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In Madagaskar halten die Proteste – nicht nur der GenZ – gegen Stromausfälle und Armut trotz der Entlassung der Regierung an

Dossier

One Piece - das Symbol der Proteste der GenZIn der Hauptstadt Antananarivo versammelten sich erneut tausende Menschen, neben jungen Leuten aus der Bildungsschicht erstmals auch zahlreiche Bewohner aus den Arbeitervierteln. Wie eine Korrespondentin der Deutschen Presse-Agentur berichtet, setzten Sicherheitskräfte Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse ein. Als Reaktion auf die tagelangen Proteste hatte Madagaskars Präsident Rajoelina gestern die Regierung entlassen. Die Demonstranten fordern allerdings auch den Rücktritt des Präsidenten. Auslöser der Proteste waren Ausfälle in der Strom- und Trinkwasserversorgung. Zuletzt richteten sie sich aber auch gegen Korruption. Nach UNO-Angaben wurden seit Ende vergangener Woche mindestens 22 Menschen durch Sicherheitskräfte getötet.“ Meldung vom 01.10.2025 im Deutschlandfunk externer Link, siehe u.a. auch einen Artikel von Bernard Schmid:

  • Die afrikanische Regionalorganisation des Internationalen Gewerkschaftsbundes fordert die Militärs auf, Madagaskar unverzüglich wieder unter zivile Kontrolle zu stellen New
    Die afrikanische Regionalorganisation des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB-Afrika) hat die Militärbehörden in Madagaskar aufgefordert, das Land unverzüglich wieder unter zivile Kontrolle zu stellen, und davor gewarnt, dass militärische Eingriffe in die Regierungsführung die Demokratie, den Frieden und die Arbeitnehmerrechte untergraben. In einer von seinem Generalsekretär, Akhator Joel Odigie, unterzeichneten Erklärung äußerte der IGB-Afrika seine tiefe Besorgnis über die sich ausbreitende politische Krise in Madagaskar nach der Machtübernahme durch das Militär“ und erklärte, dass dies einen Verrat am öffentlichen Vertrauen“ und eine Verletzung der Souveränität des Volkes“ darstelle.
    „Wir bekräftigen unsere unerschütterliche Solidarität mit den Arbeitnehmern und der Bevölkerung Madagaskars, die seit langem unter wirtschaftlicher Not, dem Versagen der Regierung und politischer Ausgrenzung zu leiden haben“, sagte Odigie. „Die legitimen Beschwerden, die von den Bürgern, insbesondere der Jugend, durch ihre Protestaktionen zum Ausdruck gebracht wurden, spiegeln eine tiefe Frustration über Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und die Aushöhlung der demokratischen Rechenschaftspflicht wider. Diese Stimmen des Dissenses waren Rufe nach Reformen und Erneuerung, nicht eine Aufforderung zur militärischen Intervention.
    Er verurteilte die Entscheidung des Militärs, die Proteste der Bevölkerung für politische Zwecke auszunutzen, und bezeichnete sie als „opportunistisch“ und im Widerspruch zu den Bestrebungen der madagassischen Bevölkerung nach einer demokratischen und partizipativen Regierungsführung.
    „Es ist zutiefst bedauerlich, dass das madagassische Militär beschlossen hat, diesen Moment der bürgerlichen Meinungsäußerung auszunutzen, um sich als faktische Autorität durchzusetzen“, sagte Odigie. „Solche Handlungen stellen einen Verrat am öffentlichen Vertrauen dar und haben den Beigeschmack von Opportunismus, da sie die Bestrebungen des Volkes nach demokratischer und partizipatorischer guter Regierungsführung untergraben“.
    Der IGB-Afrika-Vorsitzende betonte, dass die Streitkräfte keine politische Legitimität haben und unverzüglich die Macht abgeben müssen, um die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen
    …“ engl. Artikel von Christian Appolos vom 28. Oktober 2025 in Nigerian Tribune externer Link (maschinenübersetzt)
  • Madagaskar: Erst solidarisiert sich ein Teil des Militärs mit den Demonstrierenden, dann verkündet es die Machtübernahme – zusammen mit der „Gen Z Mada“?
