„Wir können ja nicht überall perfekt sein“. erforscht, wie aus der Selbstentfaltung ein Zwang zur Selbstverbesserung wurde
„Wäre es nicht schön, wir könnten konzentrierter arbeiten, besser schlafen und glücklicher sein? Warum aber etwa Erwachsene Ritalin schlucken, um all dies zu erreichen, ist eine der Fragen, die die Soziologin Greta Wagner von der Goethe-Universität Frankfurt am Main untersucht hat. (…) Auf der einen Seite gab es in den 1960er und ’70er Jahren in den sozialen Bewegungen eine Kritik an entfremdenden Arbeitsverhältnissen und mangelnden Möglichkeiten der Selbstentfaltung. Auf der anderen Seite entstanden in den 1980ern neue Managementstrategien, bei denen eben diese Selbstentfaltungsansprüche zur Profitsteigerung genutzt wurden, indem Angestellte dazu angehalten wurden, sich kreativ in die Suche nach Problemlösungen einzubringen. Und schließlich kam es in den 1990ern zu einer Entgrenzung von Wettbewerben, bei der Güter in immer größerem Ausmaß und immer kürzeren Abständen wettbewerblich verteilt werden. Das heißt: Die Ansprüche auf Selbstverwirklichung sind Ergebnis sozialer Kämpfe, die Kontexte von Selbstverwirklichung dabei aber immer konkurrenzieller, also dem Wettbewerb unterworfen, geworden…“ Interview von Pepe Egger vom 25.07.2018 im Freitag online
mit Greta Wagner und mehr daraus/dazu:
- Neujahrsvorsatz: Statt Selbstoptimierung den Neoliberalismus wegoptimieren
„In jedem neuen Jahr gilt es, sich selbst zu optimieren. Der Widerspruch: Je neoliberaler die Gesellschaft wird, desto unmöglicher wird die Selbstoptimierung. (…)
Die Ideologie der Selbstoptimierung folgt auch dem kapitalistischen Zwang in Betrieben, die Produktivität zu steigern: Jahr für Jahr optimieren die Arbeitnehmenden nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihr Berufsleben – insbesondere zugunsten derer, die als Arbeitgeber davon übermäßig profitieren. Nicht nur ist das eine »neue Landnahme«, wie der Soziologe Klaus Dörre es beschreibt, mit der der Kapitalismus aufgrund seines inhärenten Zwangs zur Expansion über immer neue Territorien hinaus auch Lebensbereiche vereinnahmt. Das Land, das eingenommen wird, sind unsere Köpfe und unsere Körper, und der Mechanismus ist die Selbstgängelung. Längst ist die Stimme, die einem »Wachstum, Wachstum, Wachstum« zuflüstert, zu unser aller innerer Stimme geworden. Louis Althusser kennzeichnete hierin die Totalität des Systems: Die kapitalistische Produktionsweise strukturiert nicht nur die Arbeit in den Produktionshallen und Büros, sondern ruft auch ideologisch das Subjekt an und nimmt dessen Gedanken, die Freizeit, die Freundschaften ein…“ Artikel von Xenia Miller vom 1. Januar 2026 im Surplus-Magazin - Weiter aus dem Interview von Pepe Egger vom 25.07.2018 im Freitag online
mit Greta Wagner: „(…) Wenn ich selbst entscheiden kann, wann und wo ich arbeite, die Deadline meines Projektes aber erfordert, dass ich extrem viel arbeite, dann ergeben sich aus den Gestaltungsmöglichkeiten nicht unbedingt Freiheitsgewinne, sondern es droht die Gefahr der Selbstausbeutung und Erschöpfung. Viele Firmen reagieren darauf, indem sie psychologische Beratungen anbieten, Zeitmanagementkurse oder Achtsamkeitstrainings, also Angestellte zur Arbeit am eigenen Selbst anhalten. Dabei handelt es sich aber wieder um eine Individualisierung des Problems. Die Ursachen liegen in der Regel eher in einer zu dünnen Personaldecke: Das zu ändern, ist natürlich viel teurer als ein Achtsamkeitskurs. (…) Die Vorstellung, dass jede und jeder selbst für eigenen Erfolg und die eigene Leistungsfähigkeit verantwortlich ist, schafft die Illusion, dass, wer scheitert und krank wird, daran selbst die Schuld trägt. (…) Überall da, wo im Modus der Kooperation interagiert wird und nicht im Modus des Wettbewerbs, verliert die individuelle Selbstoptimierung an Bedeutung. In solidarischen Zusammenhängen, in denen man sich in Krisenzeiten wechselseitig unterstützt, muss man sich eben nicht durch die Optimierung der eigenen Leistungsfähigkeit absichern…“