Arbeiten trotz Krankheit: Wenn Angriffe auf Krankschreibung und Lohnfortzahlung zum ungesunden Präsentismus führen
Dossier
„Im Fokus der aktuellen Ausgabe von „DGB-Index Gute Arbeit Kompakt“ steht der Präsentismus, d.h. die Tatsache, dass viele Beschäftigte auch krank zur Arbeit gehen. Die Umfrage des Jahres 2015 zeigt, dass Präsentismus in Deutschland unter den abhängig Beschäftigten weit vebreitet ist: knapp die Hälfte (47%) der abhängig Beschäftigten in Deutschland gaben an, im vergangenen Jahr mindestens eine Woche trotz Krankheit gearbeitet zu haben. Besonders stark verbreitet ist dies unter Beschäftigten mit einer hohen psychischen Arbeitsbelastung: Arbeitsverdichtung, die Sorge um den Arbeitsplatz und ein schlechtes Betriebsklima tragen offenbar dazu bei, dass Beschäftigte trotz Krankheit arbeiten. Die Vermutung, dass eine hohe Identifikation der Beschäftigten mit ihrer Arbeit ebenfalls zu diesem Verhalten führt, konnte dagegen nicht belegt werden…“ DGB-Kompakt 2/2016
(„Arbeiten trotz Krankheit – Wie verbreitet ist Präsentismus?“). Siehe dazu:
- Teilkrankschreibung im Vier-Stufen-Modell als Teil der Sparvorschläge an der Gesundheit: Nur ein bisschen krank, nur ein bisschen Lohnfortzahlung…
- Nur ein bisschen krank: Teilkrankengeld kommt
„Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) will mit der Einführung der Teilkrankschreibung und des Teilkrankengeldes die GKV-Finanzen stabilisieren. (…) Für Versicherte mit nicht nur geringfügigen Erkrankungen und einer voraussichtlich länger als vier Wochen dauernden Arbeitsunfähigkeit wird die Möglichkeit geschaffen, teilarbeitsunfähig zu sein und Teilkrankengeld zu beziehen. Basis bildet die Möglichkeit der Teilkrankschreibung. Sie ist die zentrale Grundlage für die freiwillige Erbringung einer Teilarbeitsleistung während einer bestehenden Arbeitsunfähigkeit. Ärzt:innen können einvernehmlich mit Versicherten über die Umstellung auf eine Teilarbeitsunfähigkeit entscheiden. Zudem ist die Zustimmung von Arbeitgebenden eine weitere Voraussetzung der teilweisen Arbeitsaufnahme. Arbeitgebende müssen innerhalb von sieben Kalendertagen prüfen, ob der konkrete Arbeitsplatz für eine Ausübung der Tätigkeit im Rahmen der ärztlich festgestellten Teilarbeitsunfähigkeit geeignet ist. Die Begrenzung der Teilarbeitsfähigkeit wird auf feste Stufen von 25, 50 und 75 Prozent der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit festgelegt und soll der Standardisierung und Praktikabilität der Anwendung dienen, insbesondere im Hinblick auf die Entgeltabrechnung sowie die Berechnung eines etwaigen Teilkrankengeldes. Außerdem soll so eine hinreichend flexible Anpassung an unterschiedliche gesundheitliche Belastbarkeiten ermöglicht werden. Was sind „nicht nur geringfügige Erkrankungen“? Dazu gehören laut Entwurf beispielsweise psychische Erkrankungen wie depressive Episoden, Angststörungen oder Anpassungsstörungen, bei denen eine schrittweise Belastungssteigerung therapeutisch sinnvoll sein kann, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, insbesondere Wirbelsäulenerkrankungen, bei denen eine reduzierte Arbeitsbelastung zur Stabilisierung der Genesung beitragen kann, sowie onkologische Erkrankungen, insbesondere während oder nach belastenden Therapiephasen, in denen eine begrenzte Arbeitsfähigkeit bestehen kann. (…) Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) wird beauftragt, die Regelungen zur Feststellung und Ausgestaltung der Arbeitsunfähigkeit um die Teilarbeitsunfähigkeit zu ergänzen. (…) Die Vorschriften des Entgeltfortzahlungsgesetzes (EFZG) zur Lohnfortzahlung bleiben von den Regelungen zur Teilarbeitsunfähigkeit unberührt. Außerdem bewirkt die Inanspruchnahme von Teilkrankengeld keine Verlängerung der Anspruchsdauer des Krankengeldes – der Bezugszeitraum von 78 Wochen innerhalb von drei Jahren bleibt unverändert bestehen. Zudem wird der Höchstbezug des Krankengelds unabhängig von dem Auftreten einer neuen Erkrankung auf 78 Wochen innerhalb von drei Jahren beschränkt.“ Beitrag von Nadine Tröbitscher vom 16. April 2026 bei apotheke adhoc
- Sparpläne im Gesundheitswesen: Regierung prüft Lohnfortzahlung bei Krankheit
„… Die Spitzen von Union und SPD prüfen einem Medienbericht zufolge einschneidende Maßnahmen zur Reduzierung des hohen Krankenstands. Wie »Bild«-Zeitung unter Berufung auf Koalitionskreise berichtete, rückten Unionspolitiker die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wieder in den Fokus. So könnte der bisherige Zeitrahmen von sechs Wochen, in denen der Arbeitgeber den Lohn für einen kranken Arbeitnehmer weiter bezahlt, gekürzt werden. Außerdem gebe es die Überlegung, dass Arbeitgeber nur noch einmal im Jahr Lohnfortzahlung leisten müssten, berichtete die Zeitung weiter. Das hieße, wenn die Maximallänge erreicht ist, würde bei einem erneuten Krankheitsfall sofort die Krankenkasse mit dem niedrigeren Krankengeld einspringen müssen. Zudem ist nach Angaben von »Bild« die Wiedereinführung des Karenztages im Gespräch. Das würde die Unternehmen finanziell entlasten. In Regierungskreisen werde aber darauf hingewiesen, dass am Ende nur gelte, auf was man sich insgesamt geeinigt habe. Sicher sei, dass Deutschland »die höchste Zahl von Krankentagen in Europa hat«. Beide Koalitionspartner würden das gern nach unten drücken, hieß es…“ Meldung vom 13.04.2026 im Spiegel online
- GKV-Reform darf nicht auf Rücken der Beschäftigten gehen
„Zur Ankündigung des Bundeskanzlers für eine Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung ein Statement von Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied: „Es kann nicht sein, dass Beschäftigte die Lücken im Gesundheitssystem stopfen, indem sie noch öfter krank zur Arbeit gehen. Um die strukturellen Löcher in der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung dauerhaft zu schließen, braucht es bessere Ideen als kurzfristige Maßnahmen der Finanzkommission. Was wir nicht brauchen, sind Reformvorschläge, die auf den Rücken der Beschäftigten gehen. Die von der Union ins Feld geworfenen Kürzungen bei der Lohnfortzahlung oder Kürzungen beim Krankengeld wie die Einführung von Karenztagen lehnen wir entschieden ab…“ DGB-Presseerklärung vom 13. April 2026
- Siehe auch das Dossier: Gewerkschaften, Sozialabbau und Widerstand: Fast 25 Jahre Theorie und Praxis
- Vier-Stufen-Modell als Sparvorschlag: Kommission empfiehlt Teilkrankschreibung im Job
„Ganz krank oder gar nicht – so lautet die aktuelle Regelung für Arbeitnehmer. Experten empfehlen nun eine stufenweise Krankschreibung. Aus finanziellen und sozialen Gründen.
Wie lassen sich die Ausgaben im Gesundheitssystem senken und welchen Anteil sollen auch die Versicherten leisten? Darum geht es in den kommenden Monaten für die Bundesregierung. Eine Kommission hat Vorschläge erarbeitet und geht auch auf die hohen Kosten durch Krankheitsausfälle im Job ein. Die Experten empfehlen die Einführung einer »stufenweisen Arbeitsunfähigkeit«. Dabei solle eine Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit zu 100 Prozent, zu 75 Prozent, zu 50 Prozent oder zu 25 Prozent durch behandelnde Ärztinnen und Ärzte in enger Abstimmung mit der betroffenen Person vorgenommen werden, schlägt das Expertengremium vor. Dadurch werde sowohl ein teilweiser Verbleib im Arbeitsprozess als auch eine schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz erleichtert – wenn die Stelle dafür geeignet sei, schreibt die vom Gesundheitsministerium eingesetzte Kommission in ihrem ausführlichen Bericht . Dazu sollten fortlaufende Anpassungen der Einstufung bei Änderungen des Gesundheitszustands gehören. »Gleichzeitig kann eine frühere und stabilere Rückkehr in den Arbeitsprozess langfristig auch zur Stabilisierung der solidarisch finanzierten Krankengeldausgaben beitragen.«…“ Meldung vom 01.04.2026 im Spiegel online
- Nur ein bisschen krank: Teilkrankengeld kommt
- Faktencheck Fehlzeiten widerspricht dem Druck zur Präsenz durch Merz & Co: Warum Deutschland im Europa-Vergleich keineswegs an der Spitze steht
- Nicht in Deutschland: Wo die Menschen in Europa am häufigsten krank sind
„… ist Deutschland tatsächlich der „kranke Mann Europas“, wie manche sagen? Das Institut zur Fortbildung von Betriebsräten (IFB) und Data Pulse Research haben offizielle Daten ausgewertet, um eine harmonisierte Analyse europäischer Arbeitsmarktdaten zu erstellen. Das Ergebnis der Analyse: „Deutschland ist keineswegs der einsame ‚kranke Mann‘ Europas, sondern vielmehr ein Land, das mit denselben postpandemischen Verschiebungen ringt wie seine Nachbarn, allen voran dem massiven Anstieg psychischer Erkrankungen“, schreiben die Fachleute. (…) „Mit Blick auf krankheitsbedingte Fehlzeiten auf dem europäischen Kontinent lässt sich zunächst einmal festhalten, dass es eine enorme Bandbreite gibt“, heißt es in der Analyse. Demnach ist Norwegen der Spitzenreiter mit fast sechs Wochen pro Jahr, in Finnland sind es knapp fünf Wochen. Deutschland liegt im Mittelfeld mit Krankmeldungen von im Schnitt 3,6 Wochen pro Jahr. Am Tabellenende stehen Griechenland (0,2 Wochen) und Rumänien mit 0,1 Wochen Krankmeldung. Die Zahlen gelten für Vollzeitbeschäftigte im Jahr 2024.
