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44 tote Fußballer im Iran und die iranische Nationalmannschaft bei der WM 2026: Das Team des Regimes oder das des Volkes?
„Die WM in den USA, Mexiko und Kanada ist für den Iran kein reines Sportereignis, sondern ein erbitterter Kampf um die Frage: Wer spricht für das Land? (…) Die heutige Situation ist eindeutig: Der iranische Fußball ist nicht unabhängig. Das Regime feiert das Team als Symbol der Einheit; die Bevölkerung sieht in ihm den verlängerten Arm der Diktatur. In einem solchen System ist die Botschaft des Staates klar: Ein Sportler kann berühmt und beliebt sein und Erfolge feiern – aber nur, solange er keine politischen roten Linien überschreitet. Wer mit den Protesten sympathisiert, riskiert alles; eine Distanz zur offiziellen Erzählung kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Die »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung hat diese Spaltung brutal sichtbar gemacht. Die Straße forderte Solidarität, doch viele Nationalspieler schwiegen. Seither tobt der Kulturkampf um das Team: Ist es noch die Mannschaft des Volkes oder nur die Kulisse für eine vermeintliche Normalität in einem Staat, der durch Folter, Knast und Hinrichtungen regiert wird?…“ Artikel von Negin Behkam vom 12.06.2026 in ND online
(„Das Team des Regimes oder das des Volkes?“) und mehr zum Thema:
- Iran bei der Fußball-WM: Zerrissenheit, die offiziell „Einheit“ genannt wird
„Auch bei ihrem zweiten WM-Spiel, einem 0:0 gegen Belgien, beklagt Irans Nationalelf die Benachteiligung durch die restriktiven US-Behörden. Ausgepfiffen wird sie aber auch von den eigenen Leuten. (…)
Die Lage zwischen dem Weltverband Fifa, dem iranischen Team, dem WM-Hauptgastgeber USA und den iranischen oder iranisch-stämmigen Zuschauern in Los Angeles darf hingegen weiterhin als kompliziert gelten, trotz der politischen Teilentspannung zwischen Washington und Teheran. Zu erkennen war das am Sonntagabend, ehe die Partie gegen Belgien angepfiffen wurde, zum Beispiel an den Menschen in Iran-Trikots, die zu Beginn der iranischen Hymne pfiffen, etwa ein Viertel der mehr als 70 000 Zuschauer. (…)
Wie schon rund um ihr erstes Spiel gegen Neuseeland wurden die Spieler von ebendiesen Fans wieder als „Terroristen“ beschimpft. Auch von Landsleuten wohlgemerkt, Exil-Iranern, die das Team als Repräsentanten des Teheraner Terrorregimes ansehen. Zugleich mussten die Spieler wieder Fragen nach Unterkunft und Reisestrapazen beantworten, obwohl sie betonten, nur über Fußball reden zu wollen. (…)
„Diese WM findet nicht nur in Stadien statt, sondern auch auf Straßen und öffentlichen Plätzen“, sagt dazu Mohammad Reza Gilani von der iranischen Botschaft in Mexiko und mithin ein Vertreter des Teheraner Regimes. „Die WM-Geschichte zeigt: Der wichtigste Wettbewerb ist der um Gastfreundschaft.“ Ja, die US-Behörden machen sich gar nicht erst die Mühe, mit der iranischen WM-Delegation fair umzugehen – und machen es ihr gerade dadurch leicht, eine Opferrolle zu betonen.“ Artikel von Jürgen Schmieder, Los Angeles, vom 22. Juni 2026 in der Süddeutschen Zeitung online
- Proteste beim WM-Spiel in LA: Warum Irans Nationalteam bei der WM zum politischen Pulverfass wird
„Eigentlich wollte die FIFA mit der WM 2026 das größte Fußballfest aller Zeiten feiern. Doch rund um Irans Nationalteam ist das Turnier längst mehr als Sport. Es geht um Krieg, Flaggenverbote und Proteste von Exil-Iranern in Südkalifornien, die sich nicht einig sind, ob sie ihr Team unterstützen oder boykottieren sollen. Vor dem SoFi-Stadion in Los Angeles wird diese Spannung sichtbar: laut, emotional, wütend.
Eine teure, global vermarktete Fußball-Show stieß am Sonntag vor dem SoFi-Stadion in Los Angeles auf lautstarke Proteste, deren zentrales Thema nicht der Sport war, sondern Menschenrechte und die Frage, wer „Iran“ eigentlich repräsentiert.
Je näher ich dem Stadion kam, in dem das iranische Team Unentschieden gegen Belgien (0:0) spielte, desto weniger ging es um Fußballromantik. Stattdessen vor Ort: Megaphone. Polizeipräsenz. Und vor allem: Menschen mit alten iranischen Flaggen, die im Stadion eigentlich nicht zu sehen sein sollten. (…) Auf Pappschildern standen Sätze wie „Steht an unserer Seite. Stoppt die Hinrichtungen im Iran“, „Schäm dich, FIFA“ oder „Das islamische Regime ermordet mein Volk“. Über Stunden blieben die Proteste laut, einige schrien: „Wir fordern Menschenrechte und Demokratie für Iran!“
Milad, seit 15 Jahren in Los Angeles, stand mittendrin. Für ihn waren die Proteste ein wichtiger Hilferuf, denn: „Wir wollen der Welt sagen: Vergesst bloß nicht, was im Iran geschieht.“ Im Gespräch mit unserer Redaktion ergänzte er: „Alle Augen sind derzeit auf die Weltmeisterschaft gerichtet und wir wollen sicherstellen, dass man nicht vergisst, was in unserer Heimat los ist und wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten.“ (…) Viele Exil-Iraner würden den Spielern zwar Druck, Angst und mögliche Konsequenzen für Familien im Iran zugestehen, aber genau dabei entstehe auch ein moralischer Konflikt: Was ist noch Sport, was Mittäterschaft? (…“Die deutliche Botschaft vor dem SoFi-Stadion? Bei der WM spielt nicht die Mannschaft des Iran. Es ist die Mannschaft des Regimes…“ Reportage von Natascha Wittmann vom 22.06.2026 bei web.de
mit einigen Fotos - 44 tote Fußballer im Iran: Warum schweigt die Fifa?
