[Der NSU war nicht zu dritt!] Anklage gegen Susann E., weitere mutmaßliche NSU-Unterstützerin und Zschäpe-Vertraute
Dossier
„… Knapp sechs Jahre nach dem Ende des NSU-Prozesses steht nun ein weiteres Verfahren gegen eine mögliche Unterstützerin der Terrorgruppe bevor. Der Generalbundesanwalt hat nach Informationen der Süddeutschen Zeitung Anklage gegen Susann E. erhoben. Ihr wird Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie Beihilfe zu einer schweren räuberischen Erpressung mit Waffen vorgeworfen. Der Prozess gegen E. wird, sofern die Anklage zugelassen wird, vermutlich vor dem Oberlandesgericht Dresden stattfinden. Susann E. ist die Frau von André E. Er wurde im Jahr 2018 als Unterstützer des Terrortrios, das sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nannte, zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt…“ Artikel von Annette Ramelsberger und Kassian Stroh vom 28. 2. 2024 in der Süddeutschen Zeitung online
und mehr daraus:
- Zschäpe taktiert. »Wir brauchen keine nebulösen Aussagen und keine Inszenierung«: Angehörige von NSU-Opfern hatten schon vor Zschäpes Aussage Zweifel
- Zschäpe taktiert. NSU-Opfer-Hinterbliebene: „Sag die Wahrheit!“
„Emotionale Szenen im Prozess gegen eine mutmaßliche NSU-Unterstützerin: Bei der Zeugenaussage von der verurteilten Terroristin Beate Zschäpe reagiert die Tochter eines Opfers. Beobachter werfen Zschäpe Taktiererei vor.
Im Prozess gegen ihre mutmaßliche Vertraute hat die NSU-Terroristin Beate Zschäpe Details zu den Taten der Terrorzelle genannt. Mordopfer seien willkürlich ausgesucht worden, sagte Zschäpe im Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Dresden. Die stundenlange Aussage rief eine emotionale Reaktion einer Opfer-Angehörigen hervor: „Sag die Wahrheit! Du bist verantwortlich, dass mein Vater nicht mehr lebt!“, rief die Tochter eines Mordopfers während der Befragung in Richtung der NSU-Terroristin. Justizbeamte führten sie daraufhin aus dem Saal. Als die Vorsitzende Richterin die Verhandlung nach gut einer halben Stunde fortsetzte, hatte die Frau wieder im Zuschauerraum Platz genommen. (…) Am zweiten Tag ihrer Befragung in Dresden hatte Zschäpfe zu den NSU-Morden gesagt: „Ich kann es selber nicht erklären.“ Und: „Wie will ich mich jemals dafür entschuldigen?“ Sie werde es niemals wieder gutmachen können. „Das ist unerklärlich, wie es zu den Morden kam.“ (…) Als Mundlos ihr von dem ersten Mord erzählt habe, sei sie „natürlich geschockt“ und „fassungslos“ gewesen, sagte Zschäpe. Beobachter sehen in Zschäpes Einlassung Taktik. Mit ihrer vermeintlichen Reue wolle sie offenbar einen guten Eindruck machen, um für ihren Antrag zur Aufnahme in ein Neonazi-Aussteigerprogramm zu werben. Anders sei ihr plötzliches Umschwenken nicht zu erklären. Sie habe während der NSU-Prozesse genug Zeit und viele Gelegenheiten gehabt, sich zu erklären, Fragen zu beantworten, bei der Aufklärung mitzuwirken. Das habe sie demonstrativ unterlassen. (…) Der Prozess in Dresden richtet sich gegen Susann E. Ihr wirft die Bundesanwaltschaft vor, den NSU unterstützt zu haben. Sie soll Zschäpe ihre Krankenkassenkarte und ihre Personalien zur Verfügung gestellt haben. Zudem war sie laut Anklage an der Abholung eines Wohnmobils beteiligt, das der NSU am 4. November 2011 beim letzten Raubüberfall in Eisenach verwendete. Die Verhandlung soll mit insgesamt 44 Terminen bis Juni 2026 andauern. (…) Für Zschäpes Aussage waren zunächst die Prozesstage am Mittwoch und Donnerstag eingeplant. Da die Befragung nicht abgeschlossen wurde, legte die Vorsitzende Richterin für die Fortsetzung einen dritten Termin am 29. Januar fest.“ Prozessbericht vom 7. Dezember 2025 im MiGAZIN
