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Erfolgreicher Streikorganisator und Opfer der Klassenjustiz: Zum 100. Todestag des französischen Anarchisten und revolutionären Syndikalisten Julès Durand
„Die französische Hafenstadt Le Havre war bis zur fast vollständigen Zerstörung im zweiten Weltkrieg eine bedeutende Industriestadt. Seit gut zwanzig Jahren punktet sie aber vor allem als Weltkulturerbe mit ihrer besonderen Betonarchitektur. Für jene beiden Seiten von Le Havre steht jeweils eine Persönlichkeit – für das neue Le Havre: der Architekt Auguste Perret, für das alte Le Havre: der revolutionäre Syndikalist und Anarchist Julès Durand. Beide sind im Stadtbild omnipräsent. (…) Aus Anlass seines hundertsten Todestages wird es – vor allem in seiner Geburtsstadt – noch einmal ein umfangreiches, über das Jahr verteiltes Veranstaltungsprogramm mit Stadtführungen, Film- und Theateraufführungen, Lesungen, einem Musical und einer Ausstellung geben. Getragen und organisiert wird es hauptsächlich von dem Verein Les Amis de Jules Durand und der CGT…“ Artikel von Maurice Schuhmann vom Februar 2026 zum 100. Todestag am 20. Februar – wir danken!
Erfolgreicher Streikorganisator und Opfer der Klassenjustiz
Zum 100. Todestag des französischen Anarchisten und revolutionären Syndikalisten Julès Durand
Die französische Hafenstadt Le Havre war bis zur fast vollständigen Zerstörung im zweiten Weltkrieg eine bedeutende Industriestadt. Seit gut zwanzig Jahren punktet sie aber vor allem als Weltkulturerbe mit ihrer besonderen Betonarchitektur. Für jene beiden Seiten von Le Havre steht jeweils eine Persönlichkeit – für das neue Le Havre: der Architekt Auguste Perret, für das alte Le Havre: der revolutionäre Syndikalist und Anarchist Julès Durand. Beide sind im Stadtbild omnipräsent.
Durand – Anarchist und revolutionärer Syndikalist

In Rouen wurde Jules Durand der Prozess gemacht und er wurde hier zum Tode verurteilt. Vor dem Gerichtsgebäude erinnert heute eine Gedenktafel an diesen Justizirrtum (Foto: Yvonne Schwarz)
Der 1880 in Le Havre (Normandie, Frankreich) geborene Jules Durand, ein Docker, wird durch das mutmassliche Studium von den Werken von Karl Marx, Pierre-Joseph Proudhon, Augustin Blanqui, Jules Vallès und Fernand Pelloutier früh zum Anarchisten. Als klassenbewusster Docker bzw. Charbonnier ist er Mitglied der CGT und gründet gemeinsam mit anderen Kollegen 1902 das für diesen Bereich zuständige Syndikat, in dem er auch als Gewerkschaftssekretär agiert. Le Havre ist damals eine bedeutende Arbeiterstadt und es gibt einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad in der damals bereits recht starken CGT.
Im August 1910 ruft die von ihm als Sekretär geleitete Sektion der CGT, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr stark durch revolutionär-syndikalistische Ideen geprägt ist, zu diesem unbefristeten Streik der Charbonniers auf. Der Streik bleibt nicht konfliktfrei. Es gibt gelbe Gewerkschaftler und sonstige Streikbrecher, die der CGT in den Rücken fallen. Dies führt zu Konflikten und auch einzelnen Schlägereien. Eine dieser Schlägereien – endet am 9. September am Quai d’Orléans mit dem Tod eines Streikbrechers – Louis Donge.
Verantwortlich für seinen Tod – zumindest als Anstifter für die Tötung eines Streikbrechers – wird Durand gemacht, dem man am 10. November gleichen Jahres in Rouen den Prozess macht und nach wenigen Verhandlungstagen am 25. November wegen Beihilfe zum Mord zum Tode verurteilt. (Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob der Tod von Donge ein Tötungsdelikt oder ein Unfall war…..)
Jules Durand gilt als als Organisator und Aushängeschild des Streiks und in dieser Funktion wird ihm der Prozess gemacht – ähnlich wie man in den USA Sacco & Vanzetti als Vertretern des Anarchismus und nicht als Täter den Prozess gemacht hat. Alles spricht gegen seine Beteiligung oder nur den Aufruf hierzu.
Der Autor Roger Colonvier schreibt in seiner Darstellung des Falls „Une Affaire Dreyfus au Havre (1910-1918)“: „Schließlich gibt Kommissar Henry, Leiter der Sicherheitsbehörde von Le Havre, in seinem Bericht vom Dezember 1910 an, dass keiner seiner Agenten oder Informanten, die sich unter die Streikenden gemischt oder die Hafenbetreiber befragt hatten, eine kriegerische Haltung seitens Jules Durand festgestellt habe, geschweige denn einen Aufruf, einen nicht streikenden Kohlearbeiter zu töten.“ (Eigene Übersetzung).
