Keine Casting-Couch für gering entlohnte Frauen, aber jede Menge sexuelle Belästigung

express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und GewerkschaftsarbeitSexuelle Belästigung widerfährt nicht bloß glamourösen Frauen in glamourösen Branchen. Da es bei sexueller Belästigung um Macht geht und nicht um Sex, ist es nicht überraschend, dass Frauen in schäbigen Jobs im Niedriglohnbereich ziemlich viel davon abkriegen. Die Equal Employment Opportunity Commission (EEOC, eine US-amerikanische Bundesbehörde zur Untersuchung von arbeitsplatzbezogenen Diskriminierungsvorwürfen, d.Ü.) sagt, dass das Hotel- und Gaststättengewerbe die größte Quelle von Klagen wegen sexueller Belästigung ist. In einer landesweiten Untersuchung mit 4.300 Restaurantbeschäftigten durch die Anlaufstelle Restaurant Opportunities Center United (ROC) berichtete mehr als jeder/jede zehnte, selbst sexuelle Belästigung erfahren oder dies bei KollegInnen beobachtet zu haben. ROC geht davon aus, dass diese besorgniserregende  Zahl höchstwahrscheinlich noch deutlich zu niedrig ist…” Artikel von Jane Slaughter, erschienen in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, Ausgabe 11/2017. Der Artikel aus Labor Notes vom 13. Oktober 2017 ist übersetzt worden von Stefan Schoppengerd:

Keine Casting-Couch für gering entlohnte Frauen, aber jede Menge sexuelle Belästigung

Von Jane Slaughter

Sexuelle Belästigung widerfährt nicht bloß glamourösen Frauen in glamourösen Branchen. Da es bei sexueller Belästigung um Macht geht und nicht um Sex, ist es nicht überraschend, dass Frauen in schäbigen Jobs im Niedriglohnbereich ziemlich viel davon abkriegen.

Die Equal Employment Opportunity Commission (EEOC, eine US-amerikanische Bundesbehörde zur Untersuchung von arbeitsplatzbezogenen Diskriminierungsvorwürfen, d.Ü.) sagt, dass das Hotel- und Gaststättengewerbe die größte Quelle von Klagen wegen sexueller Belästigung ist. In einer landesweiten Untersuchung mit 4.300 Restaurantbeschäftigten durch die Anlaufstelle Restaurant Opportunities Center United (ROC) berichtete mehr als jeder/jede zehnte, selbst sexuelle Belästigung erfahren oder dies bei KollegInnen beobachtet zu haben. ROC geht davon aus, dass diese besorgniserregende  Zahl höchstwahrscheinlich noch deutlich zu niedrig ist.

Gesprächsgruppen und Interviews, die ROC landesweit durchgeführt hat, zeigen sexuelle Belästigung als »akzeptierten Teil der Kultur«. Eine Arbeiterin sagte: »Es ist unvermeidlich. Wenn es keine verbale Attacke ist, will sich jemand an Dir reiben.«

ROC hat Schlichtungsverfahren des EEOC und Urteile zu sexueller Belästigung aus vier Jahren ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, das vor allem gegen bekannte Ketten Klage erhoben wurde, darunter McDonalds (mit 16 Prozent der Fälle deutlicher Spitzenreiter), KFC, Sonic, IHOP, Applebee’s, Cracker Barrel, Ruby Tuesday und Denny’s.

Meist wurden die ArbeiterInnen täglich missbraucht und belästigt und waren mit Vergeltungsmaßnahmen für ihre Beschwerden konfrontiert.

Jenny Brown von den Labor Notes, die jetzt für die feministische NGO National Womens Liberation arbeitet, betont, dass die düsteren Statistiken für Gastronomiebeschäftigte mit der Art und Weise ihrer Bezahlung zusammenhängen: Trinkgelder.

ROC schilderte in einem Bericht 2014, »dass mehrheitlich weibliche Belegschaften sich das Wohlgefallen und die Gunst der Kundschaft erarbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen«. Männer nutzen das mit aufdringlichen Fragen, Gesten, mit Grapschen und sogar mit Stalking aus. »Dummerweise ist das zur gesellschaftlichen Normalität geworden, wir alle haben das akzeptiert und wir alle hassen das«, sagte eine Barkeeperin dem ROC.

