»Millionen sind stärker als Millionäre«: Für eine antimilitaristische und nachhaltige Orientierung der IG-Metall-Industriepolitik
Dossier
„Die Industriekonferenz der IG Metall (IGM) Mitte September markierte einen wichtigen Moment der gewerkschaftlichen Selbstverständigung. Vor über 250 Betriebsräten, Gewerkschaftern, Politikern und Wissenschaftlern haben die beiden Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft, Christiane Benner und Jürgen Kerner, die Bedeutung industrieller Arbeit für Wohlstand, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt betont. Benner erinnerte daran, dass »Millionen stärker sind als Millionäre«, und forderte eine Industriepolitik mit Gestaltungsanspruch, finanziert durch höhere Steuern für Vermögende. Kerner wiederum hob hervor, dass die Zukunft von Industriearbeit eine Frage des politischen Willens sei: Standort- und Beschäftigungssicherung, Tarifbindung und Investitionen in erneuerbare Energieträger gehörten zu den Stellschrauben für »gute Arbeit«. (…) Die Botschaften von Benner und Kerner sind klar: Industriearbeit gilt als systemrelevant, sie soll erhalten und erneuert werden. Doch die entscheidende Leerstelle bleibt die Frage der Militarisierung…“ Artikel von Andreas Buderus in der jungen Welt vom 9. Oktober 2025
und mehr daraus/dazu:
- Aufrüstung und Repression: Notstand der Demokratie! Militarisierung frisst Mitbestimmung und Gewerkschaften!
„Kann die Gewerkschaft die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter vertreten, ohne sich der Militarisierung zu widersetzen? Verantwortung für Menschen- und Völkerrecht! In vielen Städten unseres Landes sind Menschen und Initiativen dabei, für Frieden und Abrüstung zu kämpfen, Sand ins Getriebe der Militarisierung zu werfen (…)Im Gesprächskreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben wir uns mit der Studie beschäftigt, in der untersucht wird, wie betroffene Beschäftigte, Betriebsrät*innen und Gewerkschafter*innen diese „umgekehrte Konversion“ vom Auto zum Truppentransporter erleben. Der Umbau auf Rüstungsproduktion wird vor allem dann akzeptiert, wenn erwartet wird, dass dadurch „gute Arbeit“ erhalten werden kann, d.h. „Tarifbindung […], Mitbestimmung [und] Beschäftigungs- oder Standortgarantien“. Hierfür setzt sich die IG Metall in Fällen umgekehrter Rüstungskonversion ein. (…) „Wir wissen aber natürlich auch, dass am Ende [Rüstungsgüter] gefertigt werden – egal wo – und dann […] doch lieber unter dem Einfluss der Mitbestimmungsstrukturen, so wie wir sie haben, dass wir auch Einfluss auf die Arbeitsbedingungen haben“. Letztlich ist also ein Zwangsarrangement zu beobachten: Vor dem Hintergrund der Krise wird mürrisch auf eine Organisierung und Tarifierung der Rüstungsindustrie gesetzt. (…) Aus all dem ergibt sich die Frage: Können die Gewerkschaften die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter vertreten, ohne sich der Militarisierung zu widersetzen? Die immensen Kosten der Militarisierung fehlen in der Bildung, bei Pflege und Gesundheit, bei der Rente und beim öffentlichen Verkehr. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Aber auch rein rechtlich werden Betriebsräten und Gewerkschaften sehr enge Grenzen gesetzt. Dazu lohnt ein Blick in die Gesetze und ein zweiter Blick in die Praxis. (…)
Das Sicherheitsüberprüfungsgesetz (SÜG) wurde 1994, als wir alle dachten, es gäbe noch eine „Friedensdividende“ nach der Auflösung des Warschauer Paktes, durch den Bundestag beschlossen. Es gilt, anders als das Arbeitssicherstellungsgesetz, unabhängig von der Ausrufung des Spannungsfalles – also permanent, vor allem jetzt in Zeiten von Hochrüstung und der Erprobung von militärisch-ziviler Zusammenarbeit wie bei den Manövern von Red Storm in den letzten drei Jahren in Hamburg. (…)
Wenn wir uns die Praxis ansehen, bleibt von der „Mitbestimmung“ fast nichts übrig. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter im Volkswagenwerk in Osnabrück bedeutet das folgendes: Waren dort 2025 noch 2.300 Personen beschäftigt, so sind es im Herbst 2026 nur noch 1.800. Nur ein Teil davon soll eine Weiterbeschäftigung bis zur Zielgröße von 1.200 für den Betriebsübergang zum neuen Unternehmen von Aurelius und dem Land Niedersachsen bekommen. Davor steht allerdings noch, wie die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo im Gespräch mit der NOZ am 7.9.2026 bestätigte, die jeweils individuelle Sicherheitsüberprüfung, die linke und aktive Gewerkschafter*innen so wenig bestehen werden wie Kolleg*innen mit familiären Hintergründen in Russland, Nordafrika oder Westasien. Die Mitbestimmung des Betriebsrates bei personellen Angelegenheiten einschließlich personeller Einzelmaßnahmen wird praktisch außer Kraft gesetzt – auch bei dem Verleih von Audi-Beschäftigten zu Airbus, MBDA, Diehl oder KNDS. (…) Im Zweifel, wenn mit diesen Waffen, wie in allen aktuellen Kriegen, Kriegsverbrechen begangen werden, sind die Manager dieser Fabriken mitschuldig an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sitzen mit auf der Anklagebank des Strafgerichtshofes – und Gewerkschafter*innen und Betriebsräte haben dem nicht laut und deutlich widersprochen….“ Beitrag von Stephan Krull vom 7. Oktober 2026 auf seiner Homepage
- Konsens über Militarisierung. Die IG Metall übernimmt militaristische Logik und schadet damit ihren Mitgliedern
„Dass die Industriegewerkschaft Metall (IGM) ihren Auftritt am 1. Mai in München organisiert hat und dort ihre Vorsitzende Christiane Benner sprechen ließ, ist kein Zufall, sondern ein politisches Signal. München ist einer der zentralen Standorte der deutschen Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Konzerne wie Airbus Defence and Space oder Hensoldt stehen dort beispielhaft für eine Industrie und für Standorte, die sich längst auf die Logik der Militarisierung eingelassen und den Krieg implizit zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Wer hier am 1. Mai spricht und zur Aufrüstung keine klare Gegenposition formuliert, stellt sich faktisch auf die Seite dieser Entwicklung.
