Rund sieben Millionen Menschen arbeiten in Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs – ist das noch „atypische“ Beschäftigung?

Dossier

Niedriglohn: Habe Arbeit, brauche Geld„… Rund sieben Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen, also zum Beispiel in Teilzeit mit weniger als 20 Wochenstunden oder mit einem befristeten Anstellungsvertrag. Das seien 20,9 Prozent der insgesamt 33,4 Millionen abhängig Beschäftigten, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ („NOZ“) unter Berufung auf eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes berichtet. Der Statistik zufolge gibt es außerdem 4,5 Millionen Teilzeit-Beschäftigte mit mehr als 20 Wochenstunden. (…) Die Zahlen stammen aus einer Sonderauswertung des Mikrozensus 2020 durch das Statistische Bundesamt, welche die Linksfraktion im Bundestag in Auftrag gegeben externer Link hatte. (…) Unterm Strich arbeiten laut der Linken rund 11,5 Millionen von 33,4 Millionen Beschäftigten nicht in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen…“ Meldung vom 24. September 2021 in tagesschau.de externer Link („Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs: Jeder Fünfte in „atypischer“ Beschäftigung“) und dazu:

  • CDU-Pläne gegen Teilzeit: Rückschritt in die Steinzeit 
    Zu den Plänen des CDU-Wirtschaftsflügels, den Rechtsanspruchs auf Teilzeitarbeit abzuschaffen, ein Zitat von Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied: “Dieser Vorschlag führt gleichstellungspolitisch zurück in die Steinzeit und ist auch arbeitsmarktpolitisch völlig am Ziel vorbei – es sei denn, man will Frauen, die Sorgearbeit leisten, komplett aus den Jobs raushaben. Teilzeitarbeit in Deutschland ist vor allem weiblich. Und sie ist keine Lifestylefrage, sondern die Folge davon, dass vor allem Frauen massenhaft unbezahlte Sorgearbeit leisten. Der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsflügels würde am Ende nur dazu führen, dass weniger Frauen erwerbstätig sind. Wer wirklich mehr Frauen in Vollzeitjobs will, muss dafür sorgen, dass Pflege und Kinderbetreuung gerechter organisiert werden. Genau dagegen stemmen sich aber die CDU und vor allem ihr Wirtschaftsflügel regelmäßig. Es wäre besser, wenn Frau Connemann ihre Rolle als Wirtschaftsstaatssekretärin ernster nehmen und sich mit den echten Problemen befassen würde.” DGB-Pressemitteilung vom 26. Januar 2026 externer Link, siehe zum Hintergrund:

    • Trigger-Alarm: Diesseits und jenseits der „Lifestyle-Teilzeit“- Debatte. Und warum am Ende sogar mehr Teilzeitarbeit und nicht weniger davon sinnvoll sein kann New
      “ Am Ende des ersten Monats des Jahres 2026 bekommen wir zum einen frei Haus ein Lehrbuch-Beispiel geliefert für einen Begriff, der viele Menschen „triggert“: „Lifestyle-Teilzeit“. (…) Unter der etwas irreführenden Überschrift CDU-Wirtschaftsflügel will Rechtsanspruch auf Teilzeit abschaffen konnte man lesen: »So viele Menschen wie nie arbeiten in Teilzeit – immer mehr auch freiwillig. Das sei unsolidarisch, heißt es vom CDU-Wirtschaftsflügel. Dessen Chefin will neue Regeln.