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Fehlender Hitzeschutz in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen: Unerträglich bis lebensgefährlich für alle Betroffenen
Dossier
„Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind bei Hitzewellen systemrelevant. Doch die Beschäftigten werden mit den Rekordtemperaturen allein gelassen. Am Ende, berichtet Intensivpflegerin Hannah Mayer*, blieb ihr und ihren Kolleg:innen nichts anderes übrig, als sich während des Dienstes Eisbeutel in den Nacken zu halten. „Es war ein kompletter Ausnahmezustand“, sagt Mayer über ihren Dienst am Wochenende an der Universitätsklinik Charité in Berlin. Dabei ist es ein Glücksfall, dass sie auf ihrer Station eine Eismaschine haben. Diese ist eigentlich zum Anfertigen von Kühlpackungen für die Patient:innen gedacht. Eine funktionierende Klimaanlage gebe es hingegen nicht. Auch die Ventilatoren dürften sie und ihre Kolleg:innen nicht verwenden, weil diese Bakterien verbreiten. Und an den großangelegten Fensterfronten sind nicht durchgängig Rollos angebracht. Dazu kommt die Arbeit in luftundurchlässigen Plastikkitteln auf der Isolationsstation…“ Artikel von Jonas Wahmkow vom 29.6.2026 in der taz online
(„Fehlender Hitzeschutz in Krankenhäusern: Arbeiten bis zum Umfallen“) und mehr dazu, auch als den letzten Jahren:
- ver.di-Befragung zeigt dramatische Folgen der Hitzewelle in Pflegeeinrichtungen im Zusammenhang zwischen Personalnot, Überlastung und fehlendem Hitzeschutz
„Die diesjährigen Hitzewellen haben in den Pflegeeinrichtungen teils dramatische Folgen. Eine stichprobenartige Blitzbefragung von Beschäftigten aus der Altenpflege dokumentiert, dass die hohen Temperaturen eine große Gefahr für pflegebedürftige Menschen und eine extreme Belastung des Personals darstellen. „Ein Großteil der Pflegeeinrichtungen ist für solche Temperaturen nicht gewappnet. Die Aussagen der Beschäftigten zeigen zum Teil erschreckende Zustände“, erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler zu den Ergebnissen der Befragung, an der sich mehr als 300 Beschäftigte aus Einrichtungen unterschiedlicher Trägerschaft beteiligt haben. „Temperaturen von bis zu 45 Grad in einigen Pflegeheimen sind für Beschäftigte unerträglich und können für Bewohnerinnen und Bewohner lebensgefährlich sein.“
Mehrere Beschäftigte berichten in der anonymisierten Befragung von schwerwiegenden gesundheitlichen Komplikationen bis hin zu Todesfällen, die sie auf die Hitze zurückführen. „Diese Schilderungen sind alarmierend. Die aktuellen Erfahrungen müssen Anlass sein, den Investitionsstau in den Pflegeeinrichtungen endlich entschieden anzugehen“, forderte Bühler. Schon seit Jahren kämen die Länder ihrer Verpflichtung zur Finanzierung notwendiger Investitionen nur unzureichend nach, auch der Bund trage hierfür eine Verantwortung. „Bund und Länder müssen dringend ein Sofortprogramm für Hitzeschutz und energetische Sanierung von Pflegeeinrichtungen auflegen. Eine angemessene staatliche Finanzierung von Investitionen würde zudem die hohen Eigenbeiträge senken, die viele Bewohnerinnen und Bewohner überfordern.“ Derzeit wird den pflegebedürftigen Menschen ein Großteil der Investitionen in Rechnung gestellt.
