Produktivität „digitaler Arbeit“ aus marxistischer Perspektive

Kongress am 2./3. November 2017 in Berlin: Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?Gegenwärtig wird intensiv über „digitale Arbeit“ diskutiert – Arbeit, die im Kontext des Internets, sozialer Medien, künstlicher Intelligenz, Plattformökonomien und ähnlicher Bereiche geleistet wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage: Kann man diese Tätigkeiten als produktive Arbeit im marxistischen Sinne betrachten? (…) Unter linken Ökonom:innen bzw. „zeitgenössischen Marxist:innen“ findet derzeit eine scharfe Debatte über dieses Thema statt, wobei bislang kein Konsens erzielt wurde. (…) Letztlich dreht sich der Konflikt zwischen beiden Lagern um die Frage, ob die marxistische Werttheorie an die zeitgenössischen Bedingungen digitaler Reproduktion, globaler Informationsflüsse und plattformbasierter Geschäftsmodelle angepasst werden sollte. (…) Daher sage ich, dass es weder im Interesse der Arbeiterklasse noch im Interesse marxistischer oder kommunistischer Ziele liegt, einen Teil der Arbeit, der tatsächlich im Interesse des Kapitals liegt, als „unproduktiv“ einzustufen…“ Artikel von Kawa Karem vom Dezember 2025 – wir danken!

Produktivität „digitaler Arbeit“ aus marxistischer Perspektive

Einleitung

Gegenwärtig wird intensiv über „digitale Arbeit“ diskutiert – Arbeit, die im Kontext des Internets, sozialer Medien, künstlicher Intelligenz, Plattformökonomien und ähnlicher Bereiche geleistet wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage: Kann man diese Tätigkeiten als produktive Arbeit im marxistischen Sinne betrachten? Anders formuliert: Da diese Arbeiten keine materiellen Güter hervorbringen, ist es möglich, dass sie „Mehrwert“ erzeugen? Unterliegen sie den Wertgesetzen nach Marx und lassen sich somit als produktive Arbeit klassifizieren?

Die Auseinandersetzung mit dieser Frage führt uns zurück zum klassischen Problem der produktiven versus unproduktiven Arbeit in der ökonomischen Theorie, weshalb eine Analyse bei den klassischen Quellen unabdingbar ist. Adam Smith formulierte die Bedingungen für produktive Arbeit folgendermaßen:

„Es gibt eine Art von Arbeit, die den Wert des Gegenstands, auf den sie angewandt wird, erhöht; und eine andere, die keine solche Wirkung entfaltet. Die erstere kann, da sie Wert schafft, als produktive Arbeit bezeichnet werden; die letztere als unproduktive Arbeit. Die Arbeit eines Fabrikarbeiters steigert im Allgemeinen den Wert der Materialien, die er bearbeitet – um seinen eigenen Unterhalt und den Profit seines Arbeitgebers. Die Arbeit eines Dienstboten hingegen erhöht den Wert von nichts. […] Die Arbeit des Fabrikarbeiters fixiert und realisiert sich in einem bestimmten Gegenstand oder verkäuflichen Gut, das zumindest für eine gewisse Zeit nach der Arbeit besteht. Sie stellt gewissermaßen eine Vorratsmenge an Arbeit dar, die bei Bedarf erneut mobilisiert werden kann. Der Gegenstand – oder sein Preis – kann später eine Arbeitsmenge in Bewegung setzen, die der ursprünglich investierten entspricht. Die Arbeit des Dienstboten hingegen fixiert oder realisiert sich in keinem bestimmten Gegenstand. Seine Dienstleistungen vergehen in dem Moment, in dem sie erbracht werden, und hinterlassen selten einen bleibenden Wert, der später durch eine gleichwertige Leistung ersetzt werden könnte.“[1]

Smith verbindet produktive Arbeit eng mit Kapital und unproduktive Arbeit mit Einkommen. Arbeit, die gegen Kapital eingetauscht wird – also das Geld des Kapitalisten vermehrt – produziert einen Wert, unabhängig davon, ob das Produkt materiell dauerhaft oder verkäuflich ist. Entscheidend ist, dass das Produkt dieser Arbeit nicht im Moment seiner Ausführung vergeht, sondern einen Profit realisiert, der in der Zukunft ein gleichwertiges Äquivalent ermöglicht. Wie Smith betont:

Ein Mann wird reich, wenn er eine Vielzahl von Fabrikarbeitern beschäftigt; er wird arm, wenn er eine Vielzahl von Dienstboten unterhält.

Die erstgenannten erhöhen den Profit, während die letzteren das Einkommen schmälern. Smith führt weiter aus:

Die Arbeit einiger der angesehensten Stände in der Gesellschaft ist, wie die der Dienstboten, unproduktiv und schafft keinen Wert… Der Souverän zum Beispiel, mit allen Beamten der Justiz und des Militärs, die unter ihm dienen, die gesamte Armee und Marine, sind unproduktive Arbeiter. Sie sind Diener der Öffentlichkeit und werden durch einen Teil des jährlichen Produkts der Industrie anderer Menschen unterhalten… Zur selben Klasse sind einige der ernsthaftesten und wichtigsten sowie einige der leichtfertigsten Berufe zu zählen: Geistliche, Juristen, Ärzte, Literaten aller Art; Schauspieler, Spaßmacher, Musiker, Opernsänger, Operntänzer usw.“

Produktive Arbeit ist demnach jene, die Kapital erhält oder vermehrt, indem sie Güter produziert, die bestehen bleiben und erneut ausgetauscht oder verwendet werden können. Unproduktive Arbeit hingegen wird aus Einkommen (Revenue: Einkommen, Profit, Rente oder Konsum) unterhalten und trägt nicht zur Kapitalakkumulation bei.[2]

Marx’ Sichtweise unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von Smiths Auffassung. Erstens knüpft Marx den Begriff der produktiven Arbeit nicht ausschließlich an die Produktion eines materiellen Gegenstands. Für Marx gilt jede Arbeit, die gegen produktives Kapital eingetauscht wird, als produktiv – unabhängig davon, ob ein materielles Gut entsteht. Dies erfolgt im Rahmen des formalen Austauschs von Geld, d. h. bei jeder Investition von Kapital im Produktionsprozess. Marx differenziert zwischen dem Austausch von Arbeit gegen Kapital und dem Austausch von Arbeit gegen Geld (Einkommen).

Zweitens erzeugt der bloße Verkauf von Arbeitskraft, der den Arbeiter der formellen Subsumption unterordnet, noch keinen Mehrwert. Der entscheidende Austausch zwischen Arbeit und Kapital erfolgt im Arbeitsprozess selbst. In diesem Moment unterliegt die Arbeit der reellen Subsumption des Kapitals, und hier manifestiert sich ihre produktive Kraft.

Marx’ Sichtweise unterscheidet sich in zwei grundlegenden Punkten von den Auffassungen Smiths und Ricardos hinsichtlich produktiver Arbeit und der Entstehung von Mehrwert. Erstens betrachtet Marx – im Gegensatz zu Smith – nicht jede Arbeit, die mit Kapital getauscht wird, automatisch als produktiv. Marx differenziert zwischen zwei Arten des Austauschs von Arbeit und Kapital.

Der erste Austausch ist der formale Austausch von Arbeit und Kapital, also der Verkauf von Arbeitskraft, durch den die Arbeit unter die formelle Subsumption des Kapitals gestellt wird. Dieser Austausch erzeugt jedoch noch keinen Mehrwert. Der zweite Austausch findet während des Arbeitsprozesses statt. In diesem Prozess unterliegt die Arbeit der reellen Subsumption des Kapitals und wird von diesem „verbraucht“. Erst hier zeigt sich die produktive Kraft der Arbeit.

Zweitens unterscheidet Marx zwischen Arbeit und Arbeitskraft. Was der Kapitalist erwirbt, ist das Recht, die Arbeitskraft des Arbeiters für eine bestimmte Zeit zu nutzen. Die Menge an Arbeit, die der Arbeiter in diesem Zeitraum leistet, übersteigt jedoch den Aufwand, der für die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft selbst notwendig ist. Auf diese Weise appropri­ert das Kapital während des Arbeitsprozesses eine bestimmte Menge unbezahlter Mehrarbeit und realisiert sie durch den Verkauf der produzierten Güter.

Marx betont damit die zentrale Bedeutung des Arbeitsprozesses: Erstens manifestiert die Arbeitskraft in diesem Prozess ihre produktive Kraft, die auf der Differenz zwischen der geleisteten Arbeit und der Arbeit, die zur Herstellung der Arbeitskraft aufgewendet wurde, beruht. Zweitens erlangt erst in diesem Prozess der Begriff der „produktiven Arbeit“ eine materielle und reale Bedeutung.

Produktive Arbeit definiert Marx demnach als Arbeit, die nach ihrem formalen Austausch mit Kapital tatsächlich im Produktionsprozess vom Kapital verbraucht wird. Dieser Aspekt drückt die materielle Seite der Produktion aus. Entscheidend ist die Vollendung des Arbeitsprozesses und die Erzeugung von Gebrauchswert im Allgemeinen, nicht eines bestimmten Typs von Gebrauchswert. Die materielle Dimension der Produktion erhält ihre Bedeutung nicht durch einen konkreten Arbeitsprozess (wie Landwirtschaft oder Weberei) oder einen spezifischen Gebrauchswert, sondern durch die Existenz des Arbeitsprozesses als Ganzes. Nicht die konkrete Arbeit, sondern die Arbeit im allgemeinen Sinne – abstrakte Arbeit – ist die Quelle des Werts.[3]

Obwohl unsere Diskussion hier nicht primär auf den Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit abzielt, dient sie doch dazu, das Thema besser einzuordnen. In der modernen bürgerlichen Ökonomie existiert das Konzept der produktiven oder unproduktiven Arbeit praktisch nicht; falls es doch erwähnt wird, spielt es eine untergeordnete Rolle und ist weitgehend unbekannt. Entscheidend für diese Ökonomien sind vielmehr Wirtschaftswachstum und allgemeine Effizienz, nicht die sozialen Verhältnisse, die bestimmen, wer Wert schafft und wer davon profitiert.

Für die Wertgesetze nach Marx ist diese Frage jedoch zentral. Denn die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Mehrwert produzieren, erzeugen zugleich das Kapital selbst. Ein Teil des von produktiven Arbeitern erzeugten Produkts kehrt in Form von Kapital gegen sie zurück und wirkt auf einer breiteren Ebene ausbeutend.

Wenn wir nun den Begriff der „digitalen Arbeit“ betrachten, ausgehend von der kurzen Darstellung zuvor, stellt sich die Frage: Wo ist sie aus marxistischer Perspektive einzuordnen? Konkret gefragt: Wie tragen Plattformen, digitale Technologien und elektronische Daten zur Schaffung von Wert und Mehrwert in der modernen kapitalistischen Ökonomie bei? Und falls Arbeit in diesen Bereichen einen Beitrag leistet, lässt sie sich innerhalb der Kategorie produktiver Arbeit klassifizieren?

