Debatte um Migrationsquoten an Schulen: „Bildungspolitik muss Inklusion organisieren, nicht Ausgrenzung verwalten“

GEW Sachsen-Anhalt: Bildung für Vielfalt. Solidarisch gegen Rechts!Wie viel Vielfalt verträgt das Klassenzimmer – und sind Grenzen nötig? Die Bundesbildungsministerin hält eine Obergrenze für Schüler mit Migrationshintergrund für denkbar. Widerspruch kommt von der Integrationsbeauftragten. Bundesbildungsministerin Karin Prien zeigt sich offen für die Idee einer Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen. „Das ist ein denkbares Modell“, sagte sie in der Sendung „Politikergrillen mit Jan Philipp Burgard“ bei Welt-TV. Burgard hatte die CDU-Politikerin mit Verweis auf das Beispiel Dänemark nach ihrer Meinung zu einer solchen Beschränkung gefragt. Zur Höhe einer möglichen Obergrenze sagte sie: „Ich finde, da macht es immer Sinn, sich die Erfahrungen aus anderen Ländern anzugucken, ob das 30 Prozent oder 40 Prozent dann am Ende sind.“ Die Bildungsministerin schränkte aber ein, dass es entscheidend sei, dass Kinder, wenn sie in die Schule kämen, Deutsch könnten…“ Beitrag vom 06.07.2025 im Migazin externer Link („Bildungsministerin für Obergrenze für Migranten an Schulen“) und die berechtigte Debatte darüber:

  • [GEW] Scheindebatte statt echter Lösungen: Schulen brauchen mehr Ressourcen – und keine Migrationsquoten
    Die aktuelle Debatte um Migrationsquoten an Schulen ist nicht nur populistisch, sondern auch kontraproduktiv. Die GEW hat bewusst entschieden, sich an dieser Scheindebatte nicht zu beteiligen – weil sie von den eigentlichen Herausforderungen ablenkt.
    Was aktuell als vermeintliche politische Sensation durch die Medien geht, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als Paradebeispiel für oberflächlichen Populismus. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) wurde in einem Video-Interview mit der WELT zu einem dänischen Modell einer Migrationsquote, das in dieser Form nicht existiert, befragt. In Dänemark gibt es jedoch keine gesetzlich verankerte Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen. Es handelt sich lediglich um eine politische Zielmarke der regierenden Sozialdemokraten, deren Umsetzung auch in Dänemark als umstritten gilt. Prien antwortete vage, die WELT blieb beim Thema Migrationsquote. Weitere Medien wurden auf das Thema aufmerksam.  So entstanden Schlagzeilen und damit eine Debatte, die auf einer Missinterpretation beruht.
    Eine Maximalquote an Schulen würde lediglich suggerieren, dass Kinder mit Migrationshintergrund für Probleme verantwortlich sind. Das wäre nicht nur diskriminierend, sondern auch pädagogisch falsch. Vielfalt ist eine Chance – mit den richtigen Rahmenbedingungen. Internationale Beispiele zeigen das deutlich. Die Ministerin selbst erwähnte Kanada als positives Beispiel. Dort funktioniert Bildung trotz oder gerade wegen hoher Migrationsanteile – aber eben mit deutlich besserer Ausstattung und mehr Personal.
    Doch wenn Bildungsministerin Prien von einer „zunehmend heterogenen Schülerschaft“ spricht und diese als Erklärung für schlechte PISA-Ergebnisse anführt, argumentiert sie in die falsche Richtung. Die wahren Ursachen für die Bildungsmisere sind längst bekannt, auch bei der Bundesbildungsministerin: chronische Unterfinanzierung, Lehrkräftemangel und fehlende Unterstützungssysteme.
    Deutschland hat zu wenig Lehrkräfte, zu wenig Sozialarbeiter*innen, zu wenige Psycholog*innen in den Schulen – nicht zu viele Kinder mit verschiedenen Hintergründen in unseren Schulen. Allein bis 2035 fehlen nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz bundesweit mindestens 68.000 Lehrkräfte.
    Unsere Schulen brauchen mehr Personal, kleinere Klassen und viel mehr multiprofessionelle Teams. Lasst uns darüber sprechen, wie wir die Probleme an Schulen lösen, statt Sündenböcken die Schuld zuzuschieben. Lasst uns darüber reden, wie wir die Chancen des Ganztags pädagogisch verankern können, wie wir die gesamte Bildungskette miteinander verknüpfen, um Bildungserfolg für alle jungen Menschen zu ermöglichen. Lasst uns öffentlich darüber debattieren, wie wir das kaputt gesparte Bildungssystem nach vorne bringen – und dafür endlich mehr Ressourcen mobilisieren können…“ Kommentar von Maike Finnern, Vorsitzende der GEW, vom 08.07.2025 externer Link
  • Obergrenze für die Aufmerksamkeitsökonomie
    Bundesbildungsministerin Karin Prien spricht bei Welt TV über eine mögliche „Migrantenobergrenze“ an Schulen – und entfachte eine hitzige Debatte. Was bleibt, ist viel Aufregung und wenig öffentliches Interesse an den eigentlichen Problemen der Bildungspolitik. (…)
    Erstens: In Dänemark gibt es gar keine gesetzlich festgelegte Migrantenquote an Schulen, worauf die taz zu Recht hinweist. Die Sozialdemokraten halten die 30 Prozent lediglich für politisch erstrebenswert, aber die Kommunen entscheiden selbst.