    • Politisches Chaos in Madagaskar: Der Präsident ist weg, das Militär übernimmt
      Nach wochenlangen Protesten und einer Spaltung des Militärs verlässt Präsident Rajoelina das Land. Der meuternde Teil der Armee ergreift die Macht.
      Madagaskar steht am Rande des Abgrunds. Innerhalb weniger Tage ist ein Teil der Streitkräfte in den Aufstand getreten, das Militär hat sich gespalten und Präsident Andry Rajoelina hat das Land verlassen haben. Ein Militärputsch lag in der Luft – am Dienstag nachmittag verkündete der meuternde Teil der Streitkräfte die Machtübernahme. Oberst Michael Randrianirina, dessen Armeeeinheit sich am Wochenende gegen den Präsidenten gestellt hatte, verkündete Rajoelinas Absetzung, die Suspendierung der Verfassung und aller Institutionen außer dem Parlament. Ein „Militärrat der Erneuerung“ werde zwei Jahre lang das Land regieren. (…)
      Rajoelina hatte sich zunächst am Sonntag von einem ungenannten Ort zu Wort gemeldet und von einem „illegalen gewaltsamen Versuch der Machtergreifung“ gesprochen. Dies folgte auf den öffentlichen Auftritt einer Militäreinheit, die sich mit der Protestbewegung solidarisierte und erklärte, sie werde keine Befehle befolgen, gegen diese vorzugehen. Madagaskars Militär war damit öffentlich gespalten. Eine Eliteeinheit steht auf der Seite der Öffentlichkeit, eine andere Fraktion auf der Seite des Präsidenten. Ein bewaffneter Machtkampf ist nicht ausgeschlossen. (…)
      „Das Land ist zerstört“, hatten die Meuterer am Wochenende erklärt. „Das Leben der Bevölkerung ist durcheinander, weil nichts funktioniert wegen der Wasser- und Stromsperrungen“. Sie fügten hinzu: „Wir, das Militär, tun unsere Arbeit nicht mehr. Wir sind bloß noch Stiefellecker. Wir befolgen irrationale Befehle. Lasst uns zusammenkommen – Soldaten, Polizisten, Gendarmen – und uns weigern, uns kaufen zu lassen, um auf unsere Brüder und Schwestern und die Kinder unseres Volkes zu schießen
      .“..“ Artikel von Dominic Johnson und Mario Rajomazandry vom 14.10.2025 in der taz online externer Link
    • Militärputsch in Madagaskar: Präsident Rajoelina lässt sich ins Exil fliegen
      Seit Wochen geht die madegassische Jugend gegen den Präsidenten auf die Straße, am Dienstag putschte das Militär. Auch Frankreich mischt sich ein.