Die Befragung zeige zudem einen deutlichen Zusammenhang zwischen Personalnot, Überlastung und fehlendem Hitzeschutz…“ ver.di-Pressemitteilung vom 15.8.2026
(„Befragung zeigt dramatische Folgen der Hitzewelle in Pflegeeinrichtungen: ver.di fordert Sofortprogramm für Investitionen“) zur ausführlichen Auswertung der Befragung zum Hitzeschutz

- Der Hitzeschutz in kritischen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialsystems, der Investitionsbedarf und die (nicht-)investive Realität in Krankenhäusern und Pflegeheimen
„Gerade weil wir in gefühlt sich permanent beschleunigenden Zeiten leben, in denen die Wahrnehmung der Welt auf punktuelle Tagesaktualität eingedampft wird, ist es besonders wichtig, Themen mit einer gleichsam existenziellen Bedeutung immer wieder aufzurufen und das vor allem dann, wenn der Strom der Berichterstattung das Themenfeld längst verlassen hat. (…) »Die Hitzewelle Ende Juni hat soziale Einrichtungen bundesweit stark belastet. Das zeigt eine Umfrage des Paritätischen Gesamtverbands, an der sich 2.871 Pflegeheime, ambulante Dienste und andere soziale Einrichtungen beteiligt haben. 82 Prozent sagten, sie seien stark oder sehr stark betroffen gewesen. Nur 21 Prozent verfügen über Klimaanlagen oder vergleichbare Kühltechnik, gerade einmal 30 Prozent haben einen Hitzeschutzplan«, kann man dem Beitrag Betreiber waren auf Hitzewelle im Juni schlecht vorbereitet entnehmen. »Ein Großteil der Mitarbeiter, Bewohner und anderer Betreuter litt stark unter der Hitze: Gut 83 Prozent der Einrichtungen beobachteten Erschöpfung und Kreislaufprobleme bei betreuten Menschen, 68 Prozent Konzentrationsprobleme und 57 Prozent Schlafstörungen. Fast 90 Prozent sagten, die Hitze habe Beschäftigten erschöpft und körperlich belastet.« Viele Einrichtungen konnten ihre Angebote nur mit zusätzlichem Einsatz und Improvisation aufrechterhalten. Und die meisten Befragten haben auch klare Vorstellungen davon, was zu tun wäre: »86 Prozent der Befragten halten moderne Kühltechnik für die wichtigste Unterstützung. 57 Prozent fordern Investitionen der öffentlichen Hand in Verschattung und andere bauliche Anpassungen.« (…) »Nur 38 Prozent der Krankenhäuser verfügen über gekühlte Patientenzimmer, … doch noch nicht einmal in diesen 38 Prozent sind tatsächlich alle Zimmer gekühlt. Der Anteil der gekühlten Krankenzimmer in allen deutschen Krankenhäusern liegt weit unter diesem Wert.« Die Zahlenangaben basieren auf dieser älteren Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) (…) Bereits 2025 wurde seitens der DKG auf der Basis einer Studie über den Finanzierungsbedarf ein Klima-Investitionsprogramm für die Kliniken in Höhe von 31 Milliarden Euro vorgeschlagen, das auch Kühltechnik mit einschließt, also nicht nur darauf beschränkt ist. (…) Der Bundesfinanzminister und andere politisch Verantwortliche werden an dieser Stelle bei den genannten Beträgen (und selbst wenn man die um die eine oder andere Milliarde abschichten könnte) nicht nur froh sein, dass sie gerade bis in den September ins Sommerloch abgetaucht sind (und dann ist das Wetter auch wieder hitzefrei), sondern mit Blick auf die Kliniken werden sie den berühmten deutschen Zuständigkeitshinweis geben: Für Investitionen sind doch aufgrund der dualen Krankenhausfinanzierung (die gesetzliche und die private Krankenversicherung übernehmen die Kosten für den laufenden Betrieb der Krankenhäuser und die Bundesländer sind verpflichtet, notwendige Investitionen zu finanzieren) die Bundesländer zuständig, bitte an deren Türen klingeln und dort die Kostenkalkulation einreichen. (…) Schaut man sich nun an, ob wenigstens bei den zuständigen Ländern was zu holen wäre, steht man unmittelbar vor der Kapitulation. Denn bereits bei der Grundfinanzierung der Investitionen in die Krankenhauslandschaft muss man „Land unter“ melden – und das nicht erst neuerdings, sondern seit Jahren. (…) Wir haben seit Jahren bereits bei der Grundfinanzierung der Investitionen eine Lücke von vielen Milliarden Euro, die auch aktuell in die Zukunft verlängert wird. Wenn jetzt Investitionen in den Hitzeschutz völlig zu Recht gefordert werden, dann handelt es sich um zusätzliche Investitionen, die noch zu der gegebenen Unterfinanzierung addiert werden müssen. Und zusätzliche Investitionen in den Krankenhäusern sind nicht nur für den Hitzeschutz erforderlich. Man sollte an dieser Stelle die anderen Baustellen nicht vergessen, durch die weitere erhebliche zusätzliche Investitionsbedarfe ausgelöst werden. Man denke hier nur an die Digitalisierung der Kliniken. (…) Aber selbst wenn man einmal vollkommen unrealistischerweise annehmen würde, dass die Politik zumindest einen investiven Einstieg in den Hitzeschutz im Klinikbereich organisieren würde, bleibt das Thema Pflegeheime, wo besonders vulnerable Menschen versorgt werden. (…) Was folgt aus der leider wieder einmal eher deprimierenden Bestandsaufnahme? Im Titel dieses Beitrags steht „vor die Lage kommen“ – eine Formulierung, die beispielsweise im polizeilichen Bereich gerne verwendet wird und ausdrücken soll, dass man proaktiv handeln sollte, dass man zu antizipieren versucht, wie sich eine Situation entwickeln könnte, man trifft frühzeitig Vorkehrungen und ergreift Maßnahmen, bevor das Problem voll eintrifft. Man kann das Thema Extremwetter, Hitzewelle, überhitzungsbedingte Todesfälle getrost auf Wiedervorlage für das kommende Jahr legen. Wenn es dann wieder passiert, fangen wir mit den Forderungen erneut an. Aber dazwischen kommt ja noch die Skisaison. Und Weihnachten.“ Beitrag von Stefan Sell vom 19. Juli 2026 auf seiner Homepage
(„Vor die Lage kommen“) - Hitzeschutz für Pflegeheime und Kitas: Bundesregierung stoppt Förderung für Klimaanpassung
„Soziale Einrichtungen haben oft kein Geld, um sich an die Folgen der Erderhitzung anzupassen. Förderung vom Bund bekommen sie aber auch nicht mehr.