« Mit Chefin ist Gitta Connemann gemeint, sie arbeitet in Teilzeit als Vorsitzende des Wirtschaftsflügels der CDU, genauer gesagt: der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) – im Hauptamt ist sie Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung. (…) Teilzeit sei richtig und notwendig – für Familien, für Pflege, für Gesundheit. Aber es gebe auch einen dramatischen Fachkräftemangel. „Deshalb müssen wir klar unterscheiden: Freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung darf nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden“, sagte Connemann. Und dann wird behauptet: So »wächst die Zahl derjenigen stark, die freiwillig in Teilzeit arbeiten. Stichwort: Work-Life-Balance. Mehr als jede fünfte weibliche Teilzeitkraft und jeder fünfte Mann wollen einfach nicht Vollzeit arbeiten.« (…) Zuerst ein Blick auf die Entwicklung der Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer nach Vollzeit und Teilzeit: (…) 1991 gab es 28,8 Millionen Vollzeitbeschäftigte – und insbesondere aufgrund des Zusammenbruchs des Arbeitsmarktes in der ehemaligen DDR verbunden mit einer massiven Deindustrialisierung in Ostdeutschland erreichte diese Zahl ihren Tiefpunkt im Jahr 2006 mit 23,2 Millionen. In den Jahren danach gab es dann wieder einen Anstieg der Vollzeitbeschäftigten bis auf 25,63 Millionen in der Spitze im Jahresdurchschnitt 2023, seitdem ist ein leichtes Absinken der Vollzeitbeschäftigtenzahl zu verzeichnen (im 3. Quartal 2025 waren es immer noch 25,37 Millionen), vor allem bedingt durch den Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie, wo es einen hohen Vollzeitbeschäftigtenanteil gibt. (…) Wenn man sich hingegen die Entwicklung der Teilzeitbeschäftigten anschaut, dann zeigt sich eine einzige Wachstumsstory. (…) Gleichzeitig muss man aber zur Kenntnis nehmen, dass der erhebliche Anstieg des Teilzeitquoten keineswegs einhergeht mit einem sinkenden Arbeitsvolumen (gemessen an den geleisteten Arbeitsstunden). Im Jahr 2024 wurde der bisherige Rekordstand beim Arbeitsvolumen gemessen. (…) Die steigende Teilzeitarbeit ist nicht damit verbunden, dass Menschen, die bislang Vollzeitarbeit geleistet haben, ihre individuelle Arbeitszeit verkürzt haben (was sicher in dem einen oder anderen Fall passiert ist) – sondern viele Menschen, vor allem Frauen und darunter Mütter mit kleinen Kindern – die früher vollständig aus dem Erwerbsarbeitsleben ausgeschieden sind – arbeiten mittlerweile (zusätzlich) in Teilzeit und vergrößern damit das Arbeitsvolumen. Eine Zunahme der Teilzeitarbeit geht einher mit einer steigenden Erwerbsbeteiligung. 2025 lag die Erwerbsbeteiligungsquote der Frauen bei 74 Prozent – damit zählt sie zu den höchsten in der Europäischen Union. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass seit den 1990er Jahren das Qualifikationsniveau der Frauen deutlich angestiegen ist. (…) Hinzu kommt mit Blick auf die Ausgangsforderung, das Recht auf eine Verkürzung der Arbeitszeit in bestimmten Fällen abzuschaffen, der Tatbestand, dass es bereits heute in einem nicht geringen Umfang „unfreiwillige Teilzeit“ gibt, bei der die Betroffenen mehr arbeiten möchten, aber kein entsprechendes Angebot seitens der Arbeitgeber bekommen. Man denke hier auch an ganze Branchen, die bewusst nur Teilzeitbeschäftigung, teilweise sogar nur Minijobs anbieten und abrufen wollen. (…) Wenn man solche Szenarien bedenkt, dann wird zusätzlich erkennbar, wie desaströs die von einigen Wirtschaftsfunktionären und Politikern angestoßene und vorangetriebene Debatte über irgendwelche Einschränkungen ist. Das ist völlig kontraproduktiv vor dem Hintergrund, dass wir mehr Teilzeitarbeit brauchen (werden) – nicht für alle und nicht als ein starres (industrielles) Arbeitszeitregime mit x Tagen zu y Stunden für alle, sondern hochgradig individualisiert und flexibilisiert für bestimmte Personengruppen. Und für die muss Teilzeitarbeit attraktiv gemacht und nicht schlecht geredet werden. Würde man diesen Weg konsequent weitergehen, dann würde sich alsbald zeigen, dass die Teilzeiter in ihren Stunden sehr produktiv sind – und teilweise produktiver als diejenigen, die auf dem Papier Vollzeit arbeiten. Vor diesem Hintergrund kann man zu dem Vorstoß aus Teilen der CDU nur bilanzieren: Sie haben ein grandioses Eigentor geschossen.