Boomendes Ostergeschäft: Amazon-Beschäftigte streiken vier Tage lang an sechs Standorten – Schutz durch Tarifverträge gefordert

Arbeitsunrecht-Amazon-Kampagne zu Ostern: Der Osterhase bestellt nicht bei AmazonMit Beginn der Nachtschicht von Sonntag (28.3.) auf Montag (29.3.) hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) die Beschäftigten in sechs Verteilzentren des Onlinehändlers Amazon zu einem viertägigen Streik aufgerufen. Durch die Arbeitsniederlegungen im boomenden Ostergeschäft wollen die Beschäftigten in Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld (zwei Standorte) und Leipzig beim weltweit größten Versandhändler die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie den Abschluss eines Tarifvertrags für gute und gesunde Arbeit durchsetzen. ver.di sprach von einem „inoffiziellen Start der diesjährigen Flächentarifverhandlungen der Branche“, die in den nächsten Wochen beginnen. „Amazon verdient sich in der Corona-Krise weiter eine goldene Nase. Schon deshalb muss die Tarifflucht dort beendet werden. (…) Durch die Schließung weiter Teile des stationären Einzelhandels in der Corona-Krise sei das Bestellaufkommen bei Amazon durch die Decke gegangen. „Ausbaden mussten das die Kolleginnen und Kollegen. Durch die permanente Arbeitshetze und Leistungskontrolle ist die Einhaltung von Abständen und anderen Maßnahmen gegen Ansteckungen oft kaum möglich…“ ver.di-Pressemitteilung vom 28.03.2021 externer Link und dazu:

  • „Dann habe ich mitgestreikt“. Überall auf der Welt organisieren sich Amazon-Arbeiter_innen, während der Milliarden-Konzern wächst und wächst New
    „… Kurz vor Ostern, Bad Hersfeld in Hessen: Bei Amazon wird mal wieder gestreikt. Mit dabei ist Rosi Huth*, die normalerweise Retouren bearbeitet. Als sie 2012 bei Amazon anfing, sei sie glücklich gewesen, mit fünfzig noch quereinsteigen zu können, erzählt Huth bei einem Telefongespräch am Gründonnerstag: „Ich war eine 200-Prozent-Amazonierin.“ Das änderte sich mit der Zeit, als Huth merkte, dass Amazons Gerede von „Teamgeist“ und „Wertschätzung“ mit der Realität nur wenig zu tun hatte. „Dann habe ich mitgestreikt“, sagt sie, „zum ersten Mal vor zwei Jahren.“ (…) Von 2013 bis 2019 hat der Konzern seinen Umsatz von 74 auf 233 Milliarden US-Dollar mehr als verdreifacht, seitdem ging es noch einmal steil bergauf: Amazon ist Corona-Krisen-Gewinner. Allein in Deutschland steigerte sich der Umsatz im vergangenen Jahr um 33 Prozent. Möglich machen das mehr als eine Million Beschäftigte weltweit. Hinzu kommen Saisonkräfte, Angestellte über Zeitarbeitsfirmen und Subunternehmen. Sie alle stehen unter hohem Arbeitsdruck. Entsprechend änderte sich auch Veronika Müllers Blick auf ihren Arbeitsplatz. Bei Amazon gibt es Vorgaben, wie viele Artikel in der Stunde kommissioniert oder eingelagert werden müssen. Diese werden stetig erhöht: Als Müller in Winsen begann, habe die Anzahl der pro Stunde zu bearbeitenden Artikel bei 180 gelegen, heute sind es 370. Das Arbeitstempo wird lückenlos dokumentiert, jeder Schritt über einen Handscanner überwacht, wer „zu langsam“ ist, muss um den Arbeitsplatz fürchten, denn viele Verträge sind befristet. (…) Agnieszka Mróz, Magda Malinowska, Rosi Huth und Veronika Müller – sie alle haben die Abstimmung in Bessemer/USA aufmerksam verfolgt. Und den Arbeitskampf der Kolleg_innen in Italien gefeiert, wo sich am 22. März 40.000 Amazon-Beschäftigte an einem Streik beteiligten, zum ersten Mal entlang der gesamten Lieferkette. „Wenn so was passiert, gebe ich es per Mund-zu-Mund-Propaganda an meine Kolleg_innen weiter“, erzählt Müller. „Solche Nachrichten zirkulieren bei uns, das ist inspirierend – wir schicken dann Solidaritätsgrüße nach Italien, das ist einfach, aber total wichtig“, erklärt Mróz. Und ergänzt: „Es gibt keine Abkürzung über Boykotte, EU-Gesetze oder Ähnliches. Nur die Arbeiter_innen bei Amazon können Amazon besiegen.“ Artikel von Nelli Tügel aus dem feministischen Magazin an.schläge Ausgabe III/2021 externer Link
  • Stiche gegen Amazon. Streikproteste und Gewerkschaftsinitiativen weltweit: Belegschaften machen beim Krisengewinnler mobil 
    „… In der BRD begann mit der Nachtschicht zu Montag bereits die fünfte Streikkette in den zurückliegenden anderthalb Jahren. Verdi rief Kollegen an den Standorten Werne, Rheinberg (beide Nordrhein-Westfalen), Leipzig (Sachsen), Koblenz (Rheinland-Pfalz) und zwei Versandzentren im hessischen Bad Hersfeld zu einem viertägigen Arbeitsausstand auf. »Bis einschließlich Gründonnerstag greifen wir ein«, sagte der Gewerkschaftssekretär für Rheinberg, Tim Schmidt, am Montag im jW-Gespräch. Die Stimmung sei kämpferisch und »unsere Mitgliederzahlen wachsen«, ergänzte sein Verdi-Kollege Philip Keens vom Werner Standort gleichentags gegenüber jW. Coronabedingt könne es aber nur »Homestreiks« geben, sagte Keens. Dennoch, das Ziel ist klar: die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie der Abschluss eines Tarifvertrags für gute und gesunde Arbeit. »Amazon verdient sich in der Coronakrise weiter eine goldene Nase. Schon deshalb muss die Tarifflucht dort beendet werden«, wird Orhan Akman, der zuständige Verdi-Bereichsleiter, in einer am Sonntag abend verbreiteten Mitteilung zitiert. Allein an den Amazon-Umschlagpunkten in Rheinberg und Werne werden erfahrungsgemäß Hunderte Beschäftigte ihre Arbeit niederlegen, heißt es aus Verdi-Kreisen. Und der Effekt? »Auslieferungen verzögern sich, Kunden sind verärgert, betriebsintern wird Personal umgeschichtet«, weiß Schmidt. Nadelstiche, immerhin. Amazon reagiert demonstrativ gelassen: »Der Betrieb in den Versandzentren läuft völlig normal«, behauptete ein Konzernsprecher am Montag auf jW-Anfrage. Die Streikbeteiligung sei »ex­trem niedrig«. Kritiker würden Amazon »bei vielen Themen angreifen«, mokierte sich der Sprecher. Der Konzern sei zu einer Art »Projektionsfläche« für Gewerkschaften geworden…“ Artikel von Oliver Rast in der jungen Welt vom 30.03.2021 externer Link
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