Wer in manchen Ländern nicht kommt, kriegt kein Geld
Sind die Griechinnen und Rumänen also viel gesünder als Menschen in Deutschland? Nein, heißt es in der Analyse: „In Regionen wie Rumänien oder Griechenland deutet geringe Abwesenheit typischerweise auf hohe Arbeitsplatzunsicherheit hin.“ Hinzukomme: Wer dort nicht erscheine, werde oft auch nicht bezahlt. (…)
Karenztage, wie sie hierzulande wieder gefordert werden, gibt es in anderen europäischen Ländern tatsächlich: Etwa in Spanien, wo die ersten drei Tage einer Krankschreibung nicht bezahlt werden. Auch in Frankreich und Portugal gibt es Karenz-Regelungen. Und trotzdem sind die Menschen dort länger krankgemeldet als hierzulande. (…) Einige der „großzügigsten“ Systeme hätten die niedrigsten Fehlzeiten, während einige der „strengsten“ Systeme mit hohen Zahlen kämpften. Dass Karenztage Beschäftigte disziplinieren und im Zweifel auch erkältet ins Büro oder in die Werkhalle treiben, ist also nicht erkennbar. Das sollte ohnehin nicht das Ziel sein: Wer krank ist, sollte sich auskurieren und nicht Kolleginnen und Kollegen anstecken. (…) Zum Abschluss betonen die Autorinnen und Autoren, dass die Wirtschaftsleistung ohnehin nicht an der Stechuhr hänge: Norwegen beispielsweise habe viele Fehltage, dort sind die Beschäftigten aber auch besonders produktiv. Umgekehrt fehlen Beschäftigte in Griechenland und Ungarn kaum, die beiden Länder gehören aber trotzdem zu den Ländern mit den niedrigsten Produktivitätsraten. „Ein moderner Wirtschaftsstandort kann auch dann hochproduktiv bleiben, wenn er gesundheitliche Ausfälle anerkennt, anstatt sie durch den Druck zur Präsenz statistisch zu verdecken“, heißt es in der Analyse.“ Artikel von Steffen Herrmann vom 26.03.2026 in der FR online
- Warum Deutschland im Europa-Vergleich keineswegs an der Spitze steht
Faktencheck Fehlzeiten bei Data Pulse Research
- Siehe zum Thema hier weiter unten: Wieder der Krankenstand… Merz misstraut telefonischer Krankschreibung? „Wer krank feiert, bestiehlt den Standort. Hustet leiser, ihr stört die Rendite!“
- Nicht in Deutschland: Wo die Menschen in Europa am häufigsten krank sind
- Präsentismus ist wesentlich teurer als Krankmeldungen, aber noch teurer sind die alten und neuen arbeitspsychologischen Experimente zum Druck auf Kranke
- Experiment, um Fehltage zu senken: Jede Krankmeldung ist gut!
„Eine Studie liefert eine Idee, wie man Arbeitnehmer:innen besser daran hindern kann, sich krankzumelden. Der Ansatz ist kontraproduktiv. (…)
Diese Studie wird aktuell gern medial aufgegriffen, passt sie doch gut zu der Debatte, die Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Aussage zu Krankmeldungen und der Frage „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ immens befeuert hat. Doch damit hat er nach der Corona-Pandemie einen gesellschaftlichen Rückschritt bei der Akzeptanz von Krankmeldungen eingeleitet, die auch der Wirtschaft langfristig keinen finanziellen Vorteil verschafft. Im Gegenteil.
Präsentismus ist wesentlich teurer als Krankmeldungen
Wenn sich Menschen krank zur Arbeit schleppen, bezeichnen Arbeitswissenschaftler:innen dies als Präsentismus. Laut Umfragen tut dies mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Angst, den Job zu verlieren, Leistungsdruck und Personalknappheit bringt sie dazu. Doch Präsentismus ist teuer: Ein:e kranke:r Arbeitnehmer:in im Büro kann ein Unternehmen doppelt so viel kosten wie ein:e Kolleg:in, der:die mit Wärmflasche und Tee im Bett liegt. Denn kranke Mitarbeiter:innen arbeiten langsamer und machen mehr Fehler, die Krankheit dauert länger, Kolleg:innen werden angesteckt; Mitpassagiere im ÖPNV natürlich auch, aber das ist dem internen Controlling erst mal egal. (…)
Es gibt zudem keinen stichhaltigen Hinweis darauf, dass sich viele Arbeitnehmer:innen „nur zum Spaß“ krankmelden. Wer nicht körperlich krank ist, sich aber dennoch krankmeldet, tut dies meist aufgrund psychischer Probleme oder Erschöpfung. Aber: Psychische Gesundheit ist, wie der Name schon sagt, Gesundheit, und ist die angeschlagen, ist man krank. Ganz einfach…“ Kommentar von Eva Fischer vom 16.2.2026 in der taz online
und die Hintergründe: - Krankmeldung: Kritik an Experiment mit Supermarkt-Mitarbeitern
„In den vergangenen Monaten hat die Bundesregierung oft betont, dass die Deutschen zu oft krank auf der Arbeit fehlen. Ein neues Experiment dazu überrascht nun. Manche feiern es als Lösungsansatz, andere kritisieren einen schlechten Umgang mit Angestellten. (…)
Supermarkt-Angestellte melden sich nach Brief seltener krank
Krankmeldungen sind ein Dauerthema in deutschen Unternehmen – und oft auch ein Streitpunkt. Timo Vogelsang, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management, hat sich diesem Problem auf unkonventionelle Weise genähert. In Zusammenarbeit mit einer Supermarkt-Kette führte er ein Experiment durch, das zeigen sollte, wie sich Krankmeldungen beeinflussen lassen. Im Zentrum des Experiments stand ein einfacher Brief, der an Mitarbeitende mit überdurchschnittlich vielen krankheitsbedingten Fehltagen verschickt wurde. Langzeitkranke wurden dabei bewusst ausgenommen, wie Vogelsang gegenüber dem „Spiegel“ jüngst erklärte.
Der Inhalt: Eine nüchterne Auflistung der eigenen Fehltage im Vergleich zu den Kolleg:innen. „Wir haben niemandem gedroht“, beteuerte Vogelsang dem „Spiegel„. Es sei lediglich eine Information gewesen, ohne Wertung oder Aufforderung, „ganz ohne erhobenen Zeigefinger“.
Auf den Einwand, der Vergleich der Fehltage könne als deutlicher Fingerzeig verstanden werden, entgegnete Vogelsang: „Nein, ich halte das für einen sehr subtilen Hinweis.“ Ihm zufolge sei die Botschaft des Briefs gewesen: „Wir sind daran interessiert, dass ihr gesund und mit Freude zur Arbeit kommt.“
Fakt ist: Die Zahl der Krankmeldungen für nur einen Tag ging infolge der Briefzustellungen zurück, insbesondere an typischen „Brückentagen“ wie Montagen. Überraschend war, dass vor allem Angestellte mit unbefristeten Verträgen und ältere Mitarbeitende kurz vor der Rente ihr Verhalten änderten…“ Artikel von Dariusch Rimkus vom 13.02.2026 bei watson.de
- Experiment mit Supermarktangestellten: Wer diesen Brief bekam, meldete sich seltener krank
„Arbeitgeber jammern über den hohen Krankenstand in Deutschland. Wie lässt sich Blaumachen verhindern? Forscher Timo Vogelsang hat in einem Experiment mit Supermarktangestellten bewirkt, dass sich diese seltener krankmelden…“ Interview von Verena Töpper vom 11.02.2026 im Spiegel online
ist hinter paywall, siehe aber: - Straubs Seitenblick: Ein Experiment zeigt, wie sich Krankheitstage senken lassen
„… In der FAZ vom 2. Februar 2026 berichtete Vogelsang zuerst über seine Studie und beschrieb das Studiendesign wie folgt: „Die Studie umfasste insgesamt 817 Beschäftigte in mehreren Filialen. Aus dieser Gruppe wurden die 25 Prozent mit den höchsten Fehlzeiten ausgewählt. Von diesen 194 Personen erhielt die Hälfte, per Zufall ausgewählt, ein Schreiben nach Hause. Darin standen die eigene Zahl der Fehlzeiten sowie als Vergleich der Medianwert der Belegschaft […] Kommuniziert wurde also, was im Betrieb tatsächlich üblich ist, nicht, was als Norm wünschenswert wäre. Es ging ausdrücklich um keine Abmahnung, kein Ranking und keine Bloßstellung, sondern nur um die Information, wie sich ein Mitarbeiter im Vergleich zur typischen Kollegin oder zum typischen Kollegen verhält.“
Sanfter Druck mit starker Wirkung
Das Resultat: Bei der Gruppe, die das Schreiben zu den durchschnittlichen Fehlzeiten erhielt, gingen die Ausfälle deutlich zurück. Hochgerechnet auf ein Jahr sank die Wahrscheinlichkeit für eine eintägige Fehlzeit um rund 44 Prozentpunkte gegenüber der Kontrollgruppe. Bemerkenswert ist, dass dieser Rückgang ausschließlich bei eintägigen Fehlzeiten zu beobachten war; mehrtägige veränderten sich nicht. Vogelsangs Erklärung: Hinter mehrtägigen Fehlzeiten stehen vermutlich tatsächliche Erkrankungen. (…)
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der hohe Krankenstand wird nicht durch „Eintagsfliegen“ verursacht. Diese machen zwar bis zu 20 Prozent der Krankheitsfälle aus, verursachen aber nur rund drei Prozent der Krankheitstage. Die größte Belastung stellen Langzeiterkrankungen von über sechs Wochen dar, die für 40 Prozent der Ausfalltage verantwortlich sind. Hier sind primär medizinische Gründe ausschlaggebend, wobei Arbeitsbedingungen und Führungsverhalten eine wesentliche Rolle spielen können…“ Beitrag von Reiner Straub vom 05.02.2026 bei haufe.de
- Krankstalt: Die Anstalt am 17.2. zu Jagd auf Kranke und anderen Angriffen
Das Video in der ZDF-Mediathek
und der Faktencheck
zur Sendung vom 17. Februar 2026 - Lieber leidvoll leben. Die Bundesregierung fordert mehr Arbeit und weniger Kranksein
„Die Bundesregierung, Unternehmerlobby und Boulevardmedien mahnen das deutsche Arbeitsethos an. Da kann der eine oder die andere eben auch mal auf der Strecke bleiben. Eine Kolumne über Leistungsideologie und deutschen Wahn. (…) Man hofft, der alte Propagandatrick der Arbeitnehmerentrechtungspolitik, der Anfang der nuller Jahre unter Gerhard Schröder so gut funktionierte (man erinnere sich an »Florida-Rolf«) und auch während der Finanzkrise 2008/2009 gut klappte (»faule Südländer« machen Schulden), werde auch diesmal wieder hinhauen.
