express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und GewerkschaftsarbeitManche sehen in der Logistik das Herz der Kapitallogik, doch was zur Logistikbranche zählt und welche Entwicklungen damit verbunden sind, ist noch umstritten: Während die einen gebannt auf die Rationalisierungseffekte von »Industrie 4.0« starren, scheint sich für andere eher eine Zunahme arbeitsintensiver Produktionsprozesse abzuzeichnen – mit jeweils unterschiedlichen Folgen für Beschäftigte und politischen Implikationen. Im Rahmen unserer Logistik-Reihe dokumentieren wir im Folgenden das Interview mit einem Aktivisten des Leipziger Streiksoli-Bündnisses, das sich seit fünf Jahren um Unterstützung der Amazon-Beschäftigten bemüht und dabei eine Vielzahl kreativer Protestformen entwickelt hat...” Interview erschienen in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 3/2018:

Subversiv: bei Grün gehen. Bewegung(en) im Amazon-Streik – ein Gespräch
mit Anton Kramer vom Streiksoli-Bündnis Leipzig

Frage: Wer seid Ihr, welche politischen Vorgeschichten habt Ihr, und wann seid Ihr als Soli-Bündnis aktiv geworden?

Anton Kramer: Ein paar von uns waren, bevor sie im Streiksolibündnis aktiv wurden, in den typischen linksradikalen Gruppen Mitglied, die einmal im Jahr eine Vortragsreihe und eine Demo organisieren. Bestenfalls klappt es, das alles in einer Jahreskampagne zusammen zu bringen. Ein Jahr ohne Kampagne ist dann ein verlorenes Jahr. Auf diese Politik hatten wir keine Lust mehr. Denn es fehlen dabei vor allem zwei Dinge:

Zum einen findet diese linksradikale Politik immer in einem bestimmten Milieu statt: linke Studierende und ihre FreundInnen. Wer kommt denn sonst zu Vorträgen zum richtigen Rassismus-Begriff oder zu Parlamentarismuskritik? Wer nimmt an unseren Demos teil und nimmt sie nicht nur als Störung beim samstäglichen Shopping in der Innenstadt wahr? Ich will diese beiden Formen politischer Praxis nicht pauschal zurückweisen, aber sie müssen Teil einer größeren Strategie sein.

Zum anderen hat genau diese Strategie gefehlt. Auch im Solibündnis haben wir keine abschließende Strategie, die wir golden eingerahmt in unserem Plenarraum hängen haben, aber ich denke, wir haben eine Idee. Wir wollen die Bildung der Klasse für sich selbst als Antwort auf Nationalismus und Neoliberalismus vorantreiben. Das ergibt sich ja schon aus der Mitgliederstruktur unserer Gruppe. Die meisten in der Gruppe haben Arbeitsverträge an Universitäten, andere studieren noch und müssen nebenbei arbeiten, wieder andere arbeiten im Care-Sektor, der in der BRD ohne die notwendige emotionale Bindung der ArbeiterInnen zu ihrem Job einpacken könnte. Hinzu kommen dann Amazon-ArbeiterInnen, die am Plenum teilnehmen. Es kommen also verschiedene Segmente der ArbeiterInnenklasse in unserer politischen Arbeit zusammen.

Von den Gründungsmitgliedern ist keines mehr dabei. Die Struktur existiert seit fünf Jahren, in der jetzigen Konstellation seit ungefähr neun Monaten. Wir profitieren heute in unserer Arbeit von dem Vertrauen, das die erste Generation geschaffen hat. Vielleicht hat der ersten Generation unsere Klassen-Perspektive etwas gefehlt. Außerdem bestand das Bündnis damals wirklich aus VertreterInnen verschiedener linker Gruppen. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Amazon ist ein Knotenpunkt, in dem die aktuelle Neuzusammensetzung von Produktions- und Verkaufsformen des digitalen Kapitalismus zum Ausdruck kommt. Wir haben es mit einem neuen Grad an reeller Subsumtion zu tun, in dessen Zuge das einstmalige Fließband durch Algorithmen und Apps ersetzt wird. Objektiv vollzieht sich eine technologische Umstrukturierung und subjektiv eine neue Qualität an Kontrolle und Überwachung sowie Entqualifizierung der lebendigen Arbeit. Wie interpretiert Ihr diese Prozesse bei Amazon?