Die Debatte unter Linken bzw. „zeitgenössischen Marxist:innen“

Unter linken Ökonom:innen bzw. „zeitgenössischen Marxist:innen“ findet derzeit eine scharfe Debatte über dieses Thema statt, wobei bislang kein Konsens erzielt wurde. Ähnlich wie die Diskussionen im letzten Jahrhundert, die sich um die Einordnung von Arbeit als produktiv oder unproduktiv im Sinne von Marx drehten, stellt sich auch heute die Frage: Kann digitale Arbeit, insbesondere über das Internet geleistete Arbeit, aus marxistischer Perspektive als „produktiv“ klassifiziert werden? Anders formuliert: Handelt es sich um Arbeit, die Mehrwert erzeugt, oder ist sie vielmehr das Ergebnis unbezahlter oder niedrig entlohnter Arbeit?

Eine eindeutige Diskussion ist nur schwer möglich, solange nicht klar zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit unterschieden wird. Bei der Analyse digitaler Arbeit aus marxistischer Perspektive stößt man auf mehrere Probleme. Marx’ eigene Überlegungen zu produktiver und unproduktiver Arbeit wurden weder systematisch dargelegt noch vollständig veröffentlicht, sondern tauchen teils nur in unveröffentlichten Manuskripten auf. Dies führt zu unterschiedlichen Interpretationen und erschwert die eindeutige Einordnung digitaler Arbeit. Dabei ist entscheidend, wie man Marx versteht, wie man seine Auffassungen analysiert und aus welcher Perspektive man seine Analysen bewertet – dies sind die Schlüsselpunkte, um Marx’ Zielsetzung in diesem Bereich zu erreichen.

Einige Ökonom:innen und Linke argumentieren, dass ein Großteil der digitalen Arbeit im klassischen marxistischen Sinne „unproduktiv“ sei. Folglich würden die in diesem Bereich tätigen Arbeiter:innen als unproduktiv gelten oder nicht die Kriterien für die Erzeugung von Mehrwert erfüllen. Der Kernpunkt liegt darin, dass produktive Arbeit im marxistischen Rahmen diejenige Arbeit ist, die eine Ware mit Tauschwert hervorbringt und somit zur Kapitalakkumulation beiträgt. Viele heutige digitale Unternehmen erfüllen diese Bedingung nicht eindeutig, weshalb manche Theoretiker:innen sie als unproduktiv einordnen.

Mit anderen Worten: Da digitale Arbeit immateriell ist, wird sie aus Sicht dieser Analytiker:innen als unproduktiv hinsichtlich der Wertproduktion betrachtet. Insbesondere wenn digitale Güter nicht wettbewerbsfähig produziert oder frei reproduziert werden, argumentieren sie, dass digitale oder kognitive Arbeit im traditionellen Sinn keinen Wert schafft. Wert setzt nach dieser Auffassung eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und positive Grenzkosten für die Reproduktion voraus. Da die Grenzkosten digitaler Güter häufig gegen null tendieren, würde dies die Warenform auflösen und folglich keine Quelle von Mehrwert darstellen.

Aus dieser Perspektive übt die Digitalisierung Druck auf das Wertgesetz aus, indem sie die Reproduktionskosten auf null senkt und damit die Verbindung zwischen Arbeitszeit und Warenpreisen auflöst. Für sie existiert die Mehrzahl digitaler Produkte nicht in der Form traditioneller Waren, wodurch das Wertgesetz verzerrt oder geschwächt wird. Anders gesagt: Die meisten Formen digitaler Arbeit gelten als immaterielle Arbeit – sie erzeugen keine greifbaren materiellen Güter und sind daher unproduktiv. Nur Arbeiten, die greifbare Güter produzieren und Mehrwert erzeugen, gelten demnach als produktive Arbeit.

Andere Vertreter:innen der Linken vertreten hingegen die Ansicht, dass Marx’ Werttheorie auf das Internet oder digitale Arbeit nicht anwendbar sei. Für diese Autor:innen entsteht Wert in erster Linie durch emotionale Bindungen oder Markenbildung. Sie argumentieren, dass der Wert mit der Zahl kommerzieller Kund:innen – und damit der Zahl der „Prosumenten“ – steigt. Zwar sei es möglich, von digitalen Aktivitäten wie Postings in sozialen Medien, Suchen, Bewerten oder Online-Kommunikation zu profitieren, doch produzierten diese Tätigkeiten an sich keinen Wert. Sie betonen, dass die Vermittlung von Arbeit in sozialen Beziehungen ohne die Produktion von Waren keinen Wert erzeugt.

Im Gegensatz dazu vertreten einige marxistische Ökonom:innen und Linke die Auffassung, dass viele Formen digitaler und internetbasierter Arbeit sehr wohl produktiv sind, da die meisten dieser Tätigkeiten in den Rahmen der kapitalistischen Gesetze fallen, wie sie Marx beschrieben hat. Nach ihrer Sichtweise wird Wert heute nicht mehr ausschließlich in traditionellen Institutionen geschaffen, sondern auch in den Bereichen Kommunikation, Wissensproduktion und Datenproduktion. Sie argumentieren, dass die treibende Kraft der kapitalistischen Akkumulation zunehmend in immaterielle, vernetzte Arbeit übergegangen ist und digitale Arbeit inzwischen zentral für die Produktion von Mehrwert geworden ist.

Diese Perspektive betont, dass digitale Güter und Dienstleistungen, obwohl immateriell, weiterhin als Waren gehandelt werden und menschliche Arbeit zu ihrer Herstellung erforderlich ist – selbst wenn diese Arbeit unbezahlt verteilt oder in die Aktivitäten der Nutzer:innen integriert ist. Digitale Arbeit eröffnet somit neue Formen der Ausbeutung, bei denen das Kapital die kollektive Energie von Millionen online tätiger Arbeiter:innen, von Programmierern über Content-Ersteller bis hin zu Datenproduzent:innen, aneignet.

Letztlich dreht sich der Konflikt zwischen beiden Lagern um die Frage, ob die marxistische Werttheorie an die zeitgenössischen Bedingungen digitaler Reproduktion, globaler Informationsflüsse und plattformbasierter Geschäftsmodelle angepasst werden sollte. Eine Seite erweitert die Definition produktiver Arbeit auf die Produktion von Daten, Wissen und Kooperation, während die andere eine traditionellere Interpretation beibehält, die Wert an materieller Produktion festmacht. Diese Auseinandersetzung spiegelt breitere Debatten innerhalb des Marxismus wider, wie Kapitalismus in einer Ära zu verstehen ist, in der das soziale Leben selbst zunehmend mit digitalen Technologien vernetzt ist und die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit zunehmend verschwimmt.

Die Rolle von „Wissenschaft und Technologie“ im „materiellen Produktionsprozess“

Zu Beginn ist es wichtig, die Rolle der Wissenschaft in der modernen kapitalistischen Produktion hervorzuheben oder eine praktische Schlussfolgerung in Bezug auf die Untersuchung von „Wissenschaft und Technologie“ in ihren vielfältigen Funktionen innerhalb des materiellen Produktionsprozesses und der Schaffung von Mehrwert zu ziehen.

Viele vertreten die Ansicht, dass Wissenschaft eine zunehmend zentrale und direkte Rolle bei der Produktion von Gütern spielt, insbesondere während der sogenannten „wissenschaftlich-technologischen Revolution“. Wie einige Autoren behaupten:

Während der gegenwärtigen grundlegenden produktiven Veränderungen wird die Wissenschaft zur zentralen produktiven Kraft der Gesellschaft und zum entscheidenden Faktor für das Wachstum der produktiven Kräfte.“

Dabei ist jedoch zu beachten, dass Wissenschaft nicht neutral ist. Sie bezieht sich nicht allein auf technische Aspekte, sondern auf die Art und Weise, wie Produktion tatsächlich organisiert und umgesetzt wird.

Für ein besseres Verständnis ist es hilfreich, zwischen verschiedenen Rollen zu unterscheiden: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Informationen tragen – etwa Forschende, Datenverarbeitende und Techniker:innen – und auf der anderen Seite diejenigen, die direkt an der Herstellung materieller Produkte beteiligt sind und als kollektive produktive Arbeiter:innen im Produktionsprozess wirken.

Guglielmo Carchedi weist darauf hin:

Zweifellos zeichnet sich Letzteres durch besondere Eigenschaften aus. Aus dieser Perspektive schließt Marx jedoch eindeutig die erstgenannte Art von Arbeit [wissenschaftliche Arbeit] von der produktiven Arbeit aus. Selbst wenn das Kapital die Wissenschaft ausbeutet und alle wissenschaftlichen Arbeiten seinem ‚speziellen Dienst‘ unterordnet (in diesem Sinne ist Wissenschaft nicht ‚neutral‘), und selbst wenn die technische Entwicklung heute bedeutender ist als früher (die Ausbeutung für die Arbeiter offenbar), reicht das nicht aus. Unter dem Kapitalismus ist die Wissenschaft von den direkten Arbeitenden getrennt. ‚Wissenschaft ist unabhängig von der manuellen Arbeit der Arbeiter‘, sodass die Arbeiter nicht in den Prozess eingreifen. Forschungsarbeit und Arbeit an der Informationsproduktion verbleiben bei den Beschäftigten im wissenschaftlichen Bereich und sind nicht produktiv im Sinne der Mehrwertproduktion wie die manuelle Arbeit. Außerdem sind die Personen, die diese Arbeiten ausführen, häufig nicht diejenigen, die neues Wissen schaffen, da Wissen nicht vollständig in einen Arbeitszyklus oder ein spezifisches Arbeitsgerüst passt.“[4]

Letztlich stützt sich die Wissenschaft auf die Arbeit und Erfahrung unzähliger direkter Produzent:innen in verschiedenen materiellen Arbeitsprozessen. Forschungsarbeit unterscheidet sich von direkter Produktion dadurch, dass sie unproduktiv ist, selbst wenn ihre Ergebnisse die Form von Waren (Patente, Lizenzen) annehmen und einen „Preis“ besitzen. Wie viele künstlerische Werke erzeugt sie keinen Wert in sich selbst, da wissenschaftliche „Produkte“ nicht im Originalzustand reproduzierbar sind. Dies schließt jedoch nicht aus, dass individuelle Investoren daraus realen Wert schöpfen können. So wandeln sich Personen, die direkt in diesem Sektor tätig sind – etwa Software- oder Ingenieurfachkräfte – oft zu Lohnarbeitnehmer:innen. Aus der Perspektive des sozialen Kapitals dienen diese Bemühungen primär der Umverteilung von Mehrwert, nicht der Schaffung neuen Werts. Es geht also im Wesentlichen um die Übertragung von bereits bestehendem Mehrwert.

Die grundlegende Frage bleibt jedoch: Selbst wenn diese Tätigkeiten innerhalb industrieller Einrichtungen stattfinden – wie dies heute in den meisten fortgeschrittenen Industrieländern der Fall ist –, und die Mehrheit der wissenschaftlichen Arbeiter:innen in Fabriken arbeitet, macht dies ihre Arbeit allein durch ihre institutionelle Einbettung produktiv?

Wissenschaftliche Arbeit in Fabriken

Wenn Wissenschaftler:innen – wie Ingenieur:innen, Techniker:innen und Forscher:innen – innerhalb von Fabriken arbeiten, ist ihre Rolle direkt mit der Verbesserung der Produktivität, der Entwicklung neuer Produkte und der Steigerung der Effizienz verknüpft – all dies erhöht die Fähigkeit, Mehrwert zu erzeugen. Folglich kann ihre Arbeit im weiteren Sinne als produktiv betrachtet werden, da sie indirekt zur Schaffung von Mehrwert beiträgt.

