Organizing: Warum die Machtfrage entscheidet. Eine Replik auf die WSI-Studie zur Stärkung der Tarifbindung »von unten«

express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und GewerkschaftsarbeitKann Organizing die Tarifbindung stabilisieren? Die aktuelle WSI-Studie »Organizing« als Instrument zur Stärkung der Tarifbindung »von unten«? von Heiner Dribbusch, Johannes Schulten und Marcel Thiel dämpft Erwartungen – zu Recht. Doch sie greift analytisch zu kurz, meint Jörn Boewe. Denn Organizing zielt in vielen zentralen Konflikten nicht auf bestehende Tarifverträge, sondern auf deren blinde Flecken: auf die Herstellung von Tariffähigkeit, die Wiederaneignung ausgehöhlter Tarifnormen oder auf neue Regelungsgegenstände jenseits klassischer Tarifpolitik. Wer über Tarifbindung – also die Frage, ob Tarifverträge wieder mehr Betriebe und Beschäftigte erfassen – reden will, muss über Macht, politische Regulierung und gesellschaftlichen Druck sprechen…“ Artikel von Jörn Boewe in express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit Ausgabe 2-3/2026:

Organizing: Warum die Machtfrage entscheidet

Eine Replik auf die WSI-Studie zur Stärkung der Tarifbindung »von un­ten« – von Jörn Boewe[*]

Kann Organizing die Tarifbindung stabilisieren? Die aktuelle WSI-Studie »Organizing« als Instrument zur Stärkung der Tarifbindung »von unten«? von Heiner Dribbusch, Jo­hannes Schulten und Marcel Thiel dämpft Erwartungen – zu Recht. Doch sie greift ana­lytisch zu kurz, meint Jörn Boewe. Denn Organizing zielt in vielen zentralen Konflikten nicht auf bestehende Tarifverträge, sondern auf deren blinde Flecken: auf die Herstel­lung von Tariffähigkeit, die Wiederaneignung ausgehöhlter Tarifnormen oder auf neue Regelungsgegenstände jenseits klassischer Tarifpolitik. Wer über Tarifbindung – also die Frage, ob Tarifverträge wieder mehr Betriebe und Beschäftigte erfassen – reden will, muss über Macht, politische Regulierung und gesellschaftlichen Druck sprechen.

Die WSI-Studie zur Frage, ob Organizing zur Stabilisierung der Tarifbindung »von unten« beitragen kann, ist ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung einer oft normativ überfrachteten Debatte. Sie benennt nüchtern die strukturellen Grenzen gewerkschaftlicher Handlungsmacht, verweist zu Recht auf die Bedeutung politischer Flankierung – etwa durch Tariftreuegesetz oder erleichterte All­gemeinverbindlichkeit – und widerspricht der Vorstellung, methodische Innovation könne die Erosion des Tarifsystems im Alleingang aufhalten. Gerade deshalb lohnt eine Präzi­sierung ihrer zentralen analytischen Perspektive.

Die Studie fragt, ob Organizing in der Lage ist, die Tarifbindung zu stabilisieren – und stellt fest, dass es häufig in bereits tarifgebundenen Betrieben stattfindet. Diese Beobachtung ist empirisch nicht falsch, greift analytisch jedoch zu kurz. Sie legt nahe, dass Organizing sich primär auf bestehende Tarifverträge bezieht: auf deren Verteidigung, Ausweitung oder Erneue­rung. Genau diese Annahme trifft auf wichtige empirische Fälle nicht zu.

Organizing jenseits bestehender Tariflogiken

Ein besonders deutliches Gegenbeispiel ist die Krankenhausbewegung. Sie spielte sich in ei­ner hoch tarifgebundenen Branche ab, in der Entgelt, Arbeitszeit und Eingruppierung tariflich geregelt waren. Der Kernkonflikt hatte jedoch mit diesen Tarifverträgen kaum zu tun. Ziel des Organizings war nicht ihre Verbesserung, sondern die Einführung eines qualitativ neuen Re­gelungsgegenstands: verbindliche Vereinbarungen zur Mindestpersonalbemessung und Ent­lastung.

Hier zeigt sich ein Muster, das über den Einzelfall hinausweist. Organizing richtet sich in vielen Konflikten nicht auf die Tarifbindung als solche, sondern auf Lücken des Tarifsystems. Es geht um Fragen, die tariflich bislang nicht oder nur unzureichend geregelt sind: etwa Ar­beitsverdichtung, Personaluntergrenzen, Leistungssteuerung, professionelle Autonomie oder Daseinsvorsorge unter Marktbedingungen. In diesen Fällen ist die Unterscheidung »tarifge­bunden oder nicht tarifgebunden« irreführend. Sie verdeckt, dass Organizing häufig dort an­setzt, wo bestehende Tarifverträge zentrale Probleme der Arbeit bislang nicht erfassen.

Hinzu kommt eine implizite historische Verkürzung. Frühere Organizing-Projekte in Deutschland – etwa im Bewachungsgewerbe, im Windanlagenbau oder im Einzelhandel – fanden überwiegend gerade nicht in tarifgebundenen Betrieben statt. Sie zielten auf Erschlie­ßung, auf den Aufbau kollektiver Handlungsfähigkeit und auf die Herstellung von Tariffähig­keit überhaupt. Erst in späteren Phasen kam es zu einer stärkeren Konzentration auf tarifnahe oder tarifgebundene Strukturen, nicht zuletzt aus Ressourcengründen.

Eine alternative Perspektive

Statt Organizing-Projekte primär nach dem formalen Tarifstatus der Betriebe zu sortieren, er­scheint mir eine andere Leitfrage fruchtbarer: Auf welche Regelungsdefizite zielt Organizing – innerhalb, jenseits oder gegen