Amazon produziert selbst Güter wie Unterhaltungsserien oder »Alexa«, aber im Wesentlichen handelt es sich um einen Versandhändler, der gleichzeitig verschiedene Warenhandelsdienstleistungen anbietet. Amazon zentralisiert das Warenangebot im Internet auf sich. Das Unternehmen ist also sowohl Konkurrent im Internetversandhandel als auch die Plattform des digitalen Marktes und der Warenauslieferer selbst.

Im Arbeitsprozess von Amazon finden wir eine neue Qualität der Kontrolle vor. Der Handscanner verbindet die einzelne Amazon-Arbeiterin mit einem größeren Netzwerk, das den Arbeitsprozess und konkreter die Laufwege mit für die Einzelne nicht durchschaubaren Algorithmen steuert. Die ArbeiterInnen sollen am besten ihren Kopf bei der Arbeit ausschalten und wie Roboter agieren. Es gibt viele Hinweise darauf, dass der Handscanner mehr Daten sammelt, als Amazon zugibt. Anders ist nicht zu erklären, weshalb die »Leads« oder AbteilungsleiterInnen so viel personenbezogenes Wissen über die Einzelnen haben. Gleichzeitig setzt Amazon auf ganz konventionelle Formen der Kontrolle. Die ArbeiterInnen sind in Teams unterteilt, die jeweils einen Lead haben. Diese ist nur dazu da, eine bestimmte Anzahl von ArbeiterInnen zu kontrollieren bzw. zu nerven. Gestützt auf die gesammelte Datenbasis werden die ArbeiterInnen zu Feedbackgesprächen geladen, wo Druck auf sie ausgeübt wird. Diese Formen der Kontrolle kotzen die Beschäftigten natürlich an, wie uns immer wieder berichtet wird.

Diese digitale Überwachung, eingesetzt in einer Quasi-Fabrikhalle, droht zur Norm zu werden. Die menschliche Personenüberwachung kann ausgetrickst werden, oder man kann mit ihr verhandeln. Das geht mit dem Algorithmus nicht. Wie gesagt, Amazon kann messen, wie viel jede Arbeiterin pro Schicht leistet, und nutzt dieses Wissen, um Druck aufzubauen. Gleichzeitig laufen die AmazonarbeiterInnen sehr atomisiert durch das Warenlager, es gibt keine Kontrolle durch das Fließband wie im klassischen Fordismus. Daher musste das Kapital die Überwachungsmethoden verändern. Das Kapital wird versuchen, diese Methoden in diesem Sektor zu perfektionieren und zugleich auf andere Produktionssektoren auszudehnen. Die Fragmentierung der Arbeiterschaft ist eine Tendenz der heutigen Zeit. Es ist unheimlich, wenn tausende ArbeiterInnen isoliert durch die Fabrikhallen laufen, weil Leads hinter der Säule lauern, um jedes Gespräch zu unterbinden.

Uns ist es wichtig zu betonen, dass diese Prozesse menschengemacht sind und dass wir uns dagegen wehren können! Wenn die AmazonarbeiterInnen gemeinsam das Arbeitstempo drosseln, dann können sie den Produktionsablauf massiv stören. So eine Drosselung wäre schon alleine dadurch möglich, dass sich alle ArbeiterInnen genau an die Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen halten.

Bei Amazon gibt es sowohl digitale Facharbeiterstellen als auch Jobs, die keine Qualifikationen erfordern. Durch die zunehmende Automatisierung können die einfachen Arbeiten immer weiter maschinell ersetzt werden. Amazon verheimlicht dies den ArbeiterInnen nicht, die Ersetzung menschlicher Arbeit durch automatisierte Warenlager ist als Drohung in der Belegschaft präsent. Die Automatisierung, bei der noch unklar ist, wie weitreichend sie bei Amazon sein kann, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt sie berechtigte Angst vor Arbeitslosigkeit und Prekarisierung hervor, andererseits fallen zumindest krank­machende Tätigkeiten weg, wobei bei diesen Tätigkeiten schon heute mehr auf die Gesundheit der ArbeiterInnen geachtet werden könnte. Bei der ganzen Debatte über Digitalisierung der Arbeit darf der Faktor der Gesundheit nicht vergessen werden.

Für uns ist Amazon ein Vorreiter bei der Durchsetzung neuer Arbeitsbedingungen des digitalen Kapitalismus. Deswegen gehen sie uns alle etwas an. Uber, Foodora usw. sind die Weiterführung ihrer Prinzipien. Es liegt an den proletarischen Kräften, dafür zu kämpfen, diese digitalisierten Arbeitsverhältnisse so einzurichten, dass sie möglichst wenig Schaden für uns anrichten!