“ Beitrag von Stefan Sell vom 1. Februar 2026 auf seiner Homepage externer Link
    • Die CDU hat keine Ahnung, warum Menschen in Teilzeit gehen – Stress und Überlastung treiben Beschäftigte in die Arbeitszeitverkürzung New
      „… Teile der CDU wollen das derzeitige Teilzeitrecht einschränken. „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“, heißt es in einem Papier der Wirtschaftsunion. (…) Dass es anders geht, zeigt eine Agentur in Bielefeld. 2017 führte Firmengründer Lasse Rheingans in seiner Agentur Fünf-Stunden-Tage ein. Gehalt und Urlaubstage blieben gleich. Das Team arbeitete laut ihm „hochkonzentriert“ von 8 bis 13 Uhr. Die Agentur schaffte trotz weniger Zeit die gleiche Leistung und machte schon im ersten Jahr Gewinn. Damit hatte Rheingans selbst nicht gerechnet. „Niemand kann sich acht Stunden ohne Unterbrechung konzentrieren“, sagte er vor Jahren. (…) Er hat erkannt, dass Arbeiten nicht automatisch zu einem Ergebnis führt. (…) Was bei den Diskussionsbeiträgen der CDU außen vor bleibt, sind die Arbeitsbedingungen, die Menschen krank machen. Oder Beschäftigte, die es finanziell regeln können, dazu bringt, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Im Pflegebereich lautet das Motto „Flucht in die Teilzeit“. (…) „Aktuell ist unsere Gesellschaft von Veränderungen geprägt, die erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit in den Unternehmen haben“ erläutert Eva Aich, Gewerbeaufsichtsbeamtin in der Bezirksregierung Düsseldorf. Die Betrachtung der Arbeitsintensität ist dabei eine wichtige Aufgabe, um eine Überlastung der Beschäftigten zu vermeiden. Digitalisierungsprozesse, der Einsatz von KI oder Robotik betreffen Produktion, Handel und Dienstleistungen. (…) Im Dienstleistungssektor, dem größten Beschäftigungssegment, fallen gravierende Probleme auf. Über die Hälfte der Befragten ist in hohem Maß von Arbeitshetze und Zeitdruck betroffen. Nur ein Drittel geht nie krank zur Arbeit. Das sind zentrale Ergebnisse der Analyse des „DGB-Index Gute Arbeit“. (…) Die Vorstellung, eine Abschaffung der derzeitigen Gesetze zur Teilzeit reduziere den Fachkräftemangel, ignoriert all diese Untersuchungen.“ Beitrag von Marcus Schwarzbach vom 8. Februar 2026 bei Telepolis externer Link
    • Zeit ist Macht: Was die Debatte um Lifestyle-Teilzeit übersieht
      Geringverdiener arbeiten Monate für ein Alltagsauto, Spitzenmanager verdienen es in Tagen. Ungleichheit zeigt sich nicht nur im Geld, sondern in Lebenszeit. Die Diskussion um „Lifestyle-Teilzeit“ zeigt: Es geht nicht um faule Arbeitnehmer. Es geht um die Frage, wer sich Zeit überhaupt leisten kann – und wer sie verkaufen muss. (…)
      Für Menschen mit hohem Einkommen bedeutet Teilzeit Zeitgewinn und Selbstverwirklichung. Für Geringverdienende bedeutet sie sofortiges finanzielles Risiko und Verzicht. Die Bedeutung von Teilzeit hängt vom Einkommen ab. Wer gut verdient, kann sich Zeit leisten. Wer wenig verdient, muss sie verkaufen.