Auszuschließen ist das nicht, denn mehr als selbst das schlimmste Verbrechen der Welt empört viele Deutsche der Gedanke, jemand könne angenehm leben statt möglichst leidvoll und (selbst)ausgebeutet.“ Kolumne »Neues vom Hamsterrad« von Bernhard Torsch vom 12.02.2026 in der Jungle World
- Vor den (gar nicht so neuen) Briefen und Statistisken war es bei BMW die persönliche Ansprache („es fällt auf, wenn Du fehlst“ – altes Motto der Lean Production):
- Experiment, um Fehltage zu senken: Jede Krankmeldung ist gut!
- Neue Diskussion über alte Lügen zur Höhe des Krankenstandes – und wie BMW ihn mit einer „Kultur des Hinschauens“ drückt und dabei von IG-Metall-„Chefin“ gelobt wird
„… Man würde sich in die Tasche lügen, wenn man behauptet, dass es keinen Missbrauch der Arbeitsunfähigkeit gibt – das ist sicher auch jenseits der anekdotischen Evidenz schlichtweg mindestens so naiv wie eine generelle Infragestellung der Arbeitsmoral der Beschäftigten in Deutschland. Aber neben möglicherweise verwerflichen Handelns Einzelner gibt es auch andere, teilweise erheblich wirksame Einflussfaktoren auf die Höhe des Krankenstandes. Das kann man einem interessanten Beispiel aus der Noch-Schlüsselbranche der deutschen Industrie verdeutlichen: der Automobilindustrie…“ Beitrag vom 29. Januar 2026 von und bei Stefan Sell
(„Die Diskussion über Arbeitsunfähigkeit und telefonische Krankschreibungen reloaded“) und darin besonders interessant:
- „… Nach eigenen Angaben hat der Autobauer BMW, der deutschlandweit fast 90.000 Mitarbeiter beschäftigt, kein Problem wegen überhoher Krankenstände. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage liege „seit über zehn Jahren sowohl deutlich unter dem Niveau des Bundes als auch unter dem Vergleichswert der Branche“, so der Konzern.
»Und BMW nennt auch eine Zahl: 2025 betrug im eigenen Unternehmen die Krankenquote in Deutschland, also der Anteil der Fehltage an der Gesamtarbeitszeit, 3,6 Prozent. Enthalten sind darin auch die ersten Krankheitstage, für die kein ärztliches Attest erforderlich ist. Im Vergleich zu den Fehltagen in der deutschen Wirtschaft insgesamt und den Durchschnittswerten in der Metall- und Elektroindustrie stehe man mit der eigenen Quote gut da.«
Und das Unternehmen wird an dieser Stelle sogar von den Arbeitnehmervertretern unterstützt. Christiane Benner, die erste Vorsitzende der IG Metall, wird mit diesen Worten zitiert: »Wenn Sie bei BMW öfter montags oder freitags fehlen, dann wird dem nachgegangen. Ich finde, das gehört auch zur Führung: sich Mühe machen, zu schauen, was nicht in Ordnung ist“, sagte Benner. Bei BMW gebe es „eine Kultur des Hinschauens“, lobte die Gewerkschaftschefin: „Man wird gefragt: Was war denn da los am Freitag? Brauchst du Unterstützung? Das ist eine andere Nummer, als wenn das kommentarlos hingenommen wird.“«
Übrigens: Der Stuttgarter BMW-Wettbewerber Mercedes hadert dagegen mit zu hohen Krankenquoten. Der Vorstandsvorsitzende beklagt, »dass der Krankenstand in Deutschland teilweise mehr als doppelt so hoch sei wie an Mercedes-Standorten in anderen Ländern.«“ - Stefan Sell zitiert aus: „Zu viele Blaumacher? Nicht bei BMW!“
„Der Bundeskanzler wettert gegen das Krankfeiern. Der Münchener Autokonzern dagegen meldet: alles im Griff. Und die IG-Metall-Chefin erklärt, warum das so ist…“ Artikel von Marcus Theurer vom 24.01.2026 hinter der FAZ-Paywall
- Wir haben wirklich viel zu Krankenrückkehrgesprächen veröffentlicht und was hier als “ „Hinschauen“ gelobt wird, ist für andere Unterstellung, Druck und Verfolgung
- „… Nach eigenen Angaben hat der Autobauer BMW, der deutschlandweit fast 90.000 Mitarbeiter beschäftigt, kein Problem wegen überhoher Krankenstände. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage liege „seit über zehn Jahren sowohl deutlich unter dem Niveau des Bundes als auch unter dem Vergleichswert der Branche“, so der Konzern.
- Wieder der Krankenstand… Merz misstraut telefonischer Krankschreibung? „Wer krank feiert, bestiehlt den Standort. Hustet leiser, ihr stört die Rendite!“
- Zu viele Krankheitstage? Stoppt das Beschäftigten-Bashing!
„Oops, he did it again. Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei den Beschäftigten mal wieder ordentlich Pluspunkte gesammelt. Nachdem er erst kürzlich mehr Leistungsbereitschaft und eine Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes gefordert hatte, ist ihm nun der angeblich zu hohe Krankenstand ein Dorn im Auge. Und ein Schuldiger ist auch schon gefunden: Die telefonische Krankschreibung. Nach Ansicht von Merz setzt sie nämlich die falschen Anreize, lädt zum Missbrauch ein und verhindert damit eine Erhöhung des volkswirtschaftlichen Outputs. Doc Holiday hat gesprochen. Sarcasm off….“ #schlaglicht 03/2026 vom 29. Januar 2026
bei DGB Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt - Lohnfortzahlung verteidigen – Gesundheit ist kein Kostenfaktor. Material und Anregungen für Aktionen im Betrieb
Der Verein Denkklima e.V. setzt sich u.a. für demokratische und antirassistische Prozesse direkt am Arbeitsplatz ein. Ziel ist es, gewerkschaftlich aktive Beschäftigte sowie Betriebs- und Personalräte in ihrer Arbeit zu unterstützen und zu stärken. In diesem Zusammenhang hat Denkklima Vorlagen zur aktuellen Angriffen auf die Lohnfortzahlung entwickelt (auch zu Betriebsratswahlen): - Drei Grafiken zeigen, wie krank die Deutschen wirklich sind
„Durch die Grippewelle melden sich viele Arbeitnehmer krank. Wie hoch ist der Krankenstand – und welchen Einfluss hat die telefonische Krankmeldung?...“ Artikel von Anabel Schröter vom 26.01.2026 auf wiwo.de
- „Ist ein Teufelskreis“: Arbeitnehmer viel mehr krank – Ärztin zeigt prekäre Zustände in Deutschland
„… Deutsche Arbeitnehmer fallen immer häufiger krankheitsbedingt aus. (…) Eine Hausärztin aus Baden-Württemberg warnt eindringlich: Das Problem sei hausgemacht und viel komplexer als die Politik wahrhaben wolle. (…) Dr. med. Cornelia Werner betreibt ihre Praxis für Innere und Allgemeinmedizin in Erbach an der Donau seit vielen Jahren. Was sie täglich erlebt, bereitet ihr zunehmend Sorge. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel schildert die Ärztin eine dramatische Veränderung im Krankheitsgeschehen: „Die Menschen in Deutschland sind häufiger krank als früher! Eine Infektion reiht sich an die nächste.“ Besonders auffällig sei der Wandel im Jahresverlauf. Früher habe es „noch Monate gegeben, in denen deutlich weniger Patienten zu uns kamen, vor allem im Sommer“. Diese Erholungsphasen seien völlig verschwunden: In den Praxen herrscht Hochbetrieb. „Wir haben uns diese Arbeitsunfähigkeit selbst herangezüchtet“, erklärt sie ohne Umschweife. Die Ursache sieht sie in den Arbeitsbedingungen: „In Büros und in Schulen sitzen wir zu viel in geschlossenen Räumen und setzen uns hohen Keimbelastungen bei ungefilterter Luft aus.“ (…) Verschärft wird die Lage durch die Nachwirkungen der Pandemie. Werner beobachtet „vor allem seit Corona“, dass Menschen anfälliger geworden seien. Selbst Monate nach einer überstandenen Infektionen sei das Immunsystem noch geschwächt. Viren, Bakterien, Pilze und andere Erreger haben dann leichtes Spiel. (…) Muskel-Skelett-Erkrankungen, wie sie laut der AOK vor allem bei Paketzustellern und Pflegekräften vorkommen, sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen nehmen kontinuierlich zu. Daraus entstehe ein gefährlicher Kreislauf, den die Medizinerin Werner als „Teufelskreis“ bezeichnet: Fallen Mitarbeiter aus, müssen ihre Kollegen Mehrarbeit leisten, die wiederum krank macht. (…) Eine mögliche Abschaffung der Tele-AU wird derzeit heftig diskutiert. Werner hält dies für den falschen Weg, schließlich sei sie eine Erleichterung im Praxisalltag. „Wenn jemand einen grippalen Infekt oder Magen-Darm hat, ist es besser, wenn die Person anruft, so allen Zeit erspart, sich schont und niemanden ansteckt“, sagt die Allgemeinmedizinerin im Tagesspiegel. „Blaumacher“ seien den Medizinern meist bekannt, die Abschafftung der telefonischen Krankschreibung betreffe vor allem die, „die sie wirklich brauchen“. Unterstützung erhält sie vom Deutschen Hausärzteverband. Dessen Vorsitzender Markus Beier stellt gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland klar, dass „alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigen, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch bei Krankschreibungen führt.“ Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) belegen: Nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen wurden zwischen 2020 und 2023 telefonisch ausgestellt. (…) Statt an Symptomen herumzudoktern, fordert Werner eine grundlegende Systemreform. „Unser Gesundheitssystem ist schon lange am Limit“, diagnostiziert sie. Die aktuelle politische Diskussion führe in die Irre. Solange strukturelle Defizite wie mangelhafte Luftqualität in Arbeitsräumen, Personalnot im Gesundheitswesen und ein überbürokratisiertes System nicht angegangen würden, werde sich der Teufelskreis aus Überlastung und häufigeren Erkrankungen weiter verstärken. Auch der Ärzteverband MEDI Baden-Württemberg fordert eine umfassende Präventionsstrategie und den Ausbau der Gesundheitsbildung. Bereits Schulkinder sollten lernen, wie sie Krankheiten vorbeugen und ihre eigene Gesundheit fördern können…“ Artikel von Janine Karrasch vom 24. Januar 2026 bei Merkur.de
- Gelbmachen
„Ich bin Millennial. Die sogenannten Boomer sind meine Eltern. Und von ihnen habe ich sehr früh gelernt, dass Arbeit nichts ist, was man tut, sondern etwas, das man aushält. Dass man sich krank zur Arbeit schleppt, dass man Schmerzen ignoriert, dass man sich zusammenreißt. Nicht, weil es sinnvoll wäre, sondern weil der eigene Wert daran hängt. Wer nicht arbeitet, gilt nichts. Wer krank ist, ist verdächtig. Wer ausfällt, ist eine Belastung. Diese Generation würde sich mit zwei abgehackten Extremitäten noch in den Betrieb schleppen. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus einem tief eingeübten Reflex der Selbstdisziplinierung und Selbstausbeutung. Das wird gern als Arbeitsethos verklärt, ist aber in Wahrheit nur ein Verhältnis zur eigenen Ersetzbarkeit. Man funktioniert, bis man nicht mehr kann, und hält das dann für Charakterstärke.
Und dann gibt es diese jüngere Generation, die sich schlicht weigert, diesen Vertrag weiterzuführen. Gen Z lässt sich nicht mehr verarschen. Sie nimmt Respektlosigkeit von Vorgesetzten nicht mehr als „harten Ton“ hin. Sie akzeptiert sexuelle Belästigung nicht als unangenehmen Nebeneffekt eines Jobs. Sie callt das out. Sie geht. Nicht aus Faulheit, sondern aus Selbstachtung.
Diese Generation ist außerdem durch eine Pandemie sozialisiert worden. Sie hat gelernt, dass krank zur Arbeit zu gehen nicht heroisch ist, sondern gefährlich. Dass man sich selbst schützt – und andere gleich mit. Krankschreibung ist kein Trick, sondern kollektiver Gesundheitsschutz. Das ist keine Lifestyle-Entscheidung, das ist eine Erfahrungstatsache.
Vor diesem Hintergrund ist das Gerede vom angeblichen Missbrauch der Krankschreibung schlicht Bullshit. (…)
Faszinierend ist dabei, dass diese Debatte fast ausschließlich von Menschen geführt wird, die nie Teil der tatsächlichen Produktionskette waren. Von Leuten, deren Körper nie verschlissen wurden, deren Erschöpfung sich in Terminkalendern und nicht in Bandscheiben eingeschrieben hat. Genau diese Menschen erklären jetzt anderen, wie viel Krankheit noch zumutbar sei. Das ist keine Sorge um Produktivität. Das ist Klassenpolitik.
Parallel dazu haben Arbeitgeber es über Jahre geschafft, ein Arbeitnehmergewissen zu implantieren. Dieses absurde Gefühl, ohne einen selbst würde alles zusammenbrechen. Und manchmal stimmt das sogar. Aber dann stellt sich eine andere Frage: Was ist das eigentlich für ein Betrieb, der kollabiert, wenn eine einzige Person krank wird? (…)
Ein System, das schon bei ein paar Tagen Krankheit nervös wird, ist nicht effizient. Es ist krank. Und vielleicht ist die Krankschreibung gerade das Gesündeste, was wir ihm entgegensetzen können…“ Post von LowerClassJane vom 21.1.2026
auf ihrem Blog bei Patreon (und einigen anderen) - Immer auf die Kranken: Bundesregierung will AU-Bescheinigung per Telefon abschaffen, unterstellt Drückebergerei. Krankenkasse sekundiert. Linkspartei kritisiert unsägliche Debatte
„Warum geht es Deutschland so schlecht? Na klar: Weil die die Deutschen so viel krankfeiern. Im krampfhaften Bemühen, Schuldige für die anhaltende Wirtschaftsflaute zu finden, lassen Politik und Unternehmerlobby keine Plattheit aus. Die neueste Vorlage durch den Bundeskanzler begreift seine Parteifreundin und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) prompt als Handlungsauftrag. Die Regierungsparteien hätten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch beim Umgang mit telefonischen Krankschreibungen auszuschließen, verkündete sie am Dienstag via Tagesspiegel. »Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen.« Eine gleichentags durch die DAK-Gesundheit vorgelegte Analyse kommt da wie bestellt. Demnach blieb die Zahl der Bescheinigungen von Arbeitsunfähigkeit (AU) etwa so hoch wie 2024…“ Artikel von Ralf Wurzbacher in der jungen Welt vom 21.01.2026
- „IHR SOLLT ARBEITEN BIS IHR AM ARBEITSPLATZ VERRECKT! ;) Ne, wirklich, genauso meinen es Menschenfeind*Innen wie Friedl. Ihr seid nichts wert außer den Mehrwert, den ihr für das Kapital schafft.
Merz fragt: „Ist das notwendig?“ Nein, Friedrich, Burnout ist bloß ein Hobby für verwöhnte Arbeitnehmende. Echte Patriot*innen sterben am Schreibtisch. Wer krank feiert, bestiehlt den Standort. Hustet leiser, ihr stört die Rendite! #Krankenstand
Telefon-AU abschaffen? Klar, lasst uns mit 40° Fieber ins Wartezimmer schleppen. Disziplinierung durch Anwesenheitspflicht. Foucault lacht sich ins Fäustchen: Der ärztliche Blick als Waffe gegen die Faulheit. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist die postfaschistische CDU. (…)
Psychische Erkrankungen explodieren? Papperlapapp. Das ist nur mangelnde Arbeitsmoral! Dawai dawai rabotti! In der Müdigkeitsgesellschaft ist Depression Verrat am Wachstum. Statt Therapie gibt’s Karenztage. Die Seele hat gefälligst im Takt der Stechuhr zu leiden. #Merz
Das Paradox der Überwachung: Die eAU macht jeden Schnupfen sichtbar, und jetzt nutzt Merz die Daten gegen uns. Gläserne Patient*innen sind keine Menschen, sondern Kostenstellen. Danke, Digitalisierung, dass du uns so effizient an den Pranger stellst.
„Refusal of Work“? Nennen wir es einfach: Der Körper sagt Nein, wo die reformistische Gewerkschaft, Kollaborateurin des Kapitals, schweigt. Euer Krankenstand ist unser Generalstreik. Somatische Verweigerung gegen die totale Verwertung. Sorry Chef, mein Immunsystem ist heute Anarchist. #Bifo (…)
„Crip Time“ vs. Kapitalismus. Dein Körper braucht Ruhe? Der Markt braucht Tempo! Wer nicht mithält, wird pathologisiert. Langsamkeit ist Sabotage. Wir optimieren uns zu Tode, und wer umfällt, ist halt „charakterlich ungeeignet“ für den Wohlstand.
Die Allianz Merz-Gassen: Ärzt*Innen als Türsteher der Fabrik. „Du kommst hier nicht rein (in den Krankenstand)!“ Das Wartezimmer wird zum Tribunal. Beweise deine Unfähigkeit! Körperliche Unversehrtheit war gestern, heute zählt nur die Verwertbarkeit. (…)
Willkommen in der Erschöpfungsökonomie. Unsere Psychen sind Rohstoffe, und die Mine ist leer. Merz‘ Lösung: Tiefer graben! Wenn der Esel zusammenbricht, einfach die Peitsche härter schwingen. Das nennt mensch dann „Wettbewerbsfähigkeit stärken“.