„Wenn der Iran am Dienstag sein erstes WM-Spiel absolviert, wirft das viele Fragen auf. Da ist das Visa-Chaos um die Spieler. Und Dutzende vom Regime getötete Fußballspieler, über die die Fußballwelt nicht reden mag. Anstatt auf dem Fußballfeld zu kicken, sitzt Ehsan Hoseinipour Hesarlou in einer Zelle in einem Gefängnis südlich von Teheran. Der 19-Jährige Fußballer vom FC Jahan Gostar hat am 8. Jänner an den landesweiten Protesten im Iran teilgenommen. Dabei soll er eine Moschee in Brand gesteckt haben. Außerdem soll er an der Ermordung zweier regimetreuer Milizen beteiligt gewesen sein. Beweise gibt es dafür nicht. Die Vorwürfe sind, wie in so vielen anderen Fällen, nicht nachvollziehbar. Trotzdem wurde sein Verfahren im Eiltempo durchgepeitscht – ein Todesurteil wurde mittlerweile vom Obersten Gericht bestätigt. So wie Hesarlou sitzen aktuell mindestens neun weitere Fußballer in Gefängnissen im Iran. (…)
„Stilles Schlachten“
Allein am 8. und 9. Jänner, den 48 heftigsten Stunden der Niederschlagungen, wurden so viele Fußballer getötet, dass man zwei volle Mannschaften bilden hätte können, rechnet die NGO Human Rights and Sport
(HRS) mit Sitz in Oslo vor. Insgesamt seien demnach mindestens 216 Athleten umgebracht worden, sechs Sportler wurden bisher hingerichtet. Der 19-jährige Hesarlou könnte der nächste sein.
„Stilles Schlachten“, nennt es Zohreh Abdollakhani, die die NGO mitgegründet hat. Der Weltfußballverband Fifa schweige komplett dazu, sagt sie erbost. Dabei wisse man dort mit Sicherheit von den Fällen, denn sie und ihr Team haben allen geschrieben: dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, dem Generalsekretär Mattias Grafström, dem Fifa-„Safeguarding Department“ oder auch der Fußball-Gewerkschaft Fifpro. Doch niemand habe reagiert.
Es mag bitter klingen, meint Abdollakhani, aber für die 44 toten Fußballer könne man nichts mehr tun. Doch der 19-jährige Hesarlou, die anderen inhaftierten Athleten, oder auch vier Fußballer, die gegen hohe Kaution freigekommen sind, aber auf ein Urteil warten: Sie haben noch eine Chance. (…)
Heute ist HRS eine der wenigen Organisationen, die sich auf Menschenrechte und Sport im Iran spezialisiert hat. Sport, Menschenrechte, der Iran: Wie bei allen diktatorischen Regimen wirft die Teilnahme der Islamischen Republik an internationalen Spielen immer wieder aufs Neue schwierige Fragen auf. Bei der aktuellen Weltmeisterschaft kommt hinzu, dass sich der Iran mit einem der Gastgeberländer, den USA, im Krieg befindet.
Sollte der Iran überhaupt teilnehmen? Wäre ein Boykott angebracht? Und: Wie verhalten sich die Spieler? Schwierige Fragen, auch für die Aktivistin. Abdollakhani ist gespalten, hin- und hergerissen. Was die Spieler betrifft, so erwarte sie, dass diese irgend ein Zeichen setzen, sagt sie: Etwa, bei der Hymne nicht mitzusingen – wie das Team es auch beim ersten Spiel bei der WM in Katar 2022 getan hatte. Viele der getöteten Fußballer waren Bekannte der Nationalspieler, berichtet die Sportlerin. Sie ist enttäuscht, dass bisher nur ein Spieler die Konsequenzen gezogen hatte. Sardar Azmoun, einst bei Bayer Leverkusen und AS Roma tätig und nun in Dubai unter Vertrag, kritisierte das Vorgehen des Regimes. Im März wurde er aus dem Kader geworfen. Aktuell laufen Verhandlungen über eine Rückkehr.
Bei den Frauen zogen sich die Spielerinnen Zahra Alizadeh und Kousar Kamali aus dem Nationalteam zurück. Beide wollten nicht mehr unter der Flagge der Islamischen Republik spielen. Sie mussten ihre Social Media-Beiträge dazu löschen. (…) Der Fußball könne und dürfe „angesichts von Hinrichtungen, Morden, willkürlichen Verhaftungen und Drohungen gegen Sportler nicht schweigen“, schrieb der bekannte Ex-Nationalspieler Ali Karimi in einem offenen Brief an die Fifa vor wenigen Wochen. Er gehört zu den wenigen Fußballern, die ihre Prominenz wiederholt nutzen, um Kritik zu üben. Zuletzt wurden seine Vermögenswerte eingefroren. Aber: „Schweigen angesichts dieser Verbrechen kommt einer Abkehr von genau jenen Prinzipien gleich, die der Weltfußball zu verteidigen vorgibt“, sagt Karimi…“ Artikel von Anna Sawerthal vom 14. Juni 2026 in Der Standard online
Siehe zum aktuellen Anlass das Dossier: Fußball-WM 2026 in USA, Mexiko und Kanada: Die FIFA hat bereits gewonnen.