      Madagaskars Armee machte Andry Rajoelina einst zum Staatspräsidenten, Madagaskars Armee hat ihm dieses Amt wieder genommen. Mit nur 34 Jahren wurde Rajoelina im Jahr 2009 zum ersten Mal an die Staatsspitze gehievt, Ergebnis mehrmonatiger Wirren und eines Militärputsches. Der damalige Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo wusste schon damals, wie man sich den Schutz Frankreichs ergattert: Er empfing Diplomaten in seiner Residenz, bat den französischen Botschafter um ein vertrauliches Gespräch in dessen Dienstwagen – und als er da drin saß, weigerte er sich, wieder auszusteigen. Wie Rajoelina es diesmal schaffte, ist noch nicht klar, aber am Sonntagnachmittag, berichten französische Medien, bestieg er auf dem Gelände seines Präsidentschaftspalasts einen französischen Militärhubschrauber, ließ sich auf eine kleine Insel fliegen und dann mit der französischen Luftwaffe nach Réunion, von wo aus er nach Dubai ins Exil weitergeflogen sein soll. (…)
      „Ich bin weder Regierung noch Opposition, ich bin Kapitalist“ sagte der jungdynamische Rajoelina in jener Zeit. Als er 2019 zum zweiten Mal Präsident wurde, war er nicht mehr jungdynamisch, sondern zunehmend verschroben. (…) Nach seiner Flucht hat sich Rajoelina in einer wirren Ansprache an sein Volk gewandt. Er sei einem Mordversuch entronnen, wolle jetzt Generatoren zur Stromversorgung kaufen und müsse im Amt bleiben, denn sonst seien 100 Millionen US-Dollar Budgethilfe futsch
      …“ Artikel von Dominic Johnson vom 14.10.2025 in der taz online externer Link
    • Madagaskar: Militär verkündet Machtübernahme
      Nach mehrwöchigen Protesten der Bevölkerung erklärt eine Armeeeinheit die Verfassung von Madagaskar für ausgesetzt. Zuvor hatte das Parlament ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Rajoelina eingeleitet.
      Eine Eliteeinheit der Streitkräfte Madagaskars hat nach eigenen Angaben die Führung im Land übernommen. Oberst Michael Randrianirina, Kommandeur der Spezialeinheit CAPSAT, sagte vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Antananarivo: „Wir ergreifen die Macht.“ Die Verfassung sei ausgesetzt, ein Präsidentschaftsrat aus Angehörigen der Armee und Gendarmerie eingesetzt worden. Das Unterhaus des Parlaments arbeite weiter, so Randrianirina. Nach Angaben des Militärs soll ein Oberster Gerichtshof für Reformen eingerichtet werden. Innerhalb von zwei Jahren solle ein Referendum abgehalten werden. „Wir werden einen Premierminister ernennen, der rasch eine Zivilregierung bilden wird“, hieß es weiter. Die CAPSAT-Einheit hatte sich bereits am Wochenende an die Seite der Protestierenden gestellt und erklärt, sie habe die Kontrolle über die Land-, Luft- und Seestreitkräfte des Inselstaates vor der Ostküste Afrikas übernommen. Viele Soldaten schlossen sich zuletzt den seit drei Wochen demonstrierenden jungen Menschen an. Auch die paramilitärische Gendarmerie und die Polizei sagten sich von Präsident Andry Nirina Rajoelina los. Kurz vor der Ankündigung des Militärs zur Machtübernahme hatten die Abgeordneten der Nationalversammlung von Madagaskar für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Rajoelina gestimmt. Dieser wiederum hatte wenige Stunden zuvor auf seinem Profil auf der Online-Plattform X die Auflösung des Parlaments per Dekret erklärt. Damit wolle er den Weg für Neuwahlen ebnen, die frühestens in 60 Tagen stattfinden könnten, so der 51-Jährige. „Die Menschen müssen wieder gehört werden. Es ist Zeit für die Jugend“, erklärte Rajoelina.
      Aufenthaltsort Rajoelinas weiter unbekannt
      Wo sich der entmachtete Präsident aufhält, ist unbekannt. (…)
      Das Präsidialamt verurteilte am Abend den „Putschversuch“ der CAPSAT-Eliteeinheit. „Der Präsident der Republik bleibt voll im Amt und gewährleistet, dass die verfassungsgemäße Ordnung und die nationale Stabilität aufrechterhalten werden“, hieß es in einer Stellungnahme. (…)
      Protestierende bezeichnen Rajoelina als Marionette Frankreichs
      Auch an diesem Dienstag versammelten sich in Antananarivo Tausende Menschen auf dem Platz des 13. Mai. Sie tanzten und schwenkten Spruchbänder, auf denen Rajoelina wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft und der Unterstützung durch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich als deren Marionette bezeichnet wurde.
