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Frauen unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan kämpfen für ihre Rechte
Dossier
Wie im Iran vermischt sich auch in Afghanistan der Widerstand von Frauen mit dem ethnischer Minderheiten und sozialen Problemen. Besonders die Gruppe der Hazaras wird von den Taliban verfolgt und ermordet. Darunter sind auch viele Frauen, die dem Regime Widerstand leisten wie Marzia und Hajar Mohammadi. Die beiden Freundinnen wurden am 30. September 2022 mit weiteren 60 vor allem Frauen und Mädchen durch ein Sprengstoffattentat auf ein Bildungszentrum für Frauen in Kabul ermordet. Das Selbstmordattentat löste Proteste von Frauen in ganz Afghanistan aus. Der Anschlag ereignete sich in Dasht-e Barchi, einem Gebiet in Kabul, das überwiegend von Angehörigen der schiitischen Hazara-Gemeinschaft bewohnt wird. Am 3. November 2022 hat die Taliban zudem eine Konferenz von Frauenrechtsaktivist:innen im gleichen Viertel gestürmt und u. a. Zarifa Yaqubi festgenommen. Wir wollen hier die Proteste sichtbar machen, die auch durch die aktuelle iranische Bewegung inspiriert werden, aber auch die Lebensbedingungen der Frauen und Mädchen schildern:
- Vor 5 Jahren haben Frauen in Afghanistan fast alle Rechte verloren, nun sind weibliche Journalistinnen und Verfechterinnen der Frauenrechte besonders im Visier der Taliban
- Afghanistan: Taliban lassen sechs Menschenrechtsaktivisten gewaltsam verschwinden. Stiftung für Rechtsforschung zur dringenden Befreiung von Frauen und Kindern
„Die Taliban-Behörden in Afghanistan haben sechs Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Women and Children Legal Research Foundation
(WCLRF) seit fast einem Monat gewaltsam verschwinden lassen, teilte Human Rights Watch heute mit.
Die Taliban haben keine Angaben zum Verbleib der Führungsspitze der Organisation gemacht, die am 18. Juli 2026 in Kabul festgenommen wurde. Die „Women and Children Legal Research Foundation“ führt Hilfsprogramme durch und betreibt Forschung und Interessenvertretung im Bereich der Frauen- und Kinderrechte. Die Taliban-Behörden sollten Familienangehörigen und Rechtsbeiständen den Besuch der Inhaftierten gestatten, und diese sollten unverzüglich freigelassen werden, sofern ihnen keine anerkannte Straftat zur Last gelegt wird. (…)
Am 21. Juni führten Sicherheitskräfte der Taliban eine Razzia im Büro der „Women and Children Legal Research Foundation“ in Kabul durch und beschlagnahmten Laptops und Mobiltelefone von Mitarbeitern. Eine gut informierte Quelle berichtete Human Rights Watch, dass die Sicherheitskräfte das Büro durchsuchten, es versiegelten und in den folgenden Wochen Mitarbeiter zu ihrer Arbeit befragten.
Am 18. Juli wiesen Taliban-Vertreter sechs männliche Mitarbeiter an, zum Büro der Organisation zurückzukehren, um ihre beschlagnahmten Geräte abzuholen. Stattdessen wurden alle sechs in Gewahrsam genommen. Angehörige der inhaftierten Männer gaben an, dass die Taliban-Vertreter keinerlei Informationen über ihren Verbleib, ihren Zustand oder etwaige gegen sie erhobene Vorwürfe bereitgestellt hätten.
„Ihre Familien leben in ständiger Angst und Unsicherheit“, sagte Zarqa Yaftali, die ehemalige Leiterin der Stiftung, die nun eine Schwesterorganisation in Kanada leitet. (…) Vertreter der Taliban haben keine Angaben zu den Gründen für diese Festnahmen gemacht. Allerdings haben sie schon seit langem weibliche Journalistinnen, Verfechterinnen der Frauenrechte und Frauen, die für ihre Rechte demonstrieren, ins Visier genommen. Viele von ihnen wurden willkürlich festgenommen und inhaftiert, sind gewaltsam verschwunden – manchmal wochenlang –, wurden unter missbräuchlichen Bedingungen festgehalten und gefoltert…“ engl. Pressemitteilung vom 13. August 2026 von Human Rights Watch
(maschinenübersetzt) - Ein Albtraum
„Am 15. August jährt sich die Rückkehr der Taliban an die Macht zum fünften Mal. Im Interview berichtet Chakawak Kawiani über den Tag, der Afghanistan und ihr Leben dramatisch verändert hat. Die 21-jährige Chakawak Kawiani kam im vergangenen Jahr mit ihrer Mutter und ihren drei jüngeren Brüdern über das Bundesaufnahmeprogramm aus Pakistan nach Deutschland. Ihre Mutter war Teil eines Untergrundnetzwerks in Kabul, das sich mit medico-Unterstützung für Frauenrechte einsetzte und dies noch immer tut. Als die Gefahr zu groß wurde, tauchte die Familie erst unter und floh dann nach Pakistan, wo sie fast eineinhalb Jahre in ständiger Sorge vor Razzien und der Ablehnung der deutschen Behörden auf die Ausreise wartete. medico unterstützte die Familie in dieser schwierigen Phase. Heute lebt Chakawak mit ihrer Familie im Rhein-Main-Gebiet und bereitet sich auf ein Studium vor…“ Interview von Imad Mustafa.vom 14.08.2026 bei medico
- Die Schicksale hinter den Zahlen
„Frauen und Mädchen haben nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan praktisch alle Rechte verloren. Vier Frauen erzählen davon…“ Artikel von Uwe Sattler vom 10.08.2026 in ND online
- Afghanistan: Mädchen ausgeschlossen, Jungen abgehängt
„… Als die Taliban vor fünf Jahren die Macht in Afghanistan übernahmen, war Schuldirektor Mohammed Osman klar, dass sich vieles verändern würde: Die Stundenpläne wurden angepasst, die Lehrer müssen nun Bärte tragen und die Bildungschancen für Mädchen sind geschwunden. Erst schlossen die neuen Machthaber die weiterführenden Schulen für Mädchen und dann ein knappes Jahr später auch die Universitäten. Dass auch die Bildung der Jungen massiv leiden würde, war weniger absehbar. Doch auch die sei immer härter von Einschnitten betroffen, sagt Osman. Völlig unterfinanziert sei das Bildungswesen, sagt der Schulleiter, der eigentlich anders heißt, aber seinen echten Namen nicht genannt haben will. (…) Durchschnittlich rund 100 Euro im Monat verdiene ein Lehrer, das reiche kaum zum Leben für eine Familie. In der Folge stünden den 2.800 Schülern an seiner Schule gerade einmal 100 Lehrer gegenüber. Ein Trend, der sich auch landesweit fortsetzt: Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef ist der Schulbesuch von Jungen in weiterführenden Schulen in den Klassen sieben bis neun seit 2021 von 70 auf rund 68 Prozent gesunken. Grund dafür sind auch die wirtschaftliche Krise des Landes und die immer weiter sinkenden internationalen humanitären Hilfsgelder. (…) Fast die Hälfte aller Schulen ist chronisch unterfinanziert, es fehlt an sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, aber auch Laboren, Büchereien und Technik. (…) Dazu gebe es kaum ausreichend große Klassenräume, viele der Schüler müssten auf dem Boden sitzen. Von den rund 60 Schülern in einer Klasse, so schätzt er, habe lediglich eine Handvoll einen wirklichen Lernerfolg. (…) Die anhaltenden Wirtschaftsprobleme und Restriktionen für Frauen und Mädchen dürften die Bildungskrise noch einmal deutlich verschärft haben. Während laut Unicef-Zahlen der Grundschulbesuch von Mädchen von rund 78 auf 87 Prozent gestiegen ist, sind in den weiterführenden Schulen aufgrund der Verbote rund 2,2 Millionen Mädchen vom Schulbesuch ausgeschlossen. (…) Doch es brauche schnellstens eine Lösung – auch, um wieder mehr Unterstützung aus der internationalen Gemeinschaft zu erhalten und die Bildung insgesamt zu fördern. „Wir können eine Bartpflicht und geringe Gehälter akzeptieren“, erklärt Osman, „nicht aber, dass wir irgendwann keine Ärztinnen, Krankenschwestern oder Hebammen mehr haben.“ Beitrag von Julian Busch vom 12. August 2026 im MiGAZIN
- Siehe auch:
- „Hunger und Entrechtung prägen Afghanistan fünf Jahre nach der Taliban-Machtübernahme, aber internationale Ächtung weicht den Abschiebe-Begehren“ im Dossier: Abzug aus Afghanistan: Die NATO beendet ihren 20-jährigen Krieg und überlässt ihr Einsatzgebiet in katastrophalem Zustand den Taliban
- „Deutschland lässt Afghan*innen im Stich! Fünf Jahre Taliban-Herrschaft: Menschenrechtliche Organisationen fordern Abschiebestopp nach Afghanistan“ im Dossier: Auch ohne Soldaten nicht sicher: Asylrecht und keine Abschiebungen nach Afghanistan!
- Afghanistan: Taliban lassen sechs Menschenrechtsaktivisten gewaltsam verschwinden. Stiftung für Rechtsforschung zur dringenden Befreiung von Frauen und Kindern
- Aufgeben ist keine Option: Afghaninnen retten sich in die Selbstständigkeit
„Amira Latifi wollte Informatik studieren – heute näht sie heimlich Mode, beschäftigt Frauen und unterrichtet Mädchen im Verborgenen. Während Taliban Bildung und Jobs blockieren, werden kleine Unternehmen zum letzten Ausweg.
Eigentlich, sagt Amira Latifi, hätte sie jetzt Informatik an der Universität in Kabul studiert. Sie sitzt an einem Nachmittag im vergangenen Herbst an einem geheimen Ort in der afghanischen Hauptstadt. Sogar ein Stipendium für ein Auslandsstudium hatte sie erhalten. „Aber meine Eltern waren so stolz, dass ihre Tochter an der Universität in Kabul studieren würde, dass sie mir das Stipendium nicht erlaubten“, sagt Latifi, die eigentlich anders heißt, ihren Namen aus Sicherheitsgründen aber nicht öffentlich nennen will. Als die Taliban im Sommer 2021 die Macht in Afghanistan übernehmen, besucht die 23-Jährige gerade eine private Universität, um sich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Doch dann schränkten die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen innerhalb weniger Monate immer weiter ein und verboten ihnen zunächst den Besuch weiterführender Schulen, später auch von Universitäten. (…)
Aufgeben wollte Latifi trotzdem nicht. Schon kurz nach der Machtübernahme beginnt sie, zu Hause eigene Mode und traditionelle afghanische Kleidung zu nähen, um diese später über Instagram oder Facebook und per Luftfracht ins Ausland zu versenden. „Anfangs gab es viele Probleme mit dem Versand, und wir mussten uns das Vertrauen der Kunden erst aufbauen“, sagt sie. Heute beschäftigt sie rund zehn Mädchen und Frauen in einer kleinen Werkstatt. Der Großteil ihrer Produkte gehe nach Kanada, wo viele Freunde von ihr lebten, aber auch in die USA oder die Schweiz. Mittlerweile, erzählt sie, besitze sie für ihre Modeproduktion sogar eine offizielle Lizenz der Handelskammer in Kabul. (…)
Während die Taliban die Arbeitsmöglichkeiten von Frauen im öffentlichen Raum, im Verwaltungsapparat sowie bei nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen radikal einschränkten, sind kleine Unternehmen und Selbstständige laut einem aktuellen Bericht der Denkfabrik „Crisis Group“ zum letzten Rückzugsort für Frauen auf dem Arbeitsmarkt geworden. Bis auf strikte Regeln zur Geschlechtertrennung seien diese weitgehend von Einschränkungen verschont geblieben. (…)Mehr noch: Bisweilen werde ihre Arbeit sogar gefördert, etwa indem die Behörden die zunächst geschlossene Frauenhandelskammer in Kabul neu eröffneten oder Handelsmessen und Märkte für von Frauen geführte Unternehmen gründeten. (…) Zudem fehlt es an dringend benötigten Weiterbildungsmöglichkeiten und Schulbildung für Mädchen und Frauen. Von Anfang an habe sie daher neben der Modeproduktion auch heimlich einige Mädchen unterrichtet, die von den Bildungsverboten betroffen sind, erzählt Latifi: „Wir schulen sie in Fremdsprachen, im Nähen oder darin, wie man Computer benutzt.“Viel Hoffnung, dass ihre kleinen Freiheiten dauerhaft bestehen bleiben, hat Latifi nicht. „Ich weiß nicht, was passieren wird und ob ich bald für jeden Ort, den ich besuche, eine männliche Begleitung brauche – etwa um Materialien auf dem Basar für meine Kunden zu kaufen.“ Beitrag von Lukas Schwabe vom 3. Februar 2026 im MiGAZIN
- Internet-Abschaltung in Afghanistan: Katastrophal für die Frauen
„Die Taliban schalten das Netz ab. Damit machen sie die letzte Chance von Afghaninnen auf Bildung zunichte. Ein deutlicheres Zeichen ihrer Antimodernität konnten die herrschenden Taliban in Afghanistan kaum setzen: Seit Montag erzwingen sie landesweit ein fast totales Internetverbot
(Alternativen sind für viele zu kostspielig), und zwar nach dem Prinzip „Koste es, was es wolle“. Die Kosten verteilen sich allerdings sehr ungleichmäßig. Die Behörden der Taliban selbst, Banken, Flughäfen, alle, die es sich leisten können – die gibt es weiterhin etwa unter der afghanischen Businesselite, die mit und unter den Taliban weiter Geschäfte machen –, werden bald auf Internet per Satellit umgeschaltet haben. (…) Ungleich härter trifft es die breite Bevölkerung, die zu 90 Prozent unter der Armutsgrenze lebt und buchstäblich ums tägliche Brot ringt. Und wie immer trifft es überproportional Frauen und Mädchen.
Das Emirat der Taliban ist ein ideologisches Projekt, eine beispiellos rückwärtsgewandte Erziehungsdiktatur. Erzogen und von „Fasad“ – was finanzielle wie moralische Korruption meint – befreit werden müssen in ihren Augen jene, die während der US-geführten Intervention von 2001 bis 2021 eben „moralisch kontaminiert“ wurden: Frauen, die auf Selbstbestimmung, Minderheiten, die auf Gleichberechtigung pochen, Menschen aller Geschlechter, die sich bilden oder auch nur unterhalten wollen…“ Kommentar von Thomas Ruttig vom 30.9.2025 in der taz online
- Gegen Frauen, Bildung und Wirtschaft: Gender-Apartheid der Taliban jetzt auch virtuell
„In Afghanistan beginnen die Machthaber, in vielen Städten den Zugang zum Internet zu blockieren und in Universitäten Bücher von Frauen zu verbieten
Afghanistans Taliban haben begonnen, den Zugang der Bevölkerung zum Internet zu blockieren. Auch der Mobiltelefonempfang soll auf 2G begrenzt werden. Zudem wurden vorige Woche zwei neue Verbotslisten bekannt, eine mit 680 Büchern, die nicht mehr in der Lehre eingesetzt, und eine andere mit 18 Themen, die nicht mehr gelehrt werden dürfen. Darunter sind Genderstudien und Menschenrechte. Ein Mitglied des zuständigen Taliban-Ausschusses sagte der BBC, dass „alle Bücher, die von Frauen verfasst wurden, nicht unterrichtet werden dürfen“. Vorige Woche bestätigten Taliban-Behörden mehrerer Provinzen, dass dort das Internet abgeschaltet oder gedrosselt worden sei, um „Unmoral“ zu bekämpfen. Es geht offenbar um den Zugang zu Pornografie, aber auch virtuelle Kontaktmöglichkeiten zwischen Afghaninnen und Afghanen, die das Regime unterbinden möchte. Inzwischen sind etwa 15 Provinzen betroffen, darunter fünf der sechs größten Städte. Eine Ausnahme ist bisher die Hauptstadt Kabul, wie taz-Kontakte dort am Sonntag bestätigten. Im nordafghanischen Kundus sollen Taliban-Bewaffnete bereits Ausrüstungen privater Internetdienstanbieter beschlagnahmt haben. Dem Verbot vorausgegangen war die Festnahme zweier Personen dort, die laut Taliban-Behörden mit in sozialen Medien geposteten Videos „die Gedanken der Menschen verdorben“ haben sollen. (…)
Wie immer trifft auch diese Einschränkung Frauen und Mädchen am härtesten. Sie hat das Regime schon weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannt, während Männer weiterhin Bewegungsfreiheit und Zugang zu Bildung und Arbeit genießen. UN-Expert*innen und Menschenrechtler*innen sprechen deshalb von einem System der „Gender-Apartheid“. Online-Kurse waren für Afghan*innen die letzte Möglichkeit, sich jenseits der Grundschule Bildung anzueignen. Sara Wahedi, eine Aktivistin, die aus dem Ausland Internetbildung unterstützt, postete: „Ich habe große Angst um die afghanischen Frauen und Mädchen. Sie verlieren ihre letzte Lebensader, wenn die Taliban den Internetzugang sperren. Völlige Stille. Völlige Auslöschung.“ (…)
Wer einen WLAN-Zugang benötigt, muss jetzt „kontrollierten Zugang“ beantragen und die Genehmigung des Geheimdienstes einholen. In der Tat bauen die Taliban seit ihrer erneuten Machtübernahme im August 2021 das Glasfasernetz aus, betrieben von den unter der westlich gestützten Vorgängerregierung eingerichteten Staatsfirmen Afghan Telecom und Salam. Daran angeschlossen sind vor allem Behörden und Unternehmen, aber auch Universitäten. Im Vorjahr verfügte Afghanistan laut Kommunikationsministerium über 1800 Kilometer Glasfaserkabel, weitere 488 Kilometer seien genehmigt. Taliban-Medien beschrieben das Glasfasernetz als „Schlüssel zu modernen Konnektivität“.“ Artikel von Thomas Ruttig vom 21. September 2025 in der taz online
- Afghanistan: Mädchen wollen trotz Schulverbots lernen. Nach einer UN-Umfrage hält die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung Bildung für Mädchen für wichtig
„… Ende August veröffentlichte die UN-Gleichstellungsbehörde „UN Women“ die Ergebnisse einer Umfrage, die in Afghanistan durchgeführt wurde. Mitarbeitende der Organisation, die 2010 gegründet wurde und sich für Geschlechtergerechtigkeit sowie die Stärkung von Frauen und Mädchen einsetzt, befragten im Rahmen einer landesweiten Haus-zu-Haus-Erhebung mehr als 2.000 Personen. Ihre Frage war: Was halten sie von der Schulbildung für Mädchen? Insgesamt 92 Prozent der Befragten gaben an, es sei „wichtig“, dass Mädchen ihre Schulbildung fortsetzen. In ländlichen Regionen befürworteten 87 Prozent der Männer und 95 Prozent der Frauen die Bildung von Mädchen. In den Städten lag die Zustimmung bei jeweils 95 Prozent, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. „Das ist fast immer das Erste, was Mädchen uns erzählen, dass sie unbedingt lernen und einfach nur die Chance auf eine Ausbildung haben wollen“, sagt Susan Ferguson, „UN Women“-Sondergesandte in Afghanistan. (…) Seit vier Jahren ist Afghanistan das einzige Land der Welt, in dem Mädchen nur bis zur Grundschule unterrichtet werden dürfen. Kurz nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 verbot die radikalislamische Terrororganisation den Mädchen ab der 6. Klasse, in die weiterführende Schule zu gehen. Vom Studium sind die Frauen ebenfalls ausgeschlossen. (…) Die Taliban wiederholen seit vier Jahren unbeirrt, Bildung für Mädchen und Frauen sei nicht mit dem Islam vereinbar und widerspreche den Werten der afghanischen Kultur und Gesellschaft. Trotz anhaltender und massiver Kritik aus dem Ausland zeigen sie bislang keine Bereitschaft, ihre Haltung zu ändern. (…) Trotz des Schulverbots unterstützen zahlreiche Familien ihre Töchter weiterhin beim Lernen, in geheimen Schulen oder zu Hause mit alternativen Lehrmethoden online oder über Radio. Aktivisten der Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb Afghanistans, Nichtregierungsorganisationen wie der Malala Fund, leisten dabei wichtige Unterstützung. (…) Der Malala Fund ist eine internationale NGO, die von der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai gegründet wurde. Die Pakistanerin wurde im Jahr 2012 im Alter von nur 15 Jahren von den Taliban angeschossen, weil sie sich schon als junges Mädchen für das Recht auf Bildung einsetzte. Malala überlebte den Anschlag knapp. Heute spricht sie regelmäßig bei den Vereinten Nationen und auf internationalen Foren über die Situation afghanischer Mädchen und fordert politischen Druck auf die Taliban. Das Ziel ihrer Organisation ist es, Mädchen durch alternative Angebote zwölf Jahre lang kostenlose, sichere und hochwertige Bildung zu ermöglichen. Sie arbeitet mit verschiedenen Partnern zusammen, um visuelle Inhalte zu entwickeln, die die Bildung afghanischer Mädchen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt stellen. Schon heute profitieren Hunderttausende Mädchen in Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban von diesen Angeboten.“ Beitrag von Shabnam von Hein vom 17. September 2025 bei DW.com
- Wenn Taliban-Regeln auf ein Erdbeben in Afghanistan treffen, sind es „natürlich“ Frauen, die durch Berührungsverbote weder gerettet werden, noch retten dürfen
- Nach den Erdbeben: UNO-Experte: Not in Afghanistan so groß wie noch nie
„Das Welternährungsprogramm hat vor einer massiven humanitären Katastrophe in Afghanistan gewarnt. (…) Nach Angaben der UNO haben knapp zehn Millionen Afghaninnen und Afghanen deutlich zu wenig zu essen. Das entspricht mehr als einem Fünftel der Bevölkerung. Laut Aylieff hat sich die Wirtschaftslage in dem Land dieses Jahr – nach zwei guten Ernten in den Vorjahren – deutlich verschlechtert. Derzeit herrsche in 19 der 34 Provinzen eine Dürre. Hinzu komme die Rückkehr von zwei Millionen Menschen, die aus Pakistan und dem Iran abgeschoben worden seien und nun Essen, Unterkunft und Arbeit brauchten, sagte Aylieff.“ Beitrag vom 07.09.2025 im Deutschlandfunk
- Berührungsverbote: Männliche Helfer ließen Frauen nach Erdbeben in Afghanistan unter Schutt liegen
„Strenge Kontaktverbote erschweren seit der Taliban-Machtübernahme die medizinische Behandlung von Frauen. Nach dem jüngsten Erdbeben mussten Frauen offenbar sehr lange auf Hilfe warten (…)
Wie die New York Times berichtet, wird vielen der verletzten Frauen offenbar Hilfe oder Behandlung verweigert. Aus dem Artikel, der auf direkten Recherchen im betroffenen Gebiet und auf Zeugenaussagen beruht, geht auch der Grund hervor: Die strengen Kontaktverbote zwischen Frauen und Männern, die nicht eng mit ihnen verwandt sind, erschweren die Hilfe für Opfer massiv. Immer wieder würden Frauen in den Trümmern liegengelassen, um nicht mit den angeblichen religiösen Vorgaben in Konflikt zu geraten, heißt es. Jenen, die es selbst geschafft haben, werde danach oft nicht bei der Behandlung von Verletzungen geholfen.