Da diese Tätigkeiten innerhalb des Rahmens industrieller Produktion stattfinden – die Fabrik als Ort kapitalistischer Produktion – bilden sie zugleich eine Grundlage im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise. Dieses institutionelle Umfeld setzt Bedingungen und Zwänge für die Akkumulation von Kapital, Lohnarbeit und die Extraktion von Mehrwert. Arbeit ist somit produktiv, soweit sie in den vom Kapital gesteuerten Produktionsprozess integriert ist, selbst wenn sie nicht unmittelbar als manuelle Arbeit am Produkt selbst erfolgt. Sie kann unterstützend für den Umlauf oder Konsum wirken, auch wenn sie nicht direkt neuen Wert schafft.

Wenn wissenschaftliche Arbeiter:innen direkt an der Verbesserung des Produktionsprozesses beteiligt sind – etwa durch Optimierung von Maschinen, Gestaltung von Produkten oder Verbesserung von Arbeitsabläufen – kann diese Art von Arbeit als produktiv klassifiziert werden, da sie unmittelbar zur Mehrwertschöpfung beiträgt. Sie steigert die Effizienz der Arbeitenden oder die Produktion der Institution, wodurch die Extraktion von Mehrwert erhöht wird.

Tätigkeiten, die primär mit der Zirkulation von Kapital verbunden sind – wie Transport, Vertrieb oder Finanzverwaltung – erzeugen im Allgemeinen keinen Mehrwert; sie sind notwendig, um Mehrwert zu realisieren (z. B. Verkauf), produzieren ihn jedoch nicht. Diese Rollen werden im strengen Sinne als unproduktive Arbeit betrachtet, auch wenn sie für das Funktionieren des Kapitals unverzichtbar sind.

Dass diese Tätigkeiten innerhalb des institutionellen Rahmens der Industrie stattfinden (Fabrik oder kapitalistisches Unternehmen), bedeutet, dass sie integraler Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise sind. Dieses Umfeld ermöglicht es den Aktivitäten der Arbeiter:innen, direkt oder indirekt zur Mehrwertschöpfung beizutragen. Arbeit innerhalb von Fabriken, die Produktionsprozesse verbessert, gilt demnach als direkte produktive Arbeit, während andere Tätigkeiten, die sich lediglich mit Zirkulation oder Verwaltung befassen, anders eingeordnet werden.

Warum ist es schwierig, digitale Arbeitsabläufe genau zu messen?

Tatsächlich ist es schwierig, die durch unbezahlte oder semi-bezahlte digitale Arbeit erzeugte Wertschöpfung präzise zu erfassen. Dafür gibt es mehrere zentrale Gründe. Wie bereits erwähnt, sind viele Aspekte digitaler „Arbeit“ – wie Aufmerksamkeit, Teilen und Datenproduktion – undurchsichtig, fragmentiert oder versteckt, während die Kostenrechnung unklar bleibt. Hinzu kommt, dass unbezahlte Arbeit weit verbreitet und oftmals unsichtbar ist, da die meisten Unternehmen in diesem Bereich keine Informationen darüber veröffentlichen, wie sie Verbraucherdaten bewerten oder Arbeitsleistungen vergüten – zumindest nicht in einer Form, die es Außenstehenden ermöglichen würde, klar zwischen Arbeit und Kapital zu unterscheiden. Konsumentinnen und Konsumenten verrichten eine erhebliche Menge an „Arbeit“, doch diese wird in keiner offiziellen Statistik als solche erfasst. Stattdessen wird diese Arbeit von Unternehmen durch Datenverarbeitung und algorithmische Verfahren monetarisiert. Aus diesem Grund ist es schwierig, in standardisierter Weise nachzuverfolgen, wann genau eine Person zu „arbeiten“ beginnt.

Ein weiterer Umstand erschwert die Analyse zusätzlich: die Vermischung von Motiven. Viele digitale Akteurinnen und Akteure – ob Nutzerinnen, Produzenten oder Plattformbetreiber – sind gleichzeitig Konsumenten und Produzenten. Dies macht es kompliziert, den Wert der Arbeit im Verhältnis zum persönlichen Konsum klar zu bestimmen. Dazu kommt die Möglichkeit der Reproduktion digitaler Güter bei nahezu null Grenzkosten. Das bedeutet, dass die Kosten für das Kopieren eines digitalen Produkts nahezu bei Null liegen. Dies stellt die Beziehung zwischen Arbeitszeit und Arbeitswert vor besondere Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf das gesellschaftlich erforderliche „Kopieren“.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Frage, wie Wert überhaupt gemessen werden soll. Selbst in traditionellen Industrien beruht die Umrechnung von Arbeitszeit in Geldwert auf bestimmten Annahmen, insbesondere im Zusammenhang mit materiellen Gütern. In digitalen Industrien werden diese Annahmen jedoch noch komplexer und weniger eindeutig.

Mangels einer umfassenden oder direkten Methode zur Messung von Wert versuchen viele Forschende, ihn mittels einer Kombination aus verfügbaren Daten und Annahmen zu schätzen. Sie analysieren häufig Faktoren wie Plattformumsätze, Nutzungsdauer oder den Anteil der Wertschöpfung, der aus Nutzeraktivitäten im Verhältnis zur Marktkapitalisierung eines Unternehmens entsteht.

Dasselbe gilt für Modelle der Künstlichen Intelligenz. Man kann versuchen, den Zeitaufwand für das Sammeln, Klassifizieren und Verarbeiten von Daten zu schätzen, anschließend den Wert dieser Arbeit bestimmen und ihn mit der endgültigen Rentabilität oder dem kommerziellen Wert des Modells vergleichen. Solche Schätzungen sind jedoch oft unsicher und variieren je nach Fall oder Plattform erheblich.

Trotz all dieser Bemühungen ist es aus marxistischer Perspektive aufgrund der strukturellen Unschärfen des Produktionsprozesses nicht möglich, den durch digitale Arbeit erzeugten Mehrwert exakt zu bestimmen. Die Ergebnisse bleiben grobe Annäherungen. Dennoch weisen zahlreiche empirische und theoretische Studien darauf hin, dass ein erheblicher Teil des Wertes digitaler Plattformen und KI-Systeme auf unbezahlter oder niedrig entlohnter digitaler Arbeit beruht, die von Kapital angeeignet wird

Das Feld der digitalen Arbeit oder Online-Arbeit

Wenn wir das Feld der digitalen Arbeit bzw. der Online-Arbeit und seine Beziehung zur Wertabschöpfung erneut betrachten, stellen wir fest, dass die „gesellschaftliche Arbeit für das Internet“ – verstanden als Rechnernetzwerk – klar definiert ist als eine Technologie zur Informationsverarbeitung. Die eigentliche Debatte dreht sich jedoch darum, ob das marxsche Wertgesetz unter modernen Bedingungen weiterhin gültig bleibt.

Guglielmo Carchedi beantwortet diese Frage und stellt fest, dass zunächst zwei grundlegende Punkte geklärt werden müssen [5]:

Erstens ist im Kontext des Kapitalismus der Arbeitsprozess (ob geistig oder materiell) nur einer von zwei Aspekten des Produktionsprozesses; der andere ist der Prozess der Produktion von Mehrwert. Das bedeutet, dass Arbeiterinnen und Arbeiter die Gebrauchswerte ihrer subjektiven oder geistigen Arbeitskraft über Zeiträume hinweg transformieren müssen, die länger sind als jene, die zur Produktion der gesellschaftlich notwendigen Mittel für ihre eigene geistige oder materielle Reproduktion erforderlich wären. Folglich muss ein Teil des Arbeitstages dazu verwendet werden, objektive oder geistige Gebrauchswerte für die Kapitalisten zu produzieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Arbeiterinnen und Arbeiter dazu gebracht werden, überschüssige Energie aufzuwenden – entweder durch äußeren Druck oder durch entsprechende Akteure, wie Marx es im ersten und dritten Band des Kapital (im Zusammenhang mit Aufsichts- und Kontrollarbeit) beschrieben hat. Diese Akteure verrichten spezifische Funktionen des „Kapitals“, ohne selbst Kapitalisten zu sein und ohne die materiellen oder geistigen Produktionsmittel zu besitzen. Wenn Arbeiterinnen und Arbeiter das Bedürfnis nach der Erbringung von Mehrarbeit internalisieren, übernehmen sie ebenfalls die erforderlichen Funktionen des Kapitals.

Wie wir sehen, lässt sich diese zweite Möglichkeit besonders leicht auf bestimmte Formen geistiger Arbeit anwenden – vor allem in der Online-Arbeit.

Zweitens muss im Zusammenhang mit dem Internet zwischen drei Kategorien geistiger Produzentinnen und Produzenten unterschieden werden, die oben bereits erwähnt wurden.

Erstens: Geistige Arbeiterinnen und Arbeiter, also geistige Produzenten, die das Internet nutzen, um zugunsten des Kapitals zu arbeiten. Dies sind die eigentlichen intellektuellen Arbeitskräfte.

Zweitens: Geistige Produzenten, die das Internet nutzen, um Gewinne zu erzielen, ohne selbst Kapitalisten zu sein. Dies sind freie geistige Freiwillige. Diese Kategorie wird hier aufgrund von Platzbeschränkungen nicht ausführlich behandelt, außerdem handelt es sich dabei um Randphänomene, die aus dem Konflikt zwischen den beiden grundlegenden Klassen entstehen.

Die dritte Kategorie umfasst andere Produzentinnen und Produzenten, die das Internet zu anderen Zwecken nutzen (Unterhaltung, Bildung, Forschung usw.), ohne für das Kapital zu arbeiten, sondern vielmehr in ihrer Freizeit. Diese Gruppe wird als „geistige Wissensagenten, befreit von der Kontrolle des Kapitals“ bezeichnet. Daher ist es wichtig, die Unterscheidung zwischen geistigen Arbeiterinnen/Arbeitern und geistigen Agenten genau zu beachten, da diese Unterscheidung grundlegend für die Neubewertung der drei in der Literatur diskutierten Fragen ist.

Produzieren geistige Arbeiterinnen und Arbeiter im Internet Mehrwert?

Doch produzieren geistige Arbeiterinnen und Arbeiter im Internet überhaupt Mehrwert? Mit anderen Worten: Sind sie produktive Arbeiter, und fällt ihre Tätigkeit unter die Kategorie der Produktion?
Da Wert die unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen (Arbeit vs. Kapital) aufgewendete Arbeit ist, kann Wissensproduktion (geistige Arbeit) durchaus Wert und Mehrwert hervorbringen – denn sie ist geistige Arbeit, die von geistigen Arbeitskräften für das Kapital verrichtet wird. In diesem Fall wird die Menge des während des geistigen Arbeitsprozesses geschaffenen neuen Wertes durch die Dauer und Intensität der geleisteten abstrakten geistigen Arbeit bestimmt, wobei der Wert der Arbeitskraft der Beschäftigten zu berücksichtigen ist. Ausbeutung ist folglich die Differenz zwischen dem Wert der geistigen Arbeitskraft und dem von diesen Arbeiterinnen und Arbeitern produzierten Wert. Dieser Wert kann in einer Ware verkörpert sein – oder auch nicht. In beiden Fällen handelt es sich nicht um eine materielle Ware im klassischen Sinne, sondern um eine immaterielle Ware, deren Wert jedoch durch die Menge notwendiger geistiger Arbeit bestimmt wird, die zu ihrer Herstellung erforderlich ist.