      Die Sicherheitskräfte gingen immer wieder mit Gewalt gegen die Demonstranten in Madagaskar vor. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein bis zur ersten Oktoberwoche mindestens 22 Menschen getötet
      …“ Agenturenmeldung vom 14.10.2025 auf dw.com externer Link mit einigen Fotos
    • Staatschef im Abseits. Madagaskar: Gerüchte über geflohene Politiker. Militäreinheit solidarisiert sich mit Demonstranten
      „Wo steckt denn der Staatspräsident? Um diese Frage war am Sonntag und Montag in Madagaskar ein großes Rätselraten entbrannt. Laut Onlinegerüchten von Montag morgen habe er die dreißig Millionen Einwohner zählende Rieseninsel im Südosten Afrikas im Laufe des Vortags verlassen. (…) Zugespitzt hatte sich die Lage am Sonnabend. Zunächst waren bei neuerlichen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Einsatzkräften in dem Inselstaat, der seit dem 25. September von heftigen Jugend- und Sozialprotesten erschüttert wird, zwei weitere Menschen getötet worden. Die bislang letzte Zählung der Vereinten Nationen hatte die Zahl der durch Repressionen Getöteten Ende September auf 22 beziffert, die der Verletzten auf rund 100. (…)
      Im weiteren Verlauf des Sonnabends kam es dann zu einer neuen Entwicklung: Eine Einheit der Streitkräfte, das CAPSAT – Abkürzung für »Armeekorps der Verwaltungs- und technischen Angestellten und Dienste« –, erklärte, sich fortan zu weigern, auf Protestierende zu schießen. Dies wurde als Meuterei gewertet. Diese Einheit ist in Soanierana an der Peripherie der Hauptstadt Antananarivo stationiert und hatte bereits 2009 an einem Militärputsch teilgenommen, der ebenfalls durch Massenproteste ausgelöst worden war. Selbiger Putsch hatte damals Andry Rajoelina zum ersten Mal an die Macht gebracht. Er übte sie daraufhin fünf Jahre lang aus, bevor er eine Legislatur später 2019 an sie zurückkehrte. Am Sonntag nahmen daraufhin Militärs aus den Reihen des CAPSAT an einer Kundgebung auf einem öffentlichen Platz der Hauptstadt für die Todesopfer der Tage zuvor teil. Unter ihnen befand sich der Oberst Michaël Randrianirina. Er gilt als »Kopf der Meuterei«. Aber auch der 2009 durch die Armee und Rajoelina gemeinsam gestürzte Vorgängerpräsident Marc Ravalomanana tauchte dort auf – der Mann scheint einen Sinn für Opportunitäten zu besitzen. Am selben Tag kündigte das CAPSAT die Einsetzung eines neuen Generalstabschefs in Gestalt des Generals Démosthène Pikulas an, allerdings ohne den Staatschef zuvor einzuweihen – normalerweise wäre ein Präsidentendekret für eine solche Ernennung erforderlich. Der Posten war vakant, seit Pikulas’ Vorgänger Manantsoa Deramasinjaka Rakotoarivelo von Rajoelina zum Verteidigungsminister ernannt worden war. Am Sonntag abend akzeptierte Rakotoarivelo dann in seiner Eigenschaft als Minister den neuen Generalstabschef. Dem Staatspräsidenten schien zugleich das Heft der Initiative aus den Händen geglitten.“
      Artikel von Bernard Schmid in der jungen Welt vom 14. Oktober 2025 externer Link
  • Die Generation Z rüttelt Madagaskar durch andauernde Proteste wach – noch setzt der Präsident auf Härte und ernennt einen General zum Regierungschef
    • Madagaskar: Präsident setzt auf Härte. Nach heftigen Protesten ernennt Staatsoberhaupt General zu Regierungschef. Demonstranten geben nicht auf