Tote an Kleidung aus Trümmern gezogen
Nach den Regeln, die von den regierenden Taliban propagiert werden, sind alle Berührungen untersagt, außer es handelt sich um Vater, Ehemann, Bruder oder Sohn der Frau. Ein Helfer, der in dem Bericht zitiert wird, beschreibt, wie sogar tote Frauen an ihren Kleidern aus den Trümmern gezogen worden seien, damit fremde Männer nicht in Kontakt mit ihrer Haut kommen.
Verschüttete hätten oft lang warten müssen, bis Hilfstrupps den Unglücksort erreichen, an denen auch Helferinnen beteiligt seien. Diese dürfen wiederum Männern keine Unterstützung leisten – auch wenn dieser umgekehrte Fall selten ist, weil die Taliban Frauen auch systematisch aus NGOs und weiteren Hilfsorganisationen zu verbannen versuchen. Auch Medizinstudien dürfen Frauen in Afghanistan nicht mehr beginnen…“ Bericht vom 5. September 2025 in derstandard.at
- Erdbeben in Afghanistan: „Alles brach über uns zusammen“
„Es war eines der schlimmsten Erdbeben in der Geschichte Afghanistans: 1.400 Menschen kamen nach Angaben der Taliban ums Leben. Die Zahl der Opfer dürfte weiter steigen – viele betroffene Gebiete sind nur schwer zu erreichen…“ Bericht von Franziska Amler, ARD Neu-Delhi, vom 02.09.2025 in tagesschau.de
- Nach den Erdbeben: UNO-Experte: Not in Afghanistan so groß wie noch nie
- 4 Jahre Taliban-Herrschaft: Verbotene Klassenzimmer und eingeschränkte Geschäfte – aber auch die globale Bedeutung des Widerstands afghanischer Frauen
- »Wir haben gekämpft – und keiner hat hingesehen«. „Afghanische Frauen und queere Menschen kämpfen auch in Deutschland gegen Taliban-Herrschaft – während Deutschland abschiebt.
„»In diesen vier Jahren hat niemand außer den afghanischen Frauen gegen die Taliban gekämpft«, ruft Forouzan Khalilyar mit zornbebender Stimme. Die ehemalige Journalistin steht am Rand einer Veranstaltung im Hamburger Rathaus. Die Linkspartei des Bundeslandes hat anlässlich des vierten Jahrestags der Machtübernahme durch die Taliban dazu eingeladen.
15. August 2021 – dieser Tag hat sich tief in das kollektive Gedächtnis afghanischer Frauen eingebrannt. Wie so viele Frauen in Afghanistan führte Forouzan vorher ein normales Leben: Sie studierte, arbeitete als Journalistin, traf Freundinnen, reiste, konnte Schönheitssalons besuchen. Dann stellte die Taliban-Machtübernahme alles auf den Kopf. Afghanistans damaliger Präsident Ashraf Ghani floh überstürzt, die letzten amerikanischen Truppen zogen ab – und für Millionen von Frauen begann ein Leben in Gefangenschaft.
»Als die Taliban kamen, wurde ich gezwungen, meine journalistische Arbeit aufzugeben. Ich war gefangen – in meinem eigenen Zuhause«, erzählt Forouzan »nd«. Dann wiederholt sie den Satz, der offenbar bei ein, zwei anwesenden Männern in der Veranstaltung einen wunden Punkt traf: »In diesen vier Jahren hat niemand außer den afghanischen Frauen gegen die Taliban gekämpft. Es waren immer wir – wir afghanischen Frauen –, die unsere Stimme erhoben und dafür sorgten, dass sie in der Welt Gehör fand«. Während sie das sagt, wird ihre Stimme scharf und unmissverständlich…“ Artikel von Negin Behkam vom 17.08.2025 in ND online
- Der Widerstand afghanischer Frauen
„Afghanische Frauen sind mehr als nur passive Opfer oder Symbole. Ihr Widerstand ist vielfältig und von globaler Bedeutung.
Kurz vor dem vierten Jahrestag der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist es unerlässlich, die Situation afghanischer Frauen neu zu denken. Medienberichte reduzieren afghanische Frauen oft aufeine Rolle als hilflose Opfer, die gerettet werden müssen –etwa durch westliche Intervention. Diese Darstellung verschleiert jedoch die Komplexität und Vielfalt des Widerstands der Frauen vor Ort. Letztere sind aktive Akteurinnen einer globalen feministischen Bewegung.
Das Sprechen für Unterdrückte birgt stets die Gefahr, genau jenes Verstummen zu reproduzieren, das man aufbrechen will. Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, afghanischen Frauen „eine Stimme zu geben“. Sonderneben jene Systeme zu kritisieren, die ihre Stimmen instrumentalisieren – sei es durch imperiale Kriege, autoritäre Herrschaft oder liberale Hilfsprogramme. Historisch betrachtet sind die Körper afghanischer Frauen immer wieder als Waffe in ideologischen Kämpfen um Authentizität und nationale Identität eingesetzt worden. So bemühte die von den USA geführte Invasion Afghanistans infolge des 11. September etwa das Bild der verschleierten Afghanin als Rechtfertigung für militarisierten Humanitarismus – nur um eben jene verschleierte Frauen zwei Jahrzehnte später aus politischem Kalkül im Stich zu lassen. (…)
Nach der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021 entfaltete sich eine neue Welle des Widerstands in peripheren Städten wie Herat, Masar-i-Sharif, Dschalalabad und Paktia. Hier organisierten Lehrerinnen, Krankenschwestern, Studentinnen und Verkäuferinnen spontane Proteste unter dem Slogan: „Brot, Arbeit, Freiheit“.
Dies war keine elitegetragene Bewegung. Die meisten Demonstrantinnen hatten sich zuvor nie als Aktivistinnen verstanden. Sie verfügten weder über institutionelle Unterstützung nochüber Medienpräsenz. Ihr Widerstand entstandim vollen Bewusstsein der Taliban-Repression – und ohne internationale Solidarität. Viele von ihnen wurden festgenommen, verschleppt oder gezwungen, im Untergrund zu leben. Dieser Widerstand ist das, was der Soziologe Asef Bayat als „Nicht-Bewegung“ bezeichnet hat: eine verstreute, aber effektive Form politischen Handelns, die aus den alltäglichen Erfahrungen von Menschen hervorgeht, deren Leben infolge der politischen Ungerechtigkeit aus den Fugen geraten ist. Dieses Konzept ist zentral, um den Widerstand afghanischer Frauen zu verstehen; zumal esauch die unspektakulären Akte des Trotzes und Überlebens sichtbar macht, die sonst oft übersehen werden.
Ethische Solidarität In Städten wie Kabul und Herat nutzten Frauen digitale Tools, um Blitzproteste zu organisieren und Übergriffe gegenüber Frauen zu dokumentieren. In ländlichen Gebieten, wo die Überwachung strenger und der Internetzugang eingeschränkt ist, stützen afghanische Frauen sich auf diskretere Formen: den Ausbau informeller Unterstützungsnetzwerke, heimlicher Unterricht für Mädchen oder direkte Verhandlungen mit lokalen religiösen Autoritäten, um Schulen wiederzueröffnen.
Um diese sehr unterschiedlichen Bewegungen zu unterstützen, sollten internationale Verbündete darauf verzichten, ihnen eigene Agenden aufzuzwingen oder die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. (…)
Um den Kampf afghanischer Frauen als Teil einer globalen Bewegung zu begreifen, sollten wir die westlichen Paradigmen überdenken, die in erster Linie auf rechtliche Gleichstellung oder individuelle Selbstermächtigung zielen. Ein transnationaler Feminismus muss Imperium, Militarismus und Klasse mitdenken – sowie die rassistische Logik hinter humanitärer Interventionen. Ein solcher Ansatz würde eine differenziertere Perspektive ermöglichen – und auch die Dringlichkeit globaler feministischer Solidarität verdeutlichen, gerademit Blick aufandauernde patriarchale Rückschläge.
Der Rückbau von Frauenrechten in Afghanistan steht keineswegs isoliert. Er spiegelt die Einschränkungen wider, die sich auch anderswo abzeichnen – vom Iran bis zu den Vereinigten Staaten. Es handelt sich dabei nicht um isolierte Rückschläge, sondern um Symptome eines globalen patriarchalen Rollbacks. Afghanische Frauen sind keine Symbole, die es zu „retten“ gilt. Sie sind Denkerinnen, Arbeiterinnen und Kämpferinnen. Ihr Widerstand, ob sichtbar oder verborgen, hält nach wie vor an. Von geheimen Klassenzimmern bis zu Hungerstreiks, von geflüsterten Akten der Verweigerung bis zu Parolen auf den Straßen – ihr Kampf geht weiter…“ Beitrag von Zahra Mousawy vom 14.08.2025 bei medico
- 4 Jahre Taliban-Herrschaft: Verbotene Klassenzimmer und eingeschränkte Geschäfte
„Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Seitdem mussten die meisten Bildungseinrichtungen für Frauen und Mädchen schließen. (…)
Die Taliban-Verbote trafen nicht nur den Bildungshunger der Mädchen, sie machten oft auch die einzige Einkommensquelle von Familien zunichte. „Als die Republik fiel, war mein Vater zu alt, um zu arbeiten und meine Brüder verloren ihre Jobs“, so Hawa Gul. „Mit meinem geringen Gehalt habe ich 14 Menschen unterstützt – meine Eltern, meine drei Brüder, ihre Frauen und Kinder, meine Schwester und mich selbst.“
Zwei von drei afghanischen Frauen, die einer bezahlten Arbeit nachgingen, verloren durch die Taliban-Verbotsdekrete – laut UN Women sind es inzwischen fast 100 – ihre Jobs. Bis dahin waren über 20 Prozent aller Afghaninnen berufstätig. Heute arbeiten noch immer Frauen in Mädchen-Grundschulen, Kliniken, Banken und sogar bei nichtstaatlichen Medien, aber streng getrennt von den Männern. Immer wieder kontrolliert das die Taliban-Sittenpolizei Amr bil Maruf.
Auch einige Polizistinnen behielten die Taliban. Sie müssen jetzt helfen, Geschlechtsgenossinnen zu verhaften, denen Amr bil Maruf vorwirft, nicht vorschriftsmäßig verschleiert oder ohne männlichen Verwandten unterwegs zu sein. Erst im Juli gab es wieder solche Verhaftungen in Kabul. (…)
Unter den Frauen-Unternehmen – etwa Teppichwebereien oder Betriebe der Lebensmittelverarbeitung – gibt es solche mit mehreren Hundert Beschäftigten. Die viel größere Zahl nicht lizenzierter Klein- und Kleinstunternehmen, wie Nähereien, Handwerkstätten oder Gewächshäuser, verdoppelte sich auf 130.000. Das zeigt, wie wichtig diese Nische ist. Selbst offizielle Taliban-Medien berichten immer wieder über Unternehmerinnen, um zu zeigen, es gebe keine Diskriminierung. (…) Zudem arbeiten Frauen für von Männern geführte Betriebe oft in Heimarbeit. Dort sehen sie sich mit schlechten Arbeitsbedingungen, überlangen Arbeitszeiten und niedrigem Lohn konfrontiert, der zum Teil nur bei 60 Cent am Tag liegt. Ein Fladenbrot kostet etwa 15 Cent. Afghanistans Unternehmerinnen unterliegen allerdings denselben Beschränkungen wie alle Frauen im Land, schreibt die Analyse-Organisation Acaps. Auch in ihren Betrieben gilt strikte Gender-Trennung. (…)
Frauen dürfen nur in Begleitung eines männlichen Verwandten Märkte besuchen oder geschäftlich reisen und ihre Produkte nicht auf den gleichen Basaren wie Männer verkaufen. Das zwang viele, ihre Geschäfte in wenig frequentierte Gebiete zu verlegen. Frauen wird auch die Teilnahme an Handelsmessen verwehrt. Die UN berichtet zudem von „Diskriminierung und Vorbehalten“ seitens der Wirtschaft. „Lieferanten, Ladenbesitzer und Großhändler zögern, mit Frauen zusammenzuarbeiten, da sie Repressalien seitens der Taliban-Behörden befürchten.“ Um den Restriktionen zu entgehen, weichen viele Frauen laut AWCCI in die Onlinevermarktung aus. (…)
UN Women schreibt in einer am Donnerstag veröffentlichten Stellungnahme, dass die Taliban „ihrer Vision einer Gesellschaft, in der Frauen komplett aus dem öffentlichen Leben verschwinden, näher sind als je zuvor“….“ Artikel von Thomas Ruttig vom 14.8.2025 in der taz online
- Siehe auch das Dossier zu Afghanistan
von MISSION LIFELINE - Siehe aktuell: Vier Jahre nach der Machtübernahme der Taliban sinkt die Schutzquote für afghanische Menschen und die Kontakt- und Diplimatiesperre bröckelt: Für Abschiebungen.
- »Wir haben gekämpft – und keiner hat hingesehen«. „Afghanische Frauen und queere Menschen kämpfen auch in Deutschland gegen Taliban-Herrschaft – während Deutschland abschiebt.