Wie ist es trotz des enormen Anteils an befristeter und saisonaler Beschäftigung und trotz der Repression gegen gewerkschaftliche Betätigung gelungen, eine relative Organisationsmacht dauerhaft herzustellen? Welche Möglichkeiten der Interaktion zwischen radikaler Linker und Gewerkschaftskampf seht Ihr?

Ich werde nicht über Organisierungszahlen sprechen, aber über Praktiken von Amazon, die dazu führen, den Organisationsgrad möglichst gering zu halten. Der Konzern versucht auf verschiedene Weisen, ArbeiterInnen mit unbefristeten Verträgen – und bei den Ent­fristeten ist selbstverständlich der Organisa­tiongrad deutlich höher – loszuwerden. Das Unternehmen versucht, Entfristete wegen Bagatellen abzumahnen oder bietet ihnen Geld an, damit sie gehen. Amazon stellt auch immer mehr Personal ein, so dass gerade zur Weihnachtszeit der relative Organisationsgrad immer weiter sinkt und die Wirkungen des Arbeitskampfes gering gehalten werden. Außerdem fängt die Gewerkschaft im Grunde bei jedem neuen Warenlager wieder bei Null an. Die ArbeiterInnen dort haben in der Regel keine gewerkschaftlichen Vorerfahrungen. Amazon eröffnet praktisch jährlich irgendwo in Europa und im Rest der Welt mindestens ein Warenlager. Jedes neue Warenlager erhöht den Druck auf die anderen.

In vielen Warenlagern schließen sich die unzufriedenen ArbeiterInnen zusammen und versuchen etwas zu verändern. Teilweise hilft gewerkschaftliches Organizing nach. In Leipzig führen die Beschäftigten diesen Kampf organisiert in ver.di. AktivistInnen können auch selbst bei Amazon anfangen. Das wurde uns auch oft von anderen Gruppen in Diskussionen als Strategie vorschlagen. Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden, der unserer Lebensrealität näher ist. Wir arbeiten mit den Streikenden und vor allem den Vertrauensleuten zusammen. Mit ihnen gemeinsam stimmen wir unsere Strategie ab. Sie haben gemerkt, dass ihnen außerbetriebliche Unterstützung im Arbeitskampf hilft. Deswegen werden wir akzeptiert. Man erhofft sich von uns vor allem Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit. Als die erste Generation von uns sich vor fünf Jahren mit Kaffeekannen den Arbeitern bei einem Streik vorgestellt hat, haben sie sich noch gewundert, was wir Studierende eigentlich da wollen.

Wir unterstützen den Arbeitskampf, weil wir ihn für so zentral für die Entwicklung unserer Arbeitsbedingungen halten. Der breite Diskurs über Amazon existiert unabhängig von uns, weil die Öffentlichkeit die Veränderungen spürt. In diesen Diskurs intervenieren wir, indem wir sagen: Digitalisierung ist ein Feld des Klassenkampfes, und nur durch solidarisches Handeln können wir diesen Kampf gewinnen!

Unsere politische Arbeit sehe ich als ein Experiment, in dem die Linke wieder lernt, Klassenallianzen aufzubauen und solidarische Klassenkämpfe zu führen. Der Unterschied unseres Ansatzes zu anderen ist, dass wir nicht in den Betrieb gehen, sondern unser Leben weiter führen. Aber wir lassen unsere KollegInnen im Warenlager nicht im Stich.

Amazon kann sehr schnell auf Streik­aktivitäten reagieren, indem das Unternehmen Bestellungen in andere Warenlager wie nach Poznan in Polen umleitet. In Reaktion darauf haben polnischen KollegInnen über Bummelstreiks versucht, nicht zu StreikbrecherInnen für die deutschen KollegInnen zu werden. Welche Rolle spielt das Soli-Bündnis in der Herstellung transnationaler Netzwerke wie der Transnational-Social-Strike-Plattform? Welche Bilanz zieht Ihr aus der transnationalen Zusammenarbeit in Leipzig?

