen Branchen gezeigt. Aber das alleine wird in dieser Tarifrunde nicht ausreichen. Viele KollegInnen fragen sich, wie die kommenden Entlassungen verhindert werden könne. Eine wichtige Antwort darauf wäre, in dieser Tarifrunde die Frage der Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden bei vollem Lohn- und Personalausgleich aufzunehmen, um die Arbeit auf alle Köpfe verteilen zu können. Dafür wäre es sinnvoll, dass die Aktiven auf ihren Streikvorbe-reitungskonferenzen diese Forderung einbringen und von den Tarifkommissionen verlangen, diese in der Tarifrunde mit aufzunehmen und dafür aktiv zu mobilisieren bis hin zu Durchsetzungsstreiks. Hilfreich sind auch Solidaritätskomitees, die die Aktionen und Streiks mit unterstützen, z.B. durch Flashmobaktionen u.a. Wir wünschen den Kolleg*innen eine kämpferische Tarifrunde und viel Erfolg.” Soli-Beitrag der Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften vom 18. Mai 2021 externer Link
  • Erste Streiks in der Tarifrunde für den Handel
    Keine Angebote trotz üppiger Umsätze – so sind die Arbeitgeberverbände in die Tarifrunden im Einzel- und Versandhandel sowie im Groß- und Außenhandel gestartet. Doch die Beschäftigten lassen sich angesichts ihrer hohen Arbeitsbelastung und steigender Inflationsrate nicht mit solcher Missachtung ihrer Leistungen zurückweisen. Nach den Auftaktverhandlungen in einigen Landesbezirken haben ver.di und die aktiven Mitarbeiter*innen im Handel in Nordrhein-Westfalen und Bayern bereits mit ersten Warnstreiks gezeigt, dass Löhne und Gehälter in diesem Jahr deutlich steigen müssen. Mit Streiks in verschiedenen Regionen ging es vergangene Woche im Landesbezirk Nordrhein-Westfalen los.” Meldung vom 17.05.2021 auf der ver.di-Sonderseite zur Tarifrunde externer Link – siehe diese für laufende Berichte
  • Respekt geht anders! Erste Verhandlungsrunde verläuft enttäuschend!
    Tarifinfo 3/21 vom 10.5.21 zu Bayern externer Link
  • „Der Druck muss erhöht werden!“
    Erste Warnstreiks im nordrhein-westfälischen Einzelhandel externer Link
  • Tarifverhandlungen im Handel – mit Click & Collect schreitet die „Amazonisierung“ voran
    “Anfang März 2021 hatte die Tarifkommission der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ihre Tarifforderungen für den nordrhein-westfälischen Einzel-, Groß- und Versandhandel beschlossen. Gefordert wird eine Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen um 4,5 Prozent plus 45 Euro im Monat. Die Laufzeit des Tarifvertrages soll 12 Monate betragen. (…) Als Affront sieht es die Gewerkschaft an, dass Amazon – ein Unternehmen, mit dem ver.di seit vielen Jahren knallharte Auseinandersetzungen führt –  im Handelsverband Deutschland als Mitglied aufgenommen wurde. Neu auf der Tagesordnung von ver.di steht die Forderung von mehr Mitsprache der Beschäftigten beim Umgang mit den Vorbestellungen im Internet, dem „Click & Collect“, die Gewerkschaft befürchtet eine schleichende „Amazonisierung“ im Einzelhandel bei einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb während der aktuellen Krise. Immer mehr Waren werden im Internet oder per Telefon bestellt und später an der Ladentür abgeholt. Waren die Beschäftigten im Einzelhandel immer stolz auf ihre Beratungstätigkeit, so müssen sie beim „Click & Collect“, ähnlich wie bei Amazon nur noch packen und kommissionieren und neuerdings gibt der Kunde wie eine vorgesetzte Person noch die Anweisungen. (…) Man muss nicht hellsehen können, um vorherzusagen, dass die Unternehmen im Handel die Erfahrung, die sie mit „Click & Collect“ gemacht haben, auch für weitere Möglichkeiten der Kostenersparnis nutzen werden. Im Rahmen des Ausbaus der Digitalisierung im Handel wird den Beschäftigten schon heute bedeutet, dass sich für sie einiges ändern wird. Die Gefahr, dass man bei der Weiterentwicklung der digitalisierten Arbeitsabläufe schnell bei den Arbeitsbedingungen wie bei Amazon landen kann, ist groß. Was das bedeutet kann man bei dem Versandhändler jeden Tag beobachten…” Beitrag vom 5. Mai 2021 vom und beim gewerkschaftsforum.de externer Link
  • Siehe bei ver.di zur Tarifrunde:
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=188969
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