In den gewerkschaftlichen Reden dominieren Begriffe wie »Transformation«, »Innovation« und »industrielle Zukunft«. Allesamt sind diese Begriffe keine neutrale Beschreibung, sondern Instrumente der ideologischen Begleitmusik. Die Umstrukturierung der Industrie wird als Fortschritt verkauft, ihr wachsender militärischer Charakter ausgeblendet – oder gar unterschlagen. Von sicherheitspolitischen Prioritäten dominierte staatliche Programme, etwa die Entwicklung von Dual-Use-Technologien, treiben diese Entwicklung voran. Die entscheidende Frage, für welchen Zweck und für wessen Interessen produziert wird, stellen nur noch wenige. (…)
Die arbeitende Klasse produziert nicht nur ihre Mittel, sie soll im Zweifel auch selbst in den Krieg ziehen. Bei einer Gewerkschaft, die die Interessen dieser Klasse ernsthaft vertritt, müsste genau dieser Zusammenhang im Zentrum stehen. Sie müsste klarmachen, dass es in einer aufrüstenden Ökonomie keinen neutralen Standort gibt, dass Arbeitsplätze nicht losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Funktion existieren und dass Aufrüstung nicht Sicherheit bedeutet, sondern Eskalation. Die IGM tut das nicht. Sie bleibt im Rahmen der Sozialpartnerschaft und begünstigt damit, dass Wirtschaftswachstum, sofern es sich überhaupt einstellen sollte, zusehends militärisch gekapert wird. Sie stabilisiert so genau die Entwicklung, die sie eigentlich bekämpfen müsste…“ Artikel von Tom Biebl in der jungen Welt vom 11.05.2026
- Siehe auch das Dossier: 1. Mai 2026: Unser Leben statt eure Profite – gegen Aufrüstung und Krieg!
- Weiter aus dem Artikel von Andreas Buderus in der jungen Welt vom 9. Oktober 2025
: „… Die IG Metall ist nicht irgendeine Organisation. Mit immer noch knapp zwei Millionen Mitgliedern, tiefer Verankerung in den Schlüsselindustrien und einer stolzen Geschichte antifaschistischer und antimilitaristischer Kämpfe trägt sie eine Verantwortung, die weit über Tarifpolitik hinausreicht. Ihre Satzung verpflichtet sie ausdrücklich zu Frieden, Völkerverständigung, Abrüstung und Vergesellschaftung. Genau daran muss sie sich messen lassen. (…) Anstatt ihre reale Organisationsmacht und das enorme Spezialistenwissen der Mitglieder und Betriebsräte zu nutzen, beschränkt sich die IG-Metall-Führung aktuell noch darauf, die Militarisierung zu verwalten. Kerner sprach auf der Handelsblatt-Tagung »Wirtschaftsfaktor Rüstung« – ausgerechnet am 1. September, dem Antikriegstag! – über Zertifizierungsverfahren, die Unternehmen beim Einstieg in die Waffenproduktion zu beachten hätten. Nicht die Frage »Wie stoppen wir diese Entwicklung?« sondern »Wie begleiten wir sie?« stand im Zentrum. Diese Haltung markiert einen Rückschritt hinter die eigene Geschichte. In den 1980er Jahren formulierte die IG Metall klare Positionen gegen die Militarisierung. Noch bis in die frühen 2000er Jahre hinein war die Orientierung eindeutig: Rüstung schafft keine Zukunft, Konversion ist notwendig. Damals wie heute gilt: Wer meint, im herrschenden kapitalistischen System einen »sozialen Frieden« um den Preis von Kriegsproduktion erkaufen zu können, landet am Ende wieder bei Krieg, Zerstörung und Tod. Die IG Metall muss sich entscheiden: zwischen ihrer Satzung und einem verordnetem »There is no alternative!«. Zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und den erneuten nationalistischen Sirenengesängen der Kriegstreiber. Zwischen Frieden und Krieg. Will sie zum verlängerten Arm des Rüstungsbooms werden – oder knüpft sie an ihre eigenen Satzungsziele an, die eine klare antimilitaristische Orientierung verlangen? Darum muss der Appell lauten: IG Metall, nimm deine eigenen Ansprüche ernst! Keine Anpassung an die Kriegslogik, keine Nebelkerzensteuer, kein Burgfrieden. Statt dessen: antimilitaristische Klassenpolitik, vergesellschaftete Industriepolitik, sozial-ökologische Konversion.“