Telefon-AU war ein Hauch von Autonomie. Selbstbestimmung über den eigenen Rotz. Das darf nicht sein! Wo kämen wir hin, wenn Arbeitnehmende entscheiden, wann sie leiden? Die Hoheit über den Körper gehört dem Arbeitgebenden. Enteignet die Kranken!
Wer „blaumacht“, übt Widerstand. (…)
Früher war der gelbe Schein ein Schutzschild. Heute ist er ein Indizienbeweis. Die Unschuldsvermutung gilt nicht für Hüstelnde. Generalverdacht für alle, die Montag morgens fehlen. Der neoliberale Blockwart sitzt jetzt in der Personalabteilung.
Präsentismus als Tugend. Krank zur Arbeit schleppen ist das neue „Heldentum“. Wer die Kolleg*innen ansteckt, zeigt wenigstens Einsatz! Wir züchten die nächste Pandemie im Großraumbüro, Hauptsache die Statistik von Herrn Merz sieht hübsch aus. (…)
Fazit: Merz‘ Kampf gegen den Krankenstand ist der letzte Zuckung eines Systems, das Biologie nicht akzeptiert. Ihr wollt Roboter? Dann baut euch welche. Wir sind Menschen, wir gehen kaputt. Und wir bleiben liegen. Deal with it. #SomatischeSouveränität
Nachtrag: Das ist nur ein zusammengestückelter Thread aus meinem Script eines Raben-Talk-Podcast-Videos, welches heute Nacht auf meinem Channel zum Thema erscheint. „Des Merzens Hetze gegen Kranke: Somatische Souveränität & Krise der neoliberalen Gouvernementalität“
https://www.youtube.com/watch?v=U8P5eS6NomA
“ Ein Thread von “Kolkrabe of Doom“ vom 20.1.26 auf bsky 
- „Misstrauenserklärung an Millionen Beschäftigte“
„Zur aktuellen Debatte über Krankmeldungen und den Umgang mit Beschäftigten erklärt Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied: „Der Kanzler glaubt offenbar an eine Bevölkerung aus Faulenzern. Das ist eine Misstrauenserklärung an Millionen Beschäftigte, die jeden Tag den Laden am Laufen halten. Menschen krank zur Arbeit zu zwingen erzeugt kein Wachstum – im Gegenteil: Präsentismus – also krank arbeiten zu gehen – verursacht durch die Verbreitung ansteckender Krankheiten höhere Kosten als zuhause gesund zu werden…“ DGB-Pressemitteilung vom 20. Januar 2026
- Merz misstraut telefonischer Krankschreibung – Linker: „Es widert mich regelrecht an“
„Nach Kritik von Kanzler Merz am hohen Krankenstand in Deutschland prüft Ministerin Warken, die telefonische Krankmeldung abzuschaffen. Die DGB-Chefin nennt die Idee „Unsinn“. Die Krankschreibung per Telefon kann missbraucht werden, argumentiert jetzt auch die Gesundheitsministerin. Aus der Opposition kommt ein Konter mit Zahlen. Der Krankenstand in Deutschland ist zu hoch, kritisierte jüngst Kanzler Friedrich Merz (CDU). Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die telefonische Krankschreibung jetzt überprüfen lassen. An der neuen Debatte über die telefonische Krankschreibung gibt es aber auch Kritik, und besonders scharfe von der Linken. Fraktionschef Sören Pellmann wirft Merz vor, Menschen als „reinen Produktionsfaktor“ zu betrachten…“ Artikel von Paula Völkner und Franziska Schwarz vom 20.01.2026 in merkur.de
- DAK-Gesundheit fordert Krankenstands-Gipfel beim Kanzler
„Krankenstands-Analyse 2025 der DAK-Gesundheit zeigt: Mit 19,5 Fehltagen pro Kopf bleibt Krankenstand auf anhaltend hohem Niveau
Auffälliges Plus von 6,9 Prozent bei den Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen
DAK-Chef Storm fordert Einführung einer Teilkrankschreibung als wichtiges Instrument zur Senkung des Arbeitsausfalls (…)
Nach der gemeinsam mit dem IGES Institut durchgeführten Krankenstands-Analyse für das Gesamtjahr 2025 waren DAK-versicherte Beschäftigte im Durchschnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben. Zum Vorjahresvergleich bleibt der Krankenstand mit 5,4 Prozent damit stabil, jedoch auf einem weiterhin hohen Niveau. Die meisten Fehltage gingen erneut auf das Konto von Atemwegserkrankungen. Sie verursachten vergleichbar viel Arbeitsausfall wie im Vorjahr. Danach folgten psychische Erkrankungen mit einem Plus von 6,9 Prozent. Sie verdrängten Muskel-Skelett-Probleme als bisher zweitwichtigsten Grund für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle auf Platz drei. DAK-Vorstandsvorsitzender Andreas Storm begrüßt die vom Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßene Debatte um den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Er fordert deshalb einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. (…) „Dabei geht es insbesondere darum, neue Lösungswege zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein. Sie ist bereits ein bewährtes Instrument in skandinavischen Ländern.“ Auch Prof. Dr. Volker Nürnberg, BWL-Professor für Gesundheitsmanagement, sieht in der Teilkrankschreibung ein geeignetes Instrument: „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich nicht in einem eindeutigen Zustand von gesund oder krank, sondern dazwischen. Deshalb macht eine Teilkrankschreibung für bestimmte Tätigkeiten oder nur für einen Teil der Arbeitsstunden Sinn – das können zum Beispiel drei von acht Arbeitsstunden pro Tag sein – dort wo möglich auch im Homeoffice. Eine solche Regelung hat das Potenzial, zu einem signifikant niedrigeren Krankenstand zu führen.“ (…) Prof. Dr. Nürnberg bestätigt, dass die psychischen Erkrankungen Treiber beim hohen Krankenstand sind: „Auch hier geht es nur im Zusammenspiel: Sowohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst als auch Arbeitgeber müssen auf gesünderes Arbeiten achten.“ (…) Im Branchenvergleich zeigt die Analyse der DAK-Gesundheit den höchsten Krankenstand im Gesundheitswesen mit 6,2 Prozent. Entsprechend hatten Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen pro Kopf die meisten Fehltage: durchschnittlich 22,5 Tage pro Jahr. Den niedrigsten Krankenstand hatten Beschäftigte in der Datenverarbeitungsbranche mit 3,4 Prozent und durchschnittlich nur 12,6 Fehltagen pro Kopf und Jahr…“ DAK-Pressemitteilung vom 20. Januar 2026
- Siehe zum aktuellen Hintergrund: [DAK-Psychreport 2025] Fehltage wegen Depressionen um 50 Prozent gestiegen
- „Kranke an den Pranger gestellt“: Gesundheitsexperte kritisiert Merz-Aussage
„Wie können wir wieder mehr Wachstum erreichen in Deutschland? Ein Grund, weshalb wir nicht vorwärtskommen, liegt in den Augen von Kanzler Friedrich Merz darin, dass die Deutschen zu oft krank sind. Das zumindest hat der CDU-Chef öffentlich geäußert. Unterstützung bekommt er vom Chef des Kassenärzteverbandes Gassen. Andere werfen dem Kanzler dagegen vor, Beschäftigten zu misstrauen. (…) Auch diejenigen, die Arbeitnehmer vertreten, zeigen sich empört über die Äußerungen des Kanzlers. Dies sei eine Rhetorik, mit der man die Gesellschaft spalte, sagt Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund: „Unser Kanzler glaubt offenbar, dass er eine Bevölkerung regiert, die zu einem großen Anteil aus Faulenzern besteht und das ist eine Misstrauenserklärung an Millionen Beschäftigte, die ausgerechnet diejenigen sind, die jeden Tag den Laden am Laufen halten. Das finde ich sehr falsch.“ Sämtlicher Vergleich mit anderen Ländern sei unseriös, so Piel, da Deutschland eines der wenigen Länder sei, das überhaupt Daten zur Krankschreibung erfasse. (…)
Äußerungen wie die des Kanzlers seien wenig zielführend, sagt auch der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang von der Universität Bremen: „Mit dieser Äußerung werden Menschen, die krank sind, sehr stark an den Pranger gestellt. Die Ärzteschaft wird auch mit Misstrauen überzogen, ich halte das insgesamt nicht für eine gute Idee.“ Man sehe im Fehlzeiten-Report der AOK, dass sich die Krankmeldungen in den letzten Jahren kaum verändert haben, sagt Rothgang…“ Beitrag von Uta Georgi vom 20. Januar 2026 im MDR
- Merz‘ Beschwerde über Krankenstand: Zu wenig Erholung macht krank
„Mit seinen Aussagen zu Krankmeldungen und Arbeitszeit ignoriert der Kanzler arbeitspsychologische Erkenntnisse – Zeit für einen Crashkurs.
