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„Karoshi“: Tod durch Überarbeitung, Lebensgefahr durch Überstunden und der Kampf gegen die 80-Stunden-Woche in Japan

Dossier

Immer noch in Japan: Zu Tode arbeiten.... Foto von Coal Miki/Flikr. Jährlich 2.000 Anträge gibt es in Japan – auf Erstattungen aufgrund von Todesfällen durch Überarbeitung. Einst auch in Europa in den Medien ist das tödliche Problem keineswegs aus der Lebenswelt der arbeitenden Menschen Japans verschwunden. Von den 30.000 jährlichen Selbstmorden werden geschätzt etwa 8.000 aufgrund Problemen der Überarbeitung begangen… In dem Artikel Japanese workers fight against karoshi, death from overwork externer Link von Scott North in der Septemberausgabe 2014 des britischen Red Pepperzeichnet der Autor nicht nur Geschichte und Entwicklung dieser kapitalistischen Todesfalle nach, sondern berichtet auch ausführlich über die Abwehrbewegung der ArbeiterInnen, die sowohl zur Entstehung einer ganze Reihe von aktiven Organisationen geführt hat – als auch zumindest in der Gesetzgebung einige Erfolge errungen hat. Siehe dazu:

  • Die neue Regierungschefin will den japanischen Arbeitsfetisch gegen die jüngere  Generation wiederbeleben: Arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, sterben 
    In Japan sterben viele Beschäftigte an Überarbeitung. Hinterbliebene kämpfen für eine neue Arbeitskultur. Doch die Premierministerin hält davon wenig. (…)
    Im Jahr 2024 erkannten Gerichte 89 arbeitsbedingte Suizide oder Suizidversuche sowie 67 Hirn- und Herzinfarkte als Folgen von Stress und Überlastung an. Ex­per­t:in­nen gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Doch die Arbeitswelt hat sich in den zehn Jahren seit Matsuris Suizid verändert: Die Bevölkerung schrumpft, Unternehmen suchen händeringend Nachwuchs. Das erleichtert es Jüngeren, Überstunden abzulehnen oder den Arbeitgeber zu wechseln. (…)
    Zwei bis vier Stunden Schlaf
    Mit dem Arbeitsethos der neuen Premierministerin Sanae Takaichi können solche Beschäftigte nichts anfangen. Anfang Oktober 2025 wählt die regierende LDP Takaichi zu ihrer Vorsitzenden, wenig später wird sie Premierministerin. In ihrer Siegesrede fordert sie die Parteifreunde auf, „wie Ackergäule zu schuften“. Sie selbst werde den Begriff Work-Life-Balance wegwerfen und „arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und arbeiten“. Bald danach kündigt sie an, die bisherigen Regeln für Überstunden aufzuweichen. Sie selbst schläft nach eigenen Angaben nur zwei bis vier Stunden pro Nacht, fährt um drei Uhr morgens ins Büro. (…)
    Vertreten wird die Mutter vom Anwalt Hiroshi Kawahito, der seit den 1990er Jahren Angehörige von Karoshi-Opfern unterstützt. Sein damals prominentester Erfolgsfall ist ebenfalls der Suizid eines Dentsu-Mitarbeiters, den der oberste Gerichtshof schließlich als Karoshi-Fall bestätigt. Kawahitos heutiges Fazit fällt ernüchternd aus: In Japan sei das Bewusstsein gewachsen, dass Todesfälle durch Überarbeitung verschwinden müssten. „Aber eine grundlegende Veränderung hat noch nicht stattgefunden“, sagt Kawahito.