      Wenn Geldsorgen das Denken blockieren
      Die eigentliche soziale Spaltung verläuft nicht zwischen Vollzeit und Teilzeit. Sie verläuft zwischen jenen, die im „Gestaltungsmodus“ leben, und jenen, die durch hohe Fixkosten im „Absicherungsmodus“ gefangen sind
      …“ Beitrag von Andrej Simon vom 29. Januar 2026 auf Telepolis externer Link
    • Ab jetzt bitte Vollzeit! CDU-Wirtschaftsflügel will Rechtsanspruch auf Teilzeit abschaffen
      So viele Menschen wie nie arbeiten in Teilzeit – immer mehr auch freiwillig. Das sei unsolidarisch, heißt es vom CDU-Wirtschaftsflügel. Dessen Chefin will neue Regeln. Während die deutsche Wirtschaft in eine strukturelle Krise taumelt, arbeiten so viele Deutsche wie nie zuvor in Teilzeit – viele von ihnen freiwillig. Im vergangenen Jahr überschritt die Teilzeit-Quote erstmals die 40-Prozent-Marke. Zum Vergleich: Anfang der Neunziger Jahre hatten noch mehr als als 80 Prozent der Deutschen Vollzeit gearbeitet. Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeit daher abschaffen. Auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar soll der Antrag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ beschlossen werden. Er liegt dem stern vor…“ Artikel von Julius Betschka vom 25. Januar 2026 im Stern online externer Link
    • und auch das Dossier: Elternschaft verstärkt Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland – für Männer zeigt sich ein umgekehrter Trend und von 2023: Lebensqualität, Familie und Gesundheit wichtiger als Geld: Warum die meisten Fachkräfte in Teilzeit bleiben wollen
  • Weg mit dem Minijob! Ran an die unbequemen Fragen. Der Minijob sorgt für Ungerechtigkeit – und hält Frauen in der klassischen Rollenverteilung gefangen
    „Unser Steuer- und Sozialabgabensystem ist hochgradig ungerecht. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Eines: die sogenannten Minijobs. Der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion, Stefan Nacke, bezeichnete sie in der Süddeutschen Zeitung als „Systemfehler“. Durch sie würden Kosten der Absicherung von Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit auf die Allgemeinheit verlagert. Und sie würden Menschen aus regulären Jobs fernhalten. Auch viele andere wollen Minijobs nun abschaffen. Recht haben sie. Beim klassischen Minijob, im Sozialversicherungsjargon als geringfügige Beschäftigung bezeichnet, darf ein Mensch pro Monat für maximal 556 Euro einer Beschäftigung nachgehen, ohne dass Abgaben, wie für die Krankenkasse, fällig werden. Dabei muss er mindestens nach Mindestlohn bezahlt werden – er könnte aber auch einfach pro Monat eine Stunde arbeiten und dafür 556 Euro in Rechnung stellen. (…) Ein Minijob kann auch als Nebenbeschäftigung zusätzlich zum eigentlichen Job ausgeübt werden. Es kann also jede:r normale Arbeitnehmer:in jeden Monat über 500 Euro steuer- und abgabenfrei dazuverdienen. Und darin liegt eine große Ungerechtigkeit: Würde jemand zum Beispiel seine Arbeitszeit so reduzieren, dass er:sie 500 Euro monatlich weniger verdient, und dann via Nebenjob wieder 500 Euro dazuverdienen, hätte er:sie brutto wieder genauso viel, netto aber deutlich mehr. (…)