Neben diesen allgemeinen Merkmalen weist die geistige Produktion im Internet spezifische Charakteristika auf: neue Arbeitsprozesse, neue Tätigkeiten und neue Formen der Ausbeutung.
Nehmen wir als Beispiel einen neuartigen Arbeitsprozess wie die Produktion eines Videospiels. Jedes Videospiel stellt ein einzigartiges Produkt dar, und die zugrunde liegenden Technologien verändern sich schnell, sodass manche Beschäftigte über hochspezialisierte Fähigkeiten verfügen – wenn auch nicht alle. Das Kapital gestaltet die Struktur des Arbeitsprozesses, indem es eine bürokratische Hierarchie schafft, die Tätigkeiten mit höherem oder geringerem Ansehen umfasst.

Die Funktion des Kapitals als äußere Zwangsgewalt greift jedoch nicht in gleicher Weise bei Beschäftigten, deren Tätigkeit auf relativ spontanen Innovationen beruht. In solchen Fällen entsteht ein Bedarf nach neuen Formen der Arbeitskontrolle. Kapitalistinnen und Kapitalisten sorgen über Aufsichtsinstanzen (Projektmanager) dafür, dass die Beschäftigten ihre Aufgaben termingerecht erfüllen. Projektmanager überwachen den Fortschritt der Entwicklerinnen und Entwickler und entlohnen sie nach Erreichen bestimmter Projektmeilensteine.
Die Beschäftigten unterliegen somit der Kontrolle der Projektmanager, die die Ziele und die Rationalität des Kapitals verinnerlicht haben. Innerhalb dieser Grenzen genießen die Arbeiterinnen und Arbeiter jedoch eine gewisse Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen und ihr Arbeitstempo selbst festzulegen. Die Form der Kontrolle hat sich also verändert – doch dies hebt die Ausbeutung nicht auf und befreit die Beschäftigten nicht von der Dominanz des Kapitals.

Trotz der größeren Autonomie, die qualifizierte Arbeitskräfte in diesen Bereichen genießen, sind sie keineswegs unabhängig. Ihre flexiblen und attraktiv wirkenden Arbeitsplätze verbergen häufig Arbeitsdruck und belastende Arbeitsbedingungen, die sich in langen Arbeitszeiten und umfangreicher unbezahlter Mehrarbeit niederschlagen.

Digitale Arbeit und Wert

Tiziana Terranova, eine bekannte Expertin im Bereich der digitalen Arbeit, beschreibt America Online (AOL) als eine „elektronische Sweatshop“. Sie erklärt, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in diesen Rollen häufig ausgeschlossen oder indirekt in eine Form moderner Knechtschaft eingebunden werden. Obwohl die Beschäftigten zu Unabhängigkeit und Kreativität ermutigt werden, bleibt diese Freiheit stets an die Kontrolle des Unternehmens gebunden. Das Kapital bezahlt Arbeiterinnen und Arbeiter für die Entwicklung neuer Ideen – jedoch nur insofern, als diese Ideen zur Erreichung der Unternehmensziele beitragen und nicht der persönlichen Entwicklung oder dem Wohlbefinden der Beschäftigten dienen.[6]

Ein weiterer damit verbundener Diskussionsstrang betrifft die emotionale Arbeit (affective labor), also jene Arbeit, die den Zustand des Outputs verändert (mitunter fälschlicherweise als „immaterielle Arbeit“ bezeichnet). Unter emotionaler Arbeit verstehen wir Tätigkeiten wie Werbung, Aufsicht, Pilotentätigkeit, Schnellrestaurant-Arbeit und ähnliche Berufe.

Kann digitale Arbeit als produktive Arbeit klassifiziert werden?

Alle diese Tätigkeiten lassen sich im Rahmen des „Wertgesetzes“ einordnen. Werbung etwa wird als geistige Tätigkeit betrachtet: Sie produziert keine materiellen Güter, unterstützt jedoch den Verkauf von Waren und gilt daher als unproduktive geistige Arbeit. Im Gegensatz dazu wird Sorgearbeit, wie beispielsweise die Pflege von Menschen, als produktiv eingeschätzt, da sie die Arbeitskraft erhält, die für die Herstellung materieller Güter erforderlich ist.

Pilotinnen und Piloten tragen durch die Beförderung von Personen und Waren direkt zur kapitalistischen Produktion bei und schaffen damit Wert. Ähnlich gilt die Arbeit in Schnellrestaurants: Die Herstellung von Speisen, die verkauft werden, ist eine Form produktiver Arbeit. Verkäuferinnen und Verkäufer, die durch bessere Beratung oder Freundlichkeit den Absatz steigern, erzeugen zwar keinen neuen Wert im engeren Sinne, erhöhen jedoch die Effizienz und ermöglichen so höhere Profite für das Unternehmen.

Unter marxistischen Kriterien lassen sich auch digitale Tätigkeiten als produktiv einstufen. Ein YouTube-Nutzer, der über Werbung finanziert wird, erzeugt Wert, der durch die Plattform realisiert wird und somit Mehrwert schafft. Beschäftigte bei Amazon tragen durch ihre Arbeit zur Entwicklung profitabler Modelle künstlicher Intelligenz bei, während Uber-Fahrerinnen und -Fahrer Dienstleistungen erbringen, die von Uber verkauft werden; ihr Mehrprodukt schlägt sich im Unternehmensgewinn nieder. Softwareentwicklerinnen und -entwickler in Technologieunternehmen produzieren digitale Produkte oder Dienstleistungen, die gewinnbringend verkauft werden. In all diesen Fällen wird digitale Arbeit in das Kapital integriert und schafft Mehrwert.

Betrachtet man Arbeit ausschließlich als abstrakte Arbeit, ist eine differenzierte Bewertung notwendig. Wie marxistisch orientierte Ökonominnen und Ökonomen hervorheben, wird Produktivität nicht durch die Form der Arbeit bestimmt (manuell, geistig oder digital), sondern durch ihr Verhältnis zum Kapital. Digitale Arbeit ist demnach nicht per se produktiv: Freiwillige Beiträge in Foren oder nicht-kommerzielle Social-Media-Aktivitäten (z. B. Tweets aus Freude) stellen keine Lohnarbeit dar, stehen nicht unter kapitalistischer Kontrolle und werden nicht verwertet. Ebenso gilt persönliche digitale Kunst, die nicht verkauft wird, nicht als Ware und wird vom Kapital nicht konsumiert.

Selbst unbezahlte digitale Arbeit kann jedoch indirekt Wert erzeugen, etwa durch Datenauswertung oder Data Mining. Dies hat innerhalb der marxistischen Theorie zu neuen Debatten über sogenannte „freie Arbeit“ (free labor) oder „immaterielle Arbeit“ (immaterial labor) geführt.

Wenn wir die Argumente betrachten, auf die sich zeitgenössische marxistische Forscher hinsichtlich der Einordnung dieser Art von Tätigkeit als digitale Arbeit einigen, und da digitale Arbeit produktiv ist, lassen sich einige zentrale Punkte bestimmen: Digitale Arbeit trägt zur Wert- und Kapitalakkumulation bei. Selbst wenn Menschen für ihre Aktivitäten keinen Lohn erhalten (etwa für Online-Interaktionen, das Veröffentlichen von Inhalten, das Anklicken von Werbung usw.), erzeugen diese Aktivitäten Daten, Interaktionen und Aufmerksamkeit – alles Elemente, die monetarisiert werden können (über Werbung, zielgerichtete Anzeigen oder Plattformbewertungen). In diesem Sinne ist digitale Arbeit im kapitalistischen Sinne produktiv: Sie trägt zur Schaffung von Mehrwert bei.

Søren Bough Sørensen argumentiert, dass der digitale Medienkonsum (auch der kostenlose Konsum – also unbezahlte Arbeit) im Kapitalismus ein ausbeuterisches und wertschöpfendes Projekt darstellt. Unbezahlte bzw. kostenlose Arbeit ist häufig unsichtbar oder flexibel. Plattformen stützen sich in hohem Maße auf unbezahlte Nutzertätigkeiten: Likes, Shares, Inhaltserstellung, Datenannotation und Ähnliches. Aus marxistischer Sicht stützt sich das Kapital zunehmend auf diese „prekäre Produktion“ bzw. unbezahlte Arbeit, die für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von künstlicher Intelligenz und Plattformen wesentlich ist, jedoch weder ausreichend anerkannt noch entlohnt wird.[7]

Digitale Arbeit verändert das Konzept von Produktion. Sie stellt die traditionellen Grenzen zwischen „Produktion“ und „Konsumtion“ sowie zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit infrage. Digitale Technologien verwischen diese Grenzen: Konsumverhalten trägt sowohl zur Produktion (durch die Erzeugung von Daten und Inhalten) als auch zur Zirkulation (durch das Anziehen von Aufmerksamkeit und die Verstärkung von Reichweite) bei. Einige Autoren argumentieren, dass sich die Dualität des Produktionszyklus (Güterproduktion vs. Wertrealisierung) im digitalen Kapitalismus in ihrer Bedeutung verschiebt. Andere Ökonomen hingegen vertreten die Position, dass nicht jede digitale Tätigkeit im marxistischen Sinne „produktiv“ ist. Manche Aufgaben, die als „digitale Arbeit“ erscheinen, stehen näher an der Sphäre der „Zirkulation“ oder der bloßen Wertumverteilung als an der eigentlichen Wertproduktion. So können etwa Content-Moderation oder bestimmte Formen des Kundendienstes primär Schutz- oder Wartungsfunktionen für eine Plattform erfüllen, ohne unmittelbar neuen Wert zu schaffen.

Aus dieser Perspektive werden viele digitale Tätigkeiten mit Löhnen vergütet, die deutlich unter ihrem tatsächlichen Wert liegen – oder sogar überhaupt nicht bezahlt. Selbst wenn digitale Aufgaben Wert erzeugen, erhalten die Arbeiterinnen und Arbeiter häufig keinen Lohn, der dieser Wertschöpfung entspricht. Tatsächlich ist die Extraktion von Mehrwert oftmals höher, angesichts der Fähigkeit von Plattformen, mit niedrigen Kosten zu skalieren, Automatisierung einzusetzen und auf von Konsumenten erzeugte Daten zurückzugreifen.

Hervorzuheben ist zudem, wie sehr digitale Arbeit abstrahiert wird: Arbeiter und Konsumenten verstehen häufig nicht, wie ihre Arbeit genutzt wird, noch sind sie sich bewusst, dass sie keinerlei Kontrolle darüber besitzen, wie aus ihren Daten oder Inhalten Profite realisiert werden. Algorithmen verschleiern oftmals die Mechanismen der Plattformen oder sind nicht transparent.

Wenn wir die Frage aus marxistischer Perspektive bewerten möchten, müssen wir wissen, wie die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ bei digitalen Gütern gemessen werden kann. Oder genauer: Wie wird Mehrwert extrahiert, wenn „Arbeit“ fragmentiert, unbezahlt oder auf die Konsumenten verteilt ist? Wo ziehen wir die Grenze zwischen Nutzern als Konsumenten und Nutzern als Arbeitskräften? In welchem Umfang erfordern digitale Arbeitstätigkeiten spezialisierte Fähigkeiten, und wie kann ihr Wert variieren? Wie beeinflussen die Dynamiken der Plattformen (Monopole, geistiges Eigentum und Datenrechte), wer von digitaler Arbeit profitiert und wer nicht?

