Artikel von Peter Bach*, erschienen in, express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 10/2013

mini_expressVom 24. bis 30. August 1973 wurden die Ford-Werke in bestreikt. Vier Tage und drei Nächte wurde das Werk besetzt. 40 Jahre später, am 27./28. September, wurde zwei Tage der große Saal des Naturfreundehauses in Kalk besetzt – nur tagsüber, jeweils bis 23 Uhr. Peter Bach, einer der Mitveranstalter, berichtet über ein denkwürdiges Ereignis.

Am Freitag standen der Rückblick der Zeitzeugen und die Diskussion über aktuelle Fragen im Vordergrund einer Veranstaltung mit über 150 TeilnehmerInnen. Am Samstag gab es drei Workshops zu den Themen »Autonomie der Migration«, »Krise und Kritik der Automobilgesellschaft« und »Perspektive der Kämpfe in der europäischen Automobilin­dus­trie und ihre globale Dimension« mit jeweils über 50 TeilnehmerInnen. Eine ›Kulturbrücke‹ bildeten die Auftritte von Mischi Steinbrück und Klaus dem Geiger – Musikern, die vor 40 Jahren vor den Toren spielten – und der Gruppe »Gehörwäsche«, einer Band mit heutigen jungen FordlerInnen.

Streikszenen; Eine besondere Beflügelung erfuhr die Erinnerung an den Streik durch die von Joachim Römer ausgearbeitete Fotoausstellung mit den Bildern von Gernot Huber. Sie ließen die Streikenden, ihren Mut, ihre Angespanntheit, ihre Demonstrationen und Debatten, aber auch ihre muntere Entspanntheit lebendig werden.Hier dazu einige begleitende Textpassagen1. Die WerkstoreDie Tore waren die Schlüsselpositionen des Streiks. Hier entschied sich zu jedem Schichtwechsel neu, wie viele Kollegen von jeder Schicht ins Werk kommen, wie viele bleiben, wie viele gehen.

Kommen Mitstreikende oder Streikbrecher? Halten wir die Torkontrolle, der Werkschutz oder die Polizei? Als die Polizei die Tore besetzte, um den Zustrom von Streikenden zu unterbinden, wurde erst gerauft und gerempelt, dann wurden einfach an Tor 3 und 6 einige Torelemente ausgebaut. Danach war die Kontrolle von Ein- und Ausgang in der Hand der Streikenden. Management und Polizei nahmen es hin.

Zu jedem Schichtwechsel versammelten sich vor den Toren zahlreiche Kollegen. Die einen kamen zu ihrer Streikschicht, andere wollten arbeiten oder sich vor Ort erkundigen, was los ist. Die Kollegen aus der Türkei kamen meist rein, die Deutschen blieben meist draußen und gingen wieder nach Hause.

Es wurde geworben, gerufen, eingeladen, geschimpft, beschimpft, gerempelt und (selten) auch mal geschlagen. An den Toren wurden täglich zahlreiche oder zahllose Flugblätter verteilt und dorthin kamen auch die Unterstützer: mit Musik, Theater, Speisen und Getränken.

2. Die Demonstrationen durchs Werk

Mit einer Demonstration, ausgehend von der Y-Halle durch die großen Hallen des Ostgeländes, über die Brücke, durch die W-, R- und Z-Halle bis zum Platz vor dem M-Gebäude von Personalabteilung und BR, fing in der Spätschicht am Freitag, dem 24. August, alles an.

Mit der Frühschicht am Montag, den 27. August, wurde der Streik mit dieser Demons­tration in gleicher Weise fortgesetzt. Dieses »Ritual« wurde täglich (mindestens) dreimal – nach jedem Schichtwechsel – wiederholt.

Es diente der Demonstration der eigenen Stärke, Tausende waren jedes Mal beteiligt; es diente aber auch dem Einsammeln Unentschlossener, die sich in den Hallen eingefunden hatten, um gegebenenfalls die Arbeit aufzunehmen, und auch dazu, den wenigen Streikbrechern klar zu machen, dass daraus nichts würde. Dabei kam es auch schon mal zu Rangeleien.