- Internationaler Frauentag: Afghanisches Frauenradio geht wieder auf Sendung
„Die Taliban machten Radio Begum dicht – nun gab das Informationsministerium eine Kehrtwende bekannt
Am internationalen Frauentag im März 2021 ging in Afghanistan der von Frauen geführte Radiosender Begum auf Sendung. Wenige Monate später übernahmen die militant-islamistischen Taliban die Macht. Journalisten und Medienmacher mussten fliehen. Radio Begum gehörte zu jenen, die blieben. Wie Millionen Mädchen und Frauen versuchen die Begum-Journalistinnen seitdem, unter den Taliban zu überleben. Nahezu im Wochentakt erließen die extremistischen Machthaber neue Dekrete, unterbanden die Versammlungsfreiheit protestierender Frauen mit Gewalt, sprachen Bildungs- und Arbeitsverbote aus. Seitdem dürfen Frauen keine weiterführenden Schulen und Universitäten mehr besuchen. Radio Begum versuchte, dem etwas entgegenzusetzen, strahlte Bildungsprogramme für die siebte bis zwölfte Klasse aus. Geheime Schulen, in denen junge Frauen unterrichtet werden, nutzten Programme von Begum und vergleichbaren Sendern. Doch dann, Anfang Februar, stoppten die Taliban den Sendebetrieb von Radio Begum. Der Vorwurf: Kollaboration mit ausländischen Medien, die vom Regime sanktioniert wurden. Längst ist klar, dass in Afghanistan keine Pressefreiheit mehr herrscht. (…) Nun gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ende Februar gab das Informationsministerium der Taliban bekannt, dass Begum bald wieder auf Sendung gehen dürfe. Nicht nur für die Hörerschaft, auch für die Mitarbeitenden des Senders wäre das wohl tatsächlich eine große Erleichterung. Denn nach wie vor ist klar, dass nur die wenigsten Afghaninnen flüchten können – obwohl zahlreiche Arbeits- und Bildungsverbote bestehen, Kritiker zu Recht von einer Gender-Apartheid sprechen und auch der Menschenrechtsgerichtshof der EU klargestellt hat, das Frauen aus Afghanistan innerhalb der EU per se asylberechtigt seien. Viele Frauen im Land müssen ihre Familien ernähren. Auch sie sind, wie die Begum-Journalistinnen, von ihrem Lohn abhängig. Klar ist allerdings auch, dass die Kontrolle sowie die Repressionen der Taliban nicht verschwinden werden. Die Aufhebung des Arbeitsverbots für Begum bestätigt nur das, was viele Beobachter in den letzten Jahren immer wieder in den Raum warfen: Unter den Taliban-Köpfen in Kabul lassen sich auch moderatere Pragmatiker finden, die nicht alles in Grund und Boden stampfen und ihr düsteres Emirat der 1990er-Jahre wiederaufleben lassen wollen. Dies scheint vor allem in den Kabuler Ministerien der Fall zu sein, wo sich viele Taliban-Mitglieder mit vorgehaltener Hand gegen das bestehende Verbot für Frauen aussprachen, weiterführende Schulen und Universitäten zu besuchen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist etwa Scher Mohammad Abbas Stanikzai, der stellvertretende Außenminister des Regimes. Vor wenigen Wochen übte er während einer Rede scharfe Kritik am Bildungsverbot. Im Anschluss verließ er das Land. Gegenwärtig soll sich Stanikzai in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufhalten. Manche munkeln gar, dass er vom obersten Taliban-Führer, Haibatullah Akhundzada, zur Persona non grata erklärt wurde…“ Artikel von Emran Feroz vom 8. März 2025 in Neues Deutschland online
- Aus den Schulen verbannt. Konferenz in Pakistan über Mädchenbildung in islamischen Ländern berät die dramatische Lage in Afghanistan
„Es scheint ein winziges Signal der Hoffnung: Wie zuerst und unabhängig voneinander Voice of Amerika (VOA) und das Nachrichtenportal Shia News am 25. und 26. Januar meldeten, soll es für eine kleine Gruppe junger Frauen aus Afghanistan, denen bisher wie allen anderen höhere Bildung verwehrt war, nun die Aussicht auf ein Studium im Nachbarland Pakistan geben. Beide zitieren den pakistanischen Botschafter in Kabul Mohammad Sadiq mit der Aussage, es habe dazu eine Grundsatzeinigung mit der fundamentalistischen Taliban-Regierung gegeben. Wie Sadiq demnach sagte, will seine Regierung 5.000 afghanische Studierende an den Universitäten immatrikulieren, »davon ein Drittel weibliche«. Eine offizielle Bestätigung dazu seitens der Taliban stand zunächst aus. Und angesichts von laut UN-Angaben landesweit rund 1,4 Millionen Mädchen und Frauen, die vom Bildungssystem ausgeschlossen sind, bei der Erlaubnis für gut 1.600 Studentinnen von einem ersten Durchbruch zu sprechen, erscheint allemal verfrüht. (…) Der Zugang zu Bildung ist für Mädchen aber in mehreren muslimischen Gesellschaften schwierig. Das wurde auch auf einer Konferenz zu diesem Thema deutlich, die am 11./12. Januar in Islamabad stattfand. 56 Delegierte aus 29 islamischen Staaten, darunter mehrere Bildungsminister, kamen in der pakistanischen Hauptstadt zusammen. Zusammen mit Vertretern internationaler Organisationen wie UNESCO, UNICEF und Weltbank sowie weiteren Teilnehmenden waren rund 150 Personen aus 44 Ländern an dem Austausch beteiligt. Für die Gastgeber betonte Premierminister Shehbaz Sharif, dass sich seine Koalitionsregierung der Förderung von Mädchen und jungen Frauen verpflichtet fühle. (…) Sharif musste in seiner Begrüßungsansprache aber einräumen, dass es auch in Pakistan reichlich Nachholbedarf gibt. Die Alphabetisierungsrate bei Frauen liege derzeit bei lediglich 49 Prozent, und von den landesweit 22,8 Millionen Kindern, die keine Schule besuchen, »ist ein überragender Teil Mädchen«, so der Premier. Ihnen Bildung zu verwehren, bedeute, ihnen eine bessere Zukunft vorzuenthalten. Dass das im benachbarten Afghanistan seit 2022 noch weitaus stärker gilt, prangerte Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die ihren Einsatz für Mädchenbildung seit ihrer frühen Jugend beinahe mit dem Leben bezahlt hätte, besonders eindringlich an. Sie rief dazu auf, die Taliban für ihre Einschränkung von Grundrechten für Frauen und Mädchen zur Verantwortung zu ziehen. Die sogenannte Erklärung von Islamabad als Ergebnis der zweitägigen Konferenz enthält in 17 Punkten zwar deutliche Forderungen, auch Mädchen und Frauen Bildung zu gewähren. Etwas anderes aber ist die praktische Umsetzung dieses Grundrechts.“ Artikel von Thomas Berger in der jungen Welt vom 31. Januar 2025
- Taliban in Afghanistan: Zwangsehen, Femizide und deutsche Abschiebungen – oder: Unsichtbare Wesen – zur aktuellen Situation der Frauen und dem Bedarf an Flüchtlingsschutz
- Afghanistan: Unsichtbare Wesen – zur aktuellen Situation von Frauen in Afghanistan
„Das Taliban-Regime zielt mit neuen afghanischen Laster- und Tugendgesetzen auf die völlige Unsichtbarmachung der Frau. Selbst die Stimme der Frau wird als intim bezeichnet und darf in der Öffentlichkeit nicht mehr gehört werden – nicht singend, nicht reimend, nicht rezitierend. Das zeigt: Frauen aus Afghanistan brauchen Flüchtlingsschutz.
Das 114-seitige Dokument mit 35 Artikeln, das der Associated Press vorliegt
, ist das erste Laster- und Tugendgesetzespaket der Taliban, die seit Mitte 2021 in Afghanistan die Macht innehaben. Bisher haben die Taliban ihre Vorschriften für Frauen per Dekrete erlassen – mittlerweile über 80 an der Zahl. Mit dem nun neuen Gesetz erhält die Sittenpolizei des zuständigen »Ministeriums für Gebet und Orientierung sowie zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung von Lastern« mehr Macht. Sie darf das persönliche Verhalten der Bevölkerung über Verwarnungen bis hin zu Untersuchungshaft regulieren. Das Gesetz wurde am 21.08.2024 vom Obersten Führer Hibatullah Achundsada in Kraft gesetzt. (…) Die Taliban wollen Frauen aus dem öffentlichen Leben ausschließen. Sie werden zu »unsichtbaren Wesen« gemacht. (…) Das Gesetzespaket betrifft vor allem Frauen, aber auch viele Aspekte des täglichen Lebens der ganzen Bevölkerung, wie öffentliche Gebets-Regeln, Männer-Kleidung, Bartlänge, Verkehrsmittel, Musik und das Feiern. So verbietet das Gesetz zum Beispiel die Veröffentlichung und das Ansehen von Bildern von Menschen und Tieren, was die ohnehin fragile afghanische Medienlandschaft bedroht. Auch das Abspielen von Musik wird verboten. Die Beförderung allein reisender Frauen wird verboten und Fahrer und Fahrgäste werden verpflichtet, zu bestimmten Zeiten Gebete zu verrichten. Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, wird es grundsätzlich verboten sich einander zu nähern. Homosexuelle Beziehungen, Ehebruch und Glücksspiele werden ebenfalls in dem Gesetz (erneut) verboten. (…) Das Fatale: Während sich die internationale Gemeinschaft mit Erklärungen zu Wort meldet, laufen in der Praxis Vorbereitungen, mit den Taliban zusammenzuarbeiten. Nach jedem neuen Dekrete-Paket gegen Frauenrechte gibt es aus der ganzen Welt Erklärungen – denen jedoch keine Taten folgen! Dasselbe geschieht nun mit dem Tugendgesetz. Gleichzeitig sind es gerade die internationalen Institutionen, die Frauen von wichtigen Treffen ausschließen. Sie tragen die Verantwortung für die Machtergreifung der Taliban, sie kooperieren gerade mit denen, die Afghanistan auf Kosten der Frauen regieren und versuchen, die Frauen zu entmenschlichen. Einige europäische Länder versuchen derzeit mit den Taliban zu verhandeln. Norwegen hat die afghanische Botschaft der vorherigen afghanischen Republik vor wenigen Tagen geschlossen. Ebenso bereitet Deutschland afghanischen Quellen zufolge derzeit die Schließung der afghanischen Botschaft im eigenen Land vor. Das sind fatale Schritte in Richtung einer Normalisierung des jetzigen Taliban-Regimes, die zudem erhebliche Folgen für diejenigen haben werden, die vor der Taliban geflohen sind und nun gezwungen werden, sich für Dokumente an das verbrecherische Regime zu wenden. (…) Das Bundesaufnahmeprogramm für gefährdete Afghan*innen steht nur drei Jahre nach dem chaotischen Abzug der internationalen Streitkräfte im Sommer 2021 nun vor dem Aus – trotz der nicht eingelösten Schutzversprechen der Bundesregierung. Nach dem aktuellen Haushaltsplan der Regierung wird für nächstes Jahr kaum noch Geld hierfür eingeplant. Doch gerade jetzt ist dieser Schutz dringend nötig – die neuen Tugendgesetze der Taliban zeigen einmal mehr, wie bedroht die Menschen in Afghanistan sind. Für PRO ASYL und die Landesflüchtlingsräte steht diese katastrophale Entwicklung des Bundesaufnahmeprogramms auch im Zusammenhang mit den flüchtlingsfeindlichen Debatten der letzten Monate. Sie fordern mit vielen weitere Organisationen in einem gemeinsamen Statement vom 15.08.24
den Erhalt und die tatsächliche Realisierung des Bundesaufnahmeprogramms und die Einhaltung der Schutzversprechen Deutschlands.“ Meldung vom 16. September 2024 von Pro Asyl 
- Siehe auch die Brüsseler Erklärung
des Europarats - Taliban in Afghanistan: Zwangsehen, Femizide und deutsche Abschiebungen
„Ein Team des Centre for Information Resilience hat die Gewalttaten der Taliban in Afghanistan analysiert und kam auf schockierende Zahlen – nur die Spitze des Eisbergs, kommentiert der Studienleiter. Das Ausmaß der Gewalt an Frauen sei größer. Die Taliban spinnen das Netz der Geschlechter-Apartheid in Afghanistan immer feinmaschiger. Derweil schiebt die Bundesregierung kriminelle Afghanen ab und gibt dem islamistischen Regime ungewollt einen „normalen“ Anstrich. Die Forschenden des Afghan Witness-Projekts konnten aufdecken, wie groß das Ausmaß an Zwangsehen, sexueller Sklaverei, willkürlichen Verhaftungen oder Tötungen von Frauen ist. Das Projekt ist ein Teil des Centre for Information Resilience und hat seit der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021 über 332 Fälle von Femiziden und 840 Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt gezählt. Auffällig war der Trend zu mysteriösen Todesfällen prominenter afghanischer Frauen, wie zum Beispiel der beliebten YouTuberin Hora Sadat. Die Ergebnisse der Studie basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen, herkömmlichen und den Sozialen Medien. Die Zahlen sind schockierend, noch alarmierender ist, dass sie laut David Osborn, dem Direktor des Afghan Witness-Projekts, vermutlich nur „die Spitze des Eisbergs“ zeigen. (…) Schrittweise perfektionieren die Talibs ihr System der Geschlechter-Apartheid. Erst Ende August führten sie ihr „Tugend-Gesetz“ ein. Es besagt, dass die Stimme der Frau zu intim sei. Deshalb darf eine Frau in der Öffentlichkeit nicht singen, rezitieren oder laut vorlesen. „Das neu verabschiedete Gesetz zementiert eine Politik, die Frauen im öffentlichen Leben komplett auslöscht, sie zum Schweigen bringt und ihnen ihre Selbständigkeit nimmt, indem man versucht, sie zu gesichtslosen, stummen Schatten zu machen. Das ist unerträglich!“, sagt Ravina Shamdasani vom UN-Menschenrechtsbüro Genf zu den neuen Regeln. (…) Die Vereinten Nationen bezeichnen das System in Afghanistan als „Geschlechter-Apartheid“. Unbeeindruckt davon, schiebt Deutschland kriminelle Afghanen in das Land am Hindukusch ab. Flüchtlingsorganisationen kritisierten diesen Schritt. Damit würde Deutschland ein Regime „normalisieren“, das sich eklatanten Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hat, vor allem gegen Frauen und Mädchen. Die 28 abgeschobenen Kriminellen sind in Afghanistan wieder aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem sie versprochen hatten, sich künftig gut zu benehmen. (…) Derweil sind Afghanistans Frauen gefangen in einem Albtraum, in dem jeder Tag neue Gefahren und zunehmende Unterdrückung mit sich bringt. Die Taliban haben das öffentliche Leben von Frauen praktisch ausgelöscht. Das Frauenministerium wurde ersetzt durch die Sittenpolizei. Der Zugang zu Bildung, Arbeit und jeglicher Form des politischen oder sozialen Engagements wird ihnen verweigert. Frauen und Mädchen werden de facto auf den häuslichen Raum reduziert, wo sie oft häuslicher Gewalt und Zwangsverheiratungen ausgesetzt sind.“ Beitrag von Oranus Mahmoodi vom 12. September 2024 beim Humanistischen Pressedienst
- Afghanistan: Unsichtbare Wesen – zur aktuellen Situation von Frauen in Afghanistan
- [Ja, nach Afghanistan kann beruhigt wieder abgeschoben werden…] Neues „Tugend“-Gesetz: Die Moralpolizei der Taliban schränkt die Rechte von Frauen weiter ein
„Die Moralpolizei der Taliban hat ein neues Regelwerk vorgelegt, dass die Rechte von Frauen in Afghanistan weiter einschränkt. So wird ihnen auferlegt, in der Öffentlichkeit stumm zu bleiben. Auch für Männer gibt es strengere Regeln. Die in Afghanistan herrschenden Taliban haben ein „Tugend“-Gesetz zur Durchsetzung der bereits durch die Sittenpolizei überwachten strengen Verhaltensregeln eingeführt. Das Gesetz, das unter anderem Verschleierungsvorschriften für Frauen und ein Verbot von Homosexualität enthält, wurde vom obersten Anführer der Taliban, Hibatullah Achundsada, bestätigt, wie das Justizministerium mitteilte. Es war bereits Ende Juli im Amtsblatt veröffentlicht worden.
Mit dem Gesetz wird die Sittenpolizei gestärkt, die die am islamischem Scharia-Recht orientierten Verhaltensrichtlinien der Taliban bereits seit deren Rückkehr an die Macht 2021 kontrolliert. Es sieht unter anderem vor, dass „muslimische Frauen verpflichtet sind, ihr Gesicht und ihren Körper zu bedecken“, wenn sie sich in Gegenwart von Männern befinden, die nicht direkt mit ihnen verwandt sind. Die Stimme einer Frau sei intim, daher sollte sie nicht in der Öffentlichkeit singen, rezitieren oder laut vorlesen, heißt es etwa in Artikel 13 des Regelwerks über Laster und Tugenden.
Neue Regeln auch für Männer
Männer müssen demnach mindestens knielange Hosen tragen. Zudem müssen sie einen Bart tragen, der nicht zu kurz sein darf. Homosexuelle Beziehungen, Ehebruch und Glücksspiel sind verboten, ebenso wie die Herstellung und das Ansehen von Videos oder Bildern, die Lebewesen zeigen. Versäumte Gebete und Ungehorsam gegenüber den eigenen Eltern können ebenfalls bestraft werden. Medien dürfen dem neuen Gesetz zufolge keine Inhalte verbreiten, die „die Gesetze der Scharia und der Religion“ missachten, „Muslime beleidigen“ oder „lebendige Wesen“ zeigen.