Menschen, die permanent Unreflektiertes von sich geben, sind bisweilen etwas anstrengend. Einer dieser Menschen ist Friedrich Merz. Seine jüngste Aussage, sinngemäß: Menschen, die sich krankmelden, sollten dies bitte lassen
. Diese Forderung passt zu Merz’ Ansicht, dass die Deutschen generell mehr arbeiten sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Es ist erstaunlich, dass Merz bei seinen Forderungen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeits- und Gesundheitspsychologie ignoriert. Denn sonst würde er wissen, dass ein hoher Krankenstand ein Hinweis auf Arbeitsüberlastung ist. Er würde auch wissen, dass mehr Arbeitszeit nicht automatisch mehr Output bedeutet, sondern gar das Gegenteil, insbesondere bei Wissensarbeiten. Dass generell nicht Druck, Kontrolle und das Ermahnen, sich zusammenzureißen, zu einer besseren Arbeitsleistung führen, sondern Wertschätzung, Motivation, körperliches und seelisches Wohlbefinden. Dass die Menschen dafür auch Erholung, Bewegung und ein erfülltes Leben neben der Arbeit benötigen, für das sie die entsprechende Zeit brauchen. Beispiel Erholung: Bei einer hohen Arbeitsbelastung wird das Stresshormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet, wodurch die Regeneration gehemmt wird; mehr Erholungszeit wird benötigt. Durch Mehrarbeit ist die Erholungszeit aber zusätzlich verkürzt. Zu wenig Schlaf, Erholung und Bewegung führen zudem zu einer erhöhten Infektanfälligkeit, da das Immunsystem geschwächt wird (Stichwort Erkältung, häufigster Grund für eine Krankschreibung). Zum anderen führt es zu einer kognitiven Verlangsamung. Die Folgen sind beispielsweise Unaufmerksamkeit, Lustlosigkeit, weniger Kreativität. Die Arbeit wird weniger schnell und gut erledigt. Zudem steigt das Risiko für Unfälle und Fehlentscheidungen – sehr teuer für Unternehmen. Dies sind nur wenige der vielen Beispiele dafür, welchen immensen Einfluss Arbeits- und Erholungszeit auf Gesundheit und Arbeitsergebnisse haben. Erholung ist ein wesentlicher Faktor einer funktionierenden Wirtschaft, kein ärgerlicher, unnötiger Kostenfaktor, den man zusammenstreichen kann.“ Kommentar von Eva Fischer vom 19. Januar 2026 in der taz online
– danke Eva Fischer für das, was mensch eigentlich von einer Krankenkasse, wie der DAK, erwartet. Fällt der doch tatsächlich nichts Besseres ein, als krank zur Arbeit zu gehen – zumindest ein bisschen… - Siehe zum aktuellen Hintergrund:
- Zu viele Krankheitstage? Stoppt das Beschäftigten-Bashing!
- Lohnfortzahlung verteidigen – Gesundheit ist kein Kostenfaktor. Material und Anregungen für Aktionen im Betrieb
Der Verein Denkklima e.V. setzt sich u.a. für demokratische und antirassistische Prozesse direkt am Arbeitsplatz ein. Ziel ist es, gewerkschaftlich aktive Beschäftigte sowie Betriebs- und Personalräte in ihrer Arbeit zu unterstützen und zu stärken. In diesem Zusammenhang hat Denkklima Vorlagen zur aktuellen Angriffen auf die Lohnfortzahlung entwickelt (auch zu Betriebsratswahlen): - DGB zum Präsentismus: Es bleibt dabei: Auskurieren statt krank zur Arbeit!
„Die Deutschen arbeiten nicht genug und melden sich ständig krank? So tönt es immer wieder aus neoliberaler und konservativer Ecke sowie von Arbeitgeberseite. Das Gegenteil ist der Fall! Das viel größere Problem ist, dass Beschäftigte sich krank zur Arbeit schleppen. Hier erklärt der DGB-Experte Rolf Schmucker, wie verbreitet das Problem ist und vor allem: warum? Hand aufs Herz: Schon mal krank zur Arbeit gegangen? Das tut nämlich die große Mehrheit der Beschäftigten. Die Nase läuft, der Hals schmerzt – aber bei der Arbeit steht ein wichtiger Termin an oder einfach nur der ganz normale Arbeitsstress. Diese Situation kennen viele Arbeitnehmer*innen. Sie gehen zur Arbeit, obwohl sie eigentlich ins Bett gehören. “Das Phänomen heißt ‚Präsentismus‘”, erklärt Rolf Schmucker, Leiter des DGB-Index Gute Arbeit. Er und sein Team haben mit ihrer Forschung den Präsentismus gründlich untersucht – ihnen liegen Zahlen der letzten zwölf Jahre vor. Präsentismus ist also kein neues Phänomen. “Schon vor der Corona-Pandemie gaben regelmäßig zwei Drittel der Befragten an, auch krank zu arbeiten”, so Schmucker. Während der Pandemie – in den Jahren 2020 und 2021 – gingen die Zahlen dann deutlich zurück. Doch jetzt sind sie wieder auf dem Vor-Pandemie-Niveau angekommen. “Während der Pandemie gab es eine ganz andere Aufmerksamkeit für dieses Thema. Das hat sich leider nicht gehalten”, so Schmucker. In der neuesten Auswertung für 2024 sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 63 Prozent der Beschäftigten gaben an, auch gearbeitet zu haben, obwohl sie sich ‚richtig krank‘ fühlten. Rund jede*r Fünfte ging weniger als eine Woche krank zur Arbeit. 44 Prozent arbeiteten sogar länger als eine Woche trotz Krankheit. “Die Frage ist ‚warum tun Beschäftigte das‘?”, sagt Schmucker, “Es gibt starke Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastung und Präsentismus”. Kurz: Je größer die Belastung, desto eher wird krank gearbeitet. „Das geschieht aus dem Druck heraus – ‚es ist schon so viel Arbeit, wenn ich ausfalle, wird der Stapel noch höher‘ oder es gibt keine guten Vertretungsregeln“, so Schmucker. Präsentismus ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. “Für die Betroffenen selbst bedeutet es, dass sich ihre Krankheit unter Umständen verschlimmert, wenn sie sich nicht schonen. Bei ansteckenden Krankheiten können sie Kolleg*innen anstecken, insgesamt führt das dann zu mehr Fehltagen, als wenn sie gleich im Bett geblieben wären”, erklärt Schmucker. Auch Arbeitgeber profitieren also nicht davon, dass ihre Beschäftigen krank zur Arbeit erscheinen, im Gegenteil. Eine gute Nachricht hat Schmucker auch: Arbeitgeber können eine ganze Menge tun, um Präsentismus einzuschränken. Sie können für gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen und eine achtsame Betriebskultur sorgen. Davon profitieren alle Seiten.“ DGB-Info vom 7. Februar 2025
- Blaumachen und Rotwerden: Genau die Politik, die für die erhöhten Krankenstandszahlen verantwortlich ist, instrumentalisiert diese gegen die Beschäftigten
„Beim „Arbeitgebertag 2024“ Ende Oktober, also an einem der 365 Arbeitgebertage des Jahres, stellte der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr unmissverständlich fest: „Die Krankheitstage sind zu viel. Weg mit der telefonischen Krankschreibung und hin zu mehr Eigenverantwortung!“ (…) Nun wird den Beschäftigten implizit vorgeworfen, sie würden bloß blaumachen und grundvernünftige Mittel wie die telefonische Krankschreibung ausnutzen. Ihre Verantwortung liegt darin, wenn schon nicht die individuelle Krankheitslast – dafür werden ihnen ja auch immer weniger Möglichkeiten zugestanden –, so immerhin die gesellschaftliche Krankenlast zu verringern. Nach und nach wird also noch mehr Druck aufgebaut, krank zur Arbeit zu gehen, was sich zudem auf einen ohnehin existierenden Trend hin zu mehr „freiwilligem“ Präsentismus stützen kann. Auch der Vorschlag des Bundesärztepräsidenten Klaus Reinhardt, einen Teilzeitkrankenstand einzuführen, ist darauf ein Vorschein. (…)
Wie Statistiken zeigen, ist der Produktivitätsverlust durch Präsentismus, je nach tatsächlicher Tätigkeit, Betrieb und Branche, mitunter sogar höher als durch Absentismus. (…) Die Verachtung der Kranken, die es sich angeblich nur gemütlich machen, und der Schrecken vor dem Wissen, dass es ihnen ungemütlicher als je gemacht wird, werden leider koexistieren können. Zu rechtlichen Veränderungen wird sich auch eine verstärkte Kontrollrepression, wie sie Tesla in Brandenburg schon vorlebt, direkt von Seiten der Betriebe gesellen. In anderen europäischen Ländern sind die Ideen schon weiter ausgereift. (…)
Doch schon den Kleinsten muss klar werden: Krankheit darf einen nicht daran hindern, jeden Tag Dinge lernen zu wollen, die man fürs spätere sinnlose und krankmachende Schuften brauchen wird. Nachdem der Anteil der „persistent absentees“ (Schüler, die wegen Krankheit längere Zeit nicht zur Schule kommen) im Vereinigten Königreich stetig steigt, wurde Anfang 2024 die Initiative „Moments matter, attendance counts“ gestartet. In Broschüren werden Eltern darüber aufgeklärt, mit welchen Erkrankungen sie die Kinder gut und gerne in die Schule schicken sollen. – Sind all diese Schleusen einmal geöffnet, werden sie sich auch von möglichen linkeren Regierungen sehr schwer schließen lassen. (…) Die Entwicklungen bei der Institutionalisierung der Sterbehilfe, etwa in Kanada, die dort mittlerweile ein Mittel der repressiven Sozialpolitik zu werden droht – es wird die Ausweitung des freiwilligen Sterbeprogramms auf psychisch Erkrankte und Drogenabhängige ernsthaft diskutiert –, legen das zumindest nahe. (…)