, siehe dazu noch: - »Wir brauchen keine nebulösen Aussagen und keine Inszenierung«. Angehörige von NSU-Opfern hatten schon vor Zschäpes Aussage Zweifel
„Rund um die Aussage von Beate Zschäpe im Dresdner NSU-Prozess gab es viel Medienrummel aber nur wenig Erkenntnisgewinn. Angehörige der NSU-Opfer hatten das schon im Vorfeld von Zschäpes Aussage befürchtet. Über das Recherche- und Dokumentationsnetzwerk NSU-Watch veröffentlichten sie Statements in denen sie Zschäpes bisheriges Aussageverhalten kritisierten und ihre Hoffnung äußerten, endlich die Wahrheit zu erfahren. Wir dokumentieren die Statements. Gamze Kubaşık: »Seit Beginn des NSU-Prozesses im Oberlandesgericht München haben wir Angehörigen gesagt: Uns wird die Wahrheit verweigert. Wir sagten es früh und leider hat sich daran bis heute nichts geändert. Schon damals war für uns klar, dass es Unterstützer und Helfer gab, die nie zur Verantwortung gezogen wurden. Beweise gab es genug. Hinweise auf Strukturen, Netzwerke, Mitwisser. Hinweise auf Menschen, die den NSU möglich gemacht haben. Doch vieles davon wurde ignoriert oder bewusst klein gehalten. Und jetzt, Jahrzehnte nach den Morden, beginnt ein Prozess gegen Susann Eminger. Dabei war auch bei ihr die Beweislage seit Langem eindeutig. Warum hat es 14 Jahre gedauert, bis sie vor Gericht steht? (…) Yvonne Boulgarides: »Beate Zschäpe inszeniert sich einmal mehr. Ihre Teilnahme am Aussteigerprogramm Exit und das angeblich brisante Statement wirken wie kalkulierte Showeinlagen. Wenn sie tatsächlich etwas von Bedeutung hätte offenbaren wollen, hätte sie dafür in all den Jahren mehr als genug Gelegenheiten gehabt.« Michalina Boulgarides: »Wieder bekommt Beate Zschäpe eine Bühne – und wieder nutzt sie diese nur für ihre eigene Show. Jahrelang hat Sie geschwiegen, während der Zeit im Untergrund, während Ihres Prozesses und in den Jahren danach. Während Angehörige ihr gegenübersaßen und um Aufklärung kämpften, nutzte Beate Zschäpe den Medienrummel um sich selbst zu inszenieren. (…) Mandy Boulgarides: »Es ist kaum zu ertragen und langweilt auch, dass um jede angeblich neue Aussage von Beate Zschäpe wieder ein riesiges Spektakel gemacht wird. Ich glaube nicht im Geringsten, dass dabei irgendetwas substanzielles herauskommt, hätte sie wirklich etwas Wichtiges beizutragen, hätte sie es längst getan. (…) Semiya Şimşek: »Zu hören, dass möglicherweise weitere Personen an den Taten beteiligt gewesen sein könnten, bestätigt das, was wir immer gesagt haben, dass der NSU nicht aus drei Personen bestand. Für uns, die Angehörigen der Ermordeten, ist dieser Satz wie ein Schlag ins Gesicht. Seit mehr als zwanzig Jahren kämpfen wir um Antworten und um die Wahrheit. Wir wollen endlich wissen: Wer hat unsere Angehörigen getötet? Wer war wirklich beteiligt?…“ Zusammenstellung von Sebastian Weiermann vom 5. Dezember 2025 in Neues Deutschland online
- Zschäpe taktiert. NSU-Opfer-Hinterbliebene: „Sag die Wahrheit!“
- Das Unterstützungsnetzwerk des NSU in Sachsen und der eröffnete zweite NSU-Prozess in Dresden gegen Susann E.