Wenn sich mancher auf der Gegenseite Hoffnung gemacht hatte, der Streik würde abflauen, so bewiesen die drei täglichen Demonstrationen eher das Gegenteil.

Die Demonstration am Donnerstagmorgen, dem 30. August, wurde dann von einer vom Werk organisierten Gegendemonstration in Zusammenarbeit mit dem BR und der Polizei angegriffen und damit der Streik zerschlagen.

3. Die Versammlungen im Werk

Zu Schichtbeginn gab es jeweils Auftaktversammlungen vor der A-Halle. Danach begann die Demonstration durch das Werk. Weitere Versammlungen gab es vor Tor 6 und auf dem Westgelände auf der Elbe-Allee am Tor 24. Während der Demonstration wurde dort eine Art Kundgebung abgehalten, zu der sich Kollegen auf der anderen Seite der Tore eingefunden hatten. Verschiedene Redner erläuterten die Situation und den Verhandlungs- bzw. Nicht-Verhandlungsstand.

Höhepunkte waren dann die Auseinandersetzungen mit BR- oder Geschäftsführungsvertretern vor der Personalverwaltung im M-Gebäude.

4. Ort der Muße

Klar, die besonderen Aktionen während des Streiks waren die großen Versammlungen und Demonstrationen. Man kann aber nicht 24 Stunden demonstrieren, debattieren und Reden schwingen. Ruhe, Entspannung und Austausch waren wesentliche Momente des Streiks. Das Werk, das sonst mit Hetze, Antreiberei, Lärm und Hitze verbunden war, wurde als Ort der Ruhe und des Austauschs genossen.

Die Szenen ähnelten denen auf einem Dorfplatz oder in einem Stadtviertel. Abends wurde musiziert, getanzt und es wurden von Musik begleitete Geschichten erzählt. Für Stunden war das Werk ein Ort des lebendigen Austauschs und nicht der entfremdeten Antreiberei.

Die Einladenden, »KollegInnen von Ford, politische AktivistInnen von damals und heute«, haben durch die Veranstaltungen und besonders auch die von Joachim Römer gestaltete Ausstellung mit Fotos aus dem 1973er-Streik von Gernot Huber den Streik lebendig werden lassen und geholfen, seine Erfahrungen in die heutige Zeit zu transportieren.

Auch die IG Metall wollte natürlich diesen größten Arbeitskampf auf Kölner Boden ordentlich würdigen, doch leider war der verantwortliche Kollege krank geworden, so hat das nicht geklappt.

Für die Ford-Werke ist der Streik »kein Thema mehr«. Nach Aussage von Karl Anton, bis vor Kurzem Produktionsleiter in der Endfertigung, »hat Ford damals seine Lektion gelernt«. Dazu gehört wohl zweierlei: einmal, dass Ford in den Folgejahren geradezu reflexartig auf sich anbahnende kollektive Beschwerden und kleine Rebellionen reagierte, zum anderen entdeckte Ford u.a. durch den Streik, dass die Potenziale der vor allem aus der Türkei kommenden Arbeitskräfte nicht nur in ihren Armen, Schultern und Rücken lagen (das Einzige, was die Personalverantwortlichen bei der Einstellung neben dem kaufähigen Gebiss interessiert hatte). Und diesen ›Lerneffekt‹ kann man auch sehen: Heute sind die Meisterbuden voll von jungen Meistern der zweiten und dritten Generation.

Was die IG Metall gelernt hat, darüber hat sich Walter Malzkorn ausführlich geäußert. Er war damals Sekretär der IGM, zuständig für die rebellischeren Organisationen in den Klein- und Mittelbetrieben, und wurde – auch durch den Streik – gegen den rechten Block um die BR-Vorsitzenden Wilfried Kuckelkorn von Ford und Paul Bleffert von Klöckner-Humboldt Deutz mit knappem Ergebnis zum Ortsbevollmächtigten der IGM in Köln gewählt. Im Werk schaffte die IGM den Salto: Nachdem sie sich 1972 bei den BR-Wahlen noch geweigert hatte, einen Kollegen aus der Türkei freizustellen, der 37 Prozent der Stimmen insgesamt und weit über 50 Prozent der Stimmen der Einwanderer auf sich vereinigte, lud sie 1978 einen türkischen Betriebsrat in den Aufsichtsrat ein.

