Das Bremer Jobcenter ist insolvent! Wie, das geht? Und mit welchen Folgen?
„Natürlich steht nicht das gesamte Jobcenter jetzt ohne Geld da. Betroffen ist der Teil des Repressionsorgans Jobcenter, der für „die Vermittlung in Beschäftigungsverhältnisse“ da ist. Was das bedeutet, wissen alle, die schon mal auf das Jobcenter angewiesen waren. (…) Auf der einen Seite kann das Jobcenter nun kaum mehr jemanden in Maßnahmen zwingen. Anderseits ist jetzt auch kein Geld mehr da für Fortbildungen, Umschulungen, Fahrtkosten, für so ziemlich alles, was das „Bürgergeld“ im Hartz 4 ausgemacht hat. Dazu verlieren viele jetzt ihre Jobs: All die, die in einem der vielen Träger für das Jobcenter gearbeitet haben. Das Jobcenter in Bremen ist jetzt nicht nur mehr „Armut per Gesetz“, es schafft auch mehr Erwerbslose. Mitten im Rechtsruck, Angesichts einer schwachen Arbeiter*innen und Erwerbslosenbewegung und einer winzigen radikalen Linken sind das schlechte Nachrichten…“ Beitrag vom 29. Juni 2024 der Basisguppe Antifaschismus (BA) Bremen
(„Jobcenter Bremen hält arm und schafft Arbeitslose“) und nun Protest
- Bremer Jobcenter nach Kürzungen und internem Missmanagement erneut in der Kritik: Behördenschlamperei gefährdet Existenzen
„Tausende Menschen warten auf ihr Geld, weil Bremer Jobcenter unnötige Unterlagen anfordern und Dokumente verlieren – das schreiben 15 Sozialberatungen.
Überscharfe Kontrollen – und gleichzeitig schlampiger Umgang mit eingereichten Unterlagen: 15 Organisationen der Sozialberatung aus Bremen kritisieren die Arbeit der Jobcenter Bremen und Bremerhaven und beschreiben „massive Problemlagen“, die die Menschen in existenzielle Not brächten.
In einem Offenen Brief an den Geschäftsführer des Jobcenters, an Bürgerschaftsabgeordnete und an das Bremer Sozialressort beschreiben sie detailliert die gemeinsamen Erfahrungen und stellen neun Forderungen. „Die wiederkehrenden Problemlagen“ ergäben ein Bild, „das über einzelne Fälle hinausgeht und daher grundsätzliche Lösungen erfordert“. Neben vielen politischen Initiativen hat auch die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Bremen, und damit die großen Player Caritas und AWO, unterzeichnet. (…)
In Bremen war in den vergangenen Jahren das Budget für Qualifikationsmaßnahmen nach Kürzungen und internem Missmanagement stark zusammengeschrumpft. Weniger oft berichtet wird über Kritik an der Leistungsabteilung, die die Anträge auf Sozialleistungen bearbeitet und am Ende das Geld bewilligt. Dort stockt es in Bremen, so die Kritik, mit gravierenden Folgen: Menschen sparten an Essen, müssten Schulden machen – oder verlören sogar ihre Mietverträge. Monatelang müssten Menschen auf ihr Geld warten. (…)
„Das Ganze wäre so vermeidbar“, meint Anna Schröder von der Stadtteilgewerkschaft Gröpelingen. „Denn in 99 Prozent der Fälle wird das Geld ja am Ende bewilligt.“ Besonders Zuverdiener*innen seien oft betroffen, so ihre Erfahrung; die Antragsstellung ist bei ihnen komplizierter. Das Gesetz sieht die Möglichkeit von vorläufigen Bewilligungen vor. Die Jobcenter nutzen sie nicht immer. Die „konsequente Anwendung vorläufiger Bewilligungen“ ist deshalb die erste der neun Forderungen des Bündnisses.
Eine andere Kritik, der zweite genannte Grund für die langen Bearbeitungszeiten, stellt sich für die Jobcenter noch deutlich peinlicher dar: Immer wieder, so die Beratungsorganisationen, würden dieselben Unterlagen erneut angefordert – bereits eingereichte Dokumente gingen schlicht verloren. (…)
Der Verlust von Unterlagen im Jobcenter sei so üblich, dass die Beratungsstellen Dokumente fast nur noch per Fax übermittelten, sagt Beraterin Schröder – nur das akzeptieren Gerichte als rechtssicheren Nachweis. Bei einer Demo der Stadtteilgewerkschaft 2025 war deshalb eine der Hauptforderungen an das Jobcenter die Wiedereinführung des Eingangsstempels. „Das scheint erstmal absurd, dazu eine Demo zu machen, weil die Forderung ja sehr banal ist“, sagt Schröder. „Aber in der Praxis ist es entscheidend, ob die Abgabe von Unterlagen nachgewiesen werden kann.“...“ Artikel von Lotta Drügemöller vom 24.2.2026 in der taz online
(„Bremer Jobcenter in der Kritik: Behördenschlamperei gefährdet Existenzen“), siehe auch:
- „Beratungerfolge aus 2025 Teil 1: ,,Obdachlos wegen einem Fehler des Jobcenters?