- NSU-Prozess: Was wusste Susann E.? Im zweiten NSU-Prozess steht die 44-Jährige als mutmaßliche Unterstützerin der Nazi-Terrorzelle vor Gericht
„… Was sich Serkan Yildirim von diesem Prozess erhofft? »Nicht viel«, sagt er und lacht ein bitteres Lachen. Der 45-Jährige war das erste Opfer des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU), am 23. Juni 1999 explodierte in seiner Nürnberger Kneipe eine mit Sprengstoff gefüllte Taschenlampe. Yildirim überlebte nur mit Glück. Der Anschlag konnte der rechten Terrorzelle erst nach Beginn des Münchner NSU-Prozesses zugeordnet werden. Niemand wurde jemals deswegen angeklagt. Auch jetzt wird es darum nicht gehen, wieder einmal. Trotzdem ist Yildirim nach Dresden gekommen: Am Donnerstag hat hier vor dem Oberlandesgericht der zweite und wohl letzte Prozess um die rassistische Mordserie des NSU begonnen. Angeklagt ist die einzige Person aus dem viele Dutzend Neonazis zählenden Umfeld der Terrorbande, gegen die die Ermittlungen wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung noch nicht eingestellt worden sind: Susann E…“ Artikel von Joachim F. Tornau, Dresden, vom 06.11.2025 in ND online
- Der NSU war nicht zu dritt! NSU-Watch beobachtet den 2. NSU-Prozess.
Statement vom 6. November 2025
- Broschüre: Unter den Teppich gekehrt – Das Unterstützungsnetzwerk des NSU in Sachsen
„Am 4. November 2011, hat sich die rechtsterroristische Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) selbst enttarnt. Gut 14 Jahre später, am 06.11.2025 beginnt nun vor dem Oberlandesgericht Dresden die Hauptverhandlung gegen Susann Eminger. Ihr wird vorgeworfen den NSU aktiv unterstützt zu haben. Zwischen 1998 und 2011 begingen die Mitglieder des NSU zahlreiche Verbrechen. Dem NSU-Komplex werden mindestens 10 Morde, 3 Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle im gesamten Bundesgebiet zur Last gelegt. Bis heute sind ihre Taten nicht lückenlos aufgeklärt. Das Kulturbüro Sachsen e.V. hat in den Jahren 2016/17 in einer aufwendigen Recherchearbeit die Dokumente der Untersuchungsausschüsse, des Gerichtsprozesses in München und zahlreicher Publikationen zum Thema intensiv ausgewertet. Ziel war es, die maßgeblichen Unterstützer*innen des NSU-Kerntrios in Sachsen zu identifizieren und ihre Unterstützungshandlungen für die Rechtsterrorist*innen offenzulegen. Die Publikation wurde 2017 ausschließlich als gedruckte Print-Version veröffentlicht. Anlässlich der Hauptverhandlung gegen Susann Eminger stellen wir die Publikation aus dem Jahr 2017 jetzt kostenfrei als PDF zum Download zur Verfügung. (…) Wir erheben mit dieser Publikation zum Unterstützungsumfeld des NSU-Kerntrios in Sachsen keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden dabei Menschen und Strukturen sichtbar, die zum Teil heute noch in Sachsen existent sind und bisher nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Es ist die Aufgabe einer kritischen Zivilgesellschaft, kein Gras über die Sache wachsen zu lassen und die Verantwortlichen und ihre Verantwortung klar zu benennen. Nach wie vor besteht ein hohes öffentliches Interesse an der Aufklärung der Taten und der Anklage gegen die Unterstützer*innen des NSU-Kerntrios.“ Pressemitteilung des Kulturbüros Sachsen e.V. vom 6. November 2025
zur 62-seitigen Broschüre
‚Unter den Teppich gekehrt‘
- NSU-Prozess: Was wusste Susann E.? Im zweiten NSU-Prozess steht die 44-Jährige als mutmaßliche Unterstützerin der Nazi-Terrorzelle vor Gericht
- Eröffnung des Hauptverfahrens teilweise abgelehnt: NSU-Unterstützerin und Zschäpe-Vertraute Susann E. soll von Morden nichts gewusst haben