    Zweitens: An Deutschlands allgemeinbildenden Schulen hatten 2023 rund 29 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, bei den unter 5-Jährigen waren es 43 Prozent. Je nach Stadt und Region haben also schon jetzt und erst recht in ein paar Jahren die Hälfte der Kinder und mehr eine Einwanderungsgeschichte. Wie soll da eine Quote von 30, 40 oder 50 Prozent funktionieren? Außerdem: Wie genau wollte man „Migrantenkinder“ im Sinne einer Schulquote überhaupt definieren? Nach Pass? Nach Herkunft der Eltern? Nach Sprachstand? Und folgt der automatisch aus dem Migrationsstatus? Wohl kaum.
    Drittens: Kein Kind darf mit Hinweis auf unzureichende Sprachkenntnisse oder irgendwelche Quoten die Einschulung verweigert werden, sondern der Staat muss für alle Kinder den Förderbedarf diagnostizieren und rechtzeitig die nötigen Fördermaßnahmen garantieren.
    Viertens: Tritt man einen Schritt zurück, sieht man, dass die Debatte überhaupt nicht neu ist. Um die soziale – nicht die sprachliche – Segregation zu bekämpfen, wird in den USA seit 1971 das „Busing“ eingesetzt: Afroamerikanischen Kindern und Jugendlichen wurde so ermöglicht, in vorwiegend weißen Wohngegenden Schulen zu besuchen, die eine bessere Ausstattung hatten. Eine bis heute vieldiskutierte Maßnahme. Aber eine, die selten am Widerstand der schwarzen Community scheiterte, dafür aber Widerstand bei Weißen hervorrief – und zu Ärger sogar zwischen Kamala Harris und Joe Biden führte.
    Fünftens: Zurück nach Deutschland und unabhängig von konkreten Quoten: Wollte man den Migrantenanteil an innerstädtischen Schulen in Berlin, Essen oder anderswo von bis zu 100 Prozent auf die Hälfte senken, hätte das eine entsprechend höheren Anteil in den sozial bessergestellten Stadtteilen zur Folge. Wäre die bürgerliche Politik abseits starker Sprüche bereit, diese Konsequenz durchzufechten?
    Sechstens: Apropos Durchfechten: Welche Rolle könnte eine bewusst ungleiche Schulfinanzierung spielen, die Schulen in sozialen Brennpunkten bei der Vergabe von Lehrerstellen und Investitionen noch viel deutlicher bevorzugt, als es das milliardenschwere „Startchancen“-Programm von Bund und Ländern nur andeutet? Und welche Bedeutung hätte die von Schwarz-Rot angekündigte Ausweitung der „Startchancen“ auf die Kitas für flächendeckende Sprachtests und Sprachförderung vor Schuleintritt?
    Und schließlich siebtens: Die Alternative zur deutschen Version des „Busing“ wäre eine städtebauliche, doch sie führt weit über die Schulen hinaus. Wie schaffen wir es, die soziale Spaltung in den Städten zu überwinden, Quartiere im Abstieg wiederzubeleben und so mit einer Infrastruktur auszustatten, dass sie sich wieder durchmischen? Und wie erzeugen wir umgekehrt mehr Akzeptanz für Sozialwohnungen und Flüchtlingsquartiere in bürgerlichen Vierteln?
    Das real existierende Desinteresse
    Hier zeigt sich das wirklich Frustrierende: Während die Migrantenquote à la „Politikergrillen“ tagelang die Schlagzeilen bestimmt, findet die Debatte über die Rolle von Schule im Sozialraum kaum statt, selbst die PISA-Meldungen über die große Gruppe abgehängter Neuntklässler verhallten in Rekordzeit. Hier wirkt es sich aus, das real existierende Desinteresse weiter Teile der Öffentlichkeit an der tatsächlichen bildungspolitischen Misere
    …“ Kommentar vom 9. Juli 2025 von und bei ‪Jan-Martin Wiarda externer Link
  • Bildungsministerin @karinpriende (CDU) hält es für „denkbar“, den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Schulklassen zu begrenzen.
    Kurz und knapp, weil ich diese Debatten leid bin:
    1. Der Begriff „Migrationshintergrund“ ist kein sachlich-normativer Indikator für Förderbedarf. Er sagt nichts über Sprachstand, Bildungsnähe oder sozialen Status aus und konstruiert dennoch ein homogenes Anderes, das es zu begrenzen gilt. Hier wirkt ein biologisierender Kulturbegriff nach, der Integration an eine vermeintliche „ethnische Normalität“ koppelt.
