»Millionen sind stärker als Millionäre«: Für eine antimilitaristische und nachhaltige Orientierung der IG-Metall-Industriepolitik

Der Frieden gefährdet Arbeitsplätze. Plakat von Klaus Staeck, 1978. Wir danken für die Freigabe!„Die Industriekonferenz der IG Metall (IGM) Mitte September markierte einen wichtigen Moment der gewerkschaftlichen Selbstverständigung. Vor über 250 Betriebsräten, Gewerkschaftern, Politikern und Wissenschaftlern haben die beiden Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft, Christiane Benner und Jürgen Kerner, die Bedeutung industrieller Arbeit für Wohlstand, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt betont. Benner erinnerte daran, dass »Millionen stärker sind als Millionäre«, und forderte eine Industriepolitik mit Gestaltungsanspruch, finanziert durch höhere Steuern für Vermögende. Kerner wiederum hob hervor, dass die Zukunft von Industriearbeit eine Frage des politischen Willens sei: Standort- und Beschäftigungssicherung, Tarifbindung und Investitionen in erneuerbare Energieträger gehörten zu den Stellschrauben für »gute Arbeit«. (…) Die Botschaften von Benner und Kerner sind klar: Industriearbeit gilt als systemrelevant, sie soll erhalten und erneuert werden. Doch die entscheidende Leerstelle bleibt die Frage der Militarisierung…“ Artikel von Andreas Buderus in der jungen Welt vom 9. Oktober 2025 externer Link und mehr daraus/dazu:

  • Konsens über Militarisierung. Die IG Metall übernimmt militaristische Logik und schadet damit ihren Mitgliedern New
    Dass die Industriegewerkschaft Metall (IGM) ihren Auftritt am 1. Mai in München organisiert hat und dort ihre Vorsitzende Christiane Benner sprechen ließ, ist kein Zufall, sondern ein politisches Signal. München ist einer der zentralen Standorte der deutschen Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Konzerne wie Airbus Defence and Space oder Hensoldt stehen dort beispielhaft für eine Industrie und für Standorte, die sich längst auf die Logik der Militarisierung eingelassen und den Krieg implizit zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Wer hier am 1. Mai spricht und zur Aufrüstung keine klare Gegenposition formuliert, stellt sich faktisch auf die Seite dieser Entwicklung.
    In den gewerkschaftlichen Reden dominieren Begriffe wie »Transformation«, »Innovation« und »industrielle Zukunft«. Allesamt sind diese Begriffe keine neutrale Beschreibung, sondern Instrumente der ideologischen Begleitmusik. Die Umstrukturierung der Industrie wird als Fortschritt verkauft, ihr wachsender militärischer Charakter ausgeblendet – oder gar unterschlagen. Von sicherheitspolitischen Prioritäten dominierte staatliche Programme, etwa die Entwicklung von Dual-Use-Technologien, treiben diese Entwicklung voran. Die entscheidende Frage, für welchen Zweck und für wessen Interessen produziert wird, stellen nur noch wenige.  (…)
    Die arbeitende Klasse produziert nicht nur ihre Mittel, sie soll im Zweifel auch selbst in den Krieg ziehen. Bei einer Gewerkschaft, die die Interessen dieser Klasse ernsthaft vertritt, müsste genau dieser Zusammenhang im Zentrum stehen. Sie müsste klarmachen, dass es in einer aufrüstenden Ökonomie keinen neutralen Standort gibt, dass Arbeitsplätze nicht losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Funktion existieren und dass Aufrüstung nicht Sicherheit bedeutet, sondern Eskalation. Die IGM tut das nicht. Sie bleibt im Rahmen der Sozialpartnerschaft und begünstigt damit, dass Wirtschaftswachstum, sofern es sich überhaupt einstellen sollte, zusehends militärisch gekapert wird. Sie stabilisiert so genau die Entwicklung, die sie eigentlich bekämpfen müsste
    …“ Artikel von Tom Biebl in der jungen Welt vom 11.05.2026 externer Link

  • Weiter aus dem Artikel von Andreas Buderus in der jungen Welt vom 9. Oktober 2025 externer Link: „… Die IG Metall ist nicht irgendeine Organisation. Mit immer noch knapp zwei Millionen Mitgliedern, tiefer Verankerung in den Schlüsselindustrien und einer stolzen Geschichte antifaschistischer und antimilitaristischer Kämpfe trägt sie eine Verantwortung, die weit über Tarifpolitik hinausreicht. Ihre Satzung verpflichtet sie ausdrücklich zu Frieden, Völkerverständigung, Abrüstung und Vergesellschaftung. Genau daran muss sie sich messen lassen. (…) Anstatt ihre reale Organisationsmacht und das enorme Spezialistenwissen der Mitglieder und Betriebsräte zu nutzen, beschränkt sich die IG-Metall-Führung aktuell noch darauf, die Militarisierung zu verwalten. Kerner sprach auf der Handelsblatt-Tagung »Wirtschaftsfaktor Rüstung« – ausgerechnet am 1. September, dem Antikriegstag! – über Zertifizierungsverfahren, die Unternehmen beim Einstieg in die Waffenproduktion zu beachten hätten. Nicht die Frage »Wie stoppen wir diese Entwicklung?« sondern »Wie begleiten wir sie?« stand im Zentrum. Diese Haltung markiert einen Rückschritt hinter die eigene Geschichte. In den 1980er Jahren formulierte die IG Metall klare Positionen gegen die Militarisierung. Noch bis in die frühen 2000er Jahre hinein war die Orientierung eindeutig: Rüstung schafft keine Zukunft, Konversion ist notwendig. Damals wie heute gilt: Wer meint, im herrschenden kapitalistischen System einen »sozialen Frieden« um den Preis von Kriegsproduktion erkaufen zu können, landet am Ende wieder bei Krieg, Zerstörung und Tod. Die IG Metall muss sich entscheiden: zwischen ihrer Satzung und einem verordnetem »There is no alternative!«. Zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und den erneuten nationalistischen Sirenengesängen der Kriegstreiber. Zwischen Frieden und Krieg. Will sie zum verlängerten Arm des Rüstungsbooms werden – oder knüpft sie an ihre eigenen Satzungsziele an, die eine klare antimilitaristische Orientierung verlangen? Darum muss der Appell lauten: IG Metall, nimm deine eigenen Ansprüche ernst! Keine Anpassung an die Kriegslogik, keine Nebelkerzensteuer, kein Burgfrieden. Statt dessen: antimilitaristische Klassenpolitik, vergesellschaftete Industriepolitik, sozial-ökologische Konversion.“

Siehe z.B. auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=231152
nach oben