Wer z.B. aus Indonesien zur Ausbildung in die BRD kommt: Lernt. Was Ausbeutung ist.
Dossier
„Deutsche Betriebe beuten oftmals Auszubildende aus, die aus ärmeren Ländern wie Indonesien kommen. Besonders häufig geraten junge Arbeitskräfte, denen Agenturen eine Stelle vermittelt haben, in Zwangsverhältnisse. In Indonesien findet Angaben der Weltbank zufolge etwa einer von sechs jungen Menschen keine Arbeit, ganz zu schweigen von einem guten Arbeitsplatz. Viele hegen daher den Wunsch, ihre Qualifikationen mit einer Ausbildung im Ausland zu erhöhen oder diese als Möglichkeit für die Auswanderung zu nutzen. Hierzulande kommt das Branchen mit traditionell niedrigen Gehältern, eher schlechten Karrierechancen und hartem Arbeitsalltag gelegen. Dazu zählen unter anderem die Gastronomie, Hotellerie und der Pflegesektor…“ aus dem Bericht „Ausgebeutet statt ausgebildet“ von Sabri Deniz Martin am 02. Januar 2020 in der jungle world
über die Erfahrungen junger Menschen aus Indonesien, die zur Ausbildung in die BRD gekommen sind und mehr daraus/dazu:
- Im Angebot: Ausländische Auszubildende. Das Geschäft mit der Hoffnung auf eine gute Ausbildung
„»Sie haben eine vakante Ausbildungsstelle, aber finden keine geeignete Nachwuchskraft? Die duale Berufsausbildung in Deutschland genießt im Ausland ein großes Ansehen, so dass auch das Interesse junger Menschen aus dem Ausland (…) an einer dualen Ausbildung in Deutschland groß ist.« Mit diesen Worten richtet sich das Portal der Bundesregierung zur Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland an Arbeitgeber und empfiehlt ihnen, sich auch im Ausland um Auszubildende zu bemühen. Diesem Aufruf folgen immer mehr Betriebe und sichern sich die Arbeitskraft von jungen Menschen aus dem Ausland, vor allem aus südostasiatischen und nordafrikanischen Ländern. (…) Die entstehenden Kosten sind für die meisten jungen Menschen nicht ohne die Aufnahme von Krediten machbar. Sie begeben sich bereits vor der Abreise in eine Situation, in der ein Scheitern der Ausbildung ein existenzielles Risiko darstellt. Entsprechend groß ist oft ihr Wille, um jeden Preis durchzuhalten. Zu den Schulden kommt die Gefahr, Opfer krimineller Seilschaften zu werden…“ Artikel von Josef Kraftin express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit – Ausgabe 8/2025 – Josef Kraft ist Landesbezirksjugendsekretär des Landesbezirks Südwest der NGG
- In der Schuldenfalle: In Berlin machen rund 1.600 Vietnamesen eine Ausbildung – meist für Jobs im Niedriglohnsektor. Viele rutschen unmittelbar in Ausbeutungsverhältnisse
„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen: Die Aussage des Schriftstellers Max Frisch bezog sich 1965 auf die Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern. Sie gilt auch heute noch. Die Berliner Wirtschaft hat ein riesiges Fachkräfteproblem. (…) Einer der Wege, um die Lücke zu schließen, ist es, Auszubildende aus dem Ausland anzuwerben. (…) Nga Ho* ist eine der aktuell rund 1.600 Berliner Auszubildenden mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit. Die 23-Jährige lernt den Beruf der Altenpflegerin. Sie stammt aus der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, hat Abitur, spricht fließend Englisch, Chinesisch und respektabel Deutsch, vor ihrer Ausreise aus Vietnam ein Anglistikstudium begonnen und mehrere Musikinstrumente erlernt. (…) Den Auszubildenden aus prekären Verhältnissen bleibt häufig nur ein Weg, um die Gebühren zu bezahlen: Sie müssen sich verschulden. Diese Schulden und die Last, sie zurückzuzahlen, seien letztlich auch der Grund, warum sie nicht ausreichend Zeit ins Deutschlernen investieren, heißt es aus der Community. Hinzu kommt, dass es auch andere Wege gibt, um zu einem Zertifikat B1 zu kommen. Auch in Vietnam blüht die Korruption, wer es sich leisten kann oder muss, kann sich das Zeugnis und damit die Eintrittskarte für Deutschland auch kaufen. (…) Klar ist: Die Abhängigkeit von den Vermittlungsagenturen treibt Vietnamesen in Ausbeutungsverhältnisse. Bei einer Anhörung im zuständigen Fachausschuss des Abgeordnetenhauses im Mai wurde von Fällen berichtet, wo Betroffene deutlich mehr Stunden im Ausbildungsbetrieb ableisten mussten als zugelassen. Die Wohnverhältnisse, hieß es, seien häufig prekär. Für ein Bett in einem Schlafsaal, oft ohne Tisch zum Lernen, würden mehrere Hundert