Manager neigen dazu, sich auf die Seite der Kundschaft zu schlagen, wenn Beschäftigte sich beschweren. Eine Bedienung berichtete vom Kommentar ihres Chefs: »Na ja, diese Leute zahlen viel Geld für unseren Service, und, guck mal, würde es denn wehtun, ein bisschen zu lächeln, ein bisschen freundlicher zu ihnen zu sein?«

Auf dem Feld

Eine Feldarbeiterin beschreibt die Regeln auf dem Acker als vergleichbar mit denen im Restaurant: »Du lässt es zu, oder sie schmeißen Dich raus.« Eine Untersuchung der Situation von Landarbeiterinnen kam 2010 zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent sexuelle Belästigung bei der Arbeit erlebt hatten. Landarbeiterinnen sind besonders verwundbar, wenn sie von einzelnen Vorarbeitern eingestellt und bezahlt werden, die damit direkte Kontrolle über ihren Lebensunterhalt haben.

Reinigungskräfte sind ein weiteres typisches Beispiel aus dem Niedriglohnbereich, wie Sonia Singh dieses Jahr dargestellt hat. Sie sind überwiegend weiblich und arbeiten oft spät abends an isolierten Arbeitsplätzen. Die PBS-Dokumentation »Vergewaltigung in der Nachtschicht« von 2015 zeigte, wie weit verbreitet und unterbelichtet sexualisierte Gewalt für Putzkräfte ist.

Im Mai 2016 setzte die Gewerkschaft United Service Workers West (USWW) einen neuen Rahmenvertrag in Kalifornien durch, der Kurse zum Thema sexuelle Belästigung für Vorabeiter und Beschäftigte vorsieht, und der gewährleistet, dass ArbeiterInnen die Möglichkeit haben, sich bei Führungskräften oberhalb ihrer unmittelbaren Vorgesetzten zu beschweren.

Die USWW experimentierte bei den Kursen mit dem Einsatz eines Telenovela-/Seifenopernformats, das unterbrochen werden konnte, um sich über die gerade gesehenen Szenen auszutauschen.

Die Gewerkschaft arbeitete auch mit PolitikerInnen zusammen, um ein Gesetz für den Bundesstaat zu entwickeln, den Property Services Worker Protection Act. Sie gewann BürgermeisterInnen und gewerkschaftlich organisierte Unternehmen als Unterstützung und finanzierte Plakatwände mit der Aufschrift »Beendet die Vergewaltigungen in der Nachtschicht« an strategisch bedeutenden Orten. Als nicht sicher war, ob Gouverneur Jerry Brown das Gesetz unterzeichnen würde, entschieden sich einige für eine Fastenaktion: Zwölf Betroffene von sexualisierter Gewalt und Beläs­tigung am Arbeitsplatz begannen ihren Hungerstreik vor dem Capitol. Viele von ihnen verlasen offene Briefe an ihre Angreifer. Die meisten hatten vorher nie öffentlich über ihre Geschichte gesprochen. Nachdem die Gruppe fünf Tage lang gefastet hatte, unterzeichnete Brown das Gesetz, das 2019 in Kraft treten wird. Es verpflichtet Reinigungs- und Sicherheitsdienste, Beschäftigte und Führungskräfte zu sexualisierter Gewalt und Belästigung zu schulen.

Im Hotelzimmer

Die vermutlich am stärksten von unmittelbaren Übergriffen betroffene Gruppe bilden Reinigungskräfte im Hotel. Offenbar denken männliche Gäste, dass eine Frau, die sich in einem Schlafzimmer aufhält, verfügbar sein muss. Jenny Brown schreibt: »Arbeiterinnen berichten, dass männliche Kunden sich entblößen, dass sie versuchen, sexuelle Dienste zu kaufen, dass sie grapschen und tatschen, und in manchen Fällen versuchen sie zu vergewaltigen.«

»Kunden bieten Geld für Massagen – aber sie wollen keine Massage, sie wollen etwas anderes«, sagt Eliza­beth Moreno, eine 18-jährige Hotelbeschäftigte aus Chicago. Wenn sie Lieferungen des Zimmerservice bringt, kommen männliche Gäste gelegentlich nackt an die Tür, sagt sie.

Das Problem ist so weit verbreitet, dass Hotelbeschäftigte auf Hawaii und in San Francisco sich gegen Bestrebungen des Managements gewehrt haben, ihnen das Tragen von Röcken vorzuschreiben. Die Arbeiterinnen sagten, dass die Uniformen sie angreifbarer für Grabscher machen in einem Beruf, der es nötig macht, dass man sich über Betten, Wannen und Fußböden bückt.