Die Sittenpolizei kann Verstöße mit Verwarnungen, Drohungen, Geldstrafen, einer Untersuchungshaft von bis zu drei Tagen oder weiteren Sanktionen bestrafen. Im Wiederholungsfall können die Beschuldigten vor Gericht gestellt werden…“ Beitrag vom 22.08.2024 in tagesschau.de
(„Neues „Tugend“-Gesetz: Taliban führen strenges Regelwerk ein“), siehe dazu:
- »Tugendgesetz« in Afghanistan: Verbrechen, eine Frau zu sein. Aus dem Exil ertönt Widerstand gegen das Verbot zu singen, Bella Ciao wir zur Hymne für die unterdrückten Frauen
„Der Kampf gegen die Mädchen und Frauen Afghanistans wurde in geltendes Recht überführt. Die herrschenden Taliban haben ein »Tugendgesetz« verabschiedet, das Frauen das Singen und Vorlesen in der Öffentlichkeit verbietet. Die Stimme einer Frau sei schließlich »intim«. In der Gegenwart von Männern, mit denen sie nicht direkt verwandt sind, müssen Frauen nun vollständig ihr Gesicht und ihren Körper verhüllen, »aus Angst, in Versuchung zu geraten«, heißt es in Artikel 13. Das Gesetz wurde bereits Ende Juli im Amtsblatt veröffentlicht, und der Oberste Führer der Dschihadisten, Hibatullah Achundsada, habe es nun unterschrieben, gab das Justizministerium laut dpa-Meldung vom vergangenen Freitag bekannt. Es diene »der Förderung der Tugend und der Beseitigung des Lasters«, zitiert die emiratische Tageszeitung The National einen Taliban-Sprecher. Das 114 Seiten umfassende Gesetz regelt im Detail das repressive Vorgehen der für ihre Willkür und Brutalität berühmt berüchtigten »Sittenpolizei«, der vom Tugendministerium die Durchsetzung der drakonischen Verhaltensregeln überantwortet wurde. Die umfassende Macht dieser staatlichen Frauenschläger wird durch den neuen gesetzlichen Unterbau gestärkt und nochmals erweitert. Auch »Ehebruch«, außereheliche Beziehungen sowie Homosexualität sind sämtlichen Personen verboten und können durch die Tugendwächter nun sanktioniert werden. Bereits nach ihrer Machtübernahme im August 2021 hatten die Taliban der LGBTIQ-Community im Land den Kampf angesagt, und seitdem sind eine Vielzahl brutaler Vergehen dokumentiert, die bis zu Hinrichtung, Folter und Vergewaltigung schwuler Männer reichen. Unter dem neuen Gesetz dürfen Männer keine Krawatte und müssen hingegen einen Bart tragen, dessen Länge vorgeschrieben ist, ebenso wie die ihrer Hosen. Glücksspiel, Musik und die populäre Kampfsportart Mixed Martial Arts sind ab jetzt verboten. Ebenso die Herstellung, Verbreitung und das Ansehen von Videos oder Bildern, die »Muslime beleidigen« oder »lebendige Wesen« zeigen, was einem Verbot visueller Nachrichten gleichkommt. (…) Nach der Bekanntwerdung des »Tugendgesetzes« veröffentlichten afghanische Frauen in den sozialen Netzwerken Videos, in denen sie singen oder Fotos des Taliban-Führers Achundsada zerreißen. In einem Video singt die in Polen lebende Sala Sasai ein Lied der bekannten Sängerin Arjana Sajid über die Widerstandskraft der afghanischen Frauen. Sie hätten begriffen, »dass Frauenfeinde unsere Menschenrechte nicht länger im Namen von Religion und Kultur verweigern können«, sagte Sasai. »Ihr habt meine Stimme für die absehbare Zukunft zum Schweigen gebracht«, sagt eine vollverschleierte Frau in einem anderen Video. »Ihr habt mich in meinem Zuhause inhaftiert für das Verbrechen, eine Frau zu sein.«“ Artikel von Jakob Reimann in der jungen Welt vom 30. August 2024
(„Verbrechen, eine Frau zu sein“), siehe auch:
- „Bella Ciao ist zu einer Hymne für die unterdrückten Frauen in Afghanistan und im Iran geworden.“ engl. Tweet von Habib Khan vom 30. Aug. 2024
mit dem Video singender Frauen - „Marams atemberaubende Klavierdarbietung in Kabul. Unter den Taliban ist Musik nun illegal. Das Afghanistan National Institute of Music förderte Talente wie sie, aber eine der ersten Maßnahmen der Taliban war, die Schule zu verbieten.“ engl. Tweet von Habib Khan vom 01.09.2024
mit Video
- „Bella Ciao ist zu einer Hymne für die unterdrückten Frauen in Afghanistan und im Iran geworden.“ engl. Tweet von Habib Khan vom 30. Aug. 2024
- »Tugendgesetz« in Afghanistan: Verbrechen, eine Frau zu sein. Aus dem Exil ertönt Widerstand gegen das Verbot zu singen, Bella Ciao wir zur Hymne für die unterdrückten Frauen
- Frauen sind die großen Verliererinnen in Afghanistan – doch sie vernetzen und wehren sich
- Wirtschaft am Boden: Frauen die großen Verlierer in Afghanistan
„Zwei Jahrzehnte stand Afghanistan unter der Kontrolle westlicher Mächte. Dann wurden Land und Bevölkerung zurückgelassen – in die Hände der Taliban. Jetzt steht die Wirtschaft des Landes am Boden
„Es ist ein heißer Nachmittag in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Mohammad Jawad sitzt in seinem kleinen Laden im Stadtteil Shar-e Naw. Teppiche liegen in Stapeln auf dem Boden oder lehnen zusammengerollt an der Wand. Vor den Fenstern rauscht Anfang Juni der dröhnende Mittagsverkehr vorbei. Ein Kunde kommt zur Tür herein, blättert in einem Teppichstapel, stellt ein paar Fragen und verlässt den Laden wieder. „Hier braucht man Geduld“, sagt Jawad und lacht, „es dauert lange, bis jemand einen Teppich kauft“. Der 44-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit fast 19 Jahren handelt der freundliche Mann mit Kinnbart und grauem Haar mit Teppichen aus dem ganzen Land. Als er begann, galt die Teppichbranche in Afghanistan noch als sichere Einnahmequelle, erzählt er. (…) Mit knapp 1,5 Millionen Beschäftigten ist sie zwar der zweitwichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Doch inzwischen steckt auch sie in der Krise. Zwar habe es in den vergangenen Jahrzehnten immer ein Auf und Ab gegeben, etwa während der Corona-Pandemie, sagt Jawad. Doch seit der Machtübernahme der Taliban sei die Lage besonders dramatisch. „Zuerst dachte ich, ich müsste aufhören“, sagt er. (…) Bis heute hat sich die Wirtschaft nicht erholt. Laut Weltbank ist davon auszugehen, dass sich das Wirtschaftsvolumen schlagartig nach der Machtübernahme der Taliban bis zu ein Drittel verringert hat und anschließend weiter gesunken ist. (…) Zwar gibt es keine internationalen Wirtschaftssanktionen, sondern nur gegen einzelne Mitglieder der Taliban-Regierung. Doch bis heute schrecken internationale Finanzinstitute aus Angst vor Reputationsschäden vor Transaktionen mit Afghanistan zurück. (…) Das spürt auch Khalid Faiz, der ein kleines Exportunternehmen in Kabul betreibt. „Wenn wir nicht handeln können, schadet das jedoch vor allem den Frauen“, sagt er. Viele von seinen Produkten, wie etwa Trockenfrüchte, Teppiche oder afghanische Kleidung, würden von kleinen Unternehmen hergestellt, die hauptsächlich Frauen beschäftigten. Auch sein Unternehmen war nach der Machtübernahme der Taliban zusammengebrochen, weil er monatelang kein Geld von ausländischen Kunden empfangen konnte. Mittlerweile würde der 30-Jährige gerne weiter investieren, etwa in den Abbau von Edelsteinen. Doch bislang hat er keinen Investor aus dem Ausland gefunden. Er findet, die internationale Gemeinschaft solle sich schnell mit den Taliban arrangieren – ob offiziell, oder inoffiziell: „Die Restriktionen schaden letztlich nicht den Taliban, sondern nur der Bevölkerung.“ Beitrag von Julian Busch vom 11. August 2024 im MiGAZIN
, siehe dazu, wenn auch etwas älter: - Afghanistan: Frauen übernehmen Initiative
„Unter der Taliban-Herrschaft in Afghanistan leiden vor allem die Frauen. Enttäuscht vom Westen vernetzen sie sich, um für ihre Rechte zu kämpfen.
Wöchentlich organisieren sie friedliche Protestaktionen gegen die massiven Einschränkung der Freiheiten von Frauen in Afghanistan. Sie wollen das Bewusstsein der Gesellschaft für Bürgerrechte und Demokratie schärfen. Ihre Organisation, das „Purple Saturdays Movement“, gründeten sie nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 in der Hauptstadt Kabul. „Wir können uns nur auf uns selbst verlassen“, sagt die 30-jährige Mitgründerin des „Purple Saturdays Movement“, Maryam Maroof Arvin, im Gespräch mit der DW. Arvin gehört zu jenen Frauenaktivistinnen, die noch immer in Afghanistan sind und nicht aufgeben wollen. Sie und die Frauen in ihrem Netzwerk organisieren nicht nur Protestaktionen. Sie unterrichten heimlich Mädchen zu Hause, die ab der 6. Klasse nicht mehr zur Schule gehen dürfen; sie sammeln Hilfe für alleinerziehende Frauen und bedürftige Familien; sie kümmern sich um Waisenkinder.
Auf sich allein gestellt
Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan sind vor allem die vulnerabelsten Schichten der Gesellschaft auf sich allein gestellt. Fast alle Internationale Hilfsorganisation haben das Land verlassen, weil die Taliban Menschen- und vor allem Frauenrechte systematisch verletzten. (…)
„Wir müssen unsere Kräfte bündeln“, betont Maryam Maroof. Die Mitgründerin des „Purple Saturday Movement“ appelliert an alle Menschenrechtsaktivisten, Intellektuellen und Andersdenkenden, eine Koalition zu bilden und den Widerstand gegen die Taliban innerhalb des Landes effektiver zu organisieren. „Wir setzen uns für eine legitime, demokratische und inklusive Regierung ein. Und wir müssen akzeptieren, dass wir uns dafür nicht auf diejenigen verlassen können, die Menschenrechte als Mittel nutzen, um sich selbst zu profilieren“, sagt Frauenaktivistin Marood mit bitterem Blick auf die internationale Gemeinschaft.“ Beitrag von Shabnam von Hein vom 09.07.2024 bei Deutsche Welle
, siehe aber auch: - „Die Frauenrechtsaktivistin Zarmineh Pariani hat die Entkleidung von Frauen in Taliban-Gefängnissen in Afghanistan aufgedeckt
Nachdem sie vor zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat Zarmineh aufgedeckt, dass die Taliban selbst die inhaftierten Frauen gewaltsam und in Gruppen nackt auszogen.“ engl. Tweet von Federation of Anarchism Era vom 13. Juli 2024
zum Video
- Wirtschaft am Boden: Frauen die großen Verlierer in Afghanistan
- Afghanische Frauen an vorderster Front: Auf der Straße. Der Widerstand der Frauen nach der Rückkehr der Taliban – aber auch zunehmende Zahl von Selbstmorden
- Das Schweigen brechen: Der Widerstand der Frauen in Afghanistan
„Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan im Jahr 2021 haben sich die Rechte von Frauen und Mädchen so drastisch verschlechtert, dass ihre Behandlung laut Amnesty International als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, als „geschlechtsspezifische Verfolgung“, betrachtet werden sollte. Trotz des Verlusts der Bewegungsfreiheit, der politischen Teilhabe und der Redefreiheit setzen afghanische Frauen ihr Leben aufs Spiel, um für ihre Rechte zu kämpfen.
Zahra Nader, Chefredakteurin des von Frauen geführten Nachrichtenmagazins Zan Times, hat diese Widerstandshandlungen in einem Dokumentarfilm mit dem Titel „Afghanische Frauen an der Frontlinie“ festgehalten. Der zweiteilige Film wurde mit Unterstützung der International Women’s Media Foundation produziert und in Zusammenarbeit mit dem feministischen Newsletter Impact und NADJA veröffentlicht. Das im Dokumentarfilm verwendete Filmmaterial stammt von den Demonstranten selbst. „Nicht viele Journalisten sind bei den Protesten zugelassen, und es sind diese großartigen Frauen, die protestieren und den Widerstand filmen und an die Medien und die sozialen Medien weiterleiten“, erklärt Nader. „Ich habe ein riesiges Archiv mit verschiedenen Videos, die mir Frauen aus verschiedenen Provinzen und von verschiedenen Orten geschickt haben. Dies ist eine Dokumentation des Widerstands in Afghanistan. Es ist so inspirierend zu sehen, wie die Frauen Widerstand leisten, wie sie kämpfen. Wir wollten die verschiedenen Arten des Widerstands zeigen, an denen Frauen in Afghanistan beteiligt sind.“ engl. umfangreicher Beitrag von Alia Chebbab vom 5.3.2024 in NADJA News
(maschinenübersetzt), siehe Teil 1 (Teil 2 erscheint am 8. März):
- Afghanische Frauen an vorderster Front: Auf der Straße
„Ich bin stolz auf uns, dass wir 14 Frauen mit Stiften und Papieren gekommen sind, um zu protestieren, und ihr kommt mit Kanonen und Gewehren, um uns zu bekämpfen.“
Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban die Kontrolle über Afghanistan und machten es zum einzigen Land der Welt, in dem Frauen grundlegende Menschenrechte verweigert werden. Seitdem können sich Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht mehr frei bewegen. Sie haben nicht das Recht, eine Schule oder Universität zu besuchen. Sie haben nicht das Recht, ihre Kleidung selbst zu wählen. Sie werden in ihren Häusern eingesperrt für das Verbrechen, eine Frau zu sein.
Und doch kämpfen sie weiter.
Zahra Nader, Chefredakteurin der Zan Times, hat die Aktivisten in Afghanistan, die sich angesichts der schlimmsten Frauenrechtskrise unserer Zeit mobilisiert haben, genau verfolgt. In den letzten Jahren hat sie miterlebt, wie Hunderte von Frauen den Taliban trotz schwerwiegender Folgen die Stirn boten, auf der Straße für ihre Rechte kämpften und sich weigerten, zu schweigen.
Afghanische Frauen an vorderster Front“ ist eine zweiteilige Dokumentarserie über diese mutigen Frauen, die von Zan Times mit Unterstützung der International Women’s Foundation produziert und in Zusammenarbeit mit Impact Newsletter und NADJA veröffentlicht wurde. Hier ist Teil eins – die fesselnde Geschichte zweier Aktivistinnen, die mutig das Taliban-Regime herausfordern… “ engl. Video-Reportage vom 01.03.2024 in NADJA News
(maschinenübersetzt) – es ist Teil 1, Teil 2 folgt dort am 8.3.24
- Afghanische Frauen an vorderster Front: Auf der Straße
- Warum hat die Zahl der Selbstmorde unter Frauen in dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan zugenommen?
„Laut einer weltweiten Rangliste ist Afghanistan das Land mit den schlechtesten Bedingungen für Frauen. Seit die Taliban wieder an der Macht sind, haben die Herausforderungen und Einschränkungen für Frauen immens zugenommen. Den Frauen werden ihre grundlegenden Menschenrechte vorenthalten, wie das Recht auf Bildung, Arbeit, Reisen und Freizeitgestaltung. Von all den Auswirkungen, die diese Beschränkungen auf das persönliche und soziale Leben der Frauen haben, ist die vielleicht gravierendste ein deutlicher Anstieg der Selbstmordrate bei Frauen. Nach einer Untersuchung der Zan Times in 11 Provinzen im August 2023 machten Frauen und Mädchen die überwiegende Mehrheit der durch Selbstmord Verstorbenen aus. Als weibliche Schriftstellerin werde ich daher dieser grundlegenden Frage nachgehen: Warum hat die Zahl der Selbstmorde unter Frauen in dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan zugenommen? (…)
Im soziokulturellen Kontext Afghanistans gilt der Selbstmord von Frauen größtenteils als Tabu und wird oft verheimlicht. Außerdem gibt es keine genauen Statistiken über die Zahl der Selbstmorde von Frauen in Afghanistan, da es keine freien Medien und keine zuverlässigen Institutionen gibt. Ungeachtet dessen haben in- und ausländische Medien über den vielfachen Anstieg der Selbstmorde von Frauen in Afghanistan berichtet.
Mit der Rückkehr der Taliban an die Macht hat sich das Land praktisch in ein riesiges Gefängnis für Frauen verwandelt. In diesem Gefängnis haben die Frauen praktisch keine Rechte. Einige Frauen wurden zu Ehen mit Taliban-Mitgliedern gezwungen oder werden von ihren Familien gegen Geld verkauft. Einige weibliche Haushaltsvorstände sind gezwungen, zu betteln oder ihre Körperteile zu verkaufen, um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern. In solchen Situationen kann der Tod durch Selbstmord ein Protest gegen die Realität ihres Lebens sein. Frauen, die durch Selbstmord sterben, drücken damit ihren Unmut und Protest aus. Es ist, als wollten sie zeigen, dass es für Frauen in Afghanistan aufgrund der von den Taliban auferlegten Bedingungen keinen Unterschied zwischen Leben und Tod gibt.
Ein ernstes Problem für die Frauen in Afghanistan ist die wachsende Kluft zwischen ihren Zielen und Träumen und ihren sozialen Möglichkeiten in Afghanistan. Alle Bürgerinnen und Bürger haben Ziele im Leben, und eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft stellt Instrumente zur Verfügung, die es allen Bürgerinnen und Bürgern, unabhängig von ihrem sozialen Status, ermöglichen, diese Ziele zu erreichen. In Afghanistan wurden die sozialen Instrumente und Möglichkeiten für Frauen, ihre Ziele zu erreichen, von den Taliban systematisch und gezielt zerstört. Frauen haben immer noch ihre Ziele, die ihren eigenen Bedürfnissen entsprechen, aber es ist ihnen verboten, die Mittel zu haben, um diese Ziele zu erreichen. Dieser Mangel führt zu Depressionen, psychischen Störungen, Ohnmachtsgefühlen und einem Rückgang des Selbstbewusstseins. In einer solchen Gesellschaft halten Frauen ihre Ziele für unerreichbar und interpretieren ihr Leben als absurd und sinnlos, was zu einer Zunahme von Selbstmorden bei Frauen führt…“ engl. Artikel von Karima Safdari vom 28.2.2024 in Zan Times
(maschinenübersetzt)
- Das Schweigen brechen: Der Widerstand der Frauen in Afghanistan
- Frauen in Afghanistan: «Unsere Freiheiten schwinden von Tag zu Tag»
„Eine Lehrerin, eine Studentin und eine Informatikerin erzählen von ihrem Alltag unter dem Talibanregime.