Weil das Aussprechen wesentlicher gesellschaftlicher Ursachen für eine steigende Krankheitslast mit einer Art Tabu behaftet ist, sind die Beschäftigten darauf zurückgeworfen, sich gegenseitig vorzuhalten, zu oft krankzumachen oder sich individuell zu leichtfertig krank machen zu lassen. In einer Gesellschaft, in der einen nicht gleich das schlechte Gewissen plagt, sobald man sich die Frage stellt, ob Lohnarbeit grundsätzlich krank macht, leben wir jedenfalls nicht. Auch die Krebsforschung verliert komplett den Fokus auf arbeitsplatzbedingte Risiken, und sucht Problematisches nur mehr im individuellen Verhalten und der genetischen Prädisposition, wie z. B. der Arbeitsgesundheitsforscher Wolfgang Hien darlegt. Dass Arbeit, wie sie eben organisiert ist, in der aktuellen Situation – dazu muss man nicht zwingend in den Kategorien Kapitalismus, Ausbeutung und Lohnarbeit denken – die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören hilft, wandert dennoch diffus ins allgemeine Bewusstsein ein. Der Basler Soziologe Simon Schaupp zeigt das beispielhaft an den Schweizer Bauarbeitern, die er für sein Buch „Stoffwechselpolitik“ ausführlich interviewt hat. Zur brutalen, realen Ironie gehört, wie dieses Wissen zu einer noch engeren emotionalen Bindung an die Lohnarbeit – der „Exekution des objektiven Wachstumszwanges durch das Subjekt“ (Tomasz Konicz) – führt. Unter der Bedingung der Ausweglosigkeit ist die umso beherztere vorauseilende Verteidigung der Lohnarbeit eine Reaktion auf das eigene Gefühl, diese Institution eigentlich in den Grundfesten angreifen zu wollen. Jede weitere Verdichtung der Arbeit, jede Verschlechterung der Bedingungen am Arbeitsplatz wird damit gerechtfertigt werden können, dass die Lohnarbeit, die ihnen immerhin ihre prekäre Existenzberechtigung garantiert, vor der Schwäche der Lohnarbeiter geschützt werden muss. Das ist nicht wirklich gesund. Ein Artikel zu den gesellschaftlichen Ursachen des erhöhten Krankenstands kann nicht ohne einen Hinweis auf COVID-19 auskommen. (…)
Obwohl die Forschung Fortschritte macht, fühlen sich viele Patienten im Stich gelassen. Long COVID wird und wurde oft psychopathologisiert, was zur Verschreibung von Aktivierungstherapien führt, die allerdings für manche Patientengruppen – etwa solche mit PEM (Post Exertional Malaise) – schädlich sein können. Viele von Long COVID betroffene Menschen sind erwerbsgemindert. Auf einen angeblichen Wertewandel hinzuweisen, oder öffentlichkeitswirksam Arbeitsunwilligkeit zu unterstellen, sind also auch Mittel, die Rolle von SARS-CoV-2 kleinzureden. (…)
Ja, die Coronapolitik der Bundesrepublik war unter anderem deswegen autoritär, weil sie das Fehlen eines ausreichenden Gesundheitsschutzes mit einem Zuviel an Repression zu schein-kompensieren suchte. In weiten Teilen der Gesellschaft wurde daher letztlich Gesundheitsschutz mit Repression identifiziert. Bei ihnen steht demnach kaum auf der Agenda, die höhere Krankheitslast in der Bevölkerung wegen anderem als nur der Sorge um den Standort zu beklagen. So ergibt sich eine Rechnung, nach der Krankwerden aufgrund fehlender Schutzmöglichkeiten Freiheit bedeutet, Krankmelden aber einen egoistischen Angriff aufs Gemeinwohl. Auch die Idee des Teilzeitkrankenstandes – die eher nicht in einer arbeitnehmerfreundlichen Form umgesetzt werden wird – hat in der „Arbeitsquarantäne“ einen unrühmlichen Vorläufer. So mussten sich etwa ausländische Spargelstecher, die Kontaktpersonen waren oder symptomlos infiziert waren, zuhause isolieren – außer in ihrer überlangen Arbeitszeit, wo sie ungeschützt den deutschen Spargel retten durften.“ Beitrag von Paul Schuberth vom Januar 2025 auf seiner Homepage
- Umfrage der Techniker Krankenkasse 2021: Jeder Zweite geht krank zur Arbeit
„Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland geht einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge krank zur Arbeit. 51 Prozent der mehr als 11.000 Befragten gaben an, manchmal, häufig oder sehr häufig krank zur Arbeit zu gehen. Vor allem Frauen sind verstärkt von dem Phänomen betroffen, das sich Präsentismus nennt, ebenso gehen Beschäftigte, die mit hohen quantitativen Anforderungen im Arbeitsalltag konfrontiert sind und diejenigen, die regelmäßig Überstunden leisten, häufiger krank zur Arbeit. (…) Dafür wurden in den vergangenen vier Jahren mehr als 11.000 Beschäftigte befragt der Großteil war in Unternehmen tätig. Der Einfluss der Corona-Pandemie wurde nicht berücksichtigt. (…) Diese Zahlen zeigen wie wichtig Aufklärungsarbeit im Hinblick auf die negativen Folgen von Präsentismus ist und bleibt – nicht nur während der Corona-Pandemie oder einer Grippewelle. Organisationen sollten künftig auch stärker auf möglichen Präsentismus im Homeoffice achten. Auch die eingeschränkte Leistungsfähigkeit bei der Arbeit aufgrund von privaten Sorgen könnte als Handlungsfeld an Bedeutung gewinnen. Für einige dieser Zukunftsthemen werden bereits Messinstrumente für künftige Beschäftigtenbefragungen entwickelt…“ Beitrag vom 16. Dezember 2021 beim Gewerkschaftsforum
zur TK-Studie vom 10. November 2021
, ähnlich nun der DGB:
- DGB-Umfrage: Die Hälfte der Beschäftigten geht krank zur Arbeit. Corona-Effekt: Seit Beginn der Pandemie kurieren sich deutlich mehr Beschäftigte konsequent aus als zuvor
„… Eigentlich ist es ganz einfach: Wer krank ist, der soll nicht arbeiten – sondern sich daheim auskurieren. Soweit die Theorie. In der Praxis allerdings wird davon allzu oft abgewichen. Das zeigt jetzt eine aktuelle DGB-Umfrage. Knapp die Hälfte aller in der repräsentativen Studie befragter Kolleginnen und Kollegen (exakt 48 Prozent) gab an, im vorangegangenen Jahr mindestens einmal gearbeitet zu haben, obwohl sie sich richtig krank fühlten. Frauen (53 Prozent) taten dies häufiger als Männer (43 Prozent). Bei knapp einem Drittel (32 Prozent) der Beschäftigten summierten sich die mit Erkrankung geleisteten Arbeitstage binnen einem Jahr sogar auf eine Woche oder mehr. (…) Die Umfrage unter mehr als 6000 Beschäftigten zeigt allerdings auch einen Corona-Effekt: Seit Beginn der Pandemie kurieren sich deutlich mehr Beschäftigte konsequent aus als zuvor. Die Daten weisen einen Rückgang in den Jahren 2020 und 2021 auf, also in den Jahren, in denen die Corona-Pandemie auch die Arbeitswelt im Griff hatte. Die Vermutung liegt nahe, dass der dringende Aufruf, bei Krankheitssymptomen Kontakte zu vermeiden, ein wichtiger Grund für die sinkenden Zahlen war. Dennoch ist Arbeiten trotz Krankheit weiterhin stark verbreitet. (…) Was bringt Beschäftigte aber dazu, krank zu arbeiten und so möglicherweise ihre Genesung und ihre Gesundheit zu gefährden? Die DGB-Daten zeigen einen deutlichen Zusammenhang zu drei Feldern von Arbeitsbedingungen: Arbeiten trotz Krankheit ist immer dann besonders verbreitet, wenn die Betriebskultur problematisch ist, wenn Beschäftigte unter einer hohen Arbeitslast leiden und wenn die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes groß ist. (…) Ein Trugschluss ist es nun allerdings anzunehmen, dass Firmen durch Präsentismus Kosten sparen. Im Gegenteil. Viele Untersuchungen zeigen: Kranke, die arbeiten, verursachen hohe Kosten. Die mit Präsentismus einhergehenden Produktivitätsverluste sind enorm. Je nach Quelle werden die Verluste auf genauso groß beziehungsweise ein Vielfaches der Kosten beziffert, die Unternehmen bzw. der Gesellschaft durch krankheitsbedingte Fehlzeiten entstehen. Beschäftigte, die krank zur Arbeit gehen, sind aber nicht nur nachweislich weniger produktiv. Einer Studie von Arbeitsmedizinern aus dem Jahr 2009 zufolge erhöht sich zudem ihr Risiko, die Krankheit zu verschleppen und später wesentlich länger auszufallen.“ Pressemitteilung der IG Metall vom 25. März 2022
(beim DGB nicht gefunden)
- DGB-Umfrage: Die Hälfte der Beschäftigten geht krank zur Arbeit. Corona-Effekt: Seit Beginn der Pandemie kurieren sich deutlich mehr Beschäftigte konsequent aus als zuvor
- Schuften bis zum Umfallen: Immer mehr Menschen schleppen sich krank zur Arbeit