    Minijobs sind außerdem auch ein feministisches Thema. Die OECD hat Deutschland bereits für seine Arbeitsmarktpolitik gerügt, unter anderem wegen der geringen Anreize für Frauen, Vollzeit zu arbeiten. Das hat zahlreiche Gründe, zwei davon sind Minijobprinzip und Ehegattensplitting. Denn arbeitet eine verheiratete Frau mehr als die 556 Euro, muss sie selbst in die Krankenkasse einzahlen und ist nicht mehr über ihren Mann mitversichert. Ihr Einkommen wird zudem auf das ihres Mannes aufgeschlagen, sodass eine höhere Steuerschuld entsteht. Beim Minijob zählt das Geld hingegen für das Finanzamt als gar nicht verdient. Sofern eine Frau also nicht insgesamt viel verdient, entsteht schnell ein Nullsummenspiel oder der effektive Stundenlohn der Frau ist sehr gering. Der Minijob hält Frauen also in der klassischen Rollenverteilung fest. Und dann wäre da nicht zuletzt das Problem, dass zahlreiche Menschen in Minijobs gefangen sind, die eigentlich lieber mehr arbeiten und verdienen würden, denen solche Jobs aber nicht angeboten werden – dazu tragen auch Minijobs bei. Denn durch die müssen Arbeitgeber:innen weniger Lohnnebenkosten leisten. (…)
    Der Minijob gehört also auf den Prüfstand – um auch an die großen, unbequemen Fragen ranzugehen: Warum müssen Menschen, die noch nicht einmal genug für die Lebenshaltungskosten verdienen, überhaupt Abgaben zahlen? Warum ist eine verheiratete Frau, die keinem Beruf nachgeht, über ihren Mann versichert (was übrigens durch einen Steuerzuschuss finanziert wird), während sich eine unverheiratete Frau selbst versichern muss, selbst wenn sie kein Einkommen hat und zugleich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Bürgergeld (solche Fälle gibt es öfter, als man denkt)? Warum haben wir nicht einfach ein steuerfinanziertes Krankenversicherungssystem anstatt unseres Beitragssystems mit zahlreichen Ausnahmen und Sonderregeln?“
    Artikel von Eva Fischer vom 12. November 2025 in der taz online externer Link
  • Wenn die Teilzeitquote die 40-Prozent-Marke überschreitet, kann es in Merz-Deutschland nur an mangelnder Arbeitsbereitschaft, gar Faulheit liegen – leider nicht
    • Teilzeitquote überschreitet erstmals die 40-Prozent-Marke
      Die Teilzeitquote stieg kräftig um 0,5 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresquartal und erreichte im zweiten Quartal 2025 mit 40,1 Prozent einen neuen Rekordwert. Dies geht aus der am Dienstag veröffentlichten Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten erhöhte sich gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,3 Prozent, die der Vollzeitbeschäftigten hingegen sank leicht um 0,7 Prozent. Der Anstieg der Zahl der Teilzeitbeschäftigten ist auf die reguläre Teilzeit zurückzuführen, da die geringfügige Beschäftigung erneut rückläufig war. „In den 90ern war Teilzeit noch die Ausnahme, heute ist sie mit 17 Millionen Beschäftigten Normalität. Erstmals überschreitet die Teilzeitquote die 40-Prozent-Marke“, berichtet Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“…“ Presseinformation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom 02.09.2025 externer Link
    • Sarah Yolanda Koss über die rasant steigende Teilzeitquote: Faul sein könnte wunderbar sein
      Quasi durch die Decke geht die Teilzeitquote in Deutschland – erstmals liegt sie bei über 40 Prozent. Das sind gute Nachrichten für so manchen Mann hierzulande, der zum großen Teil freiwillig und wegen dem Wunsch nach mehr Freizeit weniger arbeitet. Zurecht, schließlich ist faul sein wunderschön, wie schon Pippi Langstrumpf besang. Schlechte Nachrichten sind das dagegen für Frauen und Personen in Engpassberufen. Sie landen vor allem wegen Mehrfachbelastungen wie Kinderbetreuung oder Pflege in der Teilzeit (auch bei Pippi backt die Mutter schließlich während der Faulenzerei den Kuchen) – oder weil sie die hohe Arbeitsbelastung dorthin treibt…“ Kommentar von Sarah Yolanda Koss vom 02.09.2025 in ND online externer Link
    • Ist Teilzeit wirklich Faulheit – oder der Spiegel einer veralteten Politik? Eine Analyse zeigt, wie überholte Strukturen Arbeit in Deutschland prägen