«In Masar-e Scharif gibt es n ur zwei Jahreszeiten. Sommer und Winter», sagt Chatera Sadat*. Das Tragen ihrer schwarzen Kleidung und ihres Schleiers fällt der 48-Jährigen oft besonders schwer – in Masar-e Scharif in der Provinz Balch im Norden Afghanistans herrschten in diesem Spätsommer meist weit über vierzig Grad. Der Klimawandel macht auch vor Afghanistan, das im Vergleich zu anderen Ländern in der Region nur wenig CO₂ produziert, nicht halt. Sadat ist Lehrerin an einer Unterstufe. Obwohl die drückende Hitze die Gesundheit vieler Afghan:innen gefährdete, fand der Unterricht weiterhin statt. «Hitzeferien hätten den Unterricht zurückgeworfen, meinten die Taliban», so Sadat. Die wahren Hürden zur Bildung sind aber gänzlich andere: Seit die militant-islamistischen Taliban im August 2021 in ganz Afghanistan die Macht ergriffen haben, ist Mädchen der Besuch der Oberstufe von der siebten bis zur zwölften Klasse untersagt. Seit Ende des letzten Jahres besteht für Afghaninnen zudem ein Universitätsverbot. In manchen Regionen, die in den vergangenen zwanzig Jahren des Krieges vernachlässigt wurden, spielen die Verbote der Taliban allerdings nur eine untergeordnete Rolle: Mädchenschulen und Universitäten gab es dort schon vor deren erneuter Machtübernahme keine – auch wenn korrupte Beamte ausländische Gelder akquirierten und behaupteten, damit solche Schulen errichtet zu haben. (…) Dort aber, wo die Schulen weiterhin geöffnet sind, herrscht heute die rigide Sittenkontrolle der Taliban. Derweil Männer Bart und Käppchen tragen müssen, gilt für Mädchen und Frauen ein noch strengerer Dresscode. Geht es nach den Taliban, so sollen sie ihre Gesichter statt mit einem Schleier am besten gleich mit schwarzen medizinischen Masken verdecken, obwohl die Coronapandemie auch in Afghanistan schon längst vorbei ist. «Schwester, trag doch bitte eine Maske», hört man oft von der Sittenpolizei. Sadats jüngste Tochter ist zwölf Jahre alt und kann fast den ganzen Koran auswendig rezitieren. Als sie vor kurzem vergessen hatte, ihre Maske mit in die Schule zu nehmen, wurde sie vom Lehrpersonal wieder nach Hause geschickt. Im Juli sorgten die Taliban auch mit der massenhaften Schliessung von Schönheitssalons für Schlagzeilen. Zehntausende von Afghaninnen waren gezwungen, ihren Betrieb einzustellen. Die Salons gehörten zu den letzten unabhängigen Frauenbetrieben des Landes und galten als Safe Space. Doch die Taliban und ihre Anhänger betrachten sie als Orte des Frevels und stellen sie mit Bordellen gleich. (…) In einer ähnlich ausweglosen Situation befindet sich auch Rochschana Noor* aus Kabul. Ihr Informatikstudium musste sie abbrechen, als Frauen von der Universität ausgeschlossen wurden. Kurz darauf fand sie eine Anstellung bei einer kleinen IT-Firma. Noors Arbeitsplatz befindet sich in einem der Hochhäuser, die im Zuge des Baubooms der letzten Jahre in Kabul errichtet wurden. «Ich fahre jeden Tag allein zur Arbeit. Wie lange ich meine Stelle behalten darf, ist allerdings ungewiss», erzählt sie. Die Angst vor einem neuen Arbeitsverbot ist stets präsent. Offiziell dürfen Afghaninnen nicht für NGOs arbeiten und ohne männliche Begleitung auch nicht reisen. (…) «Unsere Freiheiten schwinden von Tag zu Tag», sagt Noor. «Die Sittenwächter suchen regelmässig unsere Büros auf, um die von ihnen verlangte strikte Geschlechtertrennung zu kontrollieren.» Auch in Kabul gilt der neue Dresscode. Wer sich nicht daran hält, muss mit Konsequenzen rechnen. «Sobald sich die Taliban bei meinem Arbeitgeber beschweren und ihm die Schliessung seiner Firma androhen, lässt dieser seinen Frust an uns Frauen aus», sagt Noor. Daraufhin, so die IT-Angestellte, würde es heissen, dass sie und ihre Kolleginnen ihren Job verlieren würden – und der Bericht über etwaige «Vergehen» an ihre männlichen Verwandten weitergeleitet werden müsse. Es ist dieses perfide Spiel mit den extremen Seiten des Patriarchats, das vielen Frauen zu schaffen macht. Die Taliban wissen das und spekulieren darauf. Das ist auch einer der Gründe, warum die Fallzahlen von häuslicher Gewalt in Afghanistan laut Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch ebenso angestiegen sind wie diejenigen von psychischen Erkrankungen und Suiziden. Eine Frau, die sich nicht an die Vorschriften der Taliban hält, wird nicht direkt von diesen bestraft. Stattdessen trifft die Strafe ihre männlichen Verwandten – die wiederum alles an ihren Frauen, Schwestern oder Töchtern auslassen.“ Bericht von Emran Feroz aus der WOZ Nr. 50 vom 14. Dezember 2023
(*alle Namen wurde aus Sicherheitsgründen geändert) - Ein Land als Gefängnis: Zwei Jahre Taliban-Herrschaft in Afghanistan – für Frauen die Hölle
- Die Hölle der Frauen in Afghanistan: In Afghanistan ist die Lage zwei Jahre nach dem Machtwechsel aussichtsloser als je zuvor
„… Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan jährt sich am 15. August zum zweiten Mal. Damals sagten die Islamisten zu, die Menschenrechte zu achten. Und tatsächlich gab es am Anfang auch im Westen die vage Hoffnung, die Taliban könnten nach ihrer ersten Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001 geläutert sein, eine Art moderatere Talibanversion 2.0. Längst ist klar, dass das eine Illusion war. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Unterdrückung von Frauen und Mädchen – deren Lage inzwischen verheerender ist als in jedem anderen Land der Welt, wie die Vereinten Nationen attestieren. Nur einen guten Monat dauerte es nach der Rückkehr der Taliban an die Macht, bis für Mädchen ab der siebten Klasse der Schulbesuch ausgesetzt wurde. Seit Ende 2021 dürfen Frauen weitere Fahrten nur noch in Begleitung eines männlichen Angehörigen antreten. Im März 2022 wurde der Zugang für öffentliche Parkanlagen für Frauen eingeschränkt, in der Hauptstadt Kabul wurde er danach ganz verboten. Ebenfalls seit März 2022 dürfen Frauen ohne männlichen Verwandten keine Flugzeuge mehr besteigen, weder bei Inlands- noch bei Auslandsflügen. Im Mai 2022 verfügten die Machthaber, dass Frauen nicht grundlos das Haus verlassen sollten – und wenn, dann vorzugsweise mit einem Schleier, der auch das Gesicht verdeckt. Noch im selben Monat wurden Fernsehmoderatorinnen angewiesen, ihr Gesicht zu verdecken, wenige Tage später galt das auch für Schülerinnen der vierten bis sechsten Klassen auf dem Schulweg. Im August wurden die meisten Mitarbeiterinnen im öffentlichen Dienst angewiesen, nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen. Im November wurde Frauen der Besuch unter anderem von öffentlichen Bädern und Fitnessstudios untersagt, im Monat darauf der Besuch von Universitäten. Nur zwei Tage später wurde alle weiterführende Bildung für Mädchen und Frauen nach der sechsten Schulklasse grundsätzlich verboten. Im Dezember waren die Mitarbeiterinnen von Nichtregierungsorganisationen dran: Sie dürfen seitdem nicht mehr für die Organisationen arbeiten, die in dem bitterarmen Land eine wichtige Rolle für die notleidende Bevölkerung spielen. Im April dieses Jahres folgte ein entsprechendes Verbot für afghanische Mitarbeiterinnen der Vereinten Nationen. Die jüngste Volte: Ein Verbot von Schönheitssalons – weil deren Dienstleistungen nach Überzeugung der Taliban dem Islam widersprechen. „Frauen sind heute vom politischen und öffentlichen Leben in Afghanistan völlig ausgeschlossen“, hieß es im März in einem Bericht an den UN-Menschenrechtsrat. „Es gibt keine einzige Frau, die ein öffentliches oder politisches Amt bekleidet.“ Der Sonderberichterstatter zur Menschenrechtslage in Afghanistan, Richard Bennett, stellte als einer der Co-Autoren des Berichts fest: „Frauen und Mädchen in Afghanistan sind schwerer Diskriminierung ausgesetzt, die auf eine geschlechtsspezifische Verfolgung – ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – hinauslaufen und als geschlechtsspezifische Apartheid bezeichnet werden kann.“ (…) Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass inzwischen mehr als 90 Prozent der Menschen im Land unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Faktor, der dazu beiträgt: Viele Frauen können wegen der rigiden Politik der Taliban nicht mehr arbeiten gehen. Im Bericht an den UN-Menschenrechtsrat heißt es, dass die verheerende wirtschaftliche Lage Afghanen in manchen Fällen dazu treibe, ihre Kinder zu verkaufen…“ Artikel von Can Merey vom 13. August 2023 in der Frankfurter Rundschau online
- Zwei Jahre Taliban-Herrschaft: Schlimmer als befürchtet
„Vor dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan 2021 warnten Experten und Aktivisten der afghanischen Zivilgesellschaft eindringlich vor den Taliban. Nun fühlen sie sich im Stich gelassen. (…) „Ich begreife nicht, woher die Hoffnung kam, dass die Taliban sich geändert oder gar verbessert haben“, sagt die Kabuler Frauenaktivistin Arwin in Kabul und fügt hinzu: „Wir wussten immer, dass wir mit den Taliban an der Macht alles, was wir erreicht hatten, wieder verlieren würden. Zwanzig Tage vor ihrer Machtübernahme haben wir, Frauenaktivistinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft in Kabul, eine Pressekonferenz organisiert, um erneut die Weltgemeinschaft auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Wir haben gesagt: Schaut auf die Gebiete, die damals bereits von den Taliban kontrolliert wurden, und seht, wie sie Frauenrechte verachten. Doch niemand wollte auf uns hören.“ (…) Die USA hatten 2018 direkte Gespräche mit den Taliban aufgenommen. (…) Die Gespräche mit den Taliban führten am 29. Februar 2020 zu einer Vereinbarung, in der ein Zeitplan für den Abzug der US-Truppen sowie der anderen NATO-Kontingente festgelegt wurde. „Die Vereinbarung vom Februar 2020 rief unter anderen zu innerafghanischen Friedensgesprächen auf, bei denen die Taliban direkt mit der afghanischen Regierung verhandeln sollten“, erklärt die afghanische Ex-Politikerin Alema. „Wir hatten uns darauf vorbereitet. Im Friedensministerium hatte ich verschiedene Arbeitsgruppen eingerichtet und mit Vertretern von NGOs aus allen 34 Provinzen des Landes Leitlinien und Fördermaßnahmen erarbeitet. Die Taliban jedoch zeigten kein Interesse an Gesprächen mit uns. Sie wussten, dass die USA Afghanistan verlassen würden. Sie waren nicht bereit, Zugeständnisse zu machen. Und die USA hatten sie hoffähig gemacht, nach dem Motto: Die Taliban haben sich verändert.“ (…) „Das, was sich im August 2021 in Afghanistan ereignete, war kein militärischer Triumph der Taliban, sondern das Ergebnis einer politischen Entscheidung“, analysiert Khushal Asefi, Journalist und ehemaliger Geschäftsführer der Ariana Radio & Television. Asefi berichtete damals täglich von den sich überschlagenden Ereignissen. „Niemand hatte Einblick in die Hintergrundverhandlungen mit den Taliban. Es schien, als hätten die westlichen Länder ihre Unterstützung für die damalige Regierung zurückgezogen.“ (…) Nach der Machtübernahme der Taliban musste Asefi das Land verlassen. Als kritischer Journalist sah er keine Zukunft mehr für sich in Afghanistan und hatte Angst um sein Leben. „Die Entwicklungen der letzten zwei Jahre verstärken das Gefühl, dass das Land den Taliban überlassen wurde. Es scheint egal zu sein, welches Chaos sie anrichten. Bestenfalls wird eine kritische Erklärung veröffentlicht, in der die Politik der Taliban verurteilt wird. Die afghanische Gesellschaft ist demoralisiert und erschöpft. Die Wirtschaft liegt am Boden und über 20 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Menschen kämpfen nur noch um ihr nacktes Überleben.“ „Ja, viele denken nur daran, wie sie das Land verlassen können“, bestätigt Frauenaktivistin Arwin aus Kabul. Sie betont weiter: „Ich bin enttäuscht, dass die Weltgemeinschaft und die afghanische Gesellschaft so schnell kapituliert haben. Es ist schlimmer als ich fürchtete. Die afghanische Zivilgesellschaft hat aber einen starken Kern, der nicht aufgeben wird. Diesen Kern sollte man nicht unterschätzen. Ich glaube ganz fest an uns.“ DW-Beitrag von Shabnam von Hein vom 15. August 2023
- Ein Land als Gefängnis: Zwei Jahre Taliban-Herrschaft in Afghanistan
„… Die Bilanz des überhasteten Abzugs der USA und ihrer Verbündeten ist erschreckend: Für Millionen von Menschen sind die Zustände im Land heute katastrophal. Die Rechte von Frauen, Minderheiten und bestimmten ethnischen Gruppen, wie den Hazaras, wurden in den vergangenen zwei Jahren drastisch eingeschränkt, die Medien mit Repression überzogen, das – schon zuvor unzureichende – Gesundheitssystem bröckelt, Armut und Hunger breiten sich aus. Fast die Hälfte der afghanischen Bevölkerung leidet aktuell unter Hunger. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind rund 18 Millionen der insgesamt rund 41 Millionen Afghaninnen und Afghanen von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, 3,2 Millionen Kinder leiden an akuter Unterernährung. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt angesichts dessen bereits vor einer der größten und schwersten Hungerkrisen der Welt. Zu dieser Notlage beigetragen hat zum einen der abrupte Stopp westlicher Unterstützung nach der Machtergreifung durch die Taliban. Zum anderen haben die nun herrschenden Taliban all das, was bereits in der Vergangenheit zu Hunger und Ernährungsunsicherheit im Land geführt hat, noch verschärft: Zunehmende Vertreibung, Konflikte und politische Instabilität beeinträchtigen die Landwirtschaft wie die Ökonomie insgesamt und zerstören die Infrastruktur, was einen Rückgang der Nahrungsmittelproduktion und -verfügbarkeit zur Folge hat. Zugleich ist das Land sehr anfällig für Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben, was sich ebenfalls negativ auf die Versorgungslage auswirkt. Die Taliban sind ganz offenbar nicht in der Lage, diese dramatische Situation in den Griff zu bekommen – auch weil sie Hilfe von außen nur in wenigen Fällen zulassen und dabei unter anderem die Mitarbeit von Frauen untersagen. Dies aber stellt viele Hilfsorganisationen vor immense Probleme. Angesichts dessen wächst der Anteil der Bevölkerung rasant, der auf Hilfe angewiesen ist. Besonders Frauen und Kinder leiden unter den schlechten humanitären Bedingungen. Vor allem aber ist Afghanistan derzeit das Land der Welt, in dem Frauen am massivsten unterdrückt werden. Seit der Machtübernahme der Taliban wurde ihr Leben de facto aus der Öffentlichkeit verbannt: Die neuen Machthaber verwehren ihnen systematisch den Zugang zu Bildung, Arbeit, Reisen und ausreichender medizinischer Versorgung – mit weitreichenden Folgen…“ Artikel von Arezao Naiby in den Blättern vom August 2023
mit umfangreicher Darstellung der Folgen für die Frauen. Siehe auch: - 2 Jahre Talibanherrschaft in Afghanistan: Seebrücke fordert schnelle Umsetzung des Bundesaufnahmeprogramms
Pressemitteilung vom 11.08.2023 von und bei Seebrücke
- Die engl. Kampagne vom Education Cannot Wait
(ECW): „Two Years On: Afghan Girls’ Call from the Heart to Claim their Right to Education Rings Out Louder Than Ever“ - den Schwerpunkt Afghanistan
in der taz
- Die Hölle der Frauen in Afghanistan: In Afghanistan ist die Lage zwei Jahre nach dem Machtwechsel aussichtsloser als je zuvor
- Afghanistan: Von den Taliban gejagt. Seit über 20 Jahren setzt sich Frau P. für die Rechte von Mädchen und Frauen ein – ein Porträt
„Seit über 20 Jahren setzt sich Frau P. für die Rechte von Mädchen und Frauen ein. Als Lehrerin und Direktorin einer Mädchenschule sowie als Aktivistin in verschiedenen Frauenrechts-Organisationen und zuletzt Mitbegründerin eines Protestnetzwerks gegen die Taliban hat sie sich leidenschaftlich dem feministischen Kampf für Selbstbestimmung von Frauen verschrieben. Sie träumte von einem Afghanistan, in dem Mädchen und Frauen ein unveräußerliches Recht auf Bildung, auf freie Heiratswahl und Arbeit, auf politische und öffentliche Mitbestimmung und Repräsentation besitzen. Sie träumte von der Befreiung der afghanischen Frauen – knapp zwei Jahre nach der Machtübernahme durch die Taliban ist dieser Traum einer totalitären, misogynen Dystopie gewichen. Heute hat sie alles verloren, für das sie ihr Leben lang gekämpft hat. Traumatisiert von der physischen Gewalt durch die Taliban, von unzähligen Todesdrohungen per Anruf oder Whatsapp-Nachricht, der Verhaftung früherer Kolleg:innen und der angedrohten Zwangsverheiratung ihrer 17-jährigen Tochter versteckt sich Frau P. seit Monaten in Todesangst mit ihren Kindern in Mazar-e Sharif bei den Wenigen, denen sie noch vertraut. Obwohl sie sich lange schwor, niemals aufzugeben, ist ihre letzte Hoffnung heute die Aufnahme in Deutschland über das Bundesaufnahmeprogramm (BAP). Die Aussetzung der Visaverfahren durch die Bundesregierung hat diese Hoffnung fast erstickt – denn sie weiß nicht, wie lange sie sich noch verstecken kann, bis die Taliban sie finden. Die etlichen Verzögerungen und Hürden des BAP setzen ihr Leben aufs Spiel. Mit jedem Tag, den sie ausharren muss, steigt die Gefahr. (…) In der Zwischenzeit wurde ihr Haus in Baghlan beschlagnahmt, zahlreiche Verwandte sowie ehemalige Kolleg:innen wurden seither von den Taliban verhört und nach dem Aufenthaltsort von Frau P. befragt. Nachdem ein Bekannter von ihr ein Dokument, das zur Einreichung des Antrags für das BAP benötigt wird, für sie von einer Behörde in Mazar-e Sharif beglaubigen ließ, wurde dieser zwei Tage danach von Taliban zuhause aufgesucht und zusammengeschlagen. Außerdem erhält sie seit einigen Wochen trotz neuer Nummer wieder vermehrt Drohanrufe und -nachrichten, auch der Gouverneur von Baghlan rief sie wieder an und teilte ihr mit, dass sie sie suchen – sie solle sich umgehend stellen oder sie würde mit dem Tod bestraft. Anfang des Monats wurde ein früherer Kollege inhaftiert und in ein berüchtigtes Folter-Gefängnis in Kabul gebracht. Um ihre Kinder zu schützen, versteckt sie sich seitdem alleine bei einer ehemaligen Kollegin in Mazar-e Sharif, während sich ihre Tochter um ihre kleinen Brüder kümmert. Frau P. ist schwer traumatisiert, leidet unter Panikattacken und Verfolgungsängsten. Die Gelenke ihrer Arme sind seit der letzten Festnahme schwer geschädigt und konnten nie richtig heilen. Jeden Tag hat sie Angst, dass die Taliban sie finden. Jeden Tag wartet sie auf eine positive Rückmeldung auf ihren Antrag im BAP. Die Aussichten auf ein Leben in Sicherheit sind gering, das weiß sie. Und dennoch träumt sie davon, eines Tages in einem Land zu leben, in dem sie und ihre Tochter ein selbstbestimmtes Leben führen und den Kampf für die Rechte der Frauen Afghanistans gemeinsam in der Diaspora fortsetzen können.“ Porträt vom 27. Juli 2023 bei medico international
- [Afghanistan] Behandlung von Frauen und Mädchen durch Taliban ist möglicherweise Verbrechen gegen die Menschlichkeit
„Die rechtswidrige Beschneidung der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan durch die Taliban sollte als mögliches Völkerrechtsverbrechen untersucht werden. Dies fordert Amnesty International in einem gemeinsam mit der Internationalen Juristenkommission (ICJ) veröffentlichten neuen Bericht. Vor diesem Hintergrund ist auch die Bundesregierung weiter gefordert, die Aufnahme schutzsuchender Afghan*innen zu beschleunigen. In dem Bericht „The Taliban’s war on women: The crime against humanity of gender persecution in Afghanistan“ legen Amnesty International und die Internationale Juristenkommission (ICJ) anhand einer detaillierten Analyse dar, dass die drakonischen Einschränkungen der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan in Verbindung mit Inhaftierung und Verschwindenlassen sowie Folter und anderen Misshandlungen als geschlechtsspezifische Verfolgung gelten könnten. Hierbei handelt es sich nach Artikel 7 (1)(h) des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. (…) Theresa Bergmann, Asien-Expertin bei Amnesty International in Deutschland, sagt: „Seit ihrer Machtergreifung haben die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan auf drakonische Weise eingeschränkt. Frauen werden aus dem öffentlichen Leben verbannt, von Bildungseinrichtungen und dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Wenn sie sich gegen die Unterdrückung wehren oder die Maßnahmen kritisieren, werden sie inhaftiert, fallen dem Verschwindenlassen zum Opfer und werden gefoltert. Hierbei handelt es sich um völkerrechtliche Verbrechen, die organisiert, großflächig und systematisch begangen werden. Die Bundesregierung hat laut eigenen Angaben seit Mai 2021 über 44.000 Aufnahmezusagen für besonders gefährdete Afghan*innen in Aussicht gestellt, zwei Drittel davon sind bereits nach Deutschland eingereist. Während sich die Lage in Afghanistan für Frauen und Mädchen immer weiter verschlechtert, wurde jedoch noch keine einzige Person über das im Dezember 2022 eingeführte Bundesaufnahmeprogramm in Deutschland aufgenommen. Die Bundesregierung darf jetzt keine weitere Zeit mehr verlieren, was schutzsuchende Afghan*innen weiteren Risiken aussetzt und sie zusätzlich gefährdet – die Sicherheitsüberprüfungen müssen schnellstmöglich abgeschlossen, die Visaverfahren wieder aufgenommen und Aufnahmezusagen endlich erteilt werden. Die Verfolgung von afghanischen Mädchen und Frauen qua Geschlecht ist ohne Zweifel. Schweden, Dänemark und Finnland haben sie deshalb bereits grundsätzlich als Flüchtlinge anerkannt – ein wichtiger, sehr begrüßenswerter Schritt, der hoffentlich auch weitere Staaten bewegt, dies zu tun. Auch in Deutschland muss afghanischen Mädchen und Frauen immer internationaler Schutz gewährt werden. Die Anerkennung als ‚prima facie‘-Flüchtlinge ist dafür eine gute Lösung.“ Pressemitteilung vom 26. Mai 2023 von Amnesty International
- „Sonst hätte ich eine meiner Nieren verkauft“. Im derzeitigen Aufnahmestopp wird Afghaninnen trotz gültiger Visa die Einreise nach Deutschland verwehrt. Viele befinden sich dadurch in einer verzweifelten Lage.