    Zahlen stützen seine Diagnose. Laut OECD arbeiten Ja­pa­ne­r:in­nen im Schnitt rund 1.600 Stunden im Jahr – etwa 300 Stunden weniger als in den 1990er Jahren, aber immer noch knapp 300 Stunden mehr als Deutsche. Ein Grund: Im Durchschnitt nehmen sie nur 11 Urlaubstage, obwohl ihnen bis zu 20 gesetzlich zustehen. Hinzu kommt viel unbezahlte Mehrarbeit, die in der Statistik nicht auftaucht. Halb scherzhaft reden die Beschäftigten von „Service-Überstunden“. (…)
    Japans Arbeitskultur belohnt bis heute diejenigen, die lange im Büro bleiben – nicht diejenigen, die effizient arbeiten. Viele Angestellte gehen erst nach Hause, nachdem der Chef das Haus verlassen hat. Besonders Frauen und Ältere können wegen dieser Präsenzkultur oft nicht Vollzeit arbeiten, was angesichts der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung zum Problem wurde. Der Tod von Matsuri Takahashi erhöhte den Handlungsdruck auf die Politik. Der damalige Regierungschef Shinzo Abe legte schließlich eine „Arbeitsstilreform“ auf, die 2019 in Kraft tritt. Zum ersten Mal führt Japan gesetzliche Obergrenzen für Überstunden ein. (…)
    Die neue Regierungschefin scheint von der entspannten Arbeitseinstellung der jüngeren Generation nichts zu wissen – oder nichts zu halten. Im Parlament erläutert sie ihren Vorstoß, die Obergrenzen für Überstunden wieder zu lockern. „Ich lehne Überstunden ab, die zum Tod durch Überarbeitung führen“, erklärt sie im November. Doch die bisherige Deckelung könnte Menschen zwingen, zusätzliche Nebenjobs anzunehmen, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken – und damit ihre Gesundheit gefährden. Die Gewerkschaften folgen dieser Argumentation nicht: Die Obergrenzen müssten für eine echte Work-Life-Balance vielmehr sinken und die Grundlöhne steigen, sagt Tomoko Yoshino, Präsidentin des größten Gewerkschaftsverbands Rengo. „Viele Arbeitnehmer sind auf Überstundenzuschläge angewiesen, weil ihr normales Gehalt nicht zum Leben reicht.
    “…“ Artikel von Martin Fritz vom 13.12.2025 in der taz online externer Link („Japanischer Arbeitsfetisch: Arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, sterben“) und dazu:

    • Arbeitskultur in Japan: Wie kämpft Japans Jugend gegen die Überarbeitung? New
      Seit dem Suizid der 24-jährigen Matsuri Takahashi vor zehn Jahren verändert sich der japanische Diskurs um Arbeit. Ist er stärker als die Tradition?
      Inzwischen ist dies auch vielen Menschen in Deutschland bekannt: In Japan gibt es ein Wort, das so viel bedeutet, wie „Tod durch Überarbeitung“: „Karoshi“. Als ebendies wurde der Suizid von Matsuri Takahashi externer Link bewertet, die am 24. Dezember 2015 vom Dach des firmeneigenen Wohnheims des japanischen Werbekonzerns Dentsu sprang. Sie hatte dem extremen Druck und den massiven Überstunden, die von ihr verlangt wurden, nicht standgehalten.
      Seitdem hat sich in Japan einiges verändert. Durch Ex-Premier Shinzo Abe angestoßene Reformen deckelten die wöchentlichen Arbeitszeiten und sollten den „Arbeitsstil“ modernisieren. Die junge Generation will nicht mehr von morgens bis spätabends im Büro sitzen, auch Frauen behaupten nach und nach ihren Platz in der Berufswelt. Doch vieles ist noch zu tun. 50, 60, 70 oder mehr Überstunden im Monat sind auch heute noch keine Seltenheit in Japan. Auch Japans neue Premierministerin Sanae Takaichi gibt sich sehr konservativ. Sie sagt offen, sie halte nichts von einer Work-Life-Balance und wolle selbst nur „arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und weiterarbeiten“. Viele japanische Unternehmen fordern noch immer die volle Aufopferung von ihren Angestellten. (…) Wie tief ist Japans Arbeitskultur in der Gesellschaft verwurzelt? Was hat das mit traditionellen Geschlechterrollen zu tun? Und wie wirksam ist der Widerstand der jungen Generation? Darüber spricht taz-Auslandsredakteur Fabian Schroer mit dem Japan-Korrespondenten der taz, Martin Fritz, in der neuen Folge der Fernverbindung
