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„Billigflaggen“ ermöglichen Ausbeutung und Umweltverschmutzung auf hoher See
Dossier
„90 Prozent des Welthandels findet heute auf dem Seeweg statt. Auf den Schiffen steht es um ArbeitnehmerInnen- und Umweltschutz oft sehr schlecht. Grund dafür ist auch eine Rechtslücke: Reedereien steht es frei, den Flaggenstaat ihrer Schiffe zu wählen und sich so geltende Arbeits- und Umweltstandards quasi auszusuchen. Auf einem Schiff gilt das Recht des Flaggenstaates. Also das Recht jenes Staates, dessen Flagge auf dem Schiff gehisst ist. Durch diese Besonderheit des Seerechtes ist ein Wettbewerb zwischen Flaggenstaaten entstanden. Staaten mit sogenannten offenen Registern buhlen um Reedereien. Offenes Register heißt, dass es jeder Reederei freisteht, die Flagge des Landes anzunehmen – auch wenn keine weitere „echte Verbindung“ zwischen Person und Land besteht…“ Aus dem Artikel von Hans Heyduck vom 30. Juli 2019 im A&W-Blog des ÖGB
, siehe mehr daraus und dazu:
- ITF-Aufruf gegen Ausbeutung von Seeleuten anlässlich der Meerenge von Hormus: Das System der Billigflaggen ist kaputt, wir haben genug davon
„Die Gewerkschaften der Seeleute und Hafenarbeiter weltweit fordern ein sofortiges Ende der humanitären Krise der Seeleute – sie appellieren an die Regierungen, gegen das System der Billigflaggen vorzugehen, das Ausbeutung ermöglicht und den Schutz der Seeleute vernachlässigt.
Die Seeleutegewerkschaften aus aller Welt versammelten sich im Rahmen des ITF-Ausschusses für faire Praktiken in einer beispiellosen Solidaritätsbekundung, um ein sofortiges Ende der humanitären Krise zu fordern, mit der Seeleute im Persischen Golf konfrontiert sind.
Die Gewerkschaften bekräftigen die Forderung der ITF nach einem dauerhaften Waffenstillstand und einer vollständigen Deeskalation durch alle Parteien sowie nach der dringenden Einleitung diplomatischer Bemühungen auf der Grundlage des Völkerrechts. Sie verurteilen die illegalen Bombenangriffe Israels und der Vereinigten Staaten sowie die darauf folgenden Vergeltungsschläge des Iran in der gesamten Region, die gegen die grundlegendste Regel des Völkerrechts verstoßen: das Verbot der Gewaltanwendung.
Mehr als 20.000 Seeleute sitzen nach wie vor in der Straße von Hormus fest, sind von Angst und Unsicherheit geplagt, von ihren Familien abgeschnitten und haben in vielen Fällen kaum noch Vorräte an Lebensmitteln, Wasser und Treibstoff. (…)
Die ITF und unsere Mitgliedsgewerkschaften kämpfen seit Jahrzehnten gegen das System der Billigflaggen. Wir haben dieses System benannt, Kampagnen dagegen geführt, seine menschlichen Folgen dokumentiert und von den Regierungen Maßnahmen zu seiner Abschaffung gefordert.
Wir sagen es jetzt noch einmal ganz deutlich: Das FOC-System ist der faulige Apfel im Kern der Ausbeutung von Seeleuten. In dieser Krise ist es die Ursache für viele der Missstände, mit denen unsere Inspektoren und Unterstützungsteams täglich konfrontiert sind. Es ist die Struktur, die die Schattenflotte ermöglicht, die für die rekordverdächtigen Zahlen bei der Aussetzung von Seeleuten verantwortlich ist und die den schlimmsten Missständen im Zusammenhang mit der Covid-19-Krise beim Besatzungswechsel zugrunde liegt. Und die Regierungen haben sich Jahr für Jahr, Krise für Krise dafür entschieden, die Seeleute im Stich zu lassen.
Das System ist kaputt, wir haben die Beweise.