„Eigentlich sollte es inzwischen systematischen deutschen Schutz vor dem Terror der Taliban geben: Seit 17. Oktober 2022 gibt es das lang angekündigte Bundesaufnahmeprogramm für gefährdete Afghan*innen (BAP). Die Bilanz? Ernüchternd. Bis dato ist darüber kein einziges Visum erteilt worden, aktuelle Aufnahmen erfolgen über eine Übergangsregelung für akut gefährdete Personen. Obendrein herrscht seit Ende März ein sogenannter Ausreisestopp. Das heißt, die deutsche Seite hilft afghanischen Gefährdeten trotz Aufnahmezusage – also durch deutsche Ministerien anerkannte Gefährdung – nicht, nach Deutschland zu kommen. Was das für zwei Frauen und deren Familien bedeutet, zeigen hier zwei Fallbeispiele aus Afghanistan und Iran. Lina E. ist eine junge Afghanin, die noch im Land lebt. Sie hatte sich für das Bundesaufnahmeprogramm registriert, wollte nach Deutschland ausreisen und bekam eine Zusage. Als ich mit ihr spreche, erklärt sie, was die Entscheidungen der deutschen Politik für sie persönlich bedeuten: „Ich glaube, die deutsche Regierung weiß nicht, welche Wirkung der Aufnahmestopp auf uns hat: Wir leben jeden Tag wie in einem Albtraum.“ (…) „Die einzige Möglichkeit, einen Pass zu bekommen, war, eine riesige Summe Geld zu bezahlen. So mussten wir unser Haus mit all seinen Möbeln verkaufen, um die Pässe zu bekommen.“ Umgerechnet 6.000 Euro hätten sie bezahlt. „Ich war sehr glücklich, dass wir ein Haus haben, denn hätten wir kein Haus gehabt, hätte ich eine meiner Nieren verkauft, damit meine Familie und ich ein Leben in Frieden und Freiheit führen dürfen.“ Auch werde sie den Tag nie vergessen, an dem ihr Bruder in der Schlange zum Passamt in Kabul von den Taliban ausgepeitscht worden sei. Als sie dann der Iran Taskforce mitteilte (einem Dienstleister der deutschen Regierung, der für die Unterstützung von Ausreisen gefährdeter Afghan*innen via Iran zuständig ist), dass sie die Pässe bekommen hätten und alle reisefertig seien, erhielt sie erst gar keine Nachricht und fünf Tage später die Information über den Ausreisestopp. „Das war der schlimmste Tag“, sagt sie, „ich konnte nicht aufhören zu weinen. Zwei Tage lang habe ich mich nicht getraut, meiner Familie die Nachricht zu überbringen.“ Seit der erschütternden Nachricht Anfang April gehe es ihnen jeden Tag schlechter. Sie hielten sich entfernt von ihrer Heimatstadt im Haus ihres Onkels auf, um nicht entdeckt zu werden. Denn spätestens seit dem Hausverkauf sei für die Taliban klar, dass sie das Land verlassen wollten; ihre Gefährdung habe sich dadurch verschärft, denn wer gehen will, gilt als Verräter: „Wir sterben innerlich jeden Tag mehr.“…“ Artikel von Lena Reiner vom 24. Mai 2023 in der Zeit online
- Frauenrechte in Afghanistan: Ein Gefängnis aus Verboten
„Seit dem Abzug der US-Truppen in Afghanistan und dem Erstarken der Taliban ist es für viele Menschen in dem Land düster geworden. Besonders Menschen- und Frauenrechte waren in den vergangenen Monaten in dem Land immer weiter eingeschränkt worden. Anfang des Jahres war afghanischen Frauen verboten worden, Universitäten und Hochschulen zu besuchen. Ebenfalls wurde ihnen untersagt, in Nichtregierungsorganisationen und für die Vereinten Nationen zu arbeiten. Unter der Leitung von UN-Generalsekretär Antonio Guterres will die Staatengemeinschaft nun eine einheitliche Linie zu den Frauenrechten in Afghanistan finden. Dass sich diese jetzt in Katar bei einem internationalen Treffen über die Lage des Menschen, insbesondere der Frauen, beraten, ist gleichermaßen überfällig und begrüßenswert. Der zunehmende Ausschluss aus dem öffentlichen Leben und der Berufswelt durch die Taliban ist für Afghaninnen ein Gefängnis aus Verboten. Der Westen schuldet es ihnen zu handeln – und sich nicht weiterhin in schwere Worte gehüllte Versprechen zu flüchten.“ Kommentar von Julia Trippo vom 2.5.2023 in ND online
, siehe dazu:
- „Schaut auf diese mutigen Frauen aus #Afghanistan. Das sind aktuelle Bilder aus Kabul. Sie sagen: „Nein zur Taliban, Öffnet endlich die Schulen und Universitäten für Frauen und Mädchen, Wir werden weiter kämpfen für unsere Grundrechte, auch wenn wir dafür sterben müssen. Diese Frauen riskieren gerade Ihre Freiheit und ihr Leben, um die Weltöffentlichkeit daran zu erinnern, dass Ihre Rechte jeden Tag von der Taliban beschnitten werden. Sie wurden im Stich gelassen und machen trotzdem weiter. Das Mindeste ist hinzuschauen. #Afghanistanweseeyou“ Thread von Düzen Tekkal vom 29. Apr. 2023
mit Video
- „Schaut auf diese mutigen Frauen aus #Afghanistan. Das sind aktuelle Bilder aus Kabul. Sie sagen: „Nein zur Taliban, Öffnet endlich die Schulen und Universitäten für Frauen und Mädchen, Wir werden weiter kämpfen für unsere Grundrechte, auch wenn wir dafür sterben müssen. Diese Frauen riskieren gerade Ihre Freiheit und ihr Leben, um die Weltöffentlichkeit daran zu erinnern, dass Ihre Rechte jeden Tag von der Taliban beschnitten werden. Sie wurden im Stich gelassen und machen trotzdem weiter. Das Mindeste ist hinzuschauen. #Afghanistanweseeyou“ Thread von Düzen Tekkal vom 29. Apr. 2023
- Berliner Erklärung afghanischer Frauen zum Internationalen Frauentag 2023: Vergessen – ohne Perspektive auf Schutz und ein menschenwürdiges Leben
„»Wir verzweifeln über unseren Handys, auf denen wir tagtäglich die grausamsten Nachrichten und Bilder von einem Afghanistan erhalten, in dem es keine Menschenwürde mehr gibt. Wir können die Hilferufe unserer Familien, Freund*innen und Kolleg*innen kaum ertragen.« So heißt es in der Berliner Erklärung
afghanischer Frauen zum Internationalen Frauentag 2023, die sie zum 8. März mit Unterstützung der Afghanistan-Referentin von PRO ASYL, Dr. Alema, formuliert haben. Darin fordern mehr als 80 Frauen aus Afghanistan und mehrere Frauengruppen die Bundesregierung auf, sich an ihre Versprechen aus dem Koalitionsvertrag und dem Aktionsplan Afghanistan
vom Dezember 2021 zu halten. (…) Zu den wichtigen Anliegen gehört auch die Forderung, dass afghanische Mädchen und Frauen im Asylverfahren wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung eine Anerkennung als Flüchtling erhalten müssen – wie jüngst von der Europäischen Asylagentur (EUAA) gefordert. Länder wie Dänemark und Schweden haben diesen Schritt bereits vorgemacht, auch PRO ASYL hat sich dazu geäußert. Denn die Lage der Frauen in Afghanistan ist dramatisch: Sie dürfen nicht zur Schule gehen oder studieren, nicht öffentlich sichtbar arbeiten, sich kaum auf öffentlichen Plätzen aufhalten und müssen sich mindestens mit einem Hidschab verhüllen. Das sind nur einige der Verbote und Diskriminierungen, denen Mädchen und Frauen in Afghanistan ausgesetzt sind – einzig, weil sie weiblich sind…“ Meldung zum Aufruf am 08.03.2023 bei Pro Asyl
. Siehe auch:
- Unterdrückung in Afghanistan: Land ohne Frauen
„Seit der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 werden die Rechte der Frauen in Afghanistan immer mehr eingeschränkt. Drei Protokolle…“ Artikel von Ann Esswein und Sophie Jung vom 7.3.2023 in der taz online
- Unterdrückung in Afghanistan: Land ohne Frauen
- Verfolgt, weil sie Frauen sind: Afghanische Frauen müssen als Flüchtlinge anerkannt werden
„Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban hat sich die Situation für Frauen und Mädchen in Afghanistan weiter verschärft. Die massiven Restriktionen sind zusammengenommen so schwerwiegend, dass sie als Verfolgung aufgrund des Geschlechts gelten müssen: Frauen müssen als Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt werden. Sie dürfen nicht zur Schule gehen oder studieren, nicht öffentlich sichtbar arbeiten, sich kaum auf öffentlichen Plätzen aufhalten und müssen sich mindestens mit einem Hidschab verhüllen. Das sind nur einige der Verbote und Diskriminierungen, denen Mädchen und Frauen in Afghanistan ausgesetzt sind – einzig, weil sie weiblich sind. In Europa setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass Mädchen und Frauen in Afghanistan aufgrund der Verfolgung durch die Taliban grundsätzlich die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen werden muss. Nachdem die schwedische Asylbehörde schon seit Dezember 2022 so entscheidet, hat nun Ende Januar 2023 auch die Europäische Asylagentur (EUAA) eine entsprechende Einschätzung abgegeben. Auch Dänemark erkennt Frauen und Mädchen aus Afghanistan seit dem 30. Januar dieses Jahres allein auf Grund ihres Geschlechts die Flüchtlingseigenschaft zu. In Deutschland fehlt bislang eine solche klare Haltung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). (…) PRO ASYL fordert vor diesem Hintergrund das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dazu auf, sämtlichen im Asylverfahren befindlichen afghanischen Mädchen und Frauen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Betroffenen, denen vor der Machtübernahme der Taliban der Flüchtlingsschutz versagt blieb und denen nur subsidiärer Schutz oder gar nur ein Abschiebungsverbot zugesprochen wurde, muss aufgrund der radikal geänderten Situation im Herkunftsstaat im Falle der Stellung eines Asylfolgeantrags die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen werden.“ Meldung vom 02.02.2023 bei Pro Asyl
- Breite und mutige Proteste in Afghanistan nachdem die Taliban den Frauen auch die Arbeit in NGOs untersagen
„… In Afghanistan sollen Mitarbeiterinnen aller nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bis auf Weiteres von ihrer Arbeit suspendiert werden. Das forderte das Wirtschaftsministerium des Landes am Samstag in einem Schreiben. Grund dafür sei, dass die Frauen die Vorschriften der Taliban-Führung in Bezug auf das Tragen eines Hidschabs, also eines Kopftuchs, nicht einhielten. Komme eine Organisation dieser Anordnung nicht nach, werde ihre Lizenz entzogen, hieß es in dem Schreiben. Inwieweit die Anordnung auch für Organisationen der Vereinten Nationen gilt, die in Afghanistan stark vertreten sind, blieb zunächst offen. Ein Sprecher sagte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, die Anordnung gelte für die Organisationen, die unter der afghanischen Koordinationsbehörde Acbar arbeiteten. Das umfasst rund 180 örtliche und internationale NGOs, nicht aber die UN. Allerdings vergeben die Vereinten Nationen Aufgaben oft an in Afghanistan registrierte Organisationen. Hilfsanbieter erklärten, weibliche Mitarbeitende seien oft auch deshalb wichtig, damit Frauen den Zugang zu Hilfe bekämen. (…) In der westafghanischen Stadt Herat demonstrierten am Samstag Dutzende Frauen gegen ihre Verbannung von den Universitäten des Landes. Mit Parolen wie »Bildung ist unser Recht« seien sie in Kleingruppen auf die Straße gegangen, sagte eine Demonstrantin der Deutschen Presse-Agentur. Die Frauen versammelten sich demnach vor dem Büro des Provinzgouverneurs. Die Taliban hätten die Proteste dann mit Wasserwerfern und Schlagstöcken aufgelöst, hieß es weiter. Videos in den sozialen Netzwerken zeigten ein Feuerwehrauto, das die Demonstrantinnen mit einer Flüssigkeit besprühte. In der Hauptstadt Kabul zeigten die Taliban am Samstag erhöhte Militärpräsenz. Auch dort hatten am Donnerstag Dutzende Frauen gegen das kürzlich verhängte Universitätsverbot demonstriert. Berichten zufolge wird seitdem mindestens eine der Frauen vermisst.“ Meldung vom 24. Dezember 2022 im Spiegel online
(„Taliban untersagen NGO-Mitarbeiterinnen die Arbeit“) und dazu wie danach:
- „Solange sie meiner Schwester und meiner Mutter nicht erlauben, zu studieren, werde ich auch nicht studieren“ Der Universitätsdozent Ismail Mashal zerreißt seine Universitätsabschlüsse als Antwort auf die jüngsten Verbote der #Taliban gegen das Recht der Frauen zu studieren… Gestern hatte ich noch 450 StudentInnen. Aber ich habe die Türen meines Instituts geschlossen. Ist Studieren ein Verbrechen? Ist es eine Sünde? Gott und sein Prophet (Friede sei mit ihm) haben ihnen befohlen zu studieren, warum nehmt ihr ihnen das Recht zu studieren, zu lernen?“ Thread von Düzen Tekkal vom 27.12.
mit Video - „Die afghanische Frauenrechtsaktivistin @JamilaAfghani reagiert auf die jüngsten Schritte der Taliban, Frauen den Zugang zu Bildung und die Arbeit bei NGOs zu verwehren, und bricht frühere Versprechen, nicht mit mehr Mäßigung zu regieren. „Die Situation in Afghanistan ist sehr chaotisch“, sagt Afghani.“ engl. Tweet von Democracy Now! vom 27.12.
mit Video - „Stolz und stark“: Junge Afghanin protestiert in Kabul allein gegen Uni-Verbot
„In Afghanistan haben die radikalislamischen Taliban Frauen den Besuch von Hochschulen verboten. Eine 18-Jährige protestiert in Kabul gegen den Schritt. Sie sagt: „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich so stolz, stark und mächtig gefühlt.„…“ Beitrag vom 27.12.2022 bei web.de
- „Taliban „Wir werden Mädchen auf keinen Fall Bildung ermöglichen und wir werden nicht nachgeben,selbst wenn Atom bei der Umsetzung von Gottes Dekreten gegen uns benutzt wird.Wenn wir Zivilisation,Fortschritt und Gleichberechtigung wollten, hätten wir nicht all die Jahre gekämpft.” Tweet von Arezao Naiby vom 26. Dez. 2022
mit Video - „Die mutigen afghanischen Frauen und ein Teil Ihrer Männer fangen an die #Frauenrechtsverletzungen der #Taliban zu dokumentieren. Das machen sie für uns. Damit es nicht wieder heißt,die wollen das so in #afghanistan. NIEMAND will ein würdeloses Leben für seine Schwestern & Mütter. Die Szene die hier mit gedreht wurde von den Betroffenen. Die Taliban zwingen weibliche DemonstrantInnen dazu mit ihnen zu gehen. Eine Frau sagt immer wieder,ich bin schwanger bin, bitte lasst mich gehen, Als die Frau nicht nachlässt sagt ein #Taliban: Nehmt diese „Schlampe“ mit. So sieht die Realität von Frauen unter den #Taliban: #Geschechterapartheid. Entweder machen die Frauen was die Taliban sagen oder sie werden als „Schlampen“ zum Abschuss frei gegeben.Kommt Euch bekannt vor? Genau kennen wir auch vom Mullah Regime. Deshalb all Eyes on #afghanistan“ Thread von Düzen Tekkal vom 25.12.
mit Video - #LetAfganGirlsLearn #LetAfghanWomenWork
- „Solange sie meiner Schwester und meiner Mutter nicht erlauben, zu studieren, werde ich auch nicht studieren“ Der Universitätsdozent Ismail Mashal zerreißt seine Universitätsabschlüsse als Antwort auf die jüngsten Verbote der #Taliban gegen das Recht der Frauen zu studieren… Gestern hatte ich noch 450 StudentInnen. Aber ich habe die Türen meines Instituts geschlossen. Ist Studieren ein Verbrechen? Ist es eine Sünde? Gott und sein Prophet (Friede sei mit ihm) haben ihnen befohlen zu studieren, warum nehmt ihr ihnen das Recht zu studieren, zu lernen?“ Thread von Düzen Tekkal vom 27.12.
