Stressdiagnosen auf dem Höchststand: Warum modernes Arbeiten erschöpfen kann
„Berufstätige sind im vergangenen Jahr so häufig wie noch nie wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen im Job ausgefallen: Laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse kamen 2025 aufgrund dieser Diagnose knapp 119 Krankentage auf 100 Versicherte. (…) Und nicht nur das: Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen können die Vorstufe einer Depression sein. 2025 waren sie die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und der dritthäufigste Krankschreibungsgrund überhaupt. (…) Neben privaten sowie gängigen beruflichen Stressoren wie etwa einem zu hohen Arbeitspensum und ständigen Überstunden, einem geringen Gehalt und Existenzängsten oder Konflikten mit Kolleg:innen und Vorgesetzten misst KKH-Ärztin Aileen Könitz der modernen Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone ebenfalls eine Rolle zu...“ Pressemitteilung der KKH Kaufmännische Krankenkasse vom 03.08.2026
und mehr dazu:
- Der Ursprung des Leids: Psychische Erkrankungen sind eine Klassenfrage. Manche können es sich leisten, sich um sich selbst zu kümmern. Andere sterben auf der Straße.
„Die Zahl seelischer Leiden nimmt zu. Im öffentlichen Raum ist sichtbar, dass in Berlin viele »psychisch auffällige« Menschen leben. Ihre Zahl dürfte weit höher sein, als im Stadtbild zu erkennen ist. Bei psychischen Erkrankungen zeigen sich soziale Unterschiede in erheblichem Maß. Es handelt sich auch um eine Klassenfrage: Bestimmte gesundheitliche Probleme werden gesellschaftlich respektiert, andere nicht. Die einen Betroffenen leben finanziell abgesichert, die anderen sterben buchstäblich auf der Straße. (…)
Die Situation für psychisch erkrankte und arme Menschen in Berlin verschärft sich. Sozialabbau und ein katastrophaler Wohnungsmarkt sorgen dafür. Die multiplen Krisen stressen zwar viele Menschen. Allerdings zeigten Analysen, »dass sozial benachteiligte Personen auch in Krisenzeiten anfälliger für eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit sind«, schreibt der Paritätische Wohlfahrtsverband. (…) Das psychische Leiden wird individualisiert und privatisiert, dabei ist seine Ursache strukturell. Die soziale Schieflage bestimmt die individuellen Möglichkeiten, die psychischen Belastungen überwinden oder wenigstens lindern zu können. (…)
Immer mehr Menschen lassen sich diagnostizieren, was vor allem mit der Erschöpfung in einer stressigen Arbeitswelt zusammenhängt. Laut Datenanalyse der AOK-Nordost nimmt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme in Berlin zu: Sie verursachen im Schnitt rund 25 Krankheitstage pro Fall. Rund 439.000 Menschen leben in Berlin mit der Diagnose Depression. Hier gibt es unterschiedliche Schweregrade – von der schweren Depression bis zu leichten depressiven Verstimmungszuständen. Eine Diagnose schaffe Erleichterung, verdiene Verständnis und erkenne den Zustand der Leistungsunfähigkeit an, »für den es in neoliberalen Gesellschaften außerhalb von pathologisierten Kategorien keinen legitimen Platz gibt«, schreibt Laura Wiesböck in ihrem 2025 erschienenen Buch »Digitale Diagnosen«. (…)
»Sich mit ADHS zu identifizieren, mag ein Befreiungsschlag sein in einer Welt, die den Müßiggang zum Feind erklärt und den Individuen eine ständige Disziplinierung abverlangt«, so Theo Parkers überzeugende These aus dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch »Alles auf einmal, und zwar jetzt!«. Aber die Rechnung gehe nicht auf, Selbstoptimierung und Selbstsabotage seien schließlich zwei Seiten derselben Medaille. Nach Ansicht des Autors sollten die Betroffenen die Leistungsansprüche an sich selbst überdenken, statt »fortwährend an der eigenen Verwertbarkeit zu schrauben«. Aber es ist schwer, dem allgemeinen Produktivitätsdruck zu entwischen. Die Miete muss schließlich bezahlt werden. In Berlin hat man die Verelendung auf der Straße immer vor Augen. Und das macht Angst.“ Artikel von Anne Seeck vom 10. September 2026 in Neues Deutschland online
- Arbeitsunfähigkeit mit psychischer Krise: Immer mehr unter 30-Jährige betroffen