Viele Nutzer leisten unbezahlte Arbeit: Inhalte erstellen, Follower gewinnen und Aufmerksamkeit auf die Plattform ziehen. Selbst wenn sie aktiv sind, wird ein Großteil der produktiven Arbeit (Likes, Kommentare, Interaktionen) nicht direkt vergütet. Da die Plattform Konsumenteninhalte und -interesse in Produkte umwandelt, die an Werbetreibende verkauft werden, ist die kostenlose Aktivität der Konsumenten Teil des Produktionsprozesses der Ware.

Digitale Arbeit ist in vielerlei Hinsicht produktiv: Sie erzeugt neue Formen von Mehrwert und ermöglicht Akkumulation (insbesondere durch Plattformen und KI-Daten). Unbezahlte Beiträge der Konsumenten gelten als eine Form von Arbeit, die die Plattform entnimmt und verwertet (d. h. in Tauschwert durch Werbung, Daten etc. transformiert). Somit kann gesagt werden, dass digitale Arbeitskraft (selbst unbezahlte) im Sinne der Schaffung zusätzlichen Wertes produktiv ist, auch wenn sie oft unsichtbar, ungleich verteilt und ohne angemessene Anerkennung oder Vergütung bleibt.

Folglich wird gesagt, dass Lohnarbeit auf digitalen Plattformen tatsächlich Wert schafft (weil die Menschen bezahlt werden), der Anteil des Mehrwerts aus unbezahlter oder gering entlohnter Arbeit jedoch hoch sein kann. Dies zeigt, dass „produktive Arbeit“ im Sinne von Lohnarbeit existiert, jedoch mit erheblichen Ungleichheiten. Es deutet darauf hin, dass diese Art digitaler Arbeit produktiv ist (d. h. materiell zur kapitalistischen Akkumulation über künstliche Intelligenz beiträgt), aber der Großteil des Wertes an die Plattformbetreiber (KI-Besitzer) und nicht an die Arbeiter geht.

Wenn man es aus der Perspektive empirischer Arbeit oder nach Marx’ Definition von produktiver und unproduktiver Arbeit analysiert, kann ein Großteil digitaler Arbeit als produktive Arbeit klassifiziert werden, da sie Mehrwert erzeugt.

Einige moderne Ansätze schlagen vor, dass digitale Arbeit eine neue Form produktiver Arbeit darstellen könnte. So argumentiert etwa eine Studie mit dem Titel „The Evolution of the Production Equation: Should Digital Labor Be Considered a New Factor of Production?“, dass der Großteil dessen, was KI-Systeme produzieren, tatsächlich eine Form digitaler Arbeit sei. Diese Idee bleibt jedoch umstritten.

Oft stoßen wir auf Schwierigkeiten, digitale Arbeit klar zu klassifizieren, d. h. „produktive“ Aufgaben (Schaffung von Mehrwert) versus „unproduktive“ Aufgaben (notwendig für Zirkulation/Reproduktion). Dennoch versuchen wir in gewisser Weise, eine hinreichend genaue Antwort zu finden, um an der grundlegenden Frage festzuhalten: Kann geistige Arbeit Wert und Mehrwert schaffen?

Wenn wir über geistige Arbeit, einschließlich digitaler Arbeit, sprechen, gelangen wir zu unserer zentralen Frage: Kann mentale Arbeit Wert und Mehrwert erzeugen? Oder – wenn wir davon ausgehen, dass Wissen materiell ist (in seiner Analyse) – kann geistige Produktion zur Wertschöpfung beitragen? Oder bleiben die klassischen marxistischen Unterscheidungen zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit (und zwischen Produktion und Konsum) gültig, wenn es um die Produktion von Wissen geht? „Bestimmte geistige Arbeiten können als produktiv angesehen werden (wie Forschung und Design), wenn sie zum Wert der Dinge im Kapitalzyklus beitragen,“ kann man sich hier überzeugen. Andere psychische Arbeiten hingegen können „funktional“, „destruktiv“ oder rein organisatorisch sein, ohne neuen Wert zu schaffen. [8]

Unter welchen Bedingungen wird dieser Wert geschaffen? Nur wenn die Wissensproduktion in die Zirkulation des Kapitals und in kapitalistische Verhältnisse integriert ist, kann Mehrwert extrahiert werden. Es muss jedoch betont werden, dass dies nicht für alle geistigen Funktionen gilt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Klassennatur von Wissen und des Internets. Carchedi diskutiert, wie Klasseninteraktionen Wissensstrukturen und geistige Produktion beeinflussen und wie das Internet die „Spielregeln“ verändert. Das Internet wird nicht als frei zugängliches öffentliches Gut behandelt, sondern als Eigentum und Kontrolle – oft durch Kapitalisten (z. B. durch Urheberrechte, Patente und Plattformstrukturen). Das Internet fungiert als grundlegende Infrastruktur zur Verbreitung von Wissen und zur Kapitalisierung desselben, wodurch die Macht des Kapitals über immaterielle Ressourcen verstärkt wird.

Wie sind die verschiedenen Akteure (Unternehmen, Plattformen, Konsumenten) bezüglich Eigentum und Kontrolle über Wissen positioniert? Es gibt eine Kontinuität zwischen dem alten kapitalistischen Modell und seiner Manifestation in der digitalen Ökonomie, wie Carchedi beschreibt: „Alter Wein, neue Flaschen und das Internet.“ [Autoren]. Dies deutet darauf hin, dass, obwohl die Form (das Internet) neu ist, die zugrunde liegende Logik teilweise unverändert bleibt.

Carchedi betont, dass die marxistische Wissenschaftstheorie aus den Marxschen Wertgesetzen abgeleitet werden sollte und nicht als eigenständiges Feld betrachtet werden kann. Digitalisierung und Internet bringen neue Formen der Kapitalexpansion und -kontrolle hervor, die durch politische Ökonomie und nicht durch technologischen Determinismus analysiert werden müssen. Zukünftige Forschung sollte detaillierter untersuchen, wie geistige Arbeit mit dem kapitalistischen Prozess verknüpft ist und in welchen Fällen sie produktiv versus unproduktiv ist oder ausgebeutet wird, ohne Wert zu schaffen. Er schreibt:

Eine marxistische Erkenntnistheorie kann nicht außerhalb des Rahmens von Marxs Gesetz des Wertes entwickelt werden. Die Produktion von Wissen ist ein Arbeitsprozess und muss durch die Kategorien von Wert, Mehrwert und Ausbeutung analysiert werden.“ [9]

Tatsächlich ist ein materielles Verständnis von Kognition notwendig, da sie auf Energie und biologischen Ressourcen (wie Veränderungen im Gehirn) beruht. Dies ermöglicht es, kognitive Arbeit in der marxistischen Werttheorie zu verorten, anstatt sie als „immateriell“ abzulehnen und somit außerhalb der Logik des Kapitals zu sehen. Die Kritik am technologischen Determinismus hinterfragt dabei die Vorstellung, das Internet verändere die Gesellschaft grundlegend. Vielmehr zeigt sie, dass kapitalistische Machtstrukturen auch in digitaler Form weiterhin bestehen. Dies macht die Analyse historisch fundierter: „Das Neue“ ist oft nur „das Alte in neuem Gewand.“

Interessant ist, dass viele Konzepte – wie konstantes Kapital (Dinge, deren Wert sich während der Produktion nicht verändert), variables Kapital (der Teil des Kapitals, der für menschliche Löhne ausgegeben wird und tatsächlich neuen Wert schafft) und der Wert der Produktionsmittel – schwer zu verstehen sind. Die Auseinandersetzung mit digitaler Arbeit ohne vollständiges Wissen über Marxs technische Terminologie, ohne Kenntnis darüber, wie Kapital und Arbeit in der Produktion zusammenwirken, oder ohne vollständiges Verständnis der Produktivität und Funktionsweise von Kapital, erschwert es, nachzuvollziehen, wie Wert und Mehrwert erzeugt werden.

Erzeugt digitale Arbeit Mehrwert?

Marx argumentiert, dass Wert im Kapitalismus durch menschliche Arbeit geschaffen wird, insbesondere durch abstrakte Arbeit, die in Waren verkörpert ist. Auf dieser Grundlage lässt sich festhalten [10]:

Geistige Arbeit, wie Programmierung, Forschung oder Design, kann ebenfalls Wert erzeugen, sofern sie innerhalb des Produktionsprozesses organisiert ist und den Gesetzen der kapitalistischen Produktion unterliegt. Ob das Produkt „immateriell“ ist – etwa Software oder eine Idee – spielt keine Rolle: Solange es Zeit und Energie erfordert und vermarktbar ist, kann es Wert und Mehrwert schaffen.

Analog zu Marx’ Unterscheidung zwischen konkreter Arbeit und der auf abstrakte Arbeit reduzierten Form erklärt Carchedi, dass auch geistige Arbeit als abstrakte Arbeit betrachtet werden kann, jedoch nur, wenn sie im Rahmen des Kapitals produktiv eingesetzt wird. Ein Beispiel hierfür ist ein Forscher in einem Pharmaunternehmen: Er produziert Wissen, das anschließend in Medikamente transformiert, verkauft und dadurch Mehrwert erzeugt. Marx setzt produktive Arbeit mit jener Arbeit gleich, die dem Kapital Mehrwert verschafft, während unproduktive Arbeit den Wert nicht unmittelbar erzeugt.

Carchedi erweitert diese Diskussion auf das digitale Feld: Einige geistige Arbeiten, wie die Entwicklung künstlicher Intelligenz, sind produktiv und werden verkauft. Andere Tätigkeiten, etwa funktionale oder organisatorische Arbeit, sind für den Erfolg des Kapitals notwendig, erzeugen aber keinen neuen Wert direkt. Damit wahrt Carchedi die Unterscheidung nach Marx und überträgt sie auf neue Klassifikationen.

Im Kapitalismus ist die Produktion nach Marx stets kooperativ organisiert: Sie stellt eine koordinierte Kraftquelle dar, die dem Kapital unterliegt, um Produktivität und Mehrwert zu steigern. Carchedi zeigt, wie digitale Technologien und das Internet diese Kooperation global umstrukturieren. Plattformen wie Uber und Amazon kontrollieren Arbeitsprozesse algorithmisch – ein digitaler Ausdruck kapitalistischer Macht.

Wie Carchedi betont:

Die produktive Kraft, die der Arbeiter in der Zusammenarbeit entwickelt, ist eine soziale produktive Kraft.“
Oder:
Die Tatsache, dass der kollektive Arbeitstag der kombinierten Arbeiter eine größere Menge an Produkten erzeugt und damit mehr Mehrwert als die Summe der einzeln arbeitenden Arbeiter, ist eine Funktion des Kapitals.“[11]

Wenn Marx von Bewusstsein als etwas Historisch-Materiell Verwurzeltem spricht, meint er, dass das Denken der Menschen durch materielle Bedingungen geprägt wird. Carchedi geht darüber hinaus und betont, dass auch Ideen und Wissen eine materielle Dimension besitzen (sie verändern den Zustand des Gehirns, erfordern Energie usw.) – und daher nicht „immateriell“ sind, sondern theoretisch in den Wertzyklus integriert werden können.