- [Erst Sekundarschule, dann Parks…] Afghanistan: Taliban verbannen Frauen von Universitäten – und ernten breiten Protest nicht nur der Frauen, trotz Verhaftungen
- Afghanistan: Taliban verbannen Frauen von Universitäten
„… Die radikal-islamischen Taliban haben in Afghanistan Frauen die Universitätsbildung verboten. In einer Regierungserklärung wurden alle privaten und öffentlichen Universitäten angewiesen, das Bildungsverbot für Frauen bis auf weiteres durchzusetzen. Am Mittwoch haben Sicherheitskräfte der Taliban Berichten zufolge Frauen den Zugang zu den Hochschulen verwehrt. Die Mitteilung wurde vom Ministerium für Höhere Bildung am Dienstag geteilt und lag der Deutschen Presse-Agentur vor. Unterzeichnet wurde die Erklärung vom amtierenden Minister Scheich Neda Mohammed Nadim. Eine Begründung gab es nicht. (…) Vor weniger als drei Monaten hatten Tausende Mädchen und Frauen im ganzen Land Aufnahmetests für Universitäten absolviert. Viele von ihnen wollten Lehramt oder Medizin studieren. Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 wurden Universitäten bereits gezwungen, neue Regeln einzuführen. So wurden Eingänge und Unterrichtsräume nach Geschlechtern getrennt. Frauen durften nur von anderen Frauen oder alten Männern unterrichtet werden. (…) Die Taliban haben die Frauenrechte bereits massiv eingeschränkt und Mädchen und Frauen vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Auch weiterführende Schulen ab der siebten Klasse sind für Mädchen seit dem Machtwechsel nicht mehr zugänglich. In Kabul ist Frauen seit einigen Monaten sogar der Besuch in öffentlichen Parks und Fitnessstudios untersagt. Trotz internationaler Kritik halten die Taliban an ihrem Kurs fest. (…) Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, nannte das Verbot „einen erschreckenden und gemeinen Schlag“ und einen „zutiefst bedauerlichen Rückschlag für das ganze Land“ (…) Afghanistan verstoße mit dem Ausbildungsverbot gegen internationales Recht, so Türk. „Das Recht von Frauen und Mädchen auf Bildung jeden Niveaus ohne Diskriminierung ist ein grundlegendes Recht, das nicht infrage gestellt werden kann“, teilte Türk mit. (…) Ebenso beunruhigt zeigt sich UN-Generalsekretär António Guterres. „Der Generalsekretär bekräftigt, dass die Verweigerung von Bildung nicht nur gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen verstößt, sondern auch verheerende Auswirkungen auf die Zukunft des Landes haben wird“, erklärte Guterres‘ Sprecher. Der Generalsekretär rief die Behörden in Afghanistan demnach dazu auf, „gleichen Zugang zu Bildung auf allen Ebenen zu gewährleisten“.“ Agenturmeldungen vom 21. Dezember 2022 beim ZDF
, siehe dazu: - Afghanistans Frauen: Ein Rückschlag nach dem anderen – aber der Kampf geht weiter
„… „Rechte muss man sich erkämpfen, sie werden einem nicht geschenkt“, besagt ein Sprichwort in Afghanistan. Dessen Bedeutung kennen Julia Parsi und ihre Mitstreiterinnen nur zu gut. Die Frauen haben gemeinsam die „San Library“ gegründet, die „Frauenbibliothek“ in der Hauptstadt Kabul. Ein Ort, an dem Besucherinnen lesen, lernen und sich austauschen können – mitten unter den herrschenden Taliban. Die Islamisten haben am Dienstag ihren neuesten frauenfeindlichen Erlass verkündet: Fortan dürfen Frauen keine Universitäten mehr besuchen. Das Verbot reiht sich ein in eine bereits lange Liste an Einschränkungen für Frauen, seit die militanten Islamisten im August 2021 die Macht übernommen haben. Frauen durften in vielen Fällen nicht mehr an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, dann wurden ihnen weitere Fahrten mit dem Taxi alleine untersagt, dann wurde Mädchen der Schulbesuch ab der siebten Klasse verboten. Seit ein paar Monaten ist etwa in Kabul sogar der Besuch in öffentlichen Parks und Fitnessstudios für Frauen ein Tabu. (…) Die Aktivistinnen rund um Julia Parsi allerdings wollen nicht über sich bestimmen lassen. Immer wieder organisieren sie Proteste gegen die Regierung und die Beschränkungen der Taliban. „Ich möchte die Stimme der Afghaninnen nach außen tragen“, erzählt Julia in ihrer Bibliothek, zwischen bunten Büchern für Kinder und zahlreichen Klassikern der afghanischen Literatur. Ähnlich wie im Iran haben die Proteste gegen die Machthaber in Afghanistan ein weibliches Gesicht. Was für die Iranerinnen und Kurdinnen „Frau, Leben, Freiheit“ ist, ist für die Afghaninnen „Brot, Arbeit, Freiheit“: Der Protestruf, der sie immer wieder auf die Straßen von Kabul, Herat oder Masar-i Scharif treibt. „Mit jeder neuen Einschränkung für Frauen sind wir erneut rausgegangen“, sagt Parsi. Selbst Schläge, Drohungen oder Verhaftungen konnten Demonstrantinnen bisher nicht davon aufhalten. (…) Jeder Schritt Richtung Freiheit und Bildung kann Frauen in dem Land aber auch wegen der anhaltenden Terrorgefahr einen hohen Preis kosten – mitunter sogar das eigene Leben. Als sich im April ein Attentäter im Kabuler Stadtteil Dascht-e Bartschi in die Luft sprengte, waren unter den mehr als 50 Todesopfern vor allem junge Frauen. Sie bereiteten sich in einer privaten Bildungseinrichtung gemeinsam auf die Aufnahmeprüfung für die Universität vor. „Sie war so aufgeregt wegen des Examens“, erinnert sich die Familie von Hadschar, die, wie ihre Cousine Marsia, vom Kurs nicht mehr zurückkehrte. Fatima Amiri überlebte das Attentat schwer verletzt und verlor dabei ihr linkes Auge. „Ich hatte mich unterm Schreibtisch versteckt“, erinnert sich die junge Frau. „Als ich die Augen öffnete, waren meine Hände voller Blut und um mich herum lagen tote Menschen.“ Die anschließende Aufnahmeprüfung für die Universität legte sie trotz der schrecklichen Ereignisse ab – und bestand mit Bestnoten. Dank einer Spendenaktion des beliebten afghanischen Sängers Farhad Daria kann Fatima ihre Verletzungen nun in der Türkei behandeln lassen. Doch sie ist fest entschlossen, nach Afghanistan zurückzukehren, selbst wenn sie ihre Bildung im Ausland fortsetzen sollte. „Ich bin überzeugt davon, dass eines Tages wieder bessere Zeiten in Afghanistan kommen“, sagt sie.“ RND-Beitrag vom 21. Dezember 2022
- „Tapfere Frauen auf den Straßen von Kabul heute nach dem Verbot der Bildung von Frauen durch die Taliban. „Sie haben die Schulen geschlossen, die Welt hat geschwiegen. Sie haben unsere Universitäten geschlossen. Stille. Jetzt unsere Bildungskurse?. Was sollen wir tun? Uns umbringen?” engl. Thread von Shabnam Nasimi vom 22.12.
mit Video - „RAWA übernimmt die Verantwortung für diese Proteste in ganz Afghanistan. Das ist keine radikale Aktion. Es ist das absolute Minimum. Bildung für Frauen ist nicht verhandelbar. RAWA ist überall unter jeder Burka. Entweder für alle oder für niemanden. Einer für alle alle für einen. Ja, wir haben diese Proteste organisiert und werden mehr tun. Keine Angst Schwestern. Wir sind zusammen. RAWA ist unter jeder Burka im Herzen unserer Großmutter, Mutter, Schwester und unseres kleinen Mädchens, das nicht einmal die Augen geöffnet hat
Sie können einige von uns töten, aber nicht alle von uns. Sie können RAWA nicht töten. Was kannst du uns mitnehmen, was noch nicht genommen wurde? Was kannst du uns Angst machen? Unsere Leben? Wir haben ein Leben und werden es für die Freiheit opfern. Das Leben unter der islamischen Tyrannei ist kein Leben, es ist der Tod. Wenn Sie eines unserer Leben nehmen, werden zwei weitere auferstehen. Unsere Kinder werden härter für die Freiheit kämpfen“ engl. Thread von Revolutionary Association of Women of Afghanistan vom 22.12.
mit Video - „Mehr als 70 Universitätsprofessoren in #Afghanistan sind seit gestern zurückgetreten, nachdem die Taliban beschlossen haben, Universitäten für Frauen zu schließen…“ Tweet von Arezao Naiby vom 22. Dez. 2022
mit Foto - „… Nach ersten Berichten protestierender Frauen #افغانستان fünf der protestierenden Mädchen und drei Journalistinnen von den Taliban festgenommen…“ Thread von The Anarchist Union of Afghanistan & Iran vom 22.12.
(farsi) mit Video - Afghanistan Fighting Women: EDUCATION – WORK – FREEDOM!+ Video clips
engl. Dokumentation vom 22.12.22 bei The Federation of Anarchism Era
mit vielen Videos - „Die Versprechen der #Taliban in #Afghanistan stellen sich, wie von vielen erwartet, als Lügen heraus. Eine Klasse junger Frauen bricht in Tränen aus, als ihnen gesagt wird, dass sie die Universität verlassen müssen…“ Thread von UnionWatch vom 22.12.
mit Videos - „Männliche Studenten an der Nangarhar-Universität gehen aus Solidarität mit den Studentinnen von ihrer Prüfung weg, um gegen das Taliban-Verbot der Bildung von Mädchen zu protestieren. #LetHerLearn #Afghanistan“ engl. Tweet von Abdulhaq Omeri vom 21. Dez. 2022
mit einem Video - „Allein in diesem Jahr haben die Taliban Frauen von der Sekundarschule verbannt (März), Frauen aus Parks in Kabul verbannt (November) und jetzt Frauen von der Universität verbannt (Dezember). Es ist eine Schande.“ engl. Tweet von Jim Murphy vom 21. Dez. 2022
mit einem Video von Human Rights Watch - Siehe auch #LetHerLearn #LetAfghanGirlsLearn
- Afghanistan: Taliban verbannen Frauen von Universitäten
- Taliban stören eine Pressekonferenz der Bewegung „Frauen für Gleichheit“ und verhaften mehrere Aktivist:innen in Kabul unter anderem Zarifa Yaqoubi
- „Das ist Zarifeh Jacobi. Die Frau, die gestern Abend die Frauendemonstration in Kabul koordiniert hat, wahrscheinlich um diese Zeit, aber jetzt ist sie im Taliban-Gefängnis, und wir wissen nicht, in welchem Zustand und in welchem Terror und in welcher Gewalt. Bitte helft ihm, gesund und munter nach Hause zurückzukehren.“ Tweet von Fereshteh Rafat vom 3. November 2022
(pers. Maschinenübersetzung). - „… Die Taliban haben „Zarifa Yaqoubi“ und einige ihrer Kolleg:innen während einer Pressekonferenz in Dasht Barchi verhaftet. Diese Konferenz wurde abgehalten, um die Existenz der „Afghanistan Women’s Movement“ bekannt zu geben. Die meisten der Teilnehmenden waren Frauen“ Tweet von Zohal Azra vom 3. November 2022
(engl.) - „Heute wurde Zarifa, die eine Pressekonferenz abhielt, um die Stimme afghanischer Frauen zu erheben, zusammen mit mehreren anderen Frauen vom T-Aliban festgenommen.“ Tweet von Nilofar Niekpor Zamani vom 3. November 2022
(engl.) - „Der Taliban-Geheimdienst hat am Donnerstagnachmittag, 3. November, im Westen Kabuls mehrere Mitglieder der Frauenbewegung für Gleichberechtigung bei ihrer ersten Pressekonferenz festgenommen und ihre Mobiltelefone beschlagnahmt, so eine lokale Quelle. Der Quelle zufolge sollten sie heute offiziell ihre Bewegung bekannt geben, doch die Taliban störten die Veranstaltung. Nilofar*, ein Mitglied der afghanischen Frauenbewegung für Gleichberechtigung, berichtet Rukhshana Media, dass das Gebäude, in dem sie ihre Pressekonferenz abhielten, von den Taliban umzingelt war und Versuche, das Gebäude zu verlassen, abgelehnt wurden. Sie sagt, dass sie eine Zeit lang im Gebäude eingesperrt waren und von Polizistinnen durchsucht und geschlagen wurden. Frau Nilofar fügt hinzu, dass mehrere Organisatoren der Bewegung, darunter Zarifa Yaqubi, eine Aktivist:innen für Frauenrechte, von den Taliban mitgenommen wurden. Salma*, ein weiteres Mitglied der Bewegung, sagt, dass die Taliban-Kräfte ihnen sagten, sie hätten den Polizeidistrikt informieren sollen, woraufhin die Taliban-Polizistin ihre Mobiltelefone gewaltsam und mit Drohungen beschlagnahmte. Sie sagt, ein Taliban-Kämpfer habe seine Waffe auf sie gerichtet und gesagt: „Ich bin von der Sittenpolizei, gib mir dein Handy, sonst töte ich dich“. Eine andere Quelle, die anonym bleiben möchte, berichtet, dass die Taliban zunächst ihre Pressekonferenz unterbrachen und die Journalisten mit mehreren Mitgliedern der Bewegung zusammenschlugen und sie dann in die Ermittlungsabteilung brachten. Es ist unklar, wie viele Frauen von den Taliban-Kräften festgehalten werden. Die Taliban haben sich nicht zu dem Vorfall geäußert und das Schicksal der Aktivist:innen und Journalist:innen im Gewahrsam der Taliban ist unklar. In letzter Zeit haben die Taliban die Aktivitäten und Bewegungen von Frauen immer stärker eingeschränkt. Gestern haben die Taliban bei einer ähnlichen Veranstaltung im Westen Kabuls, bei der eine Reihe von Künstlerinnen eine Gemäldeausstellung mit dem Titel „Frauen“ zum Gedenken an die Märtyrerinnen des Kaaj-Zwischenfalls abhielten, die Veranstaltung gestört und drei Journalisten festgenommen, die später mit der schriftlichen Erklärung freigelassen wurden, dass sie in Zukunft nicht mehr über solche Veranstaltungen berichten werden.“ Artikel von Rukhshana Media vom 3. November 2022
(„Taliban disturb a press conference and detain several women activists in Kabul”) - Siehe dazu auch #StopHazaraGenocide #FreeZarifaYaqubi
- „Das ist Zarifeh Jacobi. Die Frau, die gestern Abend die Frauendemonstration in Kabul koordiniert hat, wahrscheinlich um diese Zeit, aber jetzt ist sie im Taliban-Gefängnis, und wir wissen nicht, in welchem Zustand und in welchem Terror und in welcher Gewalt. Bitte helft ihm, gesund und munter nach Hause zurückzukehren.“ Tweet von Fereshteh Rafat vom 3. November 2022
- Solidarität zwischen Iranischen und Afghanischen Frauen und Aktivist:innen
„Von Teheran bis Kabul protestieren die Frauen und fordern ihre grundlegenden Menschenrechte ein. Ich sprach mit einer Demonstrantin im Iran, die mir sagte, dass sie mit den afghanischen Frauen solidarisch ist: „Sie sind unsere Schwestern und wir wissen, dass sie mit den Taliban schlimme Zeiten erleben. Wir stehen an ihrer Seite“ Tweet von Yalda Hakim/BBC World News vom 3. November 2022
(engl.) - Marzia und Hajar: Die besten Freundinnen, die gemeinsam bei einem Bombenanschlag in Kabul getötet wurden
„Marzia und Hajar Mohammadi, Cousinen und beste Freundinnen, waren in ihrem kurzen Leben unzertrennlich. Jetzt sind die jungen Afghaninnen nebeneinander auf einem Friedhof im Westen Kabuls begraben. Die 18-Jährigen gehörten zu den fast 60 Menschen, hauptsächlich Mädchen und Frauen, die am 30. September in einem vollbesetzten Bildungszentrum in der afghanischen Hauptstadt durch eine Bombe getötet wurden. Keine Gruppe hat sich zu dem Selbstmordattentat bekannt, das international verurteilt wurde und tagelange Proteste von Frauen in ganz Afghanistan auslöste. Der Anschlag ereignete sich in Dasht-e Barchi, einem Gebiet in Kabul, das überwiegend von Angehörigen der schiitischen Hazara-Gemeinschaft bewohnt wird. „Sie hingen so sehr aneinander, dass sie 12 von 24 Stunden zusammen verbrachten“, sagte Maryam Mohammadi, die Mutter von Marzia, gegenüber Radio Azadi von RFE/RL. „Sie haben alles zusammen gemacht.“ Dazu gehörte auch die Lektüre der Werke ihrer Lieblingsautoren – der türkisch-britischen Schriftstellerin Elif Shafak und der amerikanischen Autorin Rachel Hollis. „Beide wollten unbedingt ihre beiden Lieblingsautoren treffen“, sagte Abdul Zahir Mudaqiq, Marzias Onkel, gegenüber Radio Azadi. Zum Gedenken an die Freundinnen aus Kindertagen gibt es Bücher der Lieblingsautoren der Mädchen, von denen sie beide geträumt hatten, sie eines Tages zu treffen. Zum Gedenken an die Freunde aus der Kindheit gehören Bücher der Lieblingsautoren der Mädchen, die sie beide eines Tages kennenlernen wollten. (…) „Keine Ausreden, ob mit oder ohne Strom, ich muss mein Studium fortsetzen“, schrieb Marzia auf eine andere Seite in ihrem Tagebuch. „Ich muss mir selbst beweisen, dass ich stärker bin. Marzia kann es schaffen. Ich glaube [an] sie.“ (…) Der Bombenanschlag auf das Bildungszentrum löste einige der größten und nachhaltigsten Proteste gegen die Taliban-Herrschaft aus, seit die militante Gruppe im vergangenen Jahr die Macht übernommen hat. Trotz des Verbots der Taliban für nicht genehmigte Kundgebungen hielten Frauen vom 1. bis 4. Oktober Kundgebungen in den Städten Kabul, Herat, Mazar-e Sharif und Ghazni sowie in den Provinzen Bamiyan und Kapisa ab. Die Protestierenden wandten sich gegen die Einschränkungen der Taliban-Regierung bei der Bildung von Frauen und gegen ihre Unfähigkeit, ethnische und religiöse Minderheiten zu schützen. Der Angriff war der jüngste gegen Hazaras, eine seit langem verfolgte Minderheit in Afghanistan. (…) Während ihrer repressiven Herrschaft von 1996 bis 2001 terrorisierten die Taliban die Hazaras und rangen ihnen durch gezielte Tötungen die Kontrolle über die Hazara-Regionen in Afghanistan ab. Seit der Übernahme der Kontrolle über Kabul im August 2021 haben die Taliban versucht, die Ängste der Hazaras vor Diskriminierung und Verfolgung zu beschwichtigen, obwohl Rechtsgruppen die Vertreibungen von Hazaras durch die Taliban in Teilen des Landes dokumentiert haben. Die meisten Angriffe auf Hazaras wurden der Extremistengruppe Islamischer Staat-Khorasan (IS-K) angelastet, die Schiiten als Abtrünnige betrachtet, die getötet werden sollten. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) vom letzten Monat hat sich der IS-K zu 13 Anschlägen gegen Hazaras bekannt und wird mit mindestens drei weiteren Anschlägen seit August 2021 in Verbindung gebracht. Bei diesen Angriffen wurden laut HRW mindestens 700 Menschen getötet und verletzt. Trotz des jüngsten Angriffs gegen die Gemeinschaft bleiben viele Hazaras trotzig. Hajars Mutter, Aziza Mohammadi, sagte, sie sei fest entschlossen, ihre drei verbliebenen Kinder zu unterrichten. „Wir haben keine Angst vor dem Tod und wollen unsere Kinder trotzdem ausbilden“, sagte sie gegenüber Radio Azadi. Für Maryam, die Mutter von Marzia, ist die Erziehung ihrer sieben Kinder eine lebenslange Aufgabe. Sie selbst ist nie zur Schule gegangen. „Die derzeitige [Taliban-]Regierung muss für unsere Sicherheit sorgen“, sagte sie gegenüber Radio Azadi. „Ich will nicht, dass meine anderen Kinder so enden wie Marzia.“ Artikel von Abubakar Siddique/RFE/RL’s Radio Azadi vom 11. Oktober 2022 auf gandhara.rferl.org
(„Marzia And Hajar: The Best Friends Who Were Killed Together In Kabul Bombing”) - Die widersprüchliche Frauenpolitik der Taliban – Frauen dürfen studieren – wenn sie reich sind
„… ‚Ein Dach – zwei Wetter‘, sagt ein afghanisches Sprichwort. Während die Taliban den Schülerinnen und Studentinnen eine Ausbildung am liebsten verbieten würden, studieren ihre eigenen Töchter an namhaften ausländischen Universitäten. Darunter sind die Töchter von 22 hochrangigen Taliban-Funktionären, die an den Universitäten von Peshawar, Karachi und Doha eingeschrieben sind. Inzwischen haben sich von Vernunft geleitete Taliban arbeitslose Lehrerinnen engagiert, die deren Töchter zu Hause unterrichten. Auf massiven nationalen und internationalen Druck hat das Taliban-Regime nun angeblich eine Kommission beauftragt, Vorschläge für die Wiederaufnahme der Arbeit der Mädchenschulen auszuarbeiten. Aber auch nach neun Monaten Taliban-Herrschaft ist immer noch nichts passiert. Die Einlösung des Rechts von Frauen auf Bildung ist eine der Hauptbedingungen der Weltgemeinschaft für Hilfen an Afghanistan. Die Weltbank hat am 30. März 2022 die Finanzierung von vier Projekten in Höhe von 600 Millionen US-Dollar für die Bereiche Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung vorläufig gestoppt, da Schritte zur Umsetzung des Bildungsrechts für Frauen nicht erkennbar sind. Das Verhalten der Taliban im Umgang mit Frauen ist sehr widersprüchlich. Patriarchalische Vorstellungen sowie ein von Stammessitten geprägter, historisch gewachsener und allgemein gesellschaftlich verbreiteter Kodex spielen eine entscheidende Rolle. Patriarchen, wozu auch die Taliban gehören, versuchen, die Unterwerfung der Frauen religiös, stammesbedingt und biologisch zu begründen. Doch diese Verhaltensmuster sind keine in der Biologie verankerte Unabänderlichkeiten, sondern Ausdruck der geschichtlichen Entwicklungsstufe der Gesellschaft. Um solche Einstellungen zu verändern, braucht man in Afghanistan eine lange historische Periode, in der die breite und allgemeine Bildung des Volkes einen festen, unverrückbaren Platz hat. Die Niederlage der April-Revolution in Afghanistan war im Grunde auch eine Niederlage der afghanischen Frauen. Denn sie haben alles verloren, was sie seit der Revolution von 1978 erreicht hatten…“ Artikel von Matin Baraki vom 24. Oktober 2022 auf Forum Augsburg
(„Widersprüchliche Frauenpolitik der Taliban“) - „Die Frauen wurden entmachtet“ Lage unter Taliban in Afghanistan katastrophal. Doch der Widerstand wächst.