„Rehakliniken berichten von mehr jungen Patientinnen und Patienten, die wegen psychischer Probleme in die Erwerbsminderungsrente rutschen. Was helfen könnte
Vor zwei Jahrzehnten war der Durchschnittspatient von Achim Schäffner Mitte bis Ende 50 und psychisch so erkrankt, dass ein Aufenthalt in einer Rehaklinik nötig war. In aller Regel gelang danach die berufliche Rückkehr. Das sei inzwischen nicht mehr so, berichtet der Oberarzt des Reha-Zentrums in Bad Dürrheim. Sehr junge Patienten habe er derzeit zu rehabilitieren, viele landeten in der Erwerbsminderungsrente. Laut noch unveröffentlichten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegen, erhielten im vergangenen Jahr knapp 176.000 Menschen eine solche staatliche Zahlung für jene, die gar nicht oder sehr eingeschränkt arbeiten können. Das sind vier Prozent mehr als im Schnitt der vorangegangenen zehn Jahre. In Bad Dürrheim werden Menschen behandelt, die etwa wegen einer Depression nicht arbeiten können. Das betrifft laut Schäffner zunehmend Jüngere: „Über 35 unserer 175 Betten sind derzeit mit Patienten unter 30 Jahren belegt.“ (…)
Dass so viele Menschen wegen psychischer Erkrankungen in die Rente rutschen, verwundert Ivon Ames nicht. Die Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen macht auf hohe Arbeitsanforderungen und Zeitdruck aufmerksam. Hinzu kämen geringe Entscheidungsspielräume, Konflikte und überlange Arbeitszeiten. All dies erhöhe das Risiko, seelisch zu erkranken, sagt sie: „Die gleichen ungünstigen Bedingungen können den Wiedereinstieg nach einer psychischen Erkrankung erheblich erschweren.“ (…) Die Psychologin fordert ein verbindliches, qualitätsgesichertes BEM mit individuell angepassten Aufgaben, Arbeitszeiten und Anforderungen: „Führungskräfte müssen dafür qualifiziert werden.“ (…) „Unsere Untersuchungen zeigen, dass psychische Krisen häufig schleichend verlaufen und im betrieblichen Alltag oft erst spät wahrgenommen werden“, sagt Deimel. Beim BEM müsse erörtert werden, was zur Überforderung geführt hatte, appelliert auch sie. Betriebe, die systematisch so vorgehen, könnten Maßnahmen entwickeln, um psychische Krisen zu reduzieren.“ epd-Beitrag vom 22. August 2026 in der taz online
- Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse: Arbeitnehmer:innen sind gestresst wie nie
„Mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeiten können auch belastend sein. Laut KKH sind Beschäftigte 2025 so häufig wie noch nie stressbedingt ausgefallen. Stress am Arbeitsplatz hinterlässt immer häufiger gesundheitliche Spuren. Noch nie seien unter den versicherten Berufstätigen der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) so häufig akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen diagnostiziert worden wie im vergangenen Jahr, teilte die Kasse am Sonntag in Hannover mit. Demnach entfielen knapp 119 Krankentage je 100 Versicherte auf diese Diagnose. Im Jahr zuvor seien es rund 112 Tage gewesen, zu Beginn der KKH-Analyse 2017 nur etwa 66 Tage. Das entspreche binnen acht Jahren einem Anstieg um fast 80 Prozent. Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen könnten Vorstufen einer Depression sein, warnte die Kasse. Sie seien 2025 die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und insgesamt der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen nach Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen. (…) Laut der KKH-Ärztin Aileen Könitz kann die moderne Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone zusätzlichen Druck erzeugen. Mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität bedeuteten nicht automatisch Entlastung, sondern könnten zu dauerhaftem Stress führen, wenn klare Grenzen fehlten. Auch die sogenannte Arbeitszeitfragmentierung habe Vor- und Nachteile. Die Unterteilung des Arbeitstages könne einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern. Andererseits erhöhten häufige Wechsel zwischen Arbeit und Freizeit sowie Arbeitszeiten am Abend den Zeit- und Leistungsdruck. Zu kurze Ruhezeiten begünstigten langfristig Belastungsreaktionen, chronische Erschöpfung oder einen Burnout.“ Meldung vom 3. August 2026 in der taz online
Siehe zum Thema die gesamte Rubrik Stress und psychische Belastungen