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Nicht nur in der zweitgrößten Stadt des Libanon: Der Aufstand der Armen soll zusammen geschossen werden

Auch bei den Protesten im Libanon spielen die Frauen eine zentrale Rolle, hier im November 2019 in BeirutEinst galt der Libanon – die erste sogenannte Dienstleistungsökonomie des Nahen Ostens – als ein Land, wohin man fuhr, wenn genügend Geld da war, um sich medizinisch betreuen zu lassen. Wegen gut ausgestatteter Krankenhäuser und gut ausgebildetem Personal. Lang ist es her, denn die jahrelange Krise hat beides verändert – und die grundlegenden Strukturen ebenfalls. Die Situation im Gesundheitswesen angesichts der Epidemie war ein wesentlicher Grund für den heftigsten Lockdown, der in einem Land der Region bisher verhängt wurde – der vom 14. Januar bis zum 8. Februar (ursprünglich bis zum 25. Januar, inzwischen verlängert) andauern soll. Wie sehr sich der Libanon in der kapitalistischen Krise verändert hat, zeigen bereits UNO-Statistiken, denen zufolge über die Hälfte der Menschen im Libanon heute unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben müssen. Wenn dann die Regierung – im Unterschied zu den vorherigen Malen – einen Lockdown verhängt, ohne irgendetwas über finanzielle Unterstützung für die Menschen zu beschließen oder auch nur zu sagen, ist es naheliegend, genau das zu erwarten, was nun vor allem eben in Tripoli, längst aber auch schon in anderen Städten geschieht: Die Rebellion der Hungerleider. Die in Tripoli (arabisch: Trablus – in der Heimatsprache auch weniger zu verwechseln mit dem libyschen Tripolis, Tarablus) seit Tagen vor allem von den jüngeren Menschen der Stadt betrieben wird, mit ununterbrochenen militanten Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Und denen die Repressionsorgane dieser reaktionären Staatsmacht von Beginn an mit Gewalt begegnet sind – seit Mittwoch wird auch scharf geschossen, was alleine in dieser Nacht zu weit über 100 teilweise schwer Verletzten führte – und trotzdem die Proteste nicht beenden konnte. Siehe dazu eine kleine Materialsammlung vom 28. Januar 2021 über die aktuelle Entwicklung der Proteste nicht nur in Tripoli und einigen Beiträgen zu den Hintergründen, sowohl, was die Situation im Gesundheitswesen betrifft, als auch zur sozialen Lage der Protestierenden, insbesondere der massiven Erwerbslosigkeit

„Tripoli (Liban): émeutes de la faim contre le confinement“ am 27. Januar 2021 bei Sansnom externer Link ist ein chronologischer Bericht (mit Verweisen auf Meldungen in diversen Medien) über die Entwicklungen in Tripoli seit der ersten Protest-Nacht. Darin kommen auch eine Reihe der an den Protesten Teilnehmenden zu Wort, die ihre Situation beschreiben. Dies geschieht ausgehend von der Feststellung, dass noch beim letzten Lockdown 230.000 Haushalte im Libanon finanzielle Hilfen aus der Staatskasse bekamen, was ganz grob auf jede/n sechste/n im Libanon hinausläuft, wobei dieser Anteil in Tripoli deutlich höher ausfällt, als etwa in Beirut.

„Liban. À Tripoli, le confinement attise la colère sociale“ am 27. Januar 2021 bei Assawra externer Link meldet, dass es auch in mehreren Stadtteilen Beiruts, sowie in der Bekaa-Ebene und in Beddaoui und Saida Proteste gab, die in Auseinandersetzungen mit den Repressionskräften mündeten, dass aber die Auseinandersetzungen und Mobilisierung in Tripoli vor allem deswegen besonders intensiv seien, weil zum einen die Zahl der von Armut bedrohten Menschen hier besonders hoch ist und zum Anderen die örtlichen Instanzen zusätzlich besonders verschärfte Ausgangsbedingungen verkündet hatten.