Seit Beginn des Krieges zwischen den USA/Israel und dem Iran hat die ITF über 2.200 Hilfsgesuche von Seeleuten aus der Region erhalten. Die Hälfte davon betrifft ausstehende Löhne und vertragliche Ansprüche; rund 20 % sind Rückführungsanträge; und etwa 10 % betreffen Schiffe, denen lebenswichtiger Treibstoff und Vorräte fast vollständig ausgegangen sind. Bis heute hat die ITF bei der Rückführung von mehr als 540 Seeleuten geholfen…“ engl. Aufruf vom 14. Mai 2026 bei ITF
(maschinenübersetzt)
- Siehe zum aktuellen Hintergrund das Dossier: Krieg im Iran und im Nahen Osten: Widerstand gegen Angriffe auf zivile Seeleute in der Straße von Hormus und „Todespapiere“ griechischer Reeder
- Internationaler Seehandel: »Sie wollen die Waren, und sie wollen sie billig«. Ohne Bezahlung auf hoher See: Reeder setzen auf Billigflaggen und lassen Crews an Bord zurück
Im Gespäch mit Niki Uhlmann in der jungen Welt vom 5. März 2025
erläutert der Koordinator des Inspektorats bei der International Transport Workers, Steve Trowsdale, die Berichtsergebnisse zu den allein 2024 312 nicht bezahlten Crews und Schiffe: „In den vergangenen Jahren haben wir Transportarbeiter deutlich proaktiver für das Problem sensibilisiert. Dank unserer Seminare erkennen sie früher, wenn sie und ihre Crew zurückgelassen werden. Das macht die Runde. Viele Schiffsleute haben Freunde oder Kollegen auf anderen Schiffen. Zudem klären wir in sozialen Medien mehr über das Thema auf, insbesondere bei Facebook, wo viele Transportarbeiter aktiv sind, um mit ihrer Heimat in Kontakt zu bleiben. So wurden auch andere Medien und mit ihnen Konzerne und die Öffentlichkeit darauf aufmerksam. (…) Eine signifikante. Schiffseigner sind an die Regeln und Gesetze des Landes gebunden, dessen Flagge sie nutzen. Das System der Billigflaggen ermöglicht es, in Länder zu flüchten, die kaum Vorschriften und Kontrollen vorsehen. Davon haben einige keine maritime Industrie, manche nicht mal eine Küste. Dort können Steuern und arbeitsrechtliche Mindeststandards umgangen werden. Tausende Konzerne machen davon Gebrauch. Unter den Billigflaggen von Panama, den Marshallinseln und Liberia segeln rund 15.000 Schiffe. (…) Schon bei zwei Monaten ohne Bezahlung gilt eine Crew nach dem internationalen Seearbeitsübereinkommen als verlassen. Letztes Jahr lagen uns 3.133 einzelne Fälle vor. Ihnen schuldete man 20 Millionen US-Dollar. Etwa elf davon wurden inzwischen ausgezahlt. Auf den Schiffen dürften aber deutlich mehr Arbeiter sein. Viele kommen nicht zu uns, weil sie Angst haben, ihre finanzielle Existenz zu verlieren. Die einzelnen Gewerkschaften organisieren Arbeitskämpfe. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Die ITF beschlagnahmt gelegentlich Schiffe. Im Moment haben wir zwei in Kapstadt festgesetzt, auf denen sich etwa 90 Besatzungsmitglieder befinden. Das können wir aber nicht bei allen 312 Schiffen machen. Die Kosten sind einfach zu hoch. Zudem kontaktieren wir die Reedereien, üben Druck auf die Schiffseigner aus und melden Arbeitsrechtsverstöße bei der Internationalen Arbeitsorganisation. (…) Wenn man die Regierungen nicht dazu bringen kann, Sorgfaltspflichten vorzuschreiben, dann können andere Organisationen nicht viel tun. Einige Länder dieser Welt interessiert es nicht, dass Schiffe unter Billigflaggen ihre Häfen anlaufen. Sie wollen die Waren, und sie wollen sie billig. Für die Menschen an Bord, die diese Waren liefern, haben sie wenig Respekt. Aber das sind Menschen, die Familien haben, die von ihnen abhängig sind. Wenn Konzerne ihre Beschäftigten zwei, vier Monate oder gar 16 Monate lang nicht bezahlen: Wie soll da die Familie zu Hause überleben?“ - ITF: 2024 ist das schlimmste Jahr, in dem Seeleute im Stich gelassen wurden