    2. Soziale Segregation ist keine Lösung, sondern Teil des Problems. D.b.: Eine Begrenzung von „Kindern mit Migrationsgeschichte“ führt nicht zu besserer Bildung, sondern zu einer Stigmatisierung dieser Schüler*innen als Störfaktor. Damit wird nicht Integration gefördert, sondern Exklusion organisiert und zwar unter dem Deckmantel der „Chancengleichheit“.
    3. Was noch viel schlimmer ist: Die politische Rhetorik der „Belastungsgrenze“ ist anschlussfähig an rechte Narrative. Auch wenn sie im Ton moderat erscheint: Die Vorstellung, dass es zu „viele“ Kinder bestimmter Herkunft geben könne, bedient rassistische Verschiebungen des Sagbaren und das mit erheblichen gesellschaftlichen Folgen.
    4. Bildungspolitik muss Inklusion organisieren, nicht Ausgrenzung verwalten. Kinder sind keine demografischen Risikofaktoren.
    5.Alle haben ein Recht auf diskriminierungsfreie Bildung, unabhängig von Herkunft, Namen oder Staatsangehörigkeit. Zudem steht die deutsche Bildungslandschaft vor massiven strukturellen Herausforderungen und zwar unabhängig vom Migrationshintergrund der Schüler*innen.
    Probleme, die von Karin Prien dringend gelöst werden sollten:
    – chronischer Lehrkräftemangel (insbesondere an Grund- und Förderschulen)
    – Überlastung und psychische Erkrankungen im Kollegium (u.a.Burnout)
    – überfüllte Klassenräume, fehlende Differenzierungsmöglichkeiten
    – marode Schulgebäude, mangelhafte Ausstattung
    – unzureichende Schulsozialarbeit und Inklusionsbegleitung
    – schleppende oder gescheiterte Digitalisierung
    – ein Schulsystem, das soziale Herkunft systematisch reproduziert statt kompensiert.
    Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger auf populistische Vorstöße zu setzen und mehr auf Wissenschaftler*innen und Bildungsexpert*innen zu hören, die diese Probleme seit Jahren analysieren und konkrete Lösungen vorschlagen.
    Wer ernsthaft Bildungsqualität verbessern will, sollte nicht in Herkunftskategorien denken, sondern sich diesen Aufgaben stellen. Es ist beschämend, dass solche Debatten auf dem Rücken von Kindern geführt werden, vor allem von jenen, die ohnehin keine Lobby in diesem Land haben.“ Thread von Bahar Aslan vom 6. Juli 2025 auf bsky externer Link
  • Lehrerpräsident gegen Obergrenze: Deutsche Eltern würden auf Privatschulen ausweichen
    Bildungsministerin Prien hält eine Obergrenze für Migranten an Grundschulen für „ein denkbares Modell“. Der Lehrerverband warnt vor den Folgen: Deutsche Eltern würden ihre Kinder aus staatlichen Schulen nehmen. Auch die Bundesschülerkonferenz ist dagegen.
    Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, hält den Vorstoß von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) für Migrationsquoten an Grundschulen für nicht umsetzbar. „Wenn wir einfach eine Migrationsquote ansetzen, dann werden wir an der Umsetzung scheitern“, sagte Düll der „Augsburger Allgemeinen“. „Das Ausweichverhalten deutscher Eltern, raus aus dem staatlichen System und hin zu Privatschulen, ginge radikal nach oben“, warnte der Lehrerverbandschef. Auch die Bundesschülerkonferenz wies die Überlegungen Priens zurück…“ Meldung vom 07.07.2025 im Migazin externer Link
  • Fürs Leben lernen
    Da hat sich der Einkauf aus dem Landesverband Schleswig-Holstein gelohnt: Karin Prien, jahrelang Versagerin im Kultusressort und beliebt wie Grippe, darf jetzt auch im Bundeskabinett durch verbalen Mundgeruch auffallen. Zum Beispiel mit der Idee, Obergrenzen für migrantische Kinder an Schulen zu erschaffen. Was sind migrantische Kinder? Dänen, Franzosen, Chinesen? Was passiert mit denen, die dann keinen Schulplatz mehr bekommen? Gilt da die allgemeine Schulpflicht nicht mehr? Gibt es für die Brennpunktschulen, in denen alles verhindert wird, was noch auf Integration und Spracherwerb hinauslaufen könnte? Oder geht’s für die gleich ins Lager, wenn die Fabrik sie nicht nimmt? So viele Fragen, die die Gewohnheitsrassistin, die ansonsten ihre angebliche jüdische Herkunft als Monstranz vor sich herträgt, nicht beantwortet. Hauptsache irgendwas von Obergrenze ins nächste Mikrofon gerülpst, wie das populistische Hohlschädel tun…“ Kommentar vom 6.07.2025 auf dem Blog zynæsthesie externer Link – bee erklärt die welt, wie sie wirklich ist

Siehe z.B. auch das Dossier: Privatschulen: Der Ausverkauf des Bildungssystems

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=229135
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