      …“ Podcast „Fernverbindung“ von Martin Fritz und Fabian Schroer vom 18.12.2025 in der taz online externer Link Audio Datei
  • Öffentlicher Dienst in Tokio: Willkommen, Vier-Tage-Woche! Die Gouverneurin des Ballungsraums Tokio will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken
    „Tokios Gouverneurin Yuriko Koike kennt man in Japan als das, was in dem ostasiatischen Land »career woman« genannt wird: eine Frau, die für ihre Karriere auf die Gründung einer Familie verzichtet. Doch diese Zuschreibung wie auch der Zustand gefallen der 72-Jährigen nicht. »Es wäre schön gewesen, Kinder zu haben«, erklärte sie einst in einem Interview. »Nur wäre mein Leben so ja ganz anders verlaufen.« In Japan sind die Arbeitstage lang und der Urlaub ist kurz – Familie und Beruf sind daher kaum vereinbar. Aber Yuriko Koike, die zu den mächtigsten Politikerinnen Japans zählt, hat nun vor, ihrem Stand einer »career woman« ein Ende zu bereiten. »Wir werden Arbeitsstile überprüfen und dabei flexibel sein, damit niemand die eigene Karriere aufgrund von Lebensereignissen wie der Geburt eines Kindes oder der Kinderbetreuung aufgeben muss«, erklärte sie Anfang Dezember in einer Grundsatzrede. Tokio, mit 37 Millionen Menschen der größte Ballungsraum der Welt, werde voranschreiten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Ab April, wenn in Japan das neue Fiskaljahr beginnt, sollen Angestellte der Metropolregierung Tokios die Möglichkeit erhalten, statt fünf nur noch vier Tage zu arbeiten. Außerdem sollen Angestellte, die Kinder im Alter der ersten drei Schuljahre haben, für einen teilweisen Lohnverzicht früher ihren Arbeitsplatz verlassen können. Koike begründet den Plan so: »In diesen schwierigen Zeiten unserer Nation müssen wir das Leben, den Lebensunterhalt und die Wirtschaft unserer Bevölkerung schützen.« Daher: Willkommen, Vier-Tage-Woche! (…) Allerdings wiesen Arbeitsmarktexperten darauf hin, dass eine bloße Empfehlung an die Arbeitgeber wenig bringen dürfte. Einerseits sind Gewerkschaften, die so etwas einfordern könnten, in Japan eher schwach. Andererseits wäre in vielen Fällen unklar, ob weniger Arbeit auch mit weniger Lohn einherginge. Weiterhin besteht in Japan auch die kulturelle Norm, nicht negativ aufzufallen, schon gar nicht als faul. So werden Bescheidenheit und Einsatzbereitschaft der Arbeitskräfte von den Betrieben oft ausgenutzt. Tokio, das ökonomische und politische Zentrum Japans, könnte nun Druck auf andere Unternehmen und Behörden im Land ausüben. Damit tatsächlich mehr Kinder zur Welt kommen als bisher, wird auch im größten Ballungsraum der öffentliche Sektor als Arbeitgeber nicht ausreichen.“ Artikel von Felix Lill vom 1. Januar 2025 in Neues Deutschland online externer Link
  • Wofür lebe ich eigentlich? Karoshi. Tod durch Überarbeitung
    Die 31-jährige Fernsehjournalistin Miwa Sado starb an Herzversagen, Matsuri Takahashi, Angestellte einer Werbeagentur, nahm sich das Leben. Todesursache: Karoshi. Karoshi bezeichnet im Japanischen: Tod durch Überarbeitung. Die Eltern der beiden Frauen erhoben öffentlich schwere Vorwürfe gegen die Arbeitgeber, beides große, bekannte Unternehmen im Land. Die Regierung Abe reagierte, und im April 2019 trat ein „Gesetzespaket zur Reform des Arbeitsstils“ in Kraft. Das hat es in sich, denn seitdem sind bis zu 100 Überstunden monatlich legal. Herrn Arakawa betrifft das nicht mehr. Völlig am Ende seiner Kräfte hatte er es gerade noch geschafft, die Notbremse zu ziehen und zu kündigen. Heute sagt er: Solche Arbeitszeiten – nie wieder.“ Feature von Malte Jaspersen vom 07.11.2020 beim Deutschlandfunk Kultur externer Link Audio Datei (24 min)