Oft produzieren die Arbeiter:innen in diesen Unternehmen digitale Waren: Software, Algorithmen, Plattformen, Werbung, Datenanalysen und KI-Modelle. Diese digitalen Produkte sind Waren, die verkauft oder in Geld umgewandelt werden und häufig enorme Gewinne für die Unternehmen generieren. Arbeit in der Softwareentwicklung, beim Aufbau von Algorithmen oder sogar beim Management von Plattforminhalten (manchmal unbezahlt oder aus Nutzer:innenproduktion) ist daher im allgemeinen marxistischen methodologischen Sinn produktiv, da sie Mehrwert erzeugt, der vom Kapital abgeschöpft wird.

Beispiele: Google-Ingenieur:innen produzieren Produkte, die als Dienste verkauft werden, generieren Einnahmen durch Werbung oder verbessern KI-Funktionalitäten – all dies steigert den Wert des Unternehmens. Ebenso generieren Facebook-Plattformen Wert auf Basis von Nutzerdaten und Interaktionen, indem sie Informationen über Nutzer:innen und deren Interessen nutzen.

Kurz gesagt, nach Ansicht einiger marxistischer und linker Forschender können Arbeiter:innen bei Google, Facebook oder auf KI-Plattformen als produktive Arbeiter:innen betrachtet werden, da ihre Arbeit Wert und Mehrwert für Kapitalisten in der digitalen Ökonomie schafft. Sie produzieren Waren (Software, Daten, Plattformen), die diese Profite generieren, was mit Marx’ Definition produktiver Arbeit unter dem Kapitalismus übereinstimmt.

David Harvey, ein britischer linker Sozialtheoretiker, diskutiert, wie neue Technologien und digitaler Kapitalismus den Zugang zu Kapital und die Reproduktion von Wert erweitern. In Arbeiten wie:

In The Limits to Capital sowie in verschiedenen Essays zeigt David Harvey, dass Arbeit, die Waren oder Dienstleistungen produziert, die monetarisiert werden können – einschließlich digitaler Produkte – als produktive Arbeit zu verstehen ist.[13] Harvey differenziert dabei nicht speziell zwischen technologischer und traditioneller Arbeit, sondern betrachtet sie als integralen Bestandteil der neuen kapitalistischen Produktionsweise und Wertschöpfung.[13]

Michael Hardt und Antonio Negri argumentieren, dass ein Teil der immateriellen Arbeit das soziale Leben selbst produziert, weil sie Strukturen und Beziehungen schafft, die für die kapitalistische Produktion essentiell sind. Dazu zählen unter anderem Softwareentwickler:innen, Entwickler:innen künstlicher Intelligenz sowie die Interaktionen von Nutzer:innen auf Plattformen.[14]

Die umfassendste Debatte zu diesem Thema aus mehreren Perspektiven liefert jedoch Christian Fuchs, ein Medientheoretiker. In seiner Arbeit Digital Labour and Karl Marx betont Fuchs eindeutig:

Digitale Arbeit (Softwareentwicklung, Arbeit mit Daten und Interaktionen in sozialen Medien) erzeugt Wert und ist daher produktive Arbeit im marxistischen Sinne.

Fuchs analysiert detailliert, wie digitales Kapital sowohl von Konsument:innen als auch von Arbeiter:innen Wert extrahiert. Seine Analyse stützt sich auf Marx’ grundlegende Idee, dass Wert durch menschliche Arbeit geschaffen wird. Für Marx ist Arbeit, die Mehrwert erzeugt – also Wert, der die Arbeitskosten übersteigt – produktive Arbeit und die Grundlage kapitalistischer Profite.

Fuchs betont, dass digitale Arbeit (einschließlich Softwareentwicklung, Generierung von Nutzerdaten und Content-Erstellung) eine Form produktiver Arbeit darstellt, da sie Mehrwert für investierendes Kapital wie Google und Facebook schafft. Er weist darauf hin, dass Aktivitäten auf digitalen Plattformen – sowohl bezahlte Arbeit (Softwareingenieur:innen, Datenanalyst:innen) als auch unbezahlte Arbeit (Nutzer:inneninhalte und Datengenerierung) – Wert erzeugen. Auf diese Weise können Plattformen Nutzeraufmerksamkeit, Daten und Interaktionen in Waren umwandeln, die an Werbetreibende verkauft werden.[15]

Diese Ausbeutung in digitalen Formen erweitert Marx’ Idee der Mehrwertextraktion auf den digitalen Bereich. Fuchs betont, dass ein Großteil digitaler Arbeit erledigt oder zumindest reduziert werden muss. Während diese Arbeit für die Konsument:innen „frei“ ist, beteiligen sie sich dennoch aktiv an der Arbeit, indem sie Daten und Inhalte produzieren. Somit handelt es sich um produktive Arbeit im Rahmen von Marx’ Theorie. Dieses Konzept wird manchmal als „Digitale Arbeit“ oder „freie Arbeit“ bezeichnet. Fuchs stellt fest:

Der Kapitalismus integriert neue Formen der Arbeit mit großer Flexibilität, solange sie Mehrwert erzeugen. Die digitale Ökonomie repräsentiert eine neue Phase des Kapitalismus, in der immaterielle Arbeit und Wissensarbeit essenziell für die Wertschöpfung sind. Dies bedeutet, dass Marx’ Analyse des Kapitalismus weiterhin relevant und auf die Analyse der digitalen Ökonomie anwendbar ist.“

Fuchs kritisiert Narrative, die behaupten, digitale Technologien oder KI würden menschliche Arbeit überflüssig machen oder eine „Post-Arbeits-Gesellschaft“ schaffen. Aus marxistischer Perspektive, so Fuchs, benötigt der Kapitalismus Arbeit – die heute oft digital und immateriell ist –, um Mehrwert zu produzieren. Arbeit bleibt daher im Zentrum der kapitalistischen Akkumulation und entwickelt sich lediglich in ihrer Form weiter.[16]

Schlussfolgerung und abschließende Gedanken

Ausgehend von Marx bildet das Gesetz des Wertes die Grundlage des Warenaustauschs, definiert durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zu ihrer Produktion erforderlich ist. Nach Marx wird Wert ausschließlich durch menschliche Arbeit geschaffen, wobei diese Arbeit in der Form der Produktion von Waren für den Markt erfolgen muss. Der Kern seines Arguments liegt darin, dass Wert aus abstrakter Arbeit entsteht. Diese manifestiert sich in der Konkurrenz zwischen Produzenten, die bestrebt sind, die in ihren Waren verkörperte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu minimieren.[17]

Im übertragenen Sinne lässt sich diese Analyse auch auf digitale Arbeit anwenden: Ob physische Güter oder immaterielle Produkte wie Software und digitale Dienstleistungen, entscheidend für die Produktion von Wert ist die Einbindung der Arbeit in kapitalistische Verwertungsprozesse. Arbeit wird dann produktiv, wenn sie im Rahmen des Kapitals Mehrwert erzeugt, unabhängig davon, ob sie materiell oder immateriell, manuell oder geistig ist.

Damit zeigt sich, dass die Marxsche Werttheorie auch in Zeiten der digitalen Ökonomie ihre analytische Kraft behält. Sie ermöglicht eine differenzierte Bewertung der Produktivität moderner Arbeitsformen, von klassischen Produktionsprozessen bis hin zu digitaler, immaterieller Arbeit, und legt dar, dass nicht jede Form von Arbeit per se Wert schafft – entscheidend ist ihr Verhältnis zur kapitalistischen Verwertung.

Auf dieser Grundlage muss das Gesetz des digitalen Wertes aufgebaut werden.

Tatsächlich, wie Alan Freeman hervorhebt, fallen die Lesarten dieser Linken, insbesondere der „zeitgenössischen Marxisten“, unter Smiths erstes Kriterium (das Kriterium der materiellen Produktion), das Dienstleistungen als „unproduktiv“ betrachtet, weil sie keine greifbaren Güter erzeugen. Das bedeutet, dass sie weiterhin nach Smiths Vorstellung des materiellen Produkts operieren, bei der Produktion mit materiellen Gütern gleichgesetzt wird. Dies ist ein wesentlicher Fehler, da Marx’ Unterscheidung nicht darauf abzielt, was produziert wird (materiell vs. immateriell), sondern wie es produziert wird (Kapital vs. Einkommen).

Daher sind Softwareingenieure, Callcenter-Mitarbeiter und Lehrer an gewinnorientierten Schulen ebenso „produktiv“ wie Fabrikarbeiter, da sie Mehrwert für das Kapital erzeugen. Gleichzeitig sind dieselben Tätigkeiten, wenn sie Einkommen generieren (beispielsweise ein Lehrer an einer öffentlichen Schule, der Steuern zahlt, oder ein Hausangestellter), nicht produktiv im spezifischen Sinne, den Marx definiert, selbst wenn die Aktivität gesellschaftlich nützlich ist.

Freeman erklärte:
Dies verzerrt unsere Analyse des modernen Kapitalismus, in dem es eine große Menge produktiver Arbeit in Dienstleistungen, Informationstechnologie, Logistikdienstleistungen und Ähnlichem gibt.“ Die Orientierung an Smiths erstem Kriterium verschleiert die tatsächliche Ausbeutung von Arbeiter:innen im Bereich der Dienstleistungen und des Wissens unter dem modernen Kapitalismus. Freeman argumentiert, dass Marx Smiths zweite Bedingung (Kapital vs. Einkommen) unterstützt und Smiths erste Bedingung (materielle Produktion vs. Dienstleistung) ablehnt. Freeman warnt, dass viele zeitgenössische Autor:innen, die dieses Thema behandeln, weiterhin an Smiths Kriterium des materiellen Produkts festhalten.[18]

Freeman ist der Ansicht, dass diese Verwirrung die Tatsache verschleiert, dass Millionen von Dienstleistungsarbeiter:innen heute produktive Arbeitskräfte mit Mehrwert sind.

Diejenigen, die argumentieren, dass Marx’ Werttheorie nicht auf das Internet oder digitale Arbeit anwendbar sei, stützen sich häufig auf eine emotionale Bindung an eine Ware oder Marke. Für sie ist Wert subjektiv oder markenbezogen; sie glauben, dass mit steigender Kundenzahl einer Marke (und damit eines Produkts) dessen Wert zunimmt. In Wirklichkeit ist dies die Perspektive der Kapitalist:innen, die versuchen, ihren Marktanteil durch Nachfragebeeinflussung zu maximieren, also durch Steuerung der Wertumverteilung. Bevor jedoch Wert umverteilt werden kann, muss er zunächst produziert werden. Auf diese Weise wird die Quelle des Wertes und folglich des Mehrwerts erheblich verfehlt. Tatsächlich drehen sich diese linken Debatten über produktive Arbeit häufig nur um den Tauschwert und ignorieren den materiellen Produktionsprozess.

Jene, die der Ansicht sind, dass selbst freie digitale Aktivitäten vom Kapital ausgebeutet werden können, beantworten die Frage nicht, sondern verwischen vielmehr die Trennlinie zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit im digitalen Zeitalter. Oder, wenn die Klassifikation von Arbeit ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Ausbeutung betrachtet wird, könnten wir das Ziel verfehlen und die Prinzipien der Wertgesetze verzerren. Wie einige zeitgenössische linke Theoretiker:innen, die von Adam Smith beeinflusst sind, argumentieren, sei Online-Arbeit zwar ausbeuterisch, aber nicht wertproduktiv. Oder sie glauben einfach, dass Wert ausschließlich aus Arbeit entsteht, die an der Produktion materieller Waren beteiligt ist. Obwohl sie annehmen, dass digitale Aktivitäten (wie das Posten in sozialen Medien, Suchen, Bewerten und Online-Kommunikation) ausgebeutet werden können, erzeugen sie für sich genommen keinen Wert.