      „Ein neuer Premierminister soll es also richten. Madagaskars Staatspräsident Andry Rajoelina hat am Montag nach mehrtägiger Suche einen neuen Regierungschef ernannt. Amtsvorgänger Christian Ntsay war eine Woche zuvor, nach siebenjähriger Regierungszeit, geschasst worden. Dass die Wahl nun auf einen General gefallen ist, zeugt von der versuchten Annäherung des Präsidenten an die Militärs, bei denen er Rückhalt sucht. Hintergrund sind die seit dem 25. September gegen ihn gerichteten heftigen, vom Kollektiv »Gen Z Madagascar« getragenen Proteste. Die polizeiliche Repression hat nach Angaben des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Menschenrechte vom 29. September – es liegen keine neueren Zahlen vor – bisher 22 Menschenleben gekostet. Der neue Premier, Ruphin Fortunat Dimbisoa Zafisambo, hat außer in Madagaskar auch in Algerien und im französischen Montpellier studiert. Laut Rajoelina hat er nun sechs Monate Zeit, um sich zu beweisen und die doppelte Mission zu erfüllen, »die Ordnung wiederherzustellen«, aber auch »das öffentliche Vertrauen« wiederzugewinnen. (…) Allerdings funktionierte die kapitalistische Ausbeutung von Rohstoffen und Natur in Madagaskar bisher ohne Probleme, von den Auswirkungen auf Menschen und Umwelt abgesehen. (…)
      75 Prozent der Bevölkerung auf der Rieseninsel lebten laut Zahlen von 2022 unter der Armutsgrenze. Der Grenzwert dafür wurde auf 4.000 Ariary, umgerechnet 0,80 Euro pro Tag, festgelegt. International wird die Armutsgrenze bei 2,15 US-Dollar pro Tag festgelegt, die Weltbank hob den Wert in ihrer Definition im Juni 2025 auf drei Dollar an. Auch ein Ende der Armut ist eine Forderung der Demonstranten. Zudem prangern sie Mängel im Bildungssystem und die hohe Arbeitslosigkeit im Land an. Nachdem sie Rajoelina ein 48-Stunden-Ultimatum zur Erfüllung ihrer Forderungen gestellt hatten, kündigte der Präsident einen »nationalen Dialog« an. Ob der angedrohte Streik damit abgewendet werden kann, blieb vorerst offen.“
      Artikel von Bernard Schmid in der jungen Welt vom 9. Oktober 2025 externer Link
    • Abschminken statt Schönfärben
      Die Generation Z rüttelt Madagaskar durch Proteste wach – und stellt damit das Machtgefüge des Inselstaats grundsätzlich infrage. (…)
      Trotz des Verbots durch die Behörden finden seither Kundgebungen statt, bei denen Sicherheitskräfte mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die friedlich Demonstrierenden vorgehen. Insbesondere der erste Demonstrationstag war intensiv: Im Tagesverlauf wurden die Häuser zweier Regierungsabgeordneter angegriffen, abends kam es zu Plünderungen – offenbar initiiert von bezahlten Provokateuren und fortgeführt von Gelegenheitsplünderern. Die Generation Z, die eine gezielte Diskreditierung ihrer Bewegung befürchtete, distanzierte sich jedoch klar von den Ausschreitungen und half den Geschädigten am Folgetag beim Aufräumen. Laut UN kamen im Zusammenhang mit den sich anschließenden landesweiten Protesten, Streiks und Plünderungen mindestens 22 Menschen ums Leben, über 100 wurden verletzt – Zahlen, die die Regierung bestreitet. Präsident Andry Rajoelina machte in einer späteren Fernsehansprache Cyberangriffe aus dem Ausland für die Protestbewegungen verantwortlich.