  • Karoshi – Tod durch Arbeit. Japans Kampf gegen die 80-Stunden-Woche und was wir von der östlichsten Nation des Westens lernen können
    „Japan kann als die östlichste Nation des Westens bezeichnet werden. Es ist demokratisch, kapitalistisch, Partner der Nato, verfügt über enge Handelsbeziehungen zu Europa und den USA und pflegt eine enge freundschaftliche Beziehung mit Deutschland, auch wenn letzteres von den meisten Deutschen häufig vergessen wird. Doch zugleich ist es ein fremdartiges Land. Ein Land, das wir kaum verstehen, und dessen Kultur wir immer wieder aufs Neue erklären müssen. So auch in dieser Dokumentation. Denn während Europa über Grundeinkommen diskutiert, kämpft die japanische Regierung darum, ihre Arbeiter unter Kontrolle zu bringen, damit sie nicht Karōshi (過労死) erleiden – den Tod durch Überarbeitung. (…) Doch was bedeutet dies für Europa? Was können wir daraus lernen? Denn dass es etwas zu lernen gibt, so fern Japan auch scheinen mag, steht außer Zweifel. Ja, wir sehen sogar erste Spuren einer vergleichbaren Entwicklung in Deutschland, mit einem Anstieg an geleisteten Überstunden und Urlaubsverzicht, auch wenn die Gründe hier andere sind als in Japan. In Deutschland führt nicht ein starkes, gar übertriebenes, Gefühl von Loyalität und Disziplin zu diesen Entwicklungen, sondern die Angst vor dem Verlust der Arbeit. Lieber verzichtet man auf Freizeit und läuft Gefahr, sich zu überanstrengen, als dass man seinen Arbeitsplatz verliert, auch wenn man getrost davon ausgehen kann, dass ein übermüdeter, erschöpfter, ausgelaugter und zudem verängstigter Arbeiter eher Gefahr läuft, seine Arbeit zu verlieren. Vielleicht nicht durch Kündigung, so doch durch Krankheit, physisch oder psychisch. (…) In beiden Ländern, so fern sie voneinander auch scheinen mögen, droht dieselbe Gefahr für die Gesundheit und das Wohlergehen der Arbeiter. Sehen wir in Japan also unsere Zukunft, wenn wir dieser Entwicklung nicht entgegenwirken? Werden auch wir ein Wort finden müssen, um Karoshi zu beschreiben? Oder zeigt uns der östlichste Teil des Westens bereits, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur ein Phantasma ist, sondern wirklich eine Lösung darstellen kann, zum Schutze unserer Gesundheit und zur Beförderung unseres Glücks?“ Beitrag von Fenris Reschke vom 20. Februar 2019 bei Telepolis externer Link
  • Massive Kritik von Einzelgewerkschaft: Kapitulation der japanischen Gewerkschaften beim Überstunden-Deal
    Die Unterschrift des Vorsitzenden des Gewerkschaftsbundes Rengo unter einen schmutzigen Arbeitszeit-Deal, der den Unternehmenswunsch erfüllt, weiterhin 100 monatliche Überstunden pro Beschäftigten erzwingen zu können, ruft selbst im Verband massive Opposition hervor. In dem Beitrag „Overtime deal marks total capitulation by labor“ von Hifumi Okunuki am 27. März 2017 bei der Tokyo General Union externer Link (Tozen) nimmt die Vorsitzende dieser branchenübergreifenden Gewerkschaft – die vor allem im Bereich Medien und Bildungswesen organisiert – kein Blatt vor den Mund: Diese regelrechte Kapitulation bringe die Fortsetzung der tödlichen Gefahr „Karoshi“ (Tod durch Überarbeitung) mit sich, ja sogar noch ihre Steigerung, weil nun die 100 Stunden Marke – schon bisher für viele Menschen in Japan in einer Art Grauzone eine bittere Realität – ganz offiziell gesetzt werde. Ob sich eine breitere Opposition gegen diesen Deal organisiert, wird in dem Beitrag eher offen gelassen, wenn auch als eigentlich nötig bezeichnet.