In Wirklichkeit verfolgen diejenigen, die digitale Arbeit als nicht produktiv ablehnen, einen entgegengesetzten Ansatz und klammern sich an die klassische Beziehung zwischen Wert und der Produktion materieller Waren. Sie argumentieren, dass digitale Güter die Arbeitszeit nicht im traditionellen Sinne verkörpern und daher keinen Wert besitzen können. Aus dieser Perspektive sind viele digitale Aktivitäten – ob bezahlt oder unbezahlt – zwar gesellschaftlich notwendig, fügen dem Kapital jedoch keinen Mehrwert hinzu; vielmehr stützen sie sich auf den Überschuss, der anderswo in der materiellen Wirtschaft erzeugt wird. Solche Vorstellungen behandeln digitale Arbeit als unternehmerische oder sekundäre Tätigkeit – das heißt, als unproduktiv im strikten Sinne der Werttheorie.

Wenn wir jedoch zum Wert digitaler Arbeit zurückkehren, also Arbeit, die den Regeln des Kapitalismus folgt, erkennen wir, dass Marx’ grundlegender Mechanismus weiterhin wirksam ist, auch wenn er innerhalb des digitalen Kapitalismus eine neue Form annimmt. Zum Beispiel, trotz der Möglichkeit, digitale Güter zu minimalen Kosten zu kopieren, stammt der tatsächliche Wert weiterhin aus der menschlichen Arbeit, die die Daten, Software und Infrastrukturen produziert, die deren Funktion ermöglichen. Aus dieser Perspektive bleibt das Gesetz des Wertes gültig, da die Zeit und die Fähigkeiten, die zur Produktion komplexer digitaler Systeme erforderlich sind, nach wie vor erheblich sind, und der Wettbewerb die Unternehmen dazu antreibt, die Arbeitszeit durch Automatisierung, künstliche Intelligenz und Arbeitsarbitrage zu reduzieren. Somit regelt das digitale Wertgesetz weiterhin die kapitalistische Produktion, nun jedoch durch algorithmische Steuerung, Datenauswertung und Echtzeit-Überwachung der Arbeit.

Marx’ Werttheorie ist tatsächlich intern konsistent und bedarf keiner Revision oder speziellen Modernisierung. Da der Wert durch die konzeptuelle Arbeitszeit bestimmt wird – das heißt, der Wert einer Ware hängt von der historisch notwendigen Arbeit zu ihrer Produktion ab, einschließlich zeitlicher Veränderungen – schützt dieser Ansatz das ursprüngliche Wertgesetz von Marx vor Interpretationen, die Arbeit durch Informationswissen oder digitale Attribute ersetzen. Daher besteht keine Notwendigkeit, eine eigene Theorie für digitale Werke einzuführen, basierend auf der Annahme, dass digitale Güter einer Wertlogik unterliegen, die sich grundlegend von der anderer Güter unterscheidet. Die Existenz digitaler Güter mit geringen Produktionskosten untergräbt Marx’ Wertgesetz nicht; sie spiegelt lediglich die etablierte Unterscheidung zwischen der Arbeit, die die Ware ursprünglich produziert, und den Grenzkosten ihrer Reproduktion wider.

Tatsächlich sind Argumente, die nahelegen, digitale Güter würden das Wertgesetz verletzen oder verändern, etwas irreführend. Denn wenn wir glauben, dass nur lebendige Arbeit Wert erzeugt, gilt dies gleichermaßen für alle digitalen Produktions- und Fertigungsprozesse sowie jede andere kapitalistische Tätigkeit. Aus dieser Perspektive wird digitale Arbeit wie jede andere Arbeit behandelt und digitale Güter wie jede andere Ware. Wenn Arbeit für die Programmierung, den Betrieb und die Wartung digitaler Systeme erforderlich ist, ist sie produktiv und schafft Wert. Besteht hingegen kein Arbeitsaufwand, wird kein Wert geschaffen.

So bestätigen Befürworter:innen des TSSI-Ansatzes, dass keine zusätzliche Theorie erforderlich ist, um digitale Güter zu erklären. Marx’ ursprüngliches Wertgesetz erläutert die digitale Produktion ohne jede Manipulation. Diejenigen, die ein eigenes Gesetz des digitalen Wertes vorschlagen, missverstehen entweder Marx oder die Art und Weise, wie Wert in zeitlicher Arbeit erzeugt wird. Daher lehnen sie die Idee entschieden ab, dass das digitale Zeitalter ein neues Wertgesetz oder einen neuen marxistischen Rahmen erfordere.[19]

Wenn wir digitale Arbeit betrachten – wie Tätigkeiten in sozialen Medien, Programmierung, Plattformarbeit und Datenklassifikation – lässt sich ein großer Teil aus mehreren Gründen als produktiv klassifizieren: Digitale Arbeit erzeugt Güter und schafft somit Wert. Einige dieser Produkte werden verpackt und an Werbetreibende verkauft und werden dadurch zu Waren. Die meisten digitalen Produkte entstehen als Waren, die verkauft oder für Akkumulation genutzt werden können. Konsument:innen, die Daten, Inhalte und Interessen erzeugen, können teilweise als Produzent:innen betrachtet werden. Plattformen realisieren Mehrwert, indem sie in diese Güter investieren. Daher gilt selbst unbezahlte digitale Arbeit im marxistischen Sinne als produktiv. Ein weiterer Teil digitaler Arbeit kann fruchtbar sein, weil er soziale Synergien schafft, die heute als Hauptquelle des kapitalistischen Wertes betrachtet werden; er erzeugt digitale Arbeit, vernetztes Wissen, Kommunikation, Kooperation und Subjektivität. Das Kapital dringt durch Plattformen, Urheberrechte und Algorithmen in diese gemeinsame soziale Produktion ein.

Wie ich zu Beginn erwähnte, ist die vollständige Bedingung, die Marx für produktive Arbeit aufgestellt hat, nicht auf die Produktion einer materiellen Ware oder auf die von Adam Smith gegebene Definition beschränkt – oder mit anderen Worten, dass Arbeit, die eine immaterielle Ware produziert, unproduktiv sei. Marx’ Definition verlangte nicht nur die Existenz eines greifbaren Objekts, sondern konzentrierte sich auf die Ausbeutung von Arbeit zur Schaffung einer Ware für das Kapital, also Arbeit, die in den Rahmen der kapitalistischen Produktion fällt und deren Gesetzen folgt. Digitale Arbeit erzeugt kognitive externe Effekte („Externalitäten“), die das Kapital erfasst und in Geld transformiert; dies ist die Essenz der neuen Wertproduktion.

Digitale Arbeiter:innen (und Konsument:innen) erzeugen Wissen, Kreativität und Innovation. Diese Produkte werden gesellschaftlich verbreitet und bilden die Profitbasis für Technologieunternehmen. Das Kapital akkumuliert durch die Kontrolle dieser Flüsse. Der Kapitalismus ist heute eng mit kollektiver, wissenschaftlicher und produktiver Arbeit verknüpft; daher ist digitale Arbeit von ihrer Natur her produktiv. Moderne Produktion hängt von digitaler Koordination, Programmierung und Algorithmen ab. Diese Arbeit legt das Fundament für alle anderen Formen der Wertproduktion. Sie muss daher als direkt produktiv betrachtet werden und nicht als sekundär.

Bezogen auf unbezahlte Arbeit gelten die Aktivitäten von Internetnutzer:innen (Posten, Bewerten, Taggen, Moderation) als produktive Handlungen, da sie das kapitalistische Geschäftsmodell unmittelbar unterstützen.

Arbeit in den Bereichen Software- und Videospielentwicklung (Videospiele, Anwendungen, digitale Medien, Datensätze, digitale Inhaltserstellung und Plattformarbeit) erzeugt Güter, die gekauft und verkauft werden, und schafft dadurch Mehrwert. Dies sind Güter mit Tauschwert. Diejenigen, die sie produzieren (Programmierer:innen, Künstler:innen, Administrator:innen, Tester:innen und Datenannotator:innen), leisten produktive Arbeit.

Im Bereich der künstlichen Intelligenz hängen maschinelle Lernsysteme von erheblicher menschlicher digitaler Arbeit ab (Tagging, Datengenerierung), die direkt den Wert produziert, der extrahiert wird. KI erzeugt jedoch nicht eigenständig Wert; sie reorganisiert vielmehr das Wissen der einzelnen Personen. Die massive digitale Funktion, die KI-Modelle trainiert, ist die eigentliche wertschöpfende Funktion. Digitale Datenarbeit ist die versteckte produktive Arbeit hinter der künstlichen Intelligenz.

Digitale Arbeit ersetzt oft materielle Produktion oder koordiniert sie. Sie erzeugt direkt digitale Güter und Dienstleistungen, die exportiert und vermarktet werden können. Dennoch muss festgestellt werden, dass digitale Arbeit strukturell der produktiven Arbeit unter dem Kapitalismus ähnelt, jedoch global verteilt ist.

Tatsächlich stellt die digitale Ökonomie eine Erweiterung kapitalistischer Dynamiken dar, bei der das Kapital in den Händen einiger weniger Technologieriesen konzentriert ist (wie Google, Facebook, Amazon und andere), während die Arbeiter:innen (Konsument:innen und Beschäftigte) den Plattformen und Algorithmen ausgeliefert bleiben. Es ist offensichtlich, dass der Kapitalismus im digitalen Zeitalter bestimmte Geschäftsaktivitäten verschleiert und deren Wert mindert.

Einerseits verbirgt er ein Konzept, wie viele Unternehmen davon profitieren, unbezahlte oder gering bezahlte Arbeit von Konsument:innen zu extrahieren. Dazu gehören Tätigkeiten wie Datengenerierung, Inhaltserstellung und sogar die Aufmerksamkeitserfassung über soziale Medien. Wenn Menschen an diesen Aktivitäten für persönlichen Gewinn oder Selbstausdruck teilnehmen, profitieren die Plattformen selbst von den Inhalten und Interaktionen. Diese Dynamik spiegelt die Vorstellung wider, dass digitale Plattformen oft enorme Mengen unabhängiger Arbeit gegen geringe Vergütung extrahieren.

Andererseits gibt es eine Form der Ausbeutung in Bezug auf Niedriglöhne und unbezahlte Arbeit, die zugleich zeigt, wie sich Machtverhältnisse und Wertschöpfung im digitalen Zeitalter verändern. Dazu gehört die ständige Überwachung des Konsumentenverhaltens durch Datenanalysen und Überwachungstechnologien. Diese Daten werden genutzt, um das Verhalten der Konsument:innen zu formen und zu kontrollieren, wodurch eine Form digitaler Arbeit entsteht, bei der die Arbeitenden permanent über Algorithmen überwacht und beeinflusst werden. Dies führt wiederum zu gesteigerter Profitabilität für die Eigentümer:innen der Plattformen.

Kurz gesagt, die Debatte um das digitale Wertgesetz ist im Wesentlichen eine Diskussion darüber, inwieweit die zentrale marxistische Vorstellung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit auf eine Welt von Daten, Algorithmen und replizierbaren digitalen Gütern ausgeweitet werden kann. Die eine Seite argumentiert, dass das Wertgesetz in seiner digital transformierten Form weiterhin existiert, während die andere Seite behauptet, dass der digitale Kapitalismus es schwächt oder teilweise ersetzt, jedoch die grundsätzliche Abhängigkeit vom Arbeitsbegriff, wie von Marx definiert, nicht aufhebt.