„Neue Daten der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) zeigen, dass die Zahl der von Schiffseignern im Stich gelassenen Seeleute im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 87 % gestiegen ist. Die Überlassung von Seeleuten gerät immer mehr außer Kontrolle und hat sich fast verdoppelt: 2024 wurden 3.133 Seeleute von Reedern im Stich gelassen, verglichen mit 1.676 im Jahr 2023. Insgesamt 312 Schiffe wurden im letzten Jahr aufgegeben, verglichen mit 132 Schiffen im Jahr 2023 – ein atemberaubender Anstieg um 136 %. Achtundzwanzig Schiffe waren im selben Jahr für die Aufgabe mehrerer Besatzungen verantwortlich, wobei drei Schiffe dreimal und 25 zweimal gemeldet wurden. Ein ITF-Bericht, der der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) vorgelegt wurde, beschreibt den sprunghaften Anstieg der gemeldeten Zurücklassungen und verdeutlicht das Versagen des Systems der Billigflaggen, das für die anhaltende Straffreiheit bei Verstößen gegen die Rechte von Seeleuten ausschlaggebend ist…“ engl. Meldung vom 23. Januar 2025 von ITF
- „Billigflaggen“ ermöglichen Ausbeutung und Umweltverschmutzung auf hoher See
Weiter aus dem Artikel von Hans Heyduck vom 30. Juli 2019 im A&W-Blog des ÖGB
: „(…) Zu den sogenannten Billigflaggen zählen neben Panama vor allem Liberia, aber auch Länder wie Nordkorea und sogar die Mongolei, wohlgemerkt ein Binnenstaat. Insgesamt arbeiten etwa 1,5 Millionen Menschen in der Branche, für 300.000 von ihnen hat die International Transport Workers‘ Federation (ITF) einen Tarifvertrag verhandeln können. Zwischen den Flaggenstaaten herrscht mittlerweile ein „Race to the bottom“. Auch die panamaische Flagge hat schon negative Aufmerksamkeit wegen schlechter Arbeitsbedingungen erfahren. Die Flaggenstaaten helfen des Weiteren ReederInnen dabei, ihre Identität zu verschleiern, es gibt Verbindungen zu terroristischen Netzwerken und Menschenhandel. (…) Die ITF prangert schon seit vielen Jahren die Bedingungen auf den Schiffen, die unter Billigflaggen fahren, an. ArbeiterInnen auf den Schiffen sind oft unzureichend ausgebildet; 80 Prozent der Unfälle auf hoher See sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Ein großes Frachtschiff hat eine Besatzung von 20 bis 25 Seeleuten. Die Offiziere stammen oftmals aus Osteuropa, die Matrosen in den meisten Fällen aus Niedriglohnländern in Asien. Den Seeleuten wird teilweise verboten, Gewerkschaften und dem ITF beizutreten, weshalb sich die Verhältnisse auf den Schiffen kaum ändern…“ - Das brutale System der Billigflaggen
„Um Kosten zu sparen, müssen Schiffsmatrosen bei der Ladungssicherung mithelfen anstatt Ruhezeiten einzulegen. Dahinter steckt das System der sogenannten Billigflaggen – und das hat gefährliche Folgen. Die Eisenstange, mit der Container auf einem Frachtschiff festgezurrt werden, wiegt 28 Kilogramm. „Laschstange“ wird sie genannt, das Sichern der Ladung ist das Laschen. Hafenarbeiter kennen sich damit aus. In einer Schicht sichern sie rasch Hunderte Container und wissen, wann es gefährlich wird. Dennoch kommt es in jüngster Zeit vermehrt zu Unfällen. Schulterbrüche und Rippenprellungen durch sich lösende Metallstangen hat es gegeben, im Hamburger Hafen kam es sogar zu einem Todesfall. (…) Der Grund für diese Vorfälle lässt aufschrecken: Reeder setzen Schiffsmatrosen für diese Arbeit ein. Philippinos, die aus der Schiffscrew stammen und in den Seehäfen eigentlich Ruhezeiten einlegen sollten, werden dazu genötigt. (…) Möglich wird die harte Gangart der Reeder dadurch, dass Firmen ihre Schiffe unter Billigflaggen fahren lassen, die wiederum geringe Arbeits- und Lohnstandards vorschreiben. Von den 2355 Frachtschiffen im Eigentum deutscher Gesellschaften sind laut Zahlen des Reederverbands gerade noch 178 Schiffe unter deutscher Flagge unterwegs. Vor ein paar Jahren waren dies noch drei Mal so viele. Das heißt: 90 Prozent der Handelsschiffe, die deutschen Reedereien oder Fondsgesellschaften gehören, tragen heute bunte Flaggen aus Liberia, Antigua, Panama oder den Marshall-Inseln am Heck…“ Artikel von Birger Nicolai vom 4. September 2017 bei der Welt online
Siehe auch:
- [Kampagne Fair übers Meer!] „Seeleute sind Teil der Lieferkette!“
- unser Dossier: Reeder nutzen Pandemie als Gelegenheit für Entlassungen von Seeleuten und Lohndumping. Gewerkschaftsbund ITF fordert besseren Schutz
- Von 2012: Deutsche Reeder sind Weltmeister im Ausflaggen unter Billigflaggen – Beschäftigung und Ausbildung werden missachtet
- Und vielemehr in der Rubrik Transportwesen: Hafen, Schiffe und Werften