  • Zuerst das Maul aufreißen, dann unterschreiben: Japanische Gewerkschaften für (laut medizinischen Untersuchungen extrem gefährliche) 100 Überstunden im Monat
    Die nicht eben gewerkschaftsfreundliche Regierung Abe bereitet nach verschiedenen Berichten einen Gesetzentwurf vor, der 720 Überstunden im Jahr als Limit für die Zusatzbelastung der Beschäftigten vorsieht. Das auf Initiative Abes stattgefundene Treffen zwischen dem Unternehmerverband Keidanren und dem Gewerkschaftsbund Rengo einigte sich jetzt darauf, sage und schreibe 100 Stunden im Monat zusätzlich sich schinden zu müssen. Laut dem Bericht „Keidanren and Rengo agree to 100-hour overtime cap“ am 14. März 2017 in der Japan Times externer Link sprach der Gewerkschaftsvorsitzende Rikio Kozu zu Reportern (zu Beschäftigten scheint er darüber nicht gesprochen zu haben), dass dies erst ein Anfang wäre, alles wird gut, sozusagen. Unsägliche Gewerkschafter gibt es eben keineswegs nur in Europa
  • Arbeiten bis zum Umfallen: Die Arbeitsreform der japanischen Regierung soll 100 Überstunden im Monat ermöglichen
    Was bei 26 Arbeitstagen ziemlich genau 4 Überstunden pro Tag bedeutet – als gesetzliche Obergrenze. „Natürlich“ machen sie soziale Einschränkungen im asozialen System: 720 Überstunden im Jahr, also durchschnittlich monatlich 60 Überstunden. Unternehmerverband und Handelskammer zeigten sich mächtig erfreut und unterstrichen, eine solche Lösung müsse aber auch flexibel gehandhabt werden. Was im konkreten bedeutet, sie wollen nicht, dass eine Stunden-Mindestzahl für Ruhezeit zwischen zwei Schichten bestimmt wird. Bei dem dreiseitigen Treffen des Arbeitsministeriums sagte der Vorsitzende des Gewerkschaftsverbandes Rengo, diese 100 Stunden seien zu viel, es gebe ein geltendes Abkommen (45 monatliche Überstunden und maximal 360 im Jahr) und das müsse eher reduziert werden (dass seine Organisation irgendetwas bezüglich dieser Vorhaben unternehmen werde, sagte er nicht). In dem redaktionellen Artikel „Labor chief blasts 100-hour OT limit as impossibly high at work reform panel“ am 04. Februar 2017 in der Japan Times externer Link wird aber auch noch – ganz sachlich – berichtet, wie diese Regierung auf die 100-Stunden-Grenze kam. Es wurden die Gerichtsakten durchforstet. Und zwar all der Prozesse, die wegen Überarbeitung mit Todesfolge (Karoshi) geführt worden sind. Klagende Angehörige haben immer Recht bekommen – wenn es mehr als 100 Überstunden im Monat über längere Zeit waren. Wenn „die“ dann mit 99 Überstunden sterben, ist das den Unternehmverbänden und ihrer Regierung scheißegal… Kapitalismus im 21. Jahrhundert eben… Siehe dazu auch zwei Hintergrundbeiträge vom Oktober 2016 – als der erste Report der Regierung veröffentlicht wurde:

    • „Karoshi crisis: why are Japanese working themselves to death?“ von Julian Ryall am 22. Oktober 2016 in der South China Morning Post externer Link ist ein Beitrag der, ausgehend vom Selbstmord einer 24 jährigen Frau, die gezwungen war, beim Werbekonzern Dento monatlich 105 Überstunden zu machen, die prinzipielle Frage aufwirft, wie solche Verhältnisse entstehen können. Dabei wird der erste Bericht japanischer Behörden zu der lebensbedrohenden Problematik kommentiert, der etwa die Informationen beinhaltet, dass in 12% aller japanischen Unternehmen die Belegschaften über 100 Überstunden im Monat leisten müssen – und in weiteren 23% über 80 Überstunden. Müssen, zumeist auch noch bei entsprechendem Umgangston. Keineswegs also ein irgendwie persönliches Problem sondern extreme kapitalistische Ausbeutung, die nicht einmal mehr den 8 Stundentag von vor anderthalb Jahrhunderten anbieten kann…