Letztlich konzentriert sich der Konflikt zwischen diesen beiden Positionen darauf, ob die marxistische Werttheorie an die zeitgenössischen Bedingungen der digitalen Produktion, globalen Informationsflüsse und plattformbasierten Geschäftsmodelle angepasst werden sollte. Die eine Seite erweitert die Definition produktiver Arbeit, um die Produktion von Wissen und Kooperation einzubeziehen, während die andere eine eher traditionelle Interpretation beibehält, die Wert mit materieller Produktion verknüpft. Diese Meinungsverschiedenheit spiegelt breitere Diskussionen innerhalb des Marxismus wider, wie Kapitalismus zu verstehen ist, in einer Zeit, in der das soziale Leben selbst mit digitalen Technologien verflochten ist und die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit verschwimmt.

Befürworter:innen der Existenz eines digitalen Wertgesetzes argumentieren, dass Marx’ grundlegender Mechanismus weiterhin wirksam ist, jedoch innerhalb des digitalen Kapitalismus eine neue Form annimmt. Sie führen an, dass, obwohl digitale Güter zu minimalen Kosten kopiert werden können, der „wahre Wert“ weiterhin aus der menschlichen Arbeit stammt, die die Daten, Codes und Infrastrukturen erzeugt, die diese Arbeit ermöglichen. Aus dieser Perspektive bleibt das Wertgesetz gültig. Dies liegt daran, dass die Zeit und die Fähigkeiten, die zur Produktion komplexer digitaler Systeme erforderlich sind, nach wie vor erheblich sind, und der Wettbewerb die Unternehmen dazu antreibt, die Arbeitszeit durch Automatisierung und globale Arbeitsarbitrage zu reduzieren. Folglich regelt das digitale Wertgesetz weiterhin die kapitalistische Produktion, nun jedoch über algorithmische Steuerung, Datenauswertung und Echtzeit-Überwachung der Arbeit.

Marx betont:

Wichtig ist nicht die konkrete Art der Arbeit, ihr materielles Ergebnis oder die ‚Art‘ des Produkts, sondern Arbeit als sozial vermittelte menschliche Tätigkeit, die als wertschöpfende Substanz für das Kapital fungiert.“[20]

Dieses Zitat unterstreicht den zentralen Punkt seiner Werttheorie: Entscheidend ist nicht die konkrete Form der Arbeit oder die materielle Beschaffenheit des Produkts, sondern dass die Arbeit innerhalb der kapitalistischen Produktionslogik organisiert ist und dadurch Wert und Mehrwert erzeugt. Somit kann auch immaterielle, geistige oder digitale Arbeit produktiv sein, solange sie in den Verwertungsprozess des Kapitals eingebunden ist.

Beispielsweise schreibt Marx in den Grundrissen — im Abschnitt allgemein „Arbeit, Wert, Kapital“ — dass die der Konfrontation mit dem Kapital ausgesetzte Arbeit zu „Arbeit als solche“ wird: abstrakte, allgemeine Arbeit, gleichgültig gegenüber ihrer konkreten Spezifik. Auch im veröffentlichten Kapital, Band I (1867), definiert Marx den Wert einer Ware als in der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit“ verankert. Entscheidend für den Wert ist nicht das physische materielle Produkt an sich, noch der Nutzen-/Gebrauchswert, sondern die Menge gesellschaftlich notwendiger abstrakter menschlicher Arbeit, die in der Ware objektiviert ist. Marx betont, dass die Transformation von Arbeit in Wert davon abhängt, dass Arbeit Teil der gesellschaftlichen Arbeit der Gesellschaft wird — d. h. in die Gesamtgliederung von Arbeitsteilung und Austauschsystem integriert ist — und nicht nur isolierte individuelle Arbeit darstellt.

Abschließend möchte ich nochmals die Notwendigkeit unterstreichen, Marx so zu verstehen, wie er ist und wie sein Ziel war. Jede Analyse des Ziels und der Kritik am kapitalistischen System, die außerhalb von Marx liegt, wird stets unvollständig bleiben. Nach Marx: „Wir verlassen uns nicht auf materielle Ergebnisse der Arbeit, oder die Art des Produkts, oder das Ergebnis greifbarer Arbeit, sondern auf die spezifischen sozialen Formen und Bedingungen, unter denen Arbeit praktiziert wird.“ Dies impliziert keinen spezifischen Gebrauchswert oder einen verkörperten spezifischen Wert. Dies erklärt, warum Arbeit produktiv oder unproduktiv sein kann.

Hier kann man eine Frage an die Linken richten, die digitale Arbeit als „unproduktive Arbeit“ betrachten: Ist es möglich, die Millionen von Menschen, die im digitalen Bereich arbeiten und Gewinne für Kapitalist:innen erzeugen, als „unproduktiv“ einzustufen — genau wie die Arbeit eines untergeordneten Dieners, von Priestern, Soldaten, Polizisten usw., deren Löhne aus Einnahmen gezahlt werden? Genau wie Adam Smiths Klassifikation unproduktiver Arbeiten. Wir haben auf die Schwierigkeit hingewiesen, digitale Arbeit aufgrund fehlender Daten und Informationen in diesem Bereich genau zu messen. Doch es ist unvernünftig, aufgrund dieses Arguments [Messschwierigkeit] die Arbeit von Millionen als „unproduktiv“ einzustufen. Mit „unproduktiv“ meinen wir, dass sie keinen Mehrwert für die Kapitalist:innen erzeugt.

Daher sage ich, dass es weder im Interesse der Arbeiterklasse noch im Interesse marxistischer oder kommunistischer Ziele liegt, einen Teil der Arbeit, der tatsächlich im Interesse des Kapitals liegt, als „unproduktiv“ einzustufen. Indem die Tätigkeiten von Millionen von Menschen im Internet- und Digitalbereich unter dem Vorwand kategorisiert werden, dass diese Arbeiten keine materiellen Produkte erzeugen oder keinen Mehrwert für das Kapital schaffen, werden sie im Grunde abgewertet. Dies ist in Wirklichkeit Gleichgültigkeit.

Mit der zunehmenden kapitalistischen Produktion in digitalen Bereichen, die einen großen Teil des Arbeitsmarktes abdeckt, strömen Millionen von Arbeiter:innen in dieses Feld. Wer profitiert von dieser Sichtweise außer den Kapitalist:innen und ihrem System? Kommunist:innen, wie Marx, sind gegen alle Prinzipien des kapitalistischen Systems, gegen das Lohnarbeitssystem, das die Quelle menschlicher Ausbeutung darstellt. Der Kapitalist setzt keinen Stein auf den anderen, ohne sicher zu wissen, dass er daraus einen Profit erzielen wird. Der Kapitalist tätigt keine Investition, die keinen Gewinn abwirft, und die Quelle des Profits ist die Aneignung von Mehrwert aus unbezahlter Arbeit und Arbeitsintensität — das heißt Ausbeutung. Daher ist jede Arbeit, die den Regeln dieses Systems folgt, produktiv.

 Artikel von Kawa Karem vom Dezember 2025 – wir danken!

Quellen:

1) Adam Smith’s- An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations-  Book II, Chapter 3, section 1, p 330. Glasgow Edition (1976), originally published 1776

2) The Wealth of Nations. Book II, Chapter III – “Of the Accumulation of Capital, or of Productive and Unproductive Labour. “ The Wealth of Nations — Book II, Chapter III: “Of the Accumulation of Capital, or of Productive and Unproductive Labour. “p. 332”

3) Mansour Hekmat, Introduction to Karl Marx’s Essay on Productive and Unproductive Labour. https://hekmat.public-archives.com/fa/1920fa.html externer Link  [3] History of Economic Doctrines, ed. Costs, part II, pp. 12-13 and seq.

4) Old wine, new bottles and the Internet by Guglielmo Carchedi. Published in: The article appears in Work Organisation, Labour & Globalisation, Volume 8, Number 1, Summer 2014.P 69

5) Objective and Mental Labour‑Processes” Guglielmo Carchedi- nd in the PDF of the book the section begins on page 277

6) Tiziana Terranova . Free Labor: Producing Culture for the Digital Economy – Publication date: Summer 2000. Pages: pp. 33–58. Publisher: Duke University Press

7) Value and Productive Labour in the Era of Digital Technologies: Revisiting the Digital Labour Debate — by Søren Bøgh Sørensen. Pages 498–517. Journal: tripleC: Communication, Capitalism & Critique — Volume 22, Issue 2 (2024).

8) Marx’s Dialectics of Value and Knowledge. Guglielmo Carchedi. Marx’s Dialectics of Value and Knowledge — by Guglielmo Carchedi. Original publisher / first edition: Brill — first published. 2010.

9) Marx’s Dialectic of Value and Knowledge by Guglielmo Carchedi. Chapter 2 (the discussion of mental labour’s role). Publisher: Brill / Historical Materialism series. Part 4 of the book (Subjectivity / Knowledge & Value

10) Das Kapital, Volume I, (ful, title: Capital: A Critique of Political Economy Volume, Chapter / Section: Part One: “Commodities and Money.” In particular Chapter 1: “The Commodity.”

11) Marx’s Dialectic of Value and Knowledge. Guglielmo Carchedi . Publisher / Series: Brill (Leiden) — Carchedi 2011 edition. chapter 4

12) Marx, Capital, Volume I, Part IV – The Production of Relative Surplus Value Chapter 13: Co-operation

13) David Harvey — The Limits to Capital. Publisher: Basil Blackwell (UK) / University of Chicago Press (US). 1982. Chapter 8: “Technology, Work, and Capital”. pp. 115–130.  And 15–150 (Ch. 8–9) for discussion of productive labor, technology, and value creation

14) Michael Hardt & Antonio Negri — Empire. pp. 289–294 (Part 3, Chapter: “Immaterial Labor”). Michael Hardt & Antonio Negri — Multitude: War and Democracy in the Age of Empire. Year of publication: 2004. Publisher: Penguin Press. pp. 108–113”

15) Digital Labour and Karl Marx. Christian Fuchs. Publisher: Routledge (Taylor & Francis). 2014. Chapter 11: “Theorising Digital Labour on Social Media”.  

16) Christian Fuchs . Culture and Economy in the Age of Social Media. 2015. ublisher: Routledge (or associated) / as part of Fuchs’s media‑communication studies series. “page 123” or “pp. 200–205”.

17) Karl Marx. Capital, Volume I. Chapter 1. p. 39.. the Progress Publishers Moscow edition

18) Unproductive Labour’?” — by Alan Freeman & Bill Vandesteeg. International Socialism Journal — Issue no. 2, 1981”

19) Refers TSSI to the temporal interpretation of the unit system. Among the greatest economists and visionaries are Andrew Clyman, Alan Freeman, Ghulilmo Karshidi, and others. They are also part of the imitation of Marxist economics, a non-traditional school based on Karl Marx’s criticism of political economy. The TSSI school basically ended with a more detailed interpretation of Marx’s theory of value.

20) Grundrisse—“Notebook on Capital, Value Labour, and Money. Year 1857- 58 “ (first manuscript), page 123

21) History of Economic Doctrines, ed. Costs, part II, pp. 12-13 and seq. („Theories of Surplus Value“). Karl Marx. Capital, Volume I. 1867. Chapter 1. “Commodities”.

Siehe zum Thema im LabourNet z.B. auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=232717
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