      Bemerkenswert war, dass die Generation Z in der darauf folgenden Woche auch die ältere Generation Y und damit große Teile der etablierten Zivilgesellschaft mobilisieren konnte – jene Generation, die den Putsch von 2009 noch sehr präsent hat und die Form des Straßenprotestes in der jüngeren Vergangenheit mied. Ging es der Jugend zunächst um den Rücktritt der Regierung, gingen die Forderungen bald darüber hinaus: Rücktritt des Präsidenten, Auflösung des Senats und der Wahlkommission sowie die strafrechtliche Verfolgung des politisch übermächtigen Unternehmers Mamy Ravatomanga, der als de-facto Königsmacher gilt. Präsident Rajoelina entließ daraufhin Ende September seine Regierung, räumte Fehler ein und gelobte schnelle Besserung. Doch Streiks und Demonstrationen hielten an, selbst nachdem er Dialogtreffen mit unterschiedlichsten Akteurskonstellationen – Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen – ins Leben gerufen hatte.
      Wenngleich das Vorgehen der Generation Z teilweise unkoordiniert wirkt und die junge Bewegung zu Beginn beinahe von ihrem eigenen Mobilisierungserfolg überrascht wurde, haben sie der Bevölkerung einen entscheidenden Dienst erwiesen: Sie hat ihre Landsleute wachgerüttelt, die sich lange aus Angst vor Repressionen oder in einer resignativen „es geht schon irgendwie weiter“-Mentalität zu Hause verkrochen hatten. In dieser Atmosphäre wurden Themen wie Präsident Rajoelinas mögliche dritte Amtszeit oder der Einfluss des Unternehmers Ravatomanga nur hinter vorgehaltener Hand und verschlüsselt diskutiert. Die grundlegende Hürde, sich öffentlich als (macht)kritische Bewegung zu zeigen, erscheint damit überwunden – zumindest vorübergehend. Doch die Sichtbarmachung der Unzufriedenheit durch die Generation Z auf der Straße ist nur der erste Schritt. Wie kann es von hier aus weitergehen, vorausgesetzt die Bewegung behält ihr Momentum? Das bisherige Bündnis aus Wirtschaft, Politik und Militär steht aktuell weitgehend geschlossen hinter dem Präsidenten, doch die Bevölkerung scheint kosmetische Änderungen nicht länger zu akzeptieren. Das Bewusstsein, dass das politische und wirtschaftliche System tiefgreifende Reformen benötigt, wächst. (…)
      Erstens: Es braucht ein gesellschaftlich anerkanntes Dialogforum, das nicht davor zurückschreckt, die strukturellen Wurzeln der Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Kirchen genießen traditionell hohes Vertrauen in der Bevölkerung und haben sich historisch mehrfach als Vermittler in Transformationsprozessen bewährt. Sie könnten einen inklusiven Prozess moderieren und dabei sicherstellen, dass alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen, insbesondere auch die Generation Z, gehört werden. Zweitens: Die Forderungen der Protestierenden müssen über einzelne Akteure wie Ravatomanga hinausgehen. Sein mit der Politik verschmolzenes Wirtschaftsimperium ist Ausdruck struktureller Ungleichgewichte und massiver Intransparenz. Ohne grundlegende Systemreform würden sich zwar einzelne Machtpositionen ändern, die zugrunde liegenden Missstände jedoch bestehen bleiben
      …“ Artikel von Marjam Mayer vom 09.10.2025 im IPG-Journal externer Link
  • Aufruhr in Madagaskar: Demonstranten fordern nach Regierungsabsetzung auch Präsidentenrücktritt