    • „The government’s ‘karoshi’ report“ am 12. Oktober 2016 in der Japan Times externer Link ist der Leitartikel zum Karoshi-Report der Regierung worin viele konkrete Fakten die Entwicklung der Problematik seit den 80er Jahren nachzeichnen. Im letzten Berichtsjahr wurden 96 Todesfälle in Japan offiziell – sprich: inklusive Entschädigungszahlungen – als durch zu viel Arbeit begründet eingestuft. Was aber eben nur jene Fälle sind, in denen solcherart Anträge juristisch gewonnen wurden. Die Zahl der Klagen jedenfalls explodiert – und nicht nur im Bericht der Regierung ist nicht davon die Rede, dass die Aktivitäten der Gewerkschaften dies ebenfalls täten…
  • Karoshi: Tod durch Überarbeitung
    KaroshiIn Japan arbeiten die Menschen noch immer zu lange, so scheint es. Eingeführt wurde bereits vor Jahrzehnten ein Begriff für den Tod durch Überarbeitung: Karoshi. Zunächst waren eher Manager betroffen, was bei uns der bekannte Herzinfarkt der gestressten Manager war. Ende der 1980er Jahre führte das japanische Arbeitsministerium Karoshi-Statistiken durch. Natürlich waren es nicht nur die Manager, sondern auch normale Angestellte, die entweder zu viel und in der Regel durch unbezahlte Überstunden arbeiteten oder anderweitig unter Druck gesetzt wurden. Neben dem Stresstod wuchs auch die Zahl der Selbstmorde. (…) Passend hat das Arbeitsministerium am vergangenen Freitag auch das erste Whitepaper über Karoshi veröffentlicht, das nach einem neuen Gesetz nun jährlich erstellt werden muss. Befragt wurden 10.000 Firmen und 20.000 Angestellte. Letztere scheinen geantwortet zu haben, allerdings nur etwas mehr als 1.700 Firmen. Klar aber wurde durch die Befragung, dass fast ein Viertel der Firmen einräumte, dass Angestellte mehr als 80 Überstunden pro Monat ableisten. In 10,8 Prozent waren es zwischen 80 und 100 Überstunden, bei fast 12 Prozent mehr als 100 Stunden…“ Artikel von Florian Rötzer in telepolis vom 11.10.2016 externer Link
  • Arbeitswelt Japan: Lebensgefahr durch Überstunden
    „… Für den Tod durch Überarbeitung, schreibt die Deutsche Presse-Agentur, gibt es in Japan ein eigenes Wort: „Karoshi“. Die häufigste Todesursache in Folge chronischer Erschöpfung: Hirn- oder Herzschlag. Das Problem ist zwar nicht neu, doch die Regierung hat jetzt erstmals ein Weißbuch mit Daten zu Überstunden zusammengestellt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtet. (…) Demnach gaben 23 Prozent der befragten Unternehmen an, dass manche ihrer Mitarbeiter auf mehr als 80 Überstunden im Monat kommen. Im vergangenen Steuerjahr, das am 31. März endete, erkannte das Arbeitsministerium demnach offiziell 93 Fälle von Selbstmord oder versuchtem Suizid in Folge von Überarbeitung an. Den Daten von Polizei und Behörden zufolge wurden im vergangenen Jahr 2159 Selbstmorde registriert, bei denen unter anderem Probleme am Arbeitsplatz eine Rolle gespielt haben sollen. Das zeige, dass die vom Arbeitsministerium anerkannten Fälle wohl lediglich die Spitze des Eisbergs sind, hieß es in Tokio…“ Mitteilung vom 7. Oktober 2016 bei der Deutschen Welle externer Link

Siehe für frühere Meldungen dazu unsere Rubrik zu Karoshi im LabourNet-Archiv

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=66990
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