Im New Yorker Sofitel, wo Dominique Strauss-Kahn, damals Vorsitzender des Internationalen Währungsfonds, 2011 eine Reinigungskraft in einem Raum für 3.000 Dollar pro Nacht angriff, hat die Geschäftsleitung einer Gewerkschaftsvertreterin zufolge die Uniform mit Rock zugunsten von Hosen und Blusen abgeschafft.

Die Sicherheit der Reinigungs- und Servicekräfte wird gefährdet durch Personalkürzungen, die die Frauen bei der Arbeit isoliert. Hawaiianische Hotelbeschäftigte in der »Wendeschicht«, zu der es gehört, am Abend in die Zimmer zu gehen, um Vorhänge zuzuziehen und Betten zu machen, haben bislang paarweise gearbeitet. Jetzt verlangt die Geschäftsführung von ihnen, allein zu arbeiten, und sie sagen, dass sie sich daher unsicher fühlen.

In Chicago haben Arbeiterinnen für das Recht gekämpft, die Zimmertür mit ihrem Servicewagen am Zufallen zu hindern, solange sie das Zimmer reinigen. Manche Geschäftsleitungen bezeichneten das als »unprofessionell« oder behaupteten, es würde Diebstahl von Gegenständen aus dem Zimmer erleichtern.

»Wenn wir das Wasser laufen lassen, hören wir nicht, wenn der Gast reinkommt«, sagt Moreno. In ihrem gewerkschaftlich organisierten Hotel wird die Zimmerreinigung von einer Vorarbeiterin beaufsichtigt, wenn ein Gast anwesend ist.

Und das Management lacht

Nach dem Strauss-Kahn-Vorfall veranstaltete die Gewerkschaft UNITE HERE Kundgebungen in acht Städten. »Diese Kunden glauben, sie können uns für alles benutzen, weil wir nicht ihre Macht und nicht ihr Geld haben«, sagt Yazmin Vazquez, die in Chicago im Zimmerservice arbeitet.

Eine 30-jährige Beschäftigte in Indianapolis, die als »Gästeläuferin« in der Abendschicht arbeitet, brachte Handtücher und Shampoo zu Gästen, die danach verlangt hatten. Sie berichtete, dass sie zweimal pro Woche mit Männern konfrontiert ist, die nackt zur Tür kommen, sie anmachen oder Schlimmeres. Die Mitglieder des Managements wussten das, sagte sie, wischten es aber meist mit einem Lachen beiseite.

Die Hotelbeschäftigte Andria Babbington aus Toronto berichtete ebenfalls von lachenden Managern als Reaktion auf ihre Beschwerde über einen nackten Gast, der von ihr shampooniert werden wollte.

»Hotels sind Komplizen in einer Kultur des Schweigens«, sagt Annemarie Strassel von UNITE HERE. »Die Prämisse ist, dass der Gast immer Recht hat.« Kommt der Wille der Geschäftsleitung hinzu, den Gästen zu gefallen und aufmerksamkeitserregende Vorfälle unter den Teppich zu kehren, fühlen sich viele Arbeiterinnen unter Druck, Beleidigungen und Übergriffe als Teil ihrer Arbeit zu ertragen.

Wenn Arbeiterinnen das Fehlverhalten von Gästen melden, wird selten die Polizei verständigt. »Egal was wir sagen, das Management wird stets den Gast respektieren«, sagte Hortensia Valeria bei der Kundgebung in Chicago.

Gleichwohl wurde Strauss-Kahn von der Polizei verhaftet (auch wenn die Anklage später fallen gelassen wurde) und kurz danach auch der ägyptische Bankier Mahmoud Abdel-Salam Omar, der von einer Haushaltshilfe eines ähnlichen Vergehens beschuldigt wurde. Beide New Yorker Frauen waren Gewerkschaftsmitglieder.

Ebenso wie es jetzt durch die Flut an Berichten über den Medienmogul Harvey Weinstein geschieht, machte das damalige öffentliche Interesse es leichter für Arbeiterinnen, über ähnliche Vorfälle zu sprechen. Die Geschäftsführungen beider Hotels versprachen, die Beschäftigten mit Alarmknöpfen auszustatten.

  • Übersetzung: Stefan Schoppengerd

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