Nach seiner Verurteilung schrieb eine anarchistische Zeitschrift über das Verfahren: „Wir untersuchen den Prozess wegen des Verbrechens im Detail. Dreyfus war, obwohl unschuldig, verurteilt worden, weil er Jude war; Durand wurde, obwohl unschuldig, verurteilt, weil er Gewerkschaftssekretär war.“ (Eigene Übersetzung.)
In der Folge etablierte sich die Beschreibung seines Falls als die Dreyfus-Affäre der Arbeiterklasse, was aber in gewerkschaftlichen und linken Historiker_innenkreisen kritisch gesehen wird, weil es droht den Klassencharakter des Verfahrens gegen Durand zu verschleiern. Man bevorzugt ihn entgegen der in Frankreich weit verbreiteten Lesart als „Dreyfus der Arbeiterklasse“ als Opfer einer Klassenjustiz zu labeln.
In dem Gefängnis Bonne Nouvelle in Rouen, einem 1860 eingerichteten und bis heute betriebenen Gefängnis, inhaftiert, auf die bevorstehende Hinrichtung wartend, erleidet Durand einen nervlichen Zusammenbruch, von dem er sich nie wieder gänzlich erholt.
Ausserhalb der Gefängnismauern finden währenddessen eine Vielzahl von Solidaritätsveranstaltungen statt. Alleine in Frankreich soll die CGT 1.500 Veranstaltungen organisiert haben. Ebenfalls setzt sich die Liga für Menschenrechte für den mutmasslich unschuldigen Gewerkschaftler ein. Daneben gibt es u.a. Solidaritätsaktionen in Belgien, Spanien und Großbritannien.
An Silvester 1910 wird die Todesstrafe gegen Durand ausgesetzt und die Strafe wird in eine Haftstrafe umgewandelt. Zweieinhalb Monate später – am 16. Februar 1911 – wird er freigelassen. Zu dem Zeitpunkt hat seine mentale Gesundheit aber bereits sehr stark gelitten. Man verfrachtet ihn daher in eine Nervenheilanstalt – Quatre Mares (Rouen), wo dieses Jahr eine Gedenktafel für ihn angebracht werden soll.
Der Prozess gegen Durand wird noch einmal erneut aufgerollt, aber er kann diesem geistig nicht mehr folgen. Am 15. Juni 1912 wird er in einem neuaufgerollten Verfahren komplett freigesprochen und auch rehabilitiert.
Es folgen für ihn noch fast vierzehn Jahre in einer Nervenheilanstalt in der Nähe von Rouen, in der er auch am 20. Februar 1926 als gebrochener Mann verstirbt.
Sein Schicksal ist aber zumindest in Le Havre und der hiesigen Arbeiterklasse nie ganz vergessen worden. Bei den immer noch sehr gut organisierten Dockarbeiter_innen und in der CGT wird das Gedenken seit Jahrzehnten hochgehalten. Ebenso in anarchistischen Kreisen, die den revolutionären Gewerkschaftler auch als einen der ihrigen proklamieren.
Versuch einer Einordnung von Durand
In anarchistischen Publikationen wird Durand immer wieder mit vier bzw. fünf Zuschreibungen versehen – Anarchist, Antimilitarist, Abstinenzler, revolutionärer Syndikalist und Dreyfus der Arbeiter_innenklasse.
Die Alkoholabstinenz ist damals ein wichtiges Thema in der Arbeiterklasse. Alkohol war in jener Zeit nicht nur ein Rauschmittel, mit dem man dem tristen Alltag kurzfristig entkommen konnte, sondern galt auch z.B. in Form von Bier als kostengünstiger Kalorienlieferant. Die Abstinenzlerbewegung ist zu jenem Zeitpunkt gespalten. Auf der einen Seite gibt es eine religiös geprägte Abstinenzlerbewegung, die einen konsequenten Verzicht auf Alkohol einfordert, und eine aus der Arbeiterbewegung hervorgehende, deren Kampf gegen Alkohol sich lediglich auf den Kampf gegen harten Alkohol in Form von Schnaps und Branntwein fokussiert. Durand ist in letzterer zu finden.
Über den Antimilitarismus von Durand findet sich wenig in den Publikationen. Die CGT, in der er hauptsächlich wirkte, begann eigentlich erst in späteren Jahren dieses Thema zu bearbeiten. Aus diesem Grund ist diese Zuschreibung mit Vorsicht zu geniessen.
Als klassische Arbeiterstadt gab es damals in Le Havre eine starke anarchistische Bewegung. Dokumentiert sind u.a. diverse Vorträge von der Anarchafeministin Louise Michel und Sebastian Faure. Inwiefern Durand daran teilnahm, welche Werke er konkret gelesen hat oder ob er den Anarchismus mehr aus Erzählungen anderer Arbeiter_innen kannte als durch eigene Lektüren, lässt sich nur noch schwer rekonstruieren. Die Beschreibung als Anarchist ist eng mit der Begründung des Urteils des Urteils gegen ihn verbunden, wobei der Richter den Begriff zu Diskreditierung von Durand benutzte und auch den Begriff Anarchist vorrangig im pejorativen Sinne benutzte.