„… Es ist die Politik der Taliban, die Lage der Frauen medial deutlich besser darzustellen, als sie ist. Letzte Woche wurden viele Frauen bei einem Anschlag in Kabul ermordet, nur weil sie studieren wollten. Die Ankündigungen der Taliban waren nicht ehrlich. Jetzt erleben wir hautnah, was von ihren Versprechen zu halten ist. Die Lage der Frauen ist katastrophal. (…) [Z]uvor hatte sich die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt sehr gut entwickelt. Sie hatten oft angesehene Positionen. Die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, etwas Selbstverständliches, existiert in Afghanistan nicht mehr. Den Frauen wurde alles weggenommen, sie wurden entmachtet. (…) Heute spricht kaum noch jemand über Menschenrechte in Afghanistan. Auch dadurch hat sich die Machtbasis der Taliban deutlich gefestigt, sie haben mehr Selbstbewusstsein. Sie gehen davon aus, dass ihr Handeln zumindest für sie selbst keinerlei Konsequenzen haben wird. (…) Vor dem Putsch gab es eine Frauenbewegung und gut organisierte Gruppen. Heute gibt es versteckte nichtöffentliche Schulen, wo im geheimen Kurse für interessierte Mädchen und Frauen angeboten werden. Auch dort schließen sich Frauen zusammen und organisieren dann unter anderem solche Proteste. Es ist zwar schwierig, doch Twitter, Whatsapp und Facebook werden von Frauen intensiv zur Organisation, Vernetzung und Kommunikation untereinander genutzt…“ Interview von Jacob Reimann mit Nassim vom 21. Oktober 2022 in der jungen Welt
(„Die Frauen wurden entmachtet“) - Ausgeschlossen von Bildung und Arbeit: Trotz einem Jahr Taliban, haben Frauen in Afghanistan nicht aufgehört zu kämpfen
„Der fünfzehnte August 2021 ist ein Tag, den afghanische Frauen nie vergessen werden. Zum ersten Mal seit 20 Jahren haben die Taliban die Hauptstadt Kabul eingenommen und nur wenige Monate nach der Ankündigung des US-Präsidenten Joe Biden, die amerikanischen Truppen aus dem Land abzuziehen, die Kontrolle über Afghanistan zurückgewonnen. Das Leben von rund 19,4 Millionen Frauen und Mädchen ist seither aus den Fugen geraten. Obwohl die fundamentalistische Gruppe zunächst versprochen hatte, die harte Herrschaft der ersten Taliban-Regierung nicht zu wiederholen, die 2001 nach fast fünf Jahren an der Macht nach einer US-geführten Invasion zusammenbrach, hat sie ihr Versprechen gebrochen und in den letzten 12 Monaten die Rechte der Frauen drastisch eingeschränkt. Seit die Taliban das Land übernommen haben, wurden die weiterführenden Schulen für Mädchen geschlossen, wodurch drei Millionen Mädchen von der Schule ferngehalten werden; Frauen dürfen die meisten Berufe nicht ausüben, das Haus nicht verlassen und nicht ohne einen männlichen Vormund reisen; und Frauen müssen in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verhüllen. Das rein männliche Kabinett der Taliban schließt Frauen von der politischen Teilhabe aus und die Regierung hat das Ministerium für Frauenangelegenheiten geschlossen. Außerdem sind die Frauen und Mädchen in Afghanistan ständig von geschlechtsspezifischer Gewalt bedroht. (…)
Doch obwohl sie ihrer Grundrechte beraubt wurden, weigern sich viele afghanische Frauen und Mädchen, den Ausschluss aus dem öffentlichen Leben zu akzeptieren. Immer mehr Frauen wehren sich gegen das Taliban-Regime und finden eine Vielzahl von Möglichkeiten, gegen die drakonischen Einschränkungen vorzugehen, die ihnen auferlegt wurden. (…) Anfang Januar dieses Jahres wurde Khamosh als Teil einer Gruppe von Aktivist:innen zu einem Treffen mit Taliban-Vertretern in Oslo eingeladen, um die humanitäre und wirtschaftliche Lage in Afghanistan zu besprechen. Sie nutzte die Gelegenheit, um den Minister der Taliban zu drängen, die Freilassung ihrer beiden inhaftierten Kolleginnen, Parwana Ibrahimkhel und Tamana Paryani, anzuordnen, die bei friedlichen Protesten in der afghanischen Hauptstadt Mitte Januar verschwunden waren. Die beiden Frauen gehörten zu den vier Aktivistinnen, die im Februar endlich freigelassen wurden. (…)
Frauen von Schule und Arbeit fernzuhalten, gefährdet nicht nur ihr Leben, sondern ist auch mit hohen Kosten für die afghanische Wirtschaft verbunden. Die Verweigerung der Sekundarschulbildung für Mädchen kostet Afghanistan 2,5 Prozent seines jährlichen BIP, so eine neue Analyse von UNICEF. Schon vor der Machtergreifung der Taliban gab es in dem vom Krieg zerrütteten Land über 4,2 Millionen Kinder, die nicht zur Schule gingen, 60 Prozent davon waren Mädchen. Folglich sind Mädchen einem erhöhten Risiko von Kinderheirat, Frühschwangerschaft, Ausbeutung und Missbrauch, einschließlich Kinderhandel, ausgesetzt. (…)
Aufgrund der stark gestiegenen Lebensmittel- und Treibstoffpreise haben schätzungsweise 95 Prozent der Bevölkerung, fast alle von Frauen geführten Haushalte, nicht genug zu essen. Außerdem wird die Hälfte der Bevölkerung durch die Beschränkung der Erwerbstätigkeit von Frauen daran gehindert, ihr Potenzial voll auszuschöpfen, und es fehlt an Lehrerinnen, Ärztinnen und Krankenpflegerinnen. „Viele ehemalige Soldatinnen, Politikerinnen, Lehrkräfte, Ärztinnen, Journalistinnen, NGO-Arbeitende und Aktivist:innen haben das Land aus Angst um ihr Leben verlassen, und Dutzende andere sind untergetaucht“, sagt Crystal Bayat, Gründerin der gleichnamigen Frauenrechtsorganisation. „Viele dieser Frauen waren die einzigen Ernährerinnen ihrer Familien. Heute hungern sie und können kaum ihre Kinder ernähren.“ (…)
Letzten Monat hat eine Bewegung afghanischer Aktivist:innen in Zusammenarbeit mit der Crystal Bayat Foundation eine Bibliothek in Kabul eröffnet, um Frauen den Zugang zu Bildung und zum öffentlichen Leben zu ermöglichen. Die Bibliothek, die von Aktivist:innen, Lehrer:innen, Schriftsteller:innen und Dichter:innen gespendet wurde, nachdem die lokale und internationale Presse darüber berichtet hatte, beherbergt mehr als 1.000 Bücher zu einer Vielzahl von Themen wie feministische Literatur, Politik, Geschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Der relativ hohe Bekanntheitsgrad trägt dazu bei, dass diejenigen, die dort arbeiten und sich dort aufhalten, sicher sind…“ Artikel von Alessandr Bajec vom 10. Oktober 2022 auf EqualTimes.org
(„Despite one year of Taliban rule, Afghan women haven’t stopped fighting for equality”) - Evakuierte afghanische Frauen appellieren: Vergesst nicht die anderen!
„PRO ASYL veröffentlicht und unterstützt den Appell evakuierter Frauen aus Afghanistan und fordert die Bundesregierung auf, endlich mehr für die Aufnahme gefährdeter Menschen aus Afghanistan zu tun. Das Ortskräfteverfahren muss reformiert und die Aufnahme über Humanitäre Visa muss, auch nachdem ein Bundesaufnahmeprogramm in Kraft tritt, fortgeführt werden. Die meisten von ihnen haben es geschafft: 31 Frauen der Gruppe „United Voice of Women for Peace“, die durch das ehemalige afghanische Friedensministerium ins Leben gerufen wurde, sind in Deutschland oder auf dem Weg dorthin. (…) Auf Einladung von PRO ASYL trafen sich am 4. August ein Großteil der Gruppe in Frankfurt. Schnell wurde deutlich, dass trotz der Erleichterung über die eigene Sicherheit die Sorge um die Zurückgebliebenen andauert: „Wir wurden aus der Hölle gerettet. Jetzt sind wir in Deutschland und in Freiheit. Aber die grausamen Taten der Taliban gegenüber Tausenden weiteren Frauen und Männern, die Ähnliches erleiden wie wir, gehen uns nicht aus dem Kopf. Auch ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban warten Zehntausende immer noch auf eine Aufnahmezusage und ihre Evakuierung. Der Prozess, bis eine Person endlich aus Afghanistan ausreisen darf, dauert viel zu lange.“ Daher haben die Aktivistinnen einen eindringlichen Appell an die deutsche Bundesregierung und an die Weltgemeinschaft formuliert. Unter anderem fordern sie darin, dass die Aufnahme über humanitäre Visa nach § 22 Absatz 2 Aufenthaltsgesetz auch neben einem künftigen Bundesaufnahmeprogramm fortgeführt wird, dass für das Ortskräfteverfahren der Begriff „Ortskraft“ auf alle entlohnten und ehrenamtlichen Tätigkeiten für deutsche Institutionen, Organisationen und Unternehmen sowie Subunternehmen ausgeweitet wird, ein Bundesaufnahmeprogramm, eine Beschleunigung des Familiennachzugs und eine Anpassung des Begriffs Familie auf die Lebensrealität in Afghanistan. PRO ASYL schließt sich den Forderungen vollumfänglich an und befürchtet zugleich, dass das AA und das BMI planen, die Erteilung von humanitären Visa künftig wieder äußerst restriktiv zu handhaben und auf wenige handverlesene Fälle zu beschränken…“ Pressemitteilung von Pro Asyl vom 9. August 2022
- Bedroht, verdrängt, misshandelt: »Die Taliban verweigern uns Frauen alle Menschenrechte«
„Zum Internationalen Frauentag (8. März) fordern Frauen in der ganzen Welt Gleichberechtigung, politische Mitbestimmung und ein Leben ohne Gewalt. Auch die Frauen in Afghanistan. Doch sie erleiden das Gegenteil: In einem massiven Rollback drehen die Taliban das Rad der Geschichte zurück, entrechten, unterdrücken und misshandeln die Frauen. Seit Monaten drängen die Taliban afghanische Frauen aus dem öffentlichen, sozialen und politischen Leben. Und sie bedrohen, verhaften, misshandeln und töten die Frauen, die sich zuvor für Frauen- und Menschenrechte engagiert hatten. Dazu gehören auch die 33 Frauen der Gruppe »United Voice of Women for Peace«, die sich in diesen Tagen mit dem eindringlichen Appell
»Holt uns hier raus!« an die deutsche Bundesregierung gewandt haben. Seit dem Zusammenbruch von Afghanistan und der Machtergreifung der Taliban lebe ich in Angst und Verzweiflung, so wie tausende afghanische Bürgerinnen und Bürger«, schreibt eine der Frauen und fährt fort: »Weil ich eine Frau bin, darf ich in Afghanistan nicht mehr arbeiten, nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten, nicht mehr reisen – die Taliban verweigern uns Frauen alle Menschenrechte. Die Taliban sehen eine Frau nur als Sexsklavin, die die Pflicht hat, die sexuellen Bedürfnisse eines Mannes zu befriedigen.«…“ Pro Asyl-Meldung vom 07.03.2022
und:
- Appell der afghanischen Frauengruppe »United Voice of Women for Peace«: Holt uns hier raus!
„Seit Monaten sind wir in unserem eigenen Land auf der Flucht vor den Taliban. Wir ziehen von einem Versteck zum anderen, weil unser Leben und das unserer Familien in Gefahr ist. Als Frauenrechtlerinnen haben wir uns jahrelang für das engagiert, was die Taliban verachten und bekämpfen: gleiche Rechte für Frauen und Männer, eine demokratische Verfassung, Frieden und Freiheit. Nun verfolgen sie uns und andere Engagierte, drohen, verhaften, misshandeln und töten. Wir bekommen Drohungen per SMS und Brief. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban auch an uns grausame Rache üben. Deshalb appellieren wir an die deutsche Bundesregierung für uns selbst: Holt uns hier raus! Bringt uns und unsere Familien in Sicherheit! Wartet nicht länger, jeder Tag zählt!…“ Appell am 7.3.2022 bei Pro Asyl samt Hintergrundinformationen
- Appell der afghanischen Frauengruppe »United Voice of Women for Peace«: Holt uns hier raus!
Siehe dazu auch unsere Dossiers und Beiträge im LabourNet Germany:
- Dossier: Abzug aus Afghanistan: Die NATO beendet ihren 20-jährigen Krieg am Hindukusch und lässt ihr Einsatzgebiet in katastrophalem Zustand zurück
- Dossier: Auch ohne Soldaten nicht sicher: Asylrecht und keine Abschiebungen nach Afghanistan!
- Beitrag vom März 2016: Die Mutigen: Große Frauendemonstration in Kabul am 8. März
- Dossier: Jina Mahsa Amini, 22-Jährige Kurdin aus Seqiz, stirbt nach Festnahme durch iranische „Moralpolizei“ – Festnahmen bei Protesten gegen ihren Tod und gegen Hijab