Die internationale Vernetzung ist gerade in diesem Kampf sehr wichtig. Nicht nur weil Amazon ein interna­tio­nal agierender Konzern ist, sondern weil die nationalen Belegschaften gegeneinander als Streikbrecher ausgespielt werden. Das hat auch ver.di erkannt. Bei der internationalen Vernetzung müssen zwei Ebenen unterschieden werden. Es gibt eine Zusammenarbeit auf der Ebene der SekretärInnen und BetriebsrätInnen, und es gibt die Ebene der prekarisierten LohnarbeiterInnen Europas – und hier kommen wir ins Spiel. Über die erste Ebene kann ich nicht viel sagen, da wir außerhalb der institutionalisierten Gewerkschaftsstrukturen handeln.

Einige von uns haben am zweiten Transnational-Social-Strike-Treffen 2015 in Poznań teilgenommen. Ich finde die Idee, die dahinter steckt, sehr wichtig. Etwas hochtrabend formuliert, geht es ja um die Förderung der Bildung der Klasse für sich auf transnationaler Ebene. Allerdings, wir waren auch auf weiteren Treffen, ist uns das Bündnis ein wenig zu unorganisiert und Entscheidungen wirken intransparent auf Leute wie uns, die wenig Zeit haben, sich aktiv dort einzubringen. Unterschiedliche Zeitressourcen sind in solchen großen Bündnissen immer ein Problem.

Über solche Treffen haben wir KollegInnen von der IP in Poznań kennen gelernt, aber auch andere KollegInnen aus Deutschland, etwa Bad Hersfeld. Die Stimmung bei diesen Treffen ist etwas ganz besonderes. Die Leute dort haben verstanden, dass nationale Standortpolitik zumindest für ihre Branchen keinen Sinn hat. Mit KollegInnen aus Bad Hersfeld kommen wir zwar leichter ins Gespräch, aber die Organisationform muss von Anfang an eine transnationale sein.

Sowohl die IP als auch wir wollen, dass die ArbeiterInnen aus Poznan und Leipzig zusammenkommen. Es ist natürlich gut, wenn wir den ArbeiterInnen in Leipzig erzählen, dass es in Poznan diese basisdemokratische Gewerkschaft gibt und ihre Mitglieder ihre Jobs durch verlangsamtes Arbeiten riskieren, um keine StreikbrecherInnen zu werden.[1] Aber es ist eine andere Sache, wenn KollegInnen aus Poznań und von anderen Standorten hier auftauchen.

Ende Januar haben wir in Leipzig ein transnationales Treffen mit ArbeiterInnen und externen AktivistInnen im Leipziger Osten zusammen mit lokalen Vertrauensleuten organisiert. Es kamen Menschen aus Poznań, London, von verschiedenen deutschen Standorten, aber auch per Videokonferenz aus Seattle und Sacramento. Zwar waren gerade aus Deutschland zu wenige ArbeiterInnen dort, aber zwischen den Anwesenden gab es einen sehr produktiven Austausch. Ihr werdet von uns hören!

Was macht Ihr konkret? Blockaden, KonsumentInnen-Streiks, was noch?

Wir haben immer kleine Ziele und überlegen uns, mit welchen Mitteln und Praxisformen wir diese erreichen. Da wir die transnationale Vernetzung so wichtig finden, versuchen wir, diese mit Aktionen voranzutreiben. Wir stecken unsere Zeit also etwa in die Organisation und Teilnahme an transnationalen Treffen von ArbeiterInnen und in die Planung niedrigschwelliger grenzüberschreitender Aktionen.

Aber wir haben noch andere Ziele. Wir wollen den Arbeitskampf aktiv unterstützen, deshalb haben wir am 24. November mit 150 FreundInnen die ArbeiterInnen beim Streik besucht. Dann sind wir mehrmals über die Fußgänger-Ampel bei der LKW-Einfahrt gegangen, wenn es für uns grün war. Leider war die Grünphase zeitgleich mit der der LKWs, die auf das Amazon-Gelände abbiegen. Ihr wisst schon. Wir machen Aktionen, die die ArbeiterInnen nicht selbst machen können bzw. wollen, weil sie Furcht vor Konsequenzen haben. Doch diese Aktionen erfüllen noch mindestens zwei weitere Ziele. Zum einen haben uns viele KollegInnen gesagt, dass sie die große Solidarität gefreut hat, zum anderen kam es zu vielen Begegnungen zwischen Menschen, die ja letztlich zu einer Klasse gehören. Studierende, arbeitslose, prekär arbeitende Linke und Amazon-ArbeiterInnen. Amazon hatte im Warenlager über Ansprachen der Leads vor unserer Aktion gewarnt, deswegen bin ich froh, dass es ein positives Echo aus der Belegschaft gab.