Die Bundesregierung vergibt 2026 keine neuen Fördermittel, mit deren Hilfe sich soziale Einrichtungen an die Folgen der Erderhitzung anpassen können. Das geht aus der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor, die der taz vorliegt. Mit dem Förderprogramm Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen fördert die Bundesregierung Maßnahmen, mit denen sich Pflegeheime, Kitas und andere Einrichtungen an die Folgen der Erderhitzung anpassen können sollen. Dazu gehören zum Beispiel häufiger und heftiger werdende Hitzewellen und Starkregen…“ Artikel von Jonas Waack vom 5.3.2026 in der taz online
- Bundesärztekammer fordert verbindliche Hitzeschutzpläne und klare Zuständigkeiten
„Die Bundesärztekammer fordert angesichts der hohen Temperaturen verbindliche Hitzeschutzpläne. Deutschland brauche dringend klare Zuständigkeiten und gezielte Unterstützung für besonders gefährdete Menschen, sagte Ärztepräsident Reinhardt dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Der Hitzeschutz beginne nicht erst in Arztpraxen und Krankenhäusern, sondern in Städten, Schulen, Unternehmen, Pflegeeinrichtungen und in Wohnungen…“ Meldung vom 02.07.2025 im Deutschlandfunk
- Hitzewelle in Deutschland: Verbände fordern mehr Schutz vulnerabler Gruppen
„Alte, Kranke, Obdachlose: Die Hitzewelle setzt vor allem den vulnerablen Gruppen stark zu. Dabei sind viele Einrichtungen wie Heime und Krankenhäuser nicht gut auf die Hitze vorbereitet. Ideen für Abhilfe gibt es viele…“ Meldung vom 01.07.2025 in tagesschau.de
- Bundesgesundheitsminister hat für den Sommer zu stärkerer Vorbeugung gegen Gesundheitsschäden und Tote durch Hitze aufgerufen – ohne Arbeitsschutz?
„Vorbereitungen in Kliniken und Pflegeheimen, Aufklärung zur Fußball-Europameisterschaft in Deutschland: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat für den Sommer zu stärkerer Vorbeugung gegen Gesundheitsschäden und Tote durch Hitze aufgerufen. „Der Klimawandel wird Hitzeschutz zu einem Dauerproblem machen“, sagte der SPD-Politiker nach einem Treffen mit Fachleuten. Dafür seien systematische Vorbereitungen nötig. „Sonst sterben in jedem Sommer Tausende Bürger unnötigerweise.“ Folgen hätten hohe Temperaturen besonders für Ältere und Kranke. Patientenvertreter forderten mehr Investitionen in Hitzeschutz. Lauterbach kam in Berlin mit Vertreterinnen und Vertretern aus Ländern, Kommunen, Gesundheitswesen und Wissenschaft zusammen, nachdem er im vergangenen Jahr einen ersten „Hitzeschutzplan“ vorgelegt hatte. Das Ministerium legte nun Empfehlungen für praktischen Hitzeschutz in Kliniken und Pflegeeinrichtungen vor. Darin geht es etwa um Aufklärung und Sensibilisierung von Personal und Patienten sowie um Vorschläge zu kühleren und schattigen Bereichen oder Wasservorräten. (…) Für das Gesundheitswesen forderte die Deutsche Stiftung Patientenschutz einen Investitionsplan für die 1700 Krankenhäuser und 12.000 Pflegeeinrichtungen. „Ohne finanzielle Zusagen der Bundesregierung bleibt der Hitzegipfel nur heiße Luft“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Bestandsbauten sollten spätestens in drei Jahren an die Klimabedingungen angepasst werden. Bei Neubauten müsse sichergestellt sein, dass die Zimmertemperatur die 25-Grad-Marke nicht übersteigt. Die Chefin des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier, forderte: „Wir brauchen jetzt Tempo bei der Umsetzung flächendeckender Maßnahmen.“ Artikel von Sascha Meyer vom 24. Mai 2024 in der Süddeutschen Zeitung online
(„Klimawandel: Mehr Vorbeugung gegen Hitzetote im Sommer“) – siehe auch:
- Lauterbach legt Hitzeschutzpläne vor
„Auf der 2. Hitzeschutzkonferenz hat Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens Bundesempfehlungen für den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern vorgelegt. Geschützt werden sollen insbesondere vulnerable Gruppen, die vor allem von den Folgen hoher Temperaturen betroffen sind. Neue Informationsangebote zum gesundheitlichen Hitzeschutz auf kommunaler Ebene runden die Empfehlungen ab…“ Pressemitteilung vom 24. Mai 2024 beim Bundesgesundheitsministerium
mit der Auflistung der Empfehlungen im Einzelnen – aber typisch: Zum Arbeitsschutz nichts zu finden…
- Lauterbach legt Hitzeschutzpläne vor
Siehe branchenübergreifend unser Dossier: Zahl seit 2008 in 2019 verdoppelt: Mehr Krankheitstage durch Hitze und Sonne – und Tote, weltweit