Den 3. Tag in Folge kommt es in Tripoli zu Blockaden und Protesten gegen die weiter schlchter werdenen Lebensbedingungen und die Beschränkungen. Der Protest hat sich auch auf andere Städte ausgeweitetam 27. Januar 2021 im Twitter-Kanal von Blxck Mosquito externer Link ist der Text zu einem aktuellen Videobericht über die Proteste in Tripoli.

Nouvelle journée de mobilisation à Tripoli au Liban contre la précarité et les mesures sanitaires imposant des fermetures sans aide du Gvt / les manifestants se trouvent place El Nour et installent des barricadesam 26. Januar 2021 im Twitter-Kanal von Charli externer Link war ursprünglich ein Videobericht von den ersten Protesten, in dessen darauf folgenden Thread aber auch zahlreiche genauere Informationen übermittelt werden – etwa, dass sich die Proteste auch gegen das Büro eines Abgeordneten der Hariri-Partei richten, der in der Stadt als an Saudi-Arabien orientiert gilt. Darin auch mehrere kurze Berichte über Konfrontationen mit der Polizei und der Armee, inklusive einer kleine Sammlung von Bildern brennender Autos…

Unbelievable amounts of gunfire across Tripoli tonight“ am 27. Januar 2021 im Twitter-Kanal von Gareth Browne externer Link ist ein Videobericht von der Armee in Tripoli, die das Feuer auf die Demonstrationen eröffnet. Im darauf folgenden Thread noch weitere kurze Videos dazu, sowie auch Bilder von mehreren Demonstrationen am selben Tag.

„Health care infrastructure under pressure“ von Nabil Makari am 31. Dezember 2020 bei Executive externer Link war – vor der Verhängung des Ausnahmezustands – ein ausführlicher Beitrag über einen der Gründe für die aktuellen Proteste, die Situation im Gesundheitswesen. Wo inzwischen im ganzen Land beinahe 92% der Bettenkapazitäten belegt sind, in Beirut sogar beinahe 99%. Und dazu ein kurzer Abriss der Reduzierung der Finanzierung des Gesundheitswesens durch die diversen Regierungen.

„Oxygen for sale: Covid-hit Lebanon running out of breath“ von Karem Cheyhajeb am 15. Januar 2021 im Middle East Eye externer Link berichtet von der wachsenden Zahl von privaten Käufern für Sauerstoffgeräte und Sauerstoff-Flaschen – die bei Preisen von bis zu 1.500 US Dollar sicher nicht für jene erschwinglich sind, die gegenwärtig etwa in Tripoli protestieren…

„Lebanese protest rise in poverty amid covid lockdown“ am 27. Januar 2021 beim Middle East Monitori externer Link ist ein Überblicksartikel über die aktuellen Proteste sowohl in Tripoli, als auch in anderen Städten des Libanon am Mittwochabend, wobei die Ausgangslage beschrieben wird durch zwei Zahlen: 6 Millionen Menschen leben im Libanon, 280.000 Corona-Kranke wurden bisher registriert.

„A year after Lebanon’s uprising: ‘There is power in our collective organisation’“ am 22. Dezember 2020 beim Mena Solidarity Network externer Link war ein Beitrag zum Jahrestag des Beginns der Proteste im Libanon im Oktober 2019, wobei für die aktuelle Entwicklung wichtig ist, dass darin mehrfach unterstrichen wird, dass es eben inzwischen relativ weit verbreitete Formen der Selbstorganisation des Protestes nicht nur in Beirut, sondern eben auch in Tripoli und anderen Städten des Libanon gebe, die eine gute Ausgangslage seien für kommende Proteste…

„Liban: plus de 220 blessés dans de nouveaux heurts entre manifestants et policiers“ am 28. Januar 2021 bei Assawra externer Link zieht am Donnerstag eine Bilanz der letzten Nacht in Tripoli mir rund 220 Verletzten, und verweist unter anderem darauf, dass gerade hier besonders viele Erwerbslose sich an den Protesten beteiligen, von denen in dem relativ kurzen Überblick auch einige mit ihren Gründen für den Protest zu Wort kommen.

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=185650
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