Das Bild als revolutionärer Syndikalist, was ihn auch zur Zielscheibe der Klassenjustiz machte, stellt andere Seiten von ihm in den Schatten. Als Gewerkschaftssekretär der hier bis heute relativ starken CGT, die damals noch durch den Geist von der Charta d‘Amiens von 1906 geprägt ist, ist er vor allem bekannt. Er ist massgeblich an der Organisation jenes legendären Streiks aus dem Jahr 1910, der selber mehrfach belletristisch verarbeitet wurde – u.a. von dem Autor Philippe Huet („Les Quais de la Collère“, 2005), bekannt.
Die (V)Erklärung zum Dreyfus der Arbeiter_innenklasse hat auch noch einen naheliegenden Bezugspunkt. Eine der Organisationen, die sich frühzeitig für eine Revision des Urteils gegen Durand einsetzte, war die Ligue des droits de l‘Homme, die sich damals aus den Kreisen der Verteidiger_innen von Dreyfus gebildet hatte und der Durand selber zeitweilig angehört haben soll. Mit Dreyfus verbindet Durand sicherlich, dass er als Unschuldiger verurteilt wurde, aber mehr dürfte ihn mit dem General auf den ersten Blick nicht verbinden. Für viele wirkt der Vergleich auch etwas zynisch, da im Gegensatz zu Dreyfus Durand sich mit der Todesstrafe und nicht nur einer Degradierung konfrontiert sah.
Gedenkkultur für einen Anarchisten
Die besondere Bedeutung Durands ergibt sich in Le Havre aus mehreren Aspekten heraus – beginnend bei der Tatsache, dass er ein Docker war – und diese Berufsgruppe hier einen besonderen Status und hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweist, über den bedeutsamen, von ihm mit organisierten Streik in der hiesigen Lokalgeschichte bis hin zu seinem Verfahren, bei dem ihm als Anwalt der spätere französische Präsident René Coty als Anwalt zur Seite stand und nicht zuletzt die literarisch-dramatische Verarbeitung seines Prozesses durch den normannischen Literaten Armand Salacrou („Boulevard Durand“, 1960). Heutzutage bemüht sich der 2012 gegründete Verein Les Amis de Jules Durand rührig um sein Andenken – und bei den hiesigen, bis heute für ihr ausgeprägtes Klassenbewusstsein bekannten Dockern geriet er auch nie in Vergessenheit….
Im Stadtbild von Le Havre zeigt sich das Gedenken in vielerlei Dingen – beginnend bei seinem pompösen Grab auf dem Friedhof Sainte-Marie, welches erstaunlicher Weise nicht einmal auf den offiziellen Friedhofskarten als Prominentengrab verzeichnet ist, über einen nach ihm benannten Boulevard und Unihörsaal und eine Gedenktafel im Gewerkschaftsgebäude bis hin zu einer Gedenktafel und einer aus einer Schiffsschraube gefertigten Büste unweit der Docks und des Bahnhofs. (Alles das sind aber Dinge, über die man in den offiziellen Reiseführers nichts findet….)
In Rouen, wo damals das Verfahren gegen Durand stattfand, erinnert heute eine Gedenktafel den Justizskandal, den ihn zum „Dreyfus der Arbeiterklasse“ hat werden lassen…. Unweit hiervon erinnert eine Kirche an ein weiteres Justizverbrechen – an die Verbrennung von Jeanne d‘Arc, der Jungfrau von Orléans.
Auch ausserhalb seines Wirkungskreises in der Normandie gibt es einzelne Plätze und Straßen – z.B. in Paris, die namentlich an diesen Gewerkschaftler erinnern – und auch die Bedeutung des revolutionären Syndikalismus für die französische Kultur und Geschichte unterstreichen.
Aus Anlass seines hundertsten Todestages wird es – vor allem in seiner Geburtsstadt – noch einmal ein umfangreiches, über das Jahr verteiltes Veranstaltungsprogramm mit Stadtführungen, Film- und Theateraufführungen, Lesungen, einem Musical und einer Ausstellung geben. Getragen und organisiert wird es hauptsächlich von dem Verein Les Amis de Jules Durand und der CGT. Begünstigt durch die dieses Jahr anstehenden Kommunalwahlen in Frankreich biedert sich aber auch die Politprominenz an – inkl. des rechts-bürgerlichen Bürgermeisters und ehemaligen Staatsministers unter Emmanuel Macron Phillipe „Doudou“ Edouard, der aktuell die ehemalige linke Hochburg regiert….
Artikel von Maurice Schuhmann vom Februar 2026
Ein ähnlicher, aber eigenständiger Artikel des Autors ist in der Graswurzelrevolution 506 februar 2026
erschienen – wir empfehlen wie immer das gesamte Heft am besten im Abo!
- Foto: Yvonne Schwarz alias Semiramis Photoart (https://wwww.semiramis-photoart.de
) - Mehr Informationen (in französischer Sprache): https://www.julesdurand.fr