Es ist uns wichtig, dass unsere Aktionen, Kampagnen usw. erfolgreich sein können. Das macht Aktionen wie den KonsumentInnenstreik schwer. Diese Aktion gab es vor drei Jahren schon mal. Sie war sehr aufwändig, und der tatsächliche Schaden ist schwer messbar. Klar, wir haben auf den Arbeitskonflikt aufmerksam gemacht. Ich denke, solche Aktionen müsste man um einiges größer aufziehen, als wir es getan haben. Wir müssten überall mit Plakaten und Werbeanzeigen in der Stadt auf die Aktion hinweisen. Wir müssten Amazon zu einer öffentlichen Reaktion zwingen, die dann medial für unsere Zwecke genutzt werden kann. Wenn es dann zusätzlich am Stichtag bei der Retoure zum Paketstau kommt, wäre es super. Allerdings sehe ich die Kapazitäten und Ressourcen momentan nicht.

Das Unternehmen lässt sich vor allem in strukturschwachen Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Lohnkosten nieder. Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Amazon versucht möglichst wenig für Arbeitskraft zu zahlen. Ein niedriger Durchschnittslohn, niedrige Lebenshaltungskosten sind für Unternehmen wie Amazon hervorragende Standortfaktoren. Allerdings geht es auch darum, dass die Orte strategisch gut liegen. So sind die Warenlager in Polen nahe an der deutschen Grenze, obwohl in der Nähe der ukrainischen oder weißrussischen Grenze der Zugriff auf billige, migrantische Arbeitskraft leichter wäre. Dabei muss beachtet werden, dass Amazon in Polen vorrangig für den deutschen Markt Waren ausliefert. Die Warenlager von Amazon in der BRD sind auf das ganze Land an günstigen Verkehrspunkten verteilt. Aber sie stehen natürlich nicht in Großstädten – außer die Warenlager für den neuen Lebensmittel- und 24h-Service, sondern in nahegelegenen Kleinstädten und Dörfern wie Winsen, Graben, Bad Hersfeld oder Brieselang, wo die Lebenshaltungskosten niedriger sind. Leipzig ist da eine Ausnahme. Vom linksalternativen Hipsterviertel um die Eisenbahnstraße herum zum Warenlager brauchen wir mit dem Fahrrad zehn Minuten. Das macht unsere Arbeit einfacher.

Welchen regionalen Zusammenhang seht Ihr zwischen dem Arbeitskampf bei Amazon und dem Erstarken der Rechten im sächsischen Raum?

Die ArbeiterInnen, mit denen wir im engen Kontakt stehen, sind vor allem Linkspartei-WählerInnen und teilweise sogar engagierte Mitglieder. Es gibt auch AfD-WählerInnen unter den Streikenden. Die fanden es auch nicht so cool, als plötzlich 150 Linke beim Streik aufgetaucht sind. Es scheint jedoch nicht die Mehrheit zu sein.

Auch wenn die Gründe des Erstarkens der Neuen Rechten vielschichtiger sind, betreffen zwei Aspekte unsere politische Arbeit. Wir denken zum einen, dass der Aufstieg der Neuen Rechten eine Folge der politischen Erfahrungen in der Nach-Wende-Zeit ist. Deindu­strialisierung und der staatlich vorangetriebene Aufbau eines Niedriglohnsektors haben ganz konkrete Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen. Sie sind enttäuscht von den sogenannten »links-grünen Eliten«, die Deutschland in den letzten Jahren regiert haben, und wählen die Protestpartei AfD. Viele werden auch rassistisch, antifeministisch und nationalistisch eingestellt sein und zu den Leuten gehören, die schon seit 2013 vor Geflüchteten-Unterkünften mit Fackeln aufmarschierten. Es ist für mich noch offen, inwieweit der Hass auf Geflüchtete eine Folge des Statusverlustes und der persönlichen ökonomischen Krisen der Nachwende-Zeit ist oder andere Ursachen wichtiger sind.

