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[„Ernährung ist eine Klassenfrage“] Warum wir Supermärkte verstaatlichen sollten
„Lebensmittel sind keine Ware wie jede andere. Sie sind ein Grundbedürfnis. Tonnenweise Verschwendung und miese Löhne in der Lebensmittelproduktion zeigen, dass der Markt versagt. Öffentliche Supermärkte könnten das ändern. (…) Supermarktketten sind die größten Einkäufer. Ihre Entscheidungen wirken sich deshalb auf die gesamte Wirtschaft aus. Von der Frage, was landwirtschaftliche Betriebe anbauen, bis hin zur logistischen Planung von Transportunternehmen: Supermärkte bestimmen unser Lebensmittelsystem. Und dieses System funktioniert nicht. Um es zu reparieren, müssen wir die Supermärkte dem privaten Besitz entziehen. Ernährung ist eine Klassenfrage...“ Artikel von James Clark am 06.12.2021 in Jacobin.de
in der Übersetzung von Franziska Heinisch – insgesamt lesenswert! – und mehr daraus/dazu:
- Die Klassenfrage auf dem Teller: Wie der Kapitalismus die Ernährung der arbeitenden Klasse ruiniert
„Schmale 6,51 Euro pro Tag. Das ist exakt der Betrag, den der Gesetzgeber im aktuellen Regelsatz im Zuge der sogenannten Grundsicherung für die gesamte Ernährung einer alleinstehenden Person vorsieht. Der Posten »Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke« wird gerade einmal mit 34,7 Prozent des Regelsatzes berechnet. Das ergibt ein monatliches Budget von unter 200 Euro, die den Betroffenen zur Verfügung stehen, von denen täglich drei Mahlzeiten sowie die gesamten Getränke abgedeckt werden sollen. Selbst der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundeslandwirtschaftsministerium kritisiert seit Jahren, dass dieser Regelsatz für eine gesundheitsfördernde Ernährung schlicht nicht ausreicht. Eine vollwertige Ernährung beinhaltet laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der DGE, unter anderem folgende Bausteine: täglich fünf Portionen Obst und Gemüse (rund 500 Gramm), Vollkornprodukte und Nüsse sowie hochwertige Pflanzenöle, und gelegentlich sollten auch Fleisch und Fisch den Speiseplan erweitern. (…) Wer sich die eben genannten Grundpfeiler einer ausgewogenen, und damit gesundheitsfördernden, Ernährung nun ansieht, der stellt ohne Zweifel fest, dass mit einem Budget von knapp über zwei Euro pro Mahlzeit eben diese Lebensmittel aufgrund ihres ohnehin schon vergleichsweise höheren Preises sowie allgemein steigender Supermarktpreise immer seltener oder sogar nie auf den Tellern einkommensschwacher Haushalte landen. Ein Brot, eine Packung Haferflocken und etwas Aufstrich – und das Tagesbudget ist bereits erreicht. Fisch oder andere Frischeprodukte sprengen den finanziellen Rahmen sofort. Dieses limitierte Budget zwingt Betroffene faktisch, weniger auf eine ideale Versorgung mit Nähr- und Mineralstoffen sowie Vitaminen zu achten, als vielmehr auf eine annähernd ausreichende Versorgung mit Energie. Die Kaufentscheidung wird also nur noch vom Kaloriengehalt pro Euro abhängig gemacht. Folglich wird zwar die gewünschte Sättigung und Energieversorgung erreicht, die Mikronährstoffdichte hingegen bleibt auf der Strecke. Genau die ist aber präventiv einer der wichtigsten Hebel, um vor allem im steigenden Alter Erkrankungen vorzubeugen, die von der Ernährung mit bedingt sein können. Der beschriebene Regelsatz basiert auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) der unteren rund 20 Prozent der nach dem Nettoeinkommen sortierten Haushalte, die das Statistische Bundesamt und die Statistischen Landesämter regelmäßig erheben. Das System schaut also nur darauf, was die einkommensschwächsten Haushalte in der Vergangenheit durchschnittlich ausgegeben haben, prüft aber keineswegs, ob dieser Betrag unter gesundheitlichen Gesichtspunkten überhaupt ausreicht. Es ist eine reine Zirkellogik: Weil Menschen in prekären Lebensrealitäten wenig Geld für Essen zur Verfügung haben, wird angenommen, dass dieses wenige Geld als Existenzminimum ausreicht. (…) Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem erfordert genau solche Kürzungen der Leistungen des Sozialstaates. (…) Wie jede Ware im Kapitalismus sind Nahrungsmittel nicht in erster Linie ein Mittel zur Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse, sondern eines zur Realisierung von Mehrwert. Hochverarbeitete Fertigprodukte landen dabei nicht aus mangelndem Wissen im Einkaufswagen, sondern weil sie zugunsten der Profitmaximierung billig auf Kaloriendichte getrimmt sind. (…) Die Debatte um gesundheitsfördernde Ernährung darf folglich nicht als moralisierende Diskursverschiebung über individuelle Lebensstile geführt werden, sondern muss als das benannt werden, was sie ist: eine fundamentale Klassenfrage. Wer Erkrankungen, die durch Ernährung mit bedingt sind, bekämpfen will, darf nicht beim Appell an das Konsumverhalten stehen bleiben, sondern muss die Eigentums- und Verteilungsverhältnisse angreifen. Solange Nahrungsmittel primär als Waren zur Mehrwertgenerierung produziert werden und der Preis der Arbeitskraft auf das bloße Existenzminimum gedrückt wird, bleibt der Erhalt der eigenen Gesundheit ein Privileg. Die Auseinandersetzung um gesunde Nahrung, bedarfsdeckende Löhne und verkürzte Arbeitszeiten ist daher kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Punkt im Kampf um die Bedingungen der eigenen Reproduktion.“ Artikel von Timon Pfeiffer in der jungen Welt vom 18. August 2026
- Warum wir Supermärkte verstaatlichen sollten
Weiter aus dem Artikel von James Clark am 06.12.2021 in Jacobin.de
: „(…) Die kapitalistische Landwirtschaft zerstört den Ackerboden in alarmierendem Ausmaß und macht Lebensmittel weniger nahrhaft. Außerdem baut dieses Lebensmittelsystem auf die Arbeitskraft von Beschäftigten, die zu den am stärksten ausgebeuteten Arbeitskräften unserer Gesellschaft zählen. Hinzu kommt die Frage der globalen Erwärmung. (…) Staatliche Supermärkte könnten mehr leisten, als lediglich die Probleme zu lösen, die durch ein irrationales kapitalistisches Lebensmittelsystem entstehen. Sie könnten auch im Zentrum von Projekten stehen, die das Leben der arbeitenden Klasse verbessern…“