      „Es ist eine endlose Diskussion. Wieder und wieder diskutieren die Deutschen über den Fleiß im Land. (…) Tatsächlich hat sich die Arbeitswelt verändert. (…) Die Zahlen allein erzählen jedoch nicht die Geschichte, die derzeit politisch geschrieben wird. (…) Teilzeit gilt demnach vielen nicht als Ergebnis individueller Lebensplanung, sondern als Ausdruck mangelnder Arbeitsbereitschaft. Frauen, die Kinderbetreuung und Beruf kombinieren, geraten in dieser Rhetorik ebenso unter Verdacht wie Menschen, die Arbeitszeitreduktion als Antwort auf eine belastende Erwerbsbiografie begreifen. (…) Fachleute wie Hans Rusinek und Enzo Weber weisen auf tieferliegende Probleme hin: das Steuersystem, das Arbeit hoch, Kapital jedoch niedrig besteuert; fehlende Kinderbetreuungsangebote; Karrierehindernisse für Frauen, die nach Familienpausen zurückkehren wollen. (…) Die Diskussion über Arbeitsmoral wird so zum Stellvertreterstreit über gesellschaftliche Prioritäten. Während Politiker den Niedergang der Vollzeitquote als Alarmzeichen werten, verweisen Fachleute darauf, dass Beschäftigung trotz Krise Rekordniveau erreicht hat – allerdings zu veränderten Bedingungen. (…) Ein Land, das Flexibilität fordert, erlebt nun die Kehrseite dieser Forderung: Erwerbsbiografien werden brüchiger, Lebensentwürfe individueller, und die klassische Vollzeitnorm verliert an Zugkraft. Was bleibt, ist ein Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und realer Arbeitswelt. Die Debatte über Teilzeit wird so nicht nur zu einer Auseinandersetzung über Produktivität, sondern auch über gesellschaftliche Erwartungen. Dass Deutschland mehr arbeitet als je zuvor, nur anders verteilt, passt kaum ins politische Narrativ. Lieber hält man an der Parole fest, dass es am Willen fehle.“ Beitrag von Andrej Simon vom 9. September 2025 in Telepolis externer Link
    • Siehe auch unser Dossier: Mehr Zeit für Alle! Gute Gründe, die Lohnarbeit zu reduzieren, gibt es viele. Doch nur wenige können sich das gegenwärtig auch leisten
  • Die „atypische“ Beschäftigung schrumpft (weiter). Drei von vier „Kernerwerbstätigen“ sind normal beschäftigt
    „Da kommen positive Nachrichten aus dem Statistischen Bundesamt. Nach Angaben der Bundesstatistiker lag der Anteil atypisch Beschäftigter an allen „Kernerwerbstätigen“ im Jahr 2024 bei 17,2 Prozent. Damit hält der kontinuierliche Rückgang seit Beginn der 2010er Jahre an (…) Kernerwerbstätige sind Erwerbstätige im Alter von 15 bis 64 Jahren, ohne Personen in Bildung, Ausbildung oder Freiwilligendiensten. Kernerwerbstätige werden unterschieden in Selbstständige, sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis oder in atypischer Beschäftigung. (…) Bezieht man die atypisch Beschäftigten auf alle Kernwerbstätige, dann zeigt sich das folgende Bild: (…) Im Jahr 2010 hatte der Anteil atypisch Beschäftigter noch bei 22,6 Prozent gelegen. In diesem Zeitraum ist bei allen Formen der atypischen Beschäftigung ein Rückgang zu verzeichnen: Der Anteil befristet Beschäftigter sank von 8,1 Prozent auf 5,9 Prozent, der von Teilzeitbeschäftigten bis 20 Wochenstunden von 14,1 Prozent auf 10,9 Prozent und der von geringfügig Beschäftigten von 7,2 Prozent auf 4,2 Prozent. Zeitarbeit erreichte 2017 seinen größten Beschäftigungsanteil mit 2,5 Prozent. Im Jahr 2024 lag er bei 2,1 Prozent. Der auch 2024 deutlich höhere Anteil von Frauen in atypischer Beschäftigung von 25,0 Prozent gegenüber den 10,2 Prozent bei den Männern lag vor allem an der Teilzeitbeschäftigung mit einem Umfang von bis zu 20 Stunden pro Woche. 