Propaganda und Produktwerbung. Wie Unternehmen mit kostenlosen Unterrichtsmaterialien Einfluss auf Schulen ausüben

foodwatch-Forderung nach mehr staatlicher Verantwortung für LehrmaterialenDie GEW beobachtet mit Sorge, dass Wirtschafts- und Finanzverbände, Privatunternehmen, Stiftungen, Vereine und sonstige Lobbygruppen in den letzten Jahren immer stärker versuchen, die Lerninhalte in allgemeinbildenden Schulen zu beeinflussen. Wenn man genau hinschaut, lässt sich hinter vielen Angeboten ein regelrechtes Netzwerk von Akteurinnen und Interessenvertretern erkennen. Diese publizieren zum Beispiel Standards für die „Ökonomische Bildung“ und die  Ausbildung von Lehrkräften. Sie machen Fortbildungsangebote, veranstalten Projekte und Schulwettbewerbe und fördern Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft. In sehr augenfälliger Weise spielt sich der „Kampf um die Köpfe“ junger Menschen im Bereich der Lehrmaterialien ab. Und mittlerweile gehen zusehends Firmenvertreterinnen und -vertreter in den Unterricht und vermitteln ihre Weltsicht, wie manche Beispiele in diesem Report zeigen…“ Privatisierungsreport  15 vom Januar 2014 von und bei GEW externer Link und mehr zum Thema:

  • Problematischer Trend bei Schulausflügen: Ein Supermarkt, der mit Schülern Radieschen pflanzt. Eine Bank, die Jugendlichen erklärt, was sie sich leisten können… New
    „… Ein Supermarkt, der mit Schülern Radieschen pflanzt. Eine Bank, die Jugendlichen erklärt, was sie sich leisten können. Eine Bäckerei-Kette, die den Weg vom Korn zum Brot zeigt. „Unser Eindruck ist, dass Unternehmen immer stärker im Lernraum Schule vertreten sind“, sagt Janin Hartmann vom Bundesverband der Verbraucherzentrale der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Viele Firmen würden zu Workshops oder Ausflügen einladen, bei denen „mehr oder weniger subtil“ die eigenen Produkte eingebunden werden. „Eine Einflussnahme, die in der Schule nichts zu suchen hat“, sagt Katrin Rieger, Referatsleiterin für Verbraucherbildung bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Sie sieht gerade bei Finanzdienstleistern einen „bedenklichen“ Trend. (…) „Viele Wirtschaftszweige bemühen sich um Schulen – denn die Marketingforschung zeigt, dass hier eine frühe Kundenbindung kostengünstig und besonders glaubwürdig generiert wird“, sagt Hartmann. Besonders aktiv seien der Lebensmittelhandel, die Landwirtschaft, die IT- und Tech-Branche sowie die Finanzbranche. „Gerade hier sehen wir problematische Lernmaterialien. Sie sind oft nicht direkt falsch, aber wichtige Informationen fehlen. Das kann bedenklich sein, denn es kann junge Menschen in die Irre führen“, sagt Rieger der Frankfurter Rundschau. Früher sei unterschwellige Werbung häufig direkt in Lernmaterialien versteckt gewesen. Dass dies abgenommen habe, liege unter anderem am Materialkompass – einem länderübergreifenden Projekt der Verbraucherzentralen, das Unterrichtsmaterial auf Einflussnahme prüft. „Gerade bei Themen wie Finanzen ist es wichtig, dass die Bildung unabhängig bleibt“, sagt Rieger. Sie sieht es kritisch, dass die erste Person, die mit Kindern über Finanzen spreche, von einer Bank oder Versicherung komme. „Aktuell sehen wir einen großen Einfluss von sogen Finfluencern. Das sind oft gut verdienende Menschen, die zum Beispiel ETFs anpreisen und sich als ‚Kumpel‘ darstellen, der nur das Beste will. Dass hier gezielt junge Menschen manipuliert werden, ist vielen nicht klar.“ (…) Das Thema sorgt auf Linkedin für heftige Reaktionen. Alexander Steffen, der in der Berufsbildung bei der Messe Berlin arbeitet, verweist auf Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), wonach 73.400 Ausbildungsplätze unbesetzt blieben, während gleichzeitig 63.700 Jugendliche vergeblich einen Platz suchten. Viele Jugendliche fühlten sich nicht gut auf das Berufsleben vorbereitet, weshalb Praktika oder Betriebserkundungen für sie enorm wichtig seien.(…) Eine Einflussnahme durch Unternehmen sei kein Problem, sondern „ein Bildungssystem voller Lücken“.“  Artikel von Jana Stäbener vom 17. März 2026 in der Frankfurter Rundschau online externer Link („Bleibt häufig unbemerkt: Problematischer Trend bei Schulausflügen löst Diskussionen aus“)
  • Schulbücher vom DAX-Konzern: „Kampf um die Köpfe der Kinder“ im Klassenraum
    20 der 30 DAX-Unternehmen versorgen Schulen mit kostenlosen Unterrichtsmaterialien, besagt eine neue Studie.“ Deren Autor Tim Engartner warnte im Gespräch mit Regina Brinkmann am 8. Oktober 2019 beim Deutschlandfunk vor „schulischem Lobbyismus“ externer Link als Massenphänomen und forderte dagegen eine „Prüfstelle oder ein prinzipielles Verbot (…) Wir reden zwar gerne von der Schule als neutraler Bildungsinstanz, als einen Schonraum, der natürlich auch einen pädagogischen Auftrag zu erfüllen hat, der dem Allgemeinbildungsgedanken verpflichtet ist, aber in der Tat kann man sagen, es ist gut, wenn Schülerinnen und Schüler auch mal einen Blick über die Schultore hinter die Werkstore werfen und dort sehen, was Unternehmen eigentlich tagtäglich hier in der Bundesrepublik tun. Gleichwohl würde ich zu bedenken geben, dass wir eine Schwerpunktsetzung im Bereich der Automobil- und Finanzwirtschaft etwa feststellen können und dort natürlich auch Themen aufgegriffen werden, die nicht unmittelbar dem Allgemeinbildungsinteresse der Schulen oder der Schullandschaft zuträglich sind. Das heißt, wir haben hier eine sehr starke Vereinnahmung der Bildungsinhalte durch private Unternehmen, und das ist eine Sache, die wir in der Bildungsrepublik Deutschland, wie Kanzlerin Merkel ja einst proklamiert hat, nicht dulden können. (…) Ich habe die Befürchtung, dass die chronische Unterfinanzierung des Schulsystems… die klammen kommunalen Kassen lassen erkennen, dass auch die Schulgebäude, wie in der Anmoderation ja deutlich wurde, tatsächlich mitunter in einem desolaten Zustand sind, dass die Abschaffung der Lehr- und Lernmittelfreiheit, immerhin eine Kernforderung der Revolution von 1848, dass all das, gepaart mit gedeckelten Kopierkontingenten in den Schulen, den Weg bereitet für private Content-Anbieter für Unternehmen wie etwa die 20 DAX-Unternehmen, die in der Studie untersucht worden sind als solche, die besonders wirkmächtig und einflussreich sind im schulischen Kontext, dass die noch weiter Auftrieb bekommen. Eine zweite Tendenz, die man feststellen kann, ist, dass viele Unternehmen nicht mehr unter ihrem eigenen Namen auftreten, sondern sich in Initiativen verbünden, wie zum Beispiel die Wissensfabrik, die unter dem Dach der BASF in Ludwigshafen residiert, mit mehr als 140 weiteren Förderunternehmen, dass man die Aktivitäten clustert, sodass es dann auch für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrkräfte nur noch bedingt sichtbar wird, wer sich eigentlich hinter diesen Unterrichtsmaterialien oder Bildungsmaterialien im größeren Sinne verbirgt. Das ist natürlich eine weitere Gefahr, weil die Quelle des oder derjenigen, der oder die dort tätig ist, sollte natürlich einwandfrei zu identifizieren sein.“ (Audiolänge: ca. 6 Min., abrufbar bis zum 19. Januar 2019). Siehe nun seine Studie dazu:

    • [OBS-Studie] Wie DAX-Unternehmen Schule machen: Lehr- und Lernmaterial als Türöffner für Lobbyismus
      Sanierungsbedürftige Schulgebäude, gesunkene Schulbuchetats, begrenzte Kopierkontingente und die wachsende Bedeutung fachfremder Lehrkräfte ebnen mehr und mehr Privatunternehmen den Weg hinter die Schultore. Das ist ein Ergebnis der neuen OBS-Studie “Wie DAX-Unternehmen Schule machen”. Die Untersuchung analysiert den stetig wachsenden Einfluss von Industrie und Wirtschaft auf die Schulen in Deutschland: 20 von 30 Dax-Unternehmen werben im einstigen ‘Schonraum Schule’ für eine arbeitgeberfreundliche Stimmung, ihre Produkte und Dienstleistungen. Autor und Stiftung kritisieren, dass bei diesem Engagement häufig nicht die “Würde des Menschen” im Mittelpunkt steht, sondern die “Freiheit des Marktes” betont wird. Kostenlose Unterrichtsmaterialien stellen die prägendste Form der Beeinflussung dar.“ Arbeitsheft 100 der Otto Brenner Stiftung von Tim Engartner vom Oktober 2019 externer Link

     

  • Anonymes Lehrergeständnis: Wie Werbung das Klassenzimmer erobert
    Ein Smartboard mit Netzanschluss im Klassenzimmer? Toll – wären da nicht die ständigen Unterbrechungen. Unser Autor ist Lehrer und empfindet angesichts der zunehmenden Werbebotschaften nur eins: Hilflosigkeit. (…) Werbung im Klassenraum, das finden Sie nicht richtig? Stimmt, in Hamburg ist Produktwerbung auf Werbeflächen in der Schule verboten. Dennoch hat sich die Werbung in den letzten Jahren heimlich ins Klassenzimmer geschlichen. Die große neue Werbefläche heißt Smartboard und hat ein paar tausend Euro gekostet. (…) die meisten Kollegen gehen mit dem Thema Werbung so arglos um wie ich: Wer die Vorteile von YouTube und Co. genießen möchte, muss anscheinend mit Werbung leben. Ad-Blocker, noch strengere Mailfilter, ein werbefreier Bildungsbrowser, der nur gute, spaßfreie Seiten anzeigt? Wenn wir ganz konsequent wären, bliebe das Internet für uns wohl ziemlich leer. Trotzdem klafft da neuerdings diese Lücke zwischen Gesetz und Realität, in die nur so lange keiner fällt, bis uns ein findiger Jurist Böses will. Das Smartboard eröffnet uns viele Möglichkeiten; gleichzeitig ist Schule damit immer mehr zur Werbeveranstaltung geworden…“ Beitrag vom 17.02.2019 beim Spiegel online externer Link

Siehe auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=51960
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