„Menschen sind keine Maschinen. Sie werden auch mal krank, unsichere Lohnarbeits- und daraus folgende prekäre Lebensverhältnisse tragen ihren Teil dazu bei. Das weiß auch die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit (BA), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dieses sorgt sich deshalb um die Wirtschaft, nicht nur wegen der hohen Zahl der Krankschreibungen. In einer neuen Auswertung beklagt das IAB nun, dass immer mehr Menschen krank zur Arbeit gingen. (…) Erwiesen sei, so die IAB-Autoren, dass »Präsentismus« am häufigsten bei Beschäftigten auftrete, die fürchten müssen, ihren Job zu verlieren. Und: Wer mit seinem Arbeitsplatz besonders unzufrieden ist, schleppe sich häufiger mit Grippe, Rückenproblemen, schwerer Depression und anderen Leiden dorthin. Aus der Gruppe letzterer gaben 80 Prozent an, dies regelmäßig so zu handhaben. Damit sei »Präsentismus in Deutschland mindestens genauso stark verbreitet wie krankheitsbedingte Abwesenheit«, konstatieren die Forscher. Unternehmen müssten mehr dagegen tun, fordern sie, zum Beispiel Vertretungen angemessen regeln und auf in manchen Firmen übliche Boni für Mitarbeiter, die sich das ganze Jahr nicht krank gemeldet hätten, verzichten. Doch das alleine reiche nicht. »Vielmehr ist im öffentlichen Bewusstsein ein generelles Umdenken nötig: Krankheitsbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz darf nicht stigmatisiert und mit einer verminderten Leistungsfähigkeit gleichgesetzt werden«, so die IAB-Experten. Mit anderen Worten: Der Leistungsdrill, den auch die BA als IAB-Oberinstanz mit ihren erwerbslosen Klienten betreibt, ist kontraproduktiv.“ Artikel von Susan Bonath in der jungen Welt vom 30. Januar 2020
– das Wichtigste bleiben aber: Personalreserven! - Neue DGB-Studie: Krank zur Arbeit schleppen ist „in“
„Zwei Drittel der Arbeitnehmer sind im vergangenen Jahr zur Arbeit gegangen, obwohl sie krank waren. Das Robert-Koch-Institut warnt vor diesem Verhalten. Aktuell ist Grippesaison und deshalb gehen einige hunderttausend Arbeitnehmer in diesen Tagen zum Arzt, um sich krankschreiben zu lassen. Allerdings zeigt eine neue Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dass immer mehr Menschen trotz Krankheit doch zur Arbeit gehen. Demnach erschienen im vergangenen Jahr in Deutschland gut zwei von drei Arbeitnehmern krank bei der Arbeit. Jeder Dritte gab an, zwei Wochen oder noch länger krank zur Arbeit gegangen zu sein. (…) Vernünftig ist das nicht, sagt zum Beispiel das Robert-Koch-Institut. Wer erkältet ist, sollte direkt wenigstens ein paar Tage zu Hause bleiben, um sich auszuruhen. Dadurch sind Arbeitnehmer schneller wieder gesund, und sie stecken auch keine anderen Kollegen an. Denn die Infektionsgefahr ist gerade in den ersten beiden Tagen einer Erkältung am Größten. Abgesehen davon sind Kranke auch nicht so fit und aufnahmefähig. Es können Fehler bei der Arbeit passieren, und die können den Arbeitgeber deutlich mehr Geld kosten, als wenn der Mitarbeiter zwei oder drei Tage zu Hause bleibt…“ SWR-Beitrag vom 15.02.2018
, siehe dazu den DGB:
- „Präsentismus“: Zwei Drittel gehen auch krank zur Arbeit
„Mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (67 Prozent) gehen trotz Krankheit zur Arbeit. Das zeigen aktuelle Zahlen aus einer repräsentativen Befragung des „DGB-Index Gute Arbeit“. Fast jeder zweite geht sogar eine Woche oder mehr pro Jahr krank arbeiten…“ DGB-Meldung vom 15.02.2018
- „Präsentismus“: Zwei Drittel gehen auch krank zur Arbeit
- Krank ins Büro ist ungesund
„… Immer mehr Krankentage verzeichnen die Betriebe von Jahr zu Jahr. Bis zu vier Erkältungen pro Jahr sind bei jedem Erwachsenen ganz normal. Im Schnitt verursachen Erkältungen oder grippale Infekte pro Beschäftigen und Jahr fünf bis zehn Fehltage. Aber nicht jeder bleibt gleich zuhause. Viele Arbeitnehmer schleppen sich krank ins Büro – obwohl sie hochansteckend sind. Gerade Großraumbüros entwickeln sich zu Virenschleudern. Präsentismus heißt das Phänomen, wenn Beschäftigte krank im Büro erscheinen. (…) Dass Betriebe wie Daimler ihren Mitarbeitern eine jährliche Gesundheitsprämie zahlen, wenn sie sich keinen Tag krank gemeldet haben, verschärft das Dilemma des Präsentismus eher noch. Dabei ist eigentlich offenkundig: Wer sich ein oder zwei Tage auskuriert, kann danach wieder richtig durchstarten und ist viel leistungsfähiger, als wenn er sich tagelang mit Schniefnase ins Büro quält…“ Beitrag beim Betriebsratsinfo des Bund-Verlags vom 21. Januar 2018
- Mit Anwesenheitsboni gegen den Krankenstand: Unternehmerischer Einsatz für einen gerechten Lohn für ein gerechtes Tagewerk
„… Seit Anfang des Jahres können Arbeitskräfte bei Daimler und Amazon ihren Lohn aufbessern, wenn sie sich selten bzw. überhaupt nicht krankmelden; wer nur wenige Krankheitstage über das Jahr zusammenbringt, dem stellen die Arbeitgeber Bonuszahlungen in Aussicht. Die progressive Geschäftsmaßnahme der Unternehmen nimmt die Öffentlichkeit hinsichtlich ihrer (zu erwartenden) Wirkungen mit fachkundigen Bedenken zur Kenntnis und findet sie mehrheitlich etwas anrüchig, kennt aber einen respektablen Grund, weshalb sie dann doch in Ordnung geht: „‚Wer Angst um seinen Job hat, schleppt sich gelegentlich auch mal mit einer Erkältung ins Büro‘, sagt Dennis Nowak, Arbeitsmediziner an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Präsentismus nennen es die Ärzte, wenn Arbeitnehmer trotz Krankheit ins Büro gehen. Dass der Stuttgarter Autobauer Daimler kürzlich ankündigte, seinen Mitarbeitern einen Bonus zu bezahlen, wenn sie gar nicht oder nur selten krank sind, sei ein fatales Signal, sagt Nowak. Insgesamt ist der volkswirtschaftliche Schaden durch kranke Angestellte aber erheblich. (…) Wenn sie den Krankenstand an ihrem Ideal einer nimmerkranken Arbeiterschaft misst, auf die Deutschlands Unternehmerschaft Anspruch hat, kommt ihr die fiktive volkswirtschaftliche Verlustrechnung der Bundesanstalt mit ihren großen Zahlen gerade recht – sie bebildert damit sich und ihrer Leserschaft die Dimension ‚unseres Problems‘ mit kränklichen Arbeitnehmern, an dem sich zuvor zitierte Bedenken gegen fragwürdige Geschäftsmaßnahmen gründlich relativieren. Der unternehmerische Standpunkt, der so zum Gemeinwohl der deutschen Volkswirtschaft geadelt wird, steht ganz in der Tradition jenes ehernen Grundsatzes der Lohnarbeit, wonach Unternehmer Geld für Arbeit bezahlen und damit das Recht auf ihre geldwerten Leistungen erwerben; ein Rechtsverhältnis, dem alle persönlichen und sachlichen Notwendigkeiten der Arbeitskraft, über die so verfügt wird, äußerlich sind; ein Verhältnis also, kraft dessen Unternehmer gegen die Notwendigkeiten und Bedürfnisse der Arbeitskräfte, die darin ihre Einkommensquelle haben, ihren Anspruch auf deren ausgiebige Betätigung geltend machen, sie also großzügig für ihren Gewinn verschleißen…“ Beitrag aus der Zeitschrift Gegenstandpunkt 4-17
- [Präsentismus] Krank zur Arbeit: Warum Sie das nicht tun sollten
„Ob aus Pflichtgefühl oder aus Angst: Trotz Krankheit zu arbeiten ist ein Massenphänomen. Damit schaden sich die Betroffenen mehr, als sie denken. Und selbst die Arbeitgeber haben nichts davon. Millionen Menschen in Deutschland tun es. Sie gehen krank zur Arbeit. Eine repräsentative Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeigt: Zwei Drittel aller abhängig Beschäftigten sind 2015 mindestens einmal krank im Betrieb erschienen. Fast die Hälfte hat sich sogar eine Woche oder länger zur Arbeit geschleppt, obwohl sie sich „richtig krank“ fühlten. Andere Untersuchungen bestätigen diese Ergebnisse. Für das Phänomen gibt es einen Fachbegriff: „Präsentismus“. Menschen sind am Arbeitsplatz präsent, obwohl sie eigentlich im Bett liegen sollten. Doch warum tun sie das?…“ Themenbeitrag der IG Metall vom 9. Januar 2017
– dies zeigt jedoch mal wieder auch, wie wichtig eine gewerkschaftliche Debatte darüber ist, was dem Phänomen des „Präsentismus“ zugrunde liegt: Die objektive Verknüpfung von Existenzsicherung und Existenzgestaltung mit dem Warencharakter der Arbeit. - Gut zwei Drittel gehen krank zur Arbeit
„Das ist krank: 68 Prozent der deutschen Beschäftigten sind im vergangenen Jahr trotz Infekt zur Arbeit gegangen. Der Grund dafür ist häufig Angst. (…) Bei einem Tag ist es dann aber oft nicht geblieben: Im Durchschnitt haben diese Kollegen während eines Jahres 12,1 Tage krank gearbeitet. Fast die Hälfte (47 Prozent) quälte sich eine Woche oder länger. Und 14 Prozent brachten sogar über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen ihre Bazillen mit zur Arbeit. (…) Unter Präsentismus leiden vor allem die Befragten, die von einer schlechten Betriebskultur in ihrer Firma berichten. Das gilt vor allem für diejenigen, die für längere Zeiträume krank arbeiten. Ähnlich wirkt sich Arbeitsverdichtung aus. (…) Eine Gruppe unter den Krankarbeitern ist auffällig groß, nämlich Menschen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen…“ Artikel von Matthias Kaufmann vom 8. April 2016 im Spiegel online 
Siehe u.a. auch:
Als Mag Wompel um 2000 herum die Finanzierung einer entsprechenden Untersuchung suchte, wurde das Phänomen von allen angesprochenen Institutionen verneint…