19,4 Prozent der Frauen in Kernerwerbstätigkeit gingen einer solchen Beschäftigung nach, aber nur 3,4 Prozent der Männer. Zudem waren Frauen mit 6,5 Prozent deutlich häufiger geringfügig beschäftigt als Männer (2,2 Prozent). Knapp drei von vier (74,8 Prozent) Kernerwerbstätigen waren 2024 in einem Normalarbeitsverhältnis beschäftigt. Im Jahr 2010 war der Anteil mit 65,8 Prozent noch deutlich geringer. Der Anstieg ist unter anderem auf die Teilzeitbeschäftigung mit mehr als 20 Wochenstunden zurückzuführen, deren Anteil zwischen 2010 und 2024 von 7,3 Prozent auf 14,1 Prozent gestiegen ist. Der Anteil der Selbstständigen unter den Kernerwerbstätigen lag 2024 bei 7,9 Prozent. Ihr Anteil ist seit 2010 langsam und kontinuierlich von 11,1 Prozent um gut 3 Prozentpunkte gesunken. Die strukturelle Verschiebung am deutschen Arbeitsmarkt zeigt sich mit Blick auf die absoluten Zahlen noch deutlicher. Während zwischen 2010 und 2024 fast 4,8 Millionen Normalbeschäftigte hinzugekommen sind, ging die Zahl der atypisch Beschäftigten um rund 1,5 Millionen zurück.“ Beitrag von Stefan Sell vom 26. Juni 2025 auf seiner Homepage externer Link
  • IAB-Studie: Arbeitslos – und dann? Die neuen Jobs sind meistens atypische Beschäftigungen
    „Was passiert, nachdem Menschen arbeitslos geworden sind? Tatsächlich sind die weiteren Erwerbsverläufe höchst unterschiedlich. Der dauerhafte Sprung in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung gelingt den meisten Betroffenen zunächst nicht. Vielmehr findet sich die Mehrzahl in den ersten vier Jahren nach Eintritt der Arbeitslosigkeit in atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie befristeter Beschäftigung, Teilzeit, Leiharbeit oder Minijobs wieder, nicht selten unterbrochen von Phasen erneuter Arbeitslosigkeit. Welche Rolle spielt atypische Beschäftigung für Arbeitslose im weiteren Erwerbsverlauf? Dieser Frage sind die Autor*innen dieses Beitrags in einer aktuellen Studie nachgegangen. (…) Im Schnitt waren die Personen aus der Stichprobe, die zunächst alle arbeitslos waren, in den vier Jahren nach Eintritt der Arbeitslosigkeit insgesamt 15 Monate arbeitslos. Davon entfielen neun Monate auf die anfängliche Arbeitslosigkeit und sechs Monate auf erneute Arbeitslosigkeit (…). 80 Prozent gelangt es, in dieser Zeit zumindest vorübergehend eine Beschäftigung aufzunehmen (…). Dies weist zwar auf eine rege Arbeitsmarktbeteiligung hin, aber viele Biografien sind instabil: Insgesamt waren die Verläufe nach Beendigung der ersten Arbeitslosigkeit recht unbeständig. Im Schnitt gab es fast vier (3,7) Wechsel zwischen verschiedenen Erwerbszuständen, beispielsweise zwischen registrierter Arbeitslosigkeit und befristeter Beschäftigung. Mehr als die Hälfte der betrachteten Personen wurde mindestens einmal erneut arbeitslos, ein Viertel sogar noch häufiger. Dementsprechend waren viele Beschäftigungsaufnahmen nicht von Dauer: Mehr als die Hälfte der Betroffenen war innerhalb von vier Jahren mehrmals erwerbstätig. (…) Bei der Aufnahme einer neuen Erwerbstätigkeit spielte atypische Beschäftigung eine große Rolle: Die Personen aus der Stichprobe waren durchschnittlich neun Monate regulär in Vollzeit tätig und übten 15 Monate eine atypische Beschäftigung aus. 66 Prozent waren mindestens einen Monat lang atypisch beschäftigt und 38 Prozent übten mindestens einmal eine regulären Vollzeitbeschäftigung aus. (…) Daneben zeigt sich eine hohe Bedeutung atypischer Beschäftigung: Für sieben der zehn typischen Erwerbsverläufe, und damit für 62 Prozent der anfänglich Arbeitslosen, spielte atypische Beschäftigung eine wichtige Rolle. (…) Nur jeder Fünfte war nach vier Jahren unbefristet in Vollzeit beschäftigt (…) Besonders Arbeitslose in der Grundsicherung schaffen den Übergang in eine stabile Vollzeitbeschäftigung nicht…“ Beitrag von Torsten Lietzmann und Katrin Hohmeyer vom 7. Mai 2025 beim IAB-Forum externer Link
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=193719
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