Zum anderen gibt es keine linke Antwort auf die soziale Krise dieser Tage, die das Kernproblem, die Logik der kapitalistischen Produktionsweise, benennt. Es geht hierbei gar nicht so sehr um Wahlen. Die Selbstorganisierung der Arbeitskraft in Gewerkschaften ist die traditionelle linke Antwort gegen die täglichen Zugriffe von Kapital und Staat. Die Arbeitervereinigungen schafften es aber gerade in Ostdeutschland nur selten, erfolgreiche Streiks zu führen. Es ist eine absolute Ausnahme, dass ver.di seit sechs Jahren so viele Ressourcen in diesen Arbeitskampf steckt. Die Erfahrung von Erfolgen gegen das Kapital, selbst wenn es nur Mikrokonflikte sind, ist sehr wichtig, um eine linke Bewegung aufzubauen. Unsere Antwort auf die neoliberale Individualisierung und die rassistische Kanalisierung der Leiderfahrungen im Kapitalismus ist die solidarische, transnationale Klassenpolitik. Wir stehen aber ganz am Anfang und müssen die Antwort in unseren Kämpfen entwickeln.

Selbst wenn sich Amazon seit ca. vier Jahren Arbeitskampf nach wie vor nicht auf einen Tarifvertrag des Einzelhandels einlässt, gab es doch partielle Erfolge wie Lohnerhöhungen, dezentrale Pausenräume und Weihnachtsgeld. Welche Bilanz zieht Ihr nach den vier Jahren Arbeitskampf und was ist eure Zukunftsperspektive?

Du hast vollkommen Recht. Es gibt kontinuierliche Lohnsteigerungen und mittlerweile Weihnachtsgeld. Vertrauensleute bauen immer wieder die Drohkulisse auf: »Wollt Ihr, dass die Zustände wieder so wie 2009 sind?« Mit den Arbeitskämpfen kam ein Haufen Verbesserungen. Dessen ungeachtet sagt Amazon in Interviews, dass die Streiks keinerlei Auswirkungen hätten. Ich denke, dass der Arbeitskampf durchaus Erfolge vorweisen kann. Nur zeigt sich hier ein Problem, das aus der deutschen Gewerkschaftspolitik hervorgeht. Die DGB-Gewerkschaften wollen Tarifverträge abschließen, die eine möglichst große Fläche abdecken. Das ist ja erstmal gut. Wenn von diesem Standpunkt dann jedoch die Arbeitskämpfe bewertet werden, dann erscheinen die Erfolge gar nicht mehr so groß. Ver.di kann in ihrer Logik die Erfolge gar nicht wertschätzen. Amazon kann sich als Sieger darstellen.

Ich sage nicht, dass man sich mit dem Erreichten zufriedengeben soll, aber es muss anerkannt werden. Nach Jahren des Arbeitskampfs geht natürlich auch Motivation verloren. Hier müssen neue Strategien entwickelt werde. Teile der Belegschaft wie Saisonarbeitskräfte und MigrantInnen sind viel zu wenig auf dem Schirm der Gewerkschaft. Es muss eine Strategie gefunden werden, um diese Gruppe und ihre spezifischen Interessen in dem Kampf einzubeziehen. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die transnationale Arbeit intensivieren müssen. Es bleibt viel zu tun.

Wir hoffen, dass die ArbeiterInnen den Arbeitskampf noch lange führen werden, zumindest bis die Gewerkschaft das Ziel erreicht hat. Inwieweit sich die gesellschaftliche Stimmung hinsichtlich der Problematisierung prekärer Arbeit und Ausbeutung ändert, können wir nicht sagen, aber wir versuchen weiter, in dieser Richtung eine Stimme zu sein. Wir haben in unserer Gruppe über die Zeit persönlich viel gelernt, was den Arbeitskampf angeht. Unsere Aufgabe besteht nun auch darin, diese Erfahrungen anzuwenden und Arbeitskämpfe an unseren Arbeitsplätzen zu führen. Wenn wir dabei auf die Solidarität der Amazon-ArbeiterInnen zählen können, dann hätten wir wirklich was erreicht.

Das Gespräch wurde ursprünglich im Dezember 2017 auf dem Blog »Plateforme d’enquêtes militantes« (PEM) (Plattform für militante Untersuchungen) veröffentlicht und wird auch im ThUg-Magazin der Falken – Sozialistische Jugend erscheinen. Für den express wurde es überarbeitet und aktualisiert.

Anmerkung:

1  Zu dieser Aktion im Jahre 2015 gibt es eine Stellungnahme der IP: http://ozzip.pl/english-news/item/1952-der-konflikt-bei-amazon externer Link