Nicht mit uns‘‘ Beipiele aus hunderten von Beratungen in der #Stadtteilgewerkschaft in #Bremen #Organisierung“ Post der Stadtteilgewerkschaft Solidarisch In Gröpelingen vom 24.01.2026 auf bsky
- „Beratungerfolge aus 2025 Teil 1: ,,Obdachlos wegen einem Fehler des Jobcenters?
- Jobcenter es reicht! Unsere Demo zur Geschäftsleitung des Jobcenter
„Mit über 250 Menschen sind wir am 24.04.2025 vom Waller Bahnhof vor die Geschäftsführung des Jobcenter Bremen in Walle gezogen. Gut die Hälfte der Demonstration bestand aus Mitgliedern der Stadtteilgewerkschaft. Viele davon haben selbst tagtäglich mit den Problemen zu kämpfen, die ihnen das Jobcenter macht. Aber es waren auch Arbeiter*innen vor Ort, einige davon sind nach ihrer Schicht bei amazon oder im Pflegeheim zur Demo gekommen, Rentner*innen, Auszubildende. Wir waren Menschen aus unterschiedlichen Communities, ältere, jüngere, Familien … alle waren mit dabei und haben lautstark auf verschiedenen Sprachen skandiert: „Jobcenter – es reicht“.
Vor dem Jobcenter haben Mitglieder der Stadtteilgewerkschaft am Mikro auf bulgarisch, türkisch, arabisch, englisch, kurdisch und deutsch eindrücklich über ihre Probleme und Forderungen gesprochen. Es gab auch ein paar spontane Beiträge von Teilnehmenden der Demo. Dabei wurde auch deutlich gemacht, dass der Kampf gegen den Druck des Jobcenter und der Kampf für gute Arbeitsbedingungen und höhere Renten untrennbar zusammen gehören…“ Bericht vom 16. September 2025 von solidarisch in gröpelingen
mit Fotogalerie, siehe für Aktuelles die Gruppe auf bsky 
- Bürgergeld: Jobcenter plötzlich Pleite – 65 Millionen sind weg – Betroffene demonstrierten auf dem Bremer Marktplatz
„… Vielfach wird von Seiten der Politik immer wieder behauptet, Bürgergeld-Bezieher seien “faul”. In Wirklichkeit stehen einem Mangel an Fachkräften Erwerbslose gegenüber, denen die nötige Ausbildung fehlt. Die Brücke zwischen Erwerbslosigkeit hier und Fachkräftemangel da ist deshalb Qualifizierung. Die für vom Jobcenter geförderten Weiterbildungen nötigen Jahresgelder hat die zuständige Behörde in Bremen allerdings schon zur Halbzeit verbraucht. Dies ergab ein Krisengespräch mit der Stadt. (…) Charlotte Schmitz, Fachreferentin für Sozialmedizin, organisierte eine Demonstration auf dem Bremer Marktplatz, die das Desaster öffentlich machte. Sie sagt: “Wir sind extrem schockiert und haben große Angst vor den Folgen, die das jetzt haben wird.” (…) Nach dem jetzigen Stand wird es im Verlauf dieses Jahres kaum noch Möglichkeiten geben, sich in Bremen mit Förderung des Jobcenters durch Weiterbildung zu qualifizieren. (…) Unklar bleibt, wo das Geld geblieben ist. Die Sozialbehörde Bremen verlangt Auskunft darüber. Auch wenn es diese geben sollte, haben die leidtragenden Arbeitsuchenden nichts davon, denn das Geld ist weg. (…) Charlotte Schmitz weist darauf hin, dass das voraussichtliche Streichen von Weiterbildungen nicht der einzige Schaden ist, den arme Menschen in Bremen gegenwärtig erleiden. Sie postet auf Linkedin: “In den letzten Tagen hat sich die Situation vieler marginalisierter Menschen dramatisch verschärft. Der Bremer Senat hat ein Bettelverbot mit Bußgeldern von 500 Euro eingeführt und das Jobcenter kürzt wichtige Unterstützungsmaßnahmen. Menschen werden verdrängt und kriminalisiert, während notwendige soziale Angebote wegfallen.” Schmitz zeigt hier, welche Kette der sozialen Grausamkeiten droht: Hilfebedürftigen werden die notwendigen Qualifizierungen gestrichen, mit denen sie aus der Bedürftigkeit kommen könnten, und wenn die Betroffenen dann betteln müssen, wird ihnen ein Bußgeld von 500 Euro auferlegt – das sie nicht haben. (…) Charlotte Schmitz stellt auf Linkedin die Forderungen der Demonstranten dar. Dazu gehören erstens ein sofortiges Rettungspaket für gekündigte Beschäftigungsmaßnahmen und Bildungsgutscheine bis Ende 2024, zweitens eine Überarbeitung der Bettel- und Verdrängungsregelungen hin zu einer humanen, integrativen Politik und drittens keine Kürzung der Eingliederungsgelder im Bund.“ Beitrag von Dr. Utz Anhalt vom 5. Juli 2024 bei gegen-hartz.de