Euro fällig. (…) Doch das Problem liegt sehr viel tiefer: Wenn in Deutschland von Auszubildenden für Berufe im Niedriglohnsektor wie Nga Ho und vielen ihrer Landsleute verlangt wird, dass sie für alle Kosten vom Sprachkurs bis zum Flug selbst aufkommen, dann ist die Verschuldung, die Abhängigkeit von den Geldgebern und manchmal auch von kriminellen Strukturen programmiert. Zum Ausbildungserfolg führt das dann eher selten. (…) Doch während Deutschland die einen abschieben lässt, holt es die anderen ins Land. (…) Nur ist auch das Aufenthaltsrecht der Azubis an die Ausbildung gekoppelt. Beenden sie diese nicht erfolgreich, tauchen sie oft in die Illegalität unter. Oder sie suchen den Ausweg in einem Kind von einem deutschen Mann oder Scheinvater, um dennoch bleiben zu können…“ Artikel von Marina Mai vom 15. August 2025 in der taz online - Von Anwerbung über Ausbildung bis Ausbeutung: Immer mehr Betriebe suchen Azubis im Ausland – oft mithilfe privater Vermittlungsfirmen
„Für die Azubis bedeutet das häufig: Schulden und Ausbeutung
»Das Ausbildungssystem in Deutschland ist ein Erfolgsmodell.« So steht es auf der Webseite des Bundeswirtschaftsministeriums. Und: »Da die deutsche Wirtschaft gut ausgebildete Fachkräfte braucht, sind Karrieren mit beruflicher Ausbildung so aussichtsreich wie nie.« (…) In den vergangenen Jahren hat sich im Zuge der Fachkräfteanwerbung ein regelrechter Run auf junge Menschen entwickelt, um sie für eine Berufsausbildung in Deutschland zu motivieren. Unternehmen aller Branchen, vor allem aber solcher mit niedrigen Löhnen und harten Arbeitsbedingungen wie das Hotel- und Gastgewerbe, suchen in Vietnam, Marokko, Indien und anderen Ländern nach Azubis. Entsprechend steigt die Zahl derer, die mit einem Aufenthaltstitel zur Berufsausbildung in Deutschland leben: Das sind jene, die sich aus Ländern außerhalb der Europäischen Union auf eine Ausbildung in Deutschland beworben haben. Etwa 34 000 waren es Ende 2022, Ende März 2025 bereits 55 000.
Um an den begehrten Nachwuchs zu kommen, schließen Bund und Länder zahlreiche Partnerschaften mit Drittstaaten ab. Um den wachsenden Bedarf an Azubis zu decken, reichen die Programme mit Namen wie Apal (Ausbildungspartnerschaften mit Lateinamerika) oder Mazubi (Azubis aus Marokko) allerdings nicht aus. So ist im Windschatten dieser Initiativen ein wachsender Markt privater Vermittlungsagenturen entstanden. Eine Zertifizierungspflicht gibt es für sie in Deutschland nicht, im Grunde kann jeder eine Agentur eröffnen. Das Versprechen: dafür zu sorgen, dass ausbildungswillige Unternehmen und potenzielle Azubis aus dem Ausland zueinander finden, und diese nach Deutschland zu bringen.
Diese Dienste sind nicht kostenlos. Viele Agenturen lassen sich von den Betrieben für ein »Full-Service-Paket« – Kandidat*innensuche, Vermittlung, Sprachkurs, Sprachzertifikat, Visum, Flug – bezahlen. Dabei legen die Vermittler und/oder – wie im Fall von Vu – die Ausbildungsbetriebe häufig Kosten auf die Azubis um. Für die reine Vermittlung eines Ausbildungsplatzes darf in Deutschland kein Geld von Azubis verlangt werden – in den Heimatländern aber, etwa in Vietnam, bezahlen die Familien der jungen Menschen oft fünfstellige Beträge für eine Lehrstelle in der Bundesrepublik. Hat eine Agentur ihren Sitz dort, ist das nicht illegal…“ Artikel von Jan Ole Arps, Paul Dziedzic und Nelli Tügel vom 10.07.2025 in ND online - Ausgebeutet statt ausgebildet
Weiter aus dem Bericht von Sabri Deniz Martin am 02. Januar 2020 in der jungle world: „… Buana, eine indonesische Auszubildende in der Hotellerie, hat über eine solche Agentur ihre Stelle gefunden. Sie berichtet im Gespräch mit der Jungle World: »Die Agenturen verkaufen meistens Gesamtpakete. Sie kümmern sich um das Visum und um die Ausbildungsstelle. Für das Visum braucht man eine Sprachzertifizierung.« Frühere Arbeitserfahrungen seien nicht nötig, aber man müsse einen Schulabschluss haben. »Abhängig vom Umfang kostet das Ganze dann zwischen 300 Euro und 2 500 Euro. Dazu kommen die Flugtickets. Dafür nehmen die Agenturen immer einen Aufschlag, also beispielsweise 800 Euro statt des tatsächlichen Preises von 500 Euro. Selbst kaufen darf man sich die Tickets aus Vertragsgründen nicht.« Eine Agentur hat auch Bentain*, der ebenfalls eine Lehre in der Hotellerie absolviert, einen Platz vermittelt…“