- Keine Hauptverhandlung: NSU-Unterstützerin soll von Morden nichts gewusst haben„Weil eine Unterstützerin und Zschäpe-Vertraute wohl von den Raubüberfällen des NSU wusste, muss sie sich vor einem Landgericht verantworten. Von den Morden der Rechtsterroristen soll sie allerdings nichts gewusst haben – Indizien reichten nicht aus. (…) Vor dem Landgericht Zwickau wurde jedoch ein Verfahren wegen der Beihilfe zur besonders schweren räuberischen Erpressung eröffnet, wie das OLG weiter mitteilte. Die Angeklagte habe von den Raubüberfällen des NSU gewusst. Durch ihr Mitwirken bei der Abholung eines Wohnmobils, das der NSU am 4. November 2011 beim letzten Raubüberfall in Eisenach verwendete, habe sie billigend in Kauf genommen, Hilfe bei einem Banküberfall zu leisten…“ Meldung vom 03.11.2024 im Migazin
, siehe dazu: - Anklage gegen Susann E. vor dem Staatsschutzsenat: Eröffnung des Hauptverfahrens teilweise abgelehnt
„Der Senat hat mit Beschluss vom 25. Oktober 2024 die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt, soweit der Angeklagten Susann E. die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zur Last gelegt wurde. Der Generalbundesanwalt hatte der Angeklagten vor-geworfen, sie habe den »Nationalsozialistischen Untergrund« ab September 2008 dadurch unterstützt, dass sie Beate Zschäpe ihre Krankenkassenkarte und ihre Personalien zur Verfügung gestellt habe. Darüber hinaus habe sie Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt zur Abholung eines Wohnmobils, das der »NSU« am 4. November 2011 beim letzten Raubüberfall in Eisenach verwendete, gefahren. Nach Auffassung des Senats wird sich auch in einer Hauptverhandlung – so das Ergebnis der Prüfung der umfassenden Ermittlungsergebnisse – nicht nachweisen lassen, dass die Angeklagte im Zeitpunkt ihrer Unterstützungshandlungen von den Morden des »NSU« wusste…“ Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Dresden vom 30.10.2024
- Keine Hauptverhandlung: NSU-Unterstützerin soll von Morden nichts gewusst haben„Weil eine Unterstützerin und Zschäpe-Vertraute wohl von den Raubüberfällen des NSU wusste, muss sie sich vor einem Landgericht verantworten. Von den Morden der Rechtsterroristen soll sie allerdings nichts gewusst haben – Indizien reichten nicht aus. (…) Vor dem Landgericht Zwickau wurde jedoch ein Verfahren wegen der Beihilfe zur besonders schweren räuberischen Erpressung eröffnet, wie das OLG weiter mitteilte. Die Angeklagte habe von den Raubüberfällen des NSU gewusst. Durch ihr Mitwirken bei der Abholung eines Wohnmobils, das der NSU am 4. November 2011 beim letzten Raubüberfall in Eisenach verwendete, habe sie billigend in Kauf genommen, Hilfe bei einem Banküberfall zu leisten…“ Meldung vom 03.11.2024 im Migazin
- Weiter im Artikel von Annette Ramelsberger und Kassian Stroh vom 28. 2. 2024 in der Süddeutschen Zeitung online
: „(…) Susann E. habe spätestens Anfang 2007 gewusst, „dass die Mitglieder des NSU unter falschen Identitäten im Untergrund lebten und zu diesem Zeitpunkt bereits rassistisch motivierte Morde sowie einige Banküberfälle begangen hatten“, so die Erkenntnisse des Generalbundesanwalts, der inzwischen eine Pressemitteilung zur Anklage veröffentlicht hat. Mehrmals habe Susann E. Zschäpe ihre Krankenkassenkarte gegeben, damit diese zum Arzt gehen konnte – oder ihre Personalien zur Verfügung gestellt, um Zschäpe eine Bahncard zu beschaffen. Zudem habe sie Zschäpe und Böhnhardt Ende Oktober 2011 zu einem Termin gefahren, um ein Wohnmobil zu mieten. (…) „Nach neueren Erkenntnissen“ habe sich der Tatverdacht gegen Susann E. weiter erhärtet, teilt der Generalbundesanwalt mit. Sie sei weiter auf freiem Fuß. Ihr Mann ist inzwischen nach eigenem Bekunden kein Neonazi mehr, hat sich ins Familienleben zurückgezogen und sich beim Aussteigerprogramm Sachsen angemeldet.“
Siehe auch:
- Dossier: Die Tricks des Oberlandesgericht München um sein NSU-Urteil („Drei und keiner mehr“) durchzubringen, sind durchsichtig – und werden heftig kritisiert…
- Dossier: Nach dem NSU-Skandalprozess in München: „Deckel zu!“ muss verhindert werden
- Dossier: [Aktionen am Tag X] Das Ende ist absehbar. Nicht des NSU, sondern der NSU-Prozesse