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Reproduktion und Care-Arbeit: Ein (orthodoxer) Lösungsvorschlag zur endlosen Debatte um die Frage der Fürsorgearbeit in der Werttheorie

Plakat der freiburger Protestaktion Pflege am Boden 2015„… Der folgende Vortrag argumentiert, dass – erste These – die jedem Marxisten gängige Unterscheidung in Gebrauchs- und Tauschwert von der Mikrobetrachtung der einzelnen Ware auch auf die Makrobetrachtung der Gesellschaft übertragen werden muss. Der wertvermittelte Produktions- und Zirkulationsprozess des Kapitals und der gebrauchswertmäßige Stoffwechsel der Gesellschaft müssen unterschieden werden, um das Verhältnis von Produktion und Reproduktion im Kapitalismus korrekt zu erfassen. Darüber – zweite These – wird auch zu zeigen sein, dass Reproduktion gar kein Sphären-, sondern ein Prozessbegriff ist. Was genau mit den beiden Thesen gemeint ist, wird im Folgenden dargelegt…“ Leicht überarbeiteter Vortrag von Peter Schadt in der jungen Welt vom 14. September 2026 externer Link und mehr daraus:

  • Weiter aus dem Vortrag von Peter Schadt in der jungen Welt vom 14. September 2026 externer Link: „… Erstens: Auch in der kapitalistischen Produktionsweise leistet die Ökonomie den allgemeinen Stoffwechsel der Gesellschaft; zumindest partiell. Eine gelingende Reproduktion ist nämlich nicht das Motiv der verschiedenen ökonomischen Akteure: Keiner arbeitet hier oder lässt arbeiten, damit »die Gesellschaft« funktioniert oder ihre anderen Mitglieder in den Genuss der Gebrauchswerte kommen. (…) Alle Produzenten interessieren sich für den Tauschwert ihrer Produkte; der Gebrauchswert ist nur insofern von Interesse, als die potentiellen Käufer ihn an den Waren entdecken müssen. (…)
    Zweitens: Dass die gesellschaftliche Arbeit zum Zweck der privaten Bereicherung betrieben wird, sorgt dafür, dass der gesellschaftliche Stoffwechsel eben nur so weit stattfindet, als er dem Motiv der Geldvermehrung dienlich ist. Damit ein solches Produktionsverhältnis – inklusive aller seiner Charaktermasken – sich reproduziert, ist daher noch mehr notwendig als die gesellschaftliche Arbeit im Dienst des Privateigentums: einerseits der Sozialstaat, der in der nächsten These in den Blick genommen wird, andererseits eine ganze Menge gesellschaftlicher Arbeit, die nicht dem Primat der individuellen Aneignung verpflichtet ist. Feministen können dabei noch so oft darauf hinweisen, dass Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken, Hausarbeit und vieles mehr notwendige Arbeiten sind, damit eine Gesellschaft im allgemeinen und damit natürlich auch die kapitalistische Gesellschaft funktioniert. (…)
    Drittens: Die Existenz staatlicher Pflegeeinrichtungen und Kindergärten, Kranken- und Altenheime zeigt allerdings, dass diese private Care-Arbeit allein nicht ausreicht. Auch diese Institutionen verdanken sich nicht dem Zweck der Geldvermehrung, sondern dem Umstand, dass eine ganze Arbeiterklasse auf sie angewiesen ist, sie als individuelle Leistung allerdings nicht bezahlen kann. (…)
    Viertens: Es ist dabei das eine, dass längst diverse private Kindergärten, Pflegeanstalten und Krankenhäuser im deutschen Sozialsektor unterwegs sind. Diese leisten, mikroökonomisch betrachtet, was ein Unternehmen in einer kapitalistischen Ökonomie eben ausmacht: Die sind profitorientierte Betriebe, die mit ihrer Dienstleistung einen Gebrauchswert für ihre Kunden anbieten, deren Bedürfnis nach Kindererziehung, Altenpflege oder Gesundheitsleistungen sie für sich zu Geld zu machen wissen. Es ist aber etwas ganz anderes, als dass diese Unternehmen mit ihren Dienstleistungen gesellschaftlich ein Beitrag zum Geschäft sind: Deren Dienstleistungen, von der Operation bei Lungenkrebs bis zum Abstellgleis für Greise, sind für das notorisch arme, weil arbeitende Volk schlicht zu teuer, für die stoffliche Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft aber notwendig – zumindest immer soweit der Staat es als notwendig anerkennt und mit entsprechenden Grenzen. (…)
    Fünftens: Zuletzt gibt es noch ganz private und damit dem Geschäft verpflichtete Arbeit, die – je nach Definition – unter das akademische oder aktivistische Verständnis von Care- oder Reproduktionsarbeit fällt: Unternehmer stellen Industrieputzer oder Reinigungspersonal an und lassen Privatwohnungen und Gewerbeflächen von ihnen putzen, Fitnesstrainer und Ernährungsberater stehen in kommerziellen »Gyms« herum und sind zumeist auf die Funktion von Aufsehern über den Maschinenpark reduziert, und dergleichen Beispiele mehr. (…)
    Sechstens: Entsprechend bleibt trotz Geschäft mit Fürsorgeaufgaben und staatlicher Umverteilung einiges bei den Privatleuten hängen. In Form der in der Familie geleisteten Care-Arbeit wird sie immer noch zumeist von Frauen, aber auch zunehmend von Männern geleistet. Sie ist wert- und kostenlos, weil sie nicht für den Austausch produziert wird und das Produkt dieser Arbeit keinen Tauschwert hat, egal wie hoch der Gebrauchswert für die Familien und die Gesellschaft als Ganzes ist. (…)
    Siebentens: Reproduktion ist nicht einfach das marxistische Wort für Care-Arbeit, vielmehr ist Letztere ein Moment Ersterer. (…)
    Achtens: Auf der Grundlage des staatlich garantierten Eigentums zerfällt die kapitalistische Gesellschaft an der Oberfläche in zwei Bereiche: Auf der einen Seite befindet sich die »Sphäre der Produktion«, die als öffentliche Sphäre gilt, gerade weil sie ein Dienst am Eigentum ist. Umgekehrt gilt die »Reproduktionssphäre« als Privatangelegenheit, weil sie nur Voraussetzung, aber nicht Modus der privaten Bereicherung ist. Das ist sachgerecht für eine Ökonomie des Geldes und darin eine einzige Zumutung. (…)
    Neuntens: Die leidige Debatte, ob es sich moralisch gehört, die Frage der Care-Arbeit unter die Klassenfrage zu subsumieren, ist damit praktisch beantwortet: Es ist eine Folge des Privateigentums, dass Produktion und Reproduktion auseinanderfallen. Leidig ist die Debatte, weil daraus moralisch nichts folgt: Das Elend keiner Hausfrau und keines Hausmanns ist dadurch gelindert, dass es eine abgeleitete Größe aus der politischen Ökonomie des Kapitalismus ist, und keine persönliche Abhängigkeit ist dadurch weniger schäbig. Politisch folgt daraus aber durchaus etwas: Wer sich daran stört, dass es reihenweise gesellschaftlich notwendige Arbeiten gibt, die privat geleistet werden, hat eine andere Gegnerbestimmung als den Partner: Er steht einer politischen Ökonomie samt politischer Gewalt gegenüber, die sie einrichtet.“
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=237677
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