    Sämtliche Regierungsmitglieder hat Madagaskars Präsident Andry Rajoelina am Montag vor die Tür gesetzt. Der 51jährige war erst am Samstag abend nach mehrtägiger Abwesenheit, während der er der UN-Generalversammlung in New York beiwohnte, in den Inselstaat im Osten Afrikas mit 32 Millionen Einwohnern zurückgekehrt. Unterdessen waren im Land am Donnerstag heftige soziale Unruhen mit mehr als 20 Todesopfern aufgeflammt. Den Auslöser dafür bildeten Aufrufe zu Protestversammlungen wegen andauernder Strom- und Wasserabstellungen. Anlassbezogen feuerte der Staatschef unmittelbar nach seiner Rückkehr zunächst den Energieminister. Doch dies genügte offensichtlich nicht, woraufhin das ganze Kabinett folgte. Potentielle Nachfolger für die geschassten Minister forderte Rajoelina dazu auf, sich doch bitte per Einsendung von Unterlagen per E-Mail »oder auf Linkedin« zu bewerben, was sofort Spott in den sozialen Netzwerken hervorrief. Zugleich deutete sich an, dass auch der erzwungene Rücktritt der Regierung nicht genügen dürfte. Längst fordern die Protestierenden, dass auch das Staatsoberhaupt selbst seinen Hut nimmt. Ihre Bewegung beschränkt sich keineswegs auf die Hauptstadt Antananarivo, sondern hat in den vergangenen Tagen unter anderem Fianarantsoa im Norden, Toamasina im Osten oder Toliara im Süden der Rieseninsel erreicht. (…)
    Hauptträger der derzeitigen Protestbewegung sind junge Erwachsene. Eine Trägergruppe bezeichnet sich als »Kollektiv Generation Z«. Als Identifikationssymbol dient auch eine stilisierte Piratenflagge mit Strohhut, die aus dem Manga »One Piece« entlehnt ist und zuvor bei Protesten in Indonesien und Nepal gezeigt worden war. Madagaskar ist nicht das einzige Land, in dem gegenwärtig Proteste der »Gen Z« stattfinden – am Wochenende folgte auch Marokko.“ Artikel von Bernard Schmid in der jungen Welt vom 01.10.2025 externer Link
  • Proteste in Madagaskar: Die Jugend verlangt Wasser und Strom
    Erst erlebt Madagaskar schwere Dürre, jetzt schwere Unruhen. Eine unerschrockene Protestbewegung fordert den autoritären Präsidenten Rajoelina heraus.
    Stromausfälle, Wasserknappheit, Polizeibrutalität – das sind die Auslöser der Unruhen, die in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo am 22. September begannen und sich seitdem auf das ganze Land ausgeweitet haben. Die Zahl der Getöteten und Festgenommenen ist unbekannt, aber das Ausmaß der Verwüstung in Antananarivo ist deutlich. Läden wurden geplündert, Häuser im Besitz von Regierungspolitikern angegriffen. An vorderster Front stehen Jugendliche, die sich „Generation Z“ nennen, so wie die Jugendprotestbewegung, die vergangenes Jahr Kenia erschütterte. Sie mobilisierten zunächst mit der Parole „Schluss mit den Ausfällen“, weil es 12 Stunden am Tag keinen Strom gibt. Dann weitete sich der Protest aus und ergriff weitere Städte. (…)
    In der Hauptstadt verhängten die Behörden am Donnerstag eine nächtliche Ausgangssperre und kappten das Internet. Die Sicherheitskräfte wurden beschuldigt, neben Tränengas auch scharfe Munition gegen Demonstranten einzusetzen, die brennende Straßensperren errichtet hatten. (…)
    Eine im Internet entstandene Menschenrechtsgruppe „WhatsApp Antillaise“ hat die staatliche Repression kritisiert. „In Madagaskar werden Menschen erschossen, weil sie Wasser und Strom einfordern“, klagte sie. „Die Machthaber reagieren mit Repression, Ausgangssperre und Schweigen.“ Die Gruppe zog Parallelen zur Unterdrückung von Protesten in französischen Überseegebieten wie Guadeloupe und Martinique – Madagaskar war einst französische Kolonie und noch heute hält Frankreich einige Inseln vor Madagaskar besetzt. „Wo die Menschen gegen Ungerechtigkeit aufstehen, antwortet der Staat mit dem Knüppel statt mit Dialog. Derselbe Kampf, dieselbe Missachtung, dieselbe Schande.“…“ Artikel von Mario Rajomazandry vom 30.9.2025 in der taz online externer Link

Siehe zuletzt 2020: Auch auf Madagaskar: Protest gegen eine Ausgangssperre, die die Betroffenen zum hungern verurteilt

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=230970
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