Die Kölner Presse hat sich damals mit tendenziell rassistischen und Ford-freundlichen Artikeln ziemlich blamiert, so dass sie es heute erst mal vorzog, daran nicht zu erinnern. Die Veranstaltung selbst hatte dann aber doch ein erfreuliches Presseecho (siehe http://ford73.blogsport.de/).

Der erste Teil der Veranstaltung am Freitag beschrieb die spannende Situation in Deutschland 1973: fast 300 wilde oder zumindest von der Basis erzwungene Streiks mit fast 300 000 Beteiligten. Vor der Wetterkarte gab es in den Nachrichten schon mal die Streikkarte. Kräfteverschiebungen in der globalen Wirtschaft führten zur »Ölkrise«, autofreien Sonntagen und ungewissen Zukunftsszenarien für die Automobilindustrie. Im Herbst wurden die »Anwerbeabkommen« gekündigt und Rückführungsstrategien entwickelt. Wie titelte im Streik die Bildzeitung so schön: »Gastarbeiter kommt von Gast«.

Es gab natürlich auch in Köln und bei Ford eine Diskussion darüber, wann endlich bei Ford gestreikt würde. Aber die IGM hatte 1970 schon mal die Erfahrung gemacht, dass die MigrantInnen wenig Verständnis für deutsche Warnstreiksszenarien aufbrachten: Als damals ein Warnstreik zur Tarifrunde nach zwei Stunden beendet werden sollte, waren die Kollegen gerade warm geworden und dachten nicht an Rückkehr zur Arbeit. Stattdessen zogen sie lachend und lärmend durch die Hallen, randalierten etwas herum – und die ganze Schicht fiel aus. Also agierten VKL und BR in den Folgejahren äußerst zurückhaltend, was Warnstreiks anging.

Hier kommt dann die linke Szene ins Spiel. An den Toren waren ganze Reihen von Verteilern deutsch- und türkischsprachiger Druckerzeugnisse aus konkurrierenden K- und Spontigruppen an der Tagesordnung. Mit den »Kölner Fordarbeitern« gab es aber auch einen Zusammenschluss von deutschen und Migrantenorganisationen links von der DKP (die bei Ford brav auf der Bettkante der IGM saß). Sie hatten auf der Betriebsversammlung in der Woche vor dem Arbeitskampf einen Streik für »60 Pfennig mehr« ins Gespräch gebracht. Mehr Aufmerksamkeit erweckte dort allerdings die Ankündigung des Personalchefs Bergmann, man werde in diesem Jahr von der Duldung des Zuspätkommens aus dem Urlaub abgehen, hart durchgreifen und alle entlassen, die sich nicht pünktlich am Arbeitsplatz einfänden. Im ganzen Werk war bekannt geworden, dass diese Ankündigung auf der deutschen Betriebsversammlung (es gab damals eine deutsche, eine türkische, eine italienische und eine jugoslawische Versammlung) mit Beifall aufgenommen wurde. Noch weit weniger als heute glänzten damals deutschstämmige Arbeiter durch Verständnis für ihre türkischen Kollegen.

Eben diese Entlassung der Spätrückkehrer war eine Woche später der Auslöser für einen gigantischen Arbeitskampf.

Am Freitag, den 24. August, zu Beginn der letzten Spätschicht der Woche, knallt es in der Endmontage, der Y-Halle (als »Vorhölle« bekam sie ihr Denkmal in den Industriereportagen des Günter Wallraff): Die Entlassenen fehlen an den Bändern, die Hetze für die Übrigen ist entsprechend größer, und das bringt das Fass zum Überlaufen. Es gibt Ärger, Gebrüll, plötzlich stoppt das Band, und irgendjemand gibt aus diesem lokalen Ärger heraus den Anstoß für einen Marsch durch die ganze Halle. Allein dort arbeiten in drei Schichten 5 600 Kollegen – meist an den Bändern und meist aus der Türkei. Als diese größte Halle bei Ford steht, ist genügend Schwung zusammen, um weiter zu ziehen durch die vorgelagerten Hallen, das Karosseriewerk, das Getriebewerk und danach durch das Motorenwerk, die Schmiede und den Werkzeugbau auf dem Westgelände. Nach schätzungsweise eineinhalb Stunden steht das ganze Werk. Während der Demonstration hat sich der Forderungskatalog konkretisiert: Zu den Forderungen nach Rücknahme der Entlassungen und Senkung der Bandgeschwindigkeit kam noch die logische Forderung nach sechs Wochen Urlaub und dazu die berühmte »1 DM mehr – bir mark sam – für alle«. Dazu muss man wissen, dass 1 DM genau die Differenz war, die die Lohngruppe 4, in der die meisten Arbeiter aus der Türkei eingruppiert waren, von der Lohngruppe 6 trennten, in der die Deutschen arbeiteten.

Die Versammlung vor dem Personalgebäude kommt zu keinem Ergebnis: Die Mitteilung des Betriebsrates, sie hätten die Forderungen verstanden und würden nun darüber verhandeln, geht im Hohngelächter unter. Es gibt empörte Reden, dass sie das schon lange hätten machen können. Ford sagt die Spätschicht und gleich auch die Nachtschicht ab und die Kollegen gehen nach Hause.

Am Montagmorgen – die Spätschicht von Freitag hatte am Montag Frühschicht – ging der Streik fast wie von alleine an der gleichen Stelle mit der gleichen Demonstration wieder los. Und das hielt an bis Donnerstagvormittag.

Als die Streikenden am vierten Tag nicht einlenkten (der BR bot als »Verhandlungserfolg« 280 DM und eine Neubewertung der Entlassungen an) und auch keine Ermüdungserscheinungen zeigten, besprachen am Mittwochabend Geschäfts-, Betriebsrats- und Polizeiführung die Zerschlagung des Streiks zum nächsten Morgen. Sie hatten Erfolg: Eine Gegendemonstration mit Managern und BR-Leuten vorweg schaffte es, die morgendliche Streikdemo zu zerteilen und leitete damit die Verhaftung der Streikleitung und eine blutige Prügelei ein, die dann die auf ihren Einsatz lauernde Polizei beendete.

Kann sich eine Gewerkschaft in einem Betrieb mehr blamieren, als gemeinsam mit Polizei und Management einen Streik zu zerschlagen, der von 50 Prozent der Arbeiterschaft getragen wird? Kann einer von denen noch in den Spiegel schauen? Zumal sich Personalchef Bergmann im Fernsehen nicht entblödete, den Betriebsrat noch für seinen persönlichen Einsatz bei der Beendigung des Streiks zu loben.

Sie konnten. Man muss nur die geeignete Theorie haben, warum es »notwendig« war. Ihre Erklärung war damals: Die ahnungslosen Ausländer wurden von linksradikalen Kräften verführt und konnten sich nicht selbst aus deren Klauen befreien.

Insofern ist es besonders schade, dass die Veranstaltung der IGM zum Fordstreik 1973 nicht zustande gekommen ist: Die Beiträge von Ali Cicek und Walter Malzkorn hätten eine ergiebige Diskussion einleiten können. Zum Beispiel darüber, wie Ali nach seiner Einstellung 1981 die Folgen des Streiks spürte, wie er und seine Kollegen aus der Türkei für den BR kandidieren wollten, wie sie sich am Ende der Liste auf aussichtlosen Plätzen wiederfanden und sie daraufhin eine
eigene Liste gemacht haben. Im Zusammenhang mit dem Beitrag von Wittich Ross­mann, dem derzeit ersten Bevollmächtigten der IGM in Köln, der den Streik lobte und die Spaltung bedauerte, hätte man einen neuen Blick auf die Spaltungsgeschichte erarbeiten können. So steht eine Diskussion über rechte und sozialdemokratisch patriarchale, rassistische Haltungen noch aus, die damals unter den deutschen Arbeitern und in den Gewerkschaftsgremien präsent waren.

Auf der Veranstaltung drängte es große Teile der linken Akteure nach einem Schlagabtausch mit den anwesenden IG Metall-Vertretern. Am 7. November 2012 hatten 250 von der Schließung ihres Werks in Genk bedrohte belgische Kollegen vor den Köln-Niehler Werkstoren demonstriert. Begünstigt durch das Ausbleiben aktiver Solidarität der IGM bei Ford konnte die Polizei die Demonstration angreifen, zahlreiche Kollegen stundenlang einkesseln und erkennungsdienstlich behandeln. Aktuell werden sie durch ein Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs bedroht (http://solikreis07nov.wordpress.com/ externer Link ). Hier könnte sich heute, nach dem offiziellen Ende der »Gastarbeiter-Ära«, zeigen, ob die Ära der »Willkommenskultur« ihren Namen zurecht trägt.

Was offen blieb

Aber was war denn nun mit den linken Gruppierungen im Streik? Im ersten Teil der Veranstaltung standen die Erfahrungen und Perspektiven von TeilnehmerInnen des damaligen Arbeiterkampfes im Vordergrund. Es waren teils sehr bewegende Berichte von damaligen Aktivisten, die zunächst den Streik als unvergessliches Erlebnis schilderten, dann aber in der Beschreibung der aggressiven und brutalen Ausschreitungen der deutschen Gegendemonstranten das damalige Trauma fast noch einmal erlebten. Einer von ihnen war damals froh, von der Polizei eingesperrt und vor dem Mob gerettet worden zu sein.

Im Raum blieb aber die Frage stehen, wie es denn mit dem Verhältnis von dem »bewussten Teil der Arbeiterklasse« zu ihren »spontan streikenden Klassenbrüdern« stand. (Nur als Bemerkung: Es gab wirklich kaum eine Schwester im Streik.)

  • Inwieweit wurde der Streik am Freitag auch begünstigt durch die unermüdliche linke Agitation und Propaganda in den davorliegenden Wochen?
  • Wer stellte die Forderungen auf?
  • Wie weit waren linke AktivistInnen an der Wiederaufnahme des Streiks am Montagmorgen beteiligt?
  • Inwieweit wurden die Streikenden von ihrem eigenen Streikkomitee in Aktion gehalten – oder wurde das Streikkomitee von den Streikenden getragen, ohne selbst eine große Funktion zu haben?
  • Wie weit waren die linken Radikalen am Zustandekommen der Spaltung beteiligt? Hätten sie sie vermeiden können?

In den 40 Jahren sind auf jede dieser Fragen zahlreiche und widersprüchliche Antworten gegeben worden. Gerade 23 Jahre nach 1989, zwölf Jahre nach dem Sturm auf argentinische Banken und den Protesten gegen die Regierung, nach den arabischen Rebellionen und im Jahr von Gezi-Park und den brasilianischen Bewegungen gegen die Teuerungen: Überall wurden systemkritische Grundfragen gestellt. Die politisch-intellektuelle Vorhut nahm es oft mit gekräuselter Stirn zur Kenntnis, dass sie nicht angefragt wurde, und wartete auf ihren Augenblick.

Ein türkischer Kollege bemerkte in seinem Bericht: »Auch wir waren sehr erstaunt über uns. Was im Streik passierte, dass trauten wir uns und unseren Landleuten einfach nicht zu. Wir haben diskutiert, werden wir schon wieder instrumentalisiert – erst von Ford, dann vom BR und jetzt von Linken?« Vielleicht wäre schon der Ford-Streik ein geeigneter Anlass gewesen, unsere von Lenin empfohlene Arbeitsteilung zu überdenken: Wir leitend vorn und die Massen ordentlich hinter uns.

Und zuletzt noch ein Statement desselben Kollegen, dessen Bearbeitung auch keinen Platz mehr fand: »Nach dem Streik 1973 waren wir keine Gastarbeiter mehr. Von da an fühlte ich mich hier mehr und mehr soweit zuhause, dass ich eine Familie gründete und keine Bedenken hatte, meine Kinder und Enkel hier aufwachsen zu sehen. Bis dann am 9. Juni 2004, 200 Meter von meinem Kiosk entfernt, die Splitterbombe explodierte und uns die sieben Jahre danach die deutsche Öffentlichkeit, Polizei, Justiz, Verwaltung, Presse zu Tätern machte. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, was noch kommen kann und dass meine Entscheidung so richtig war.«

*  Peter Bach lebt und arbeitet in Köln unter anderem für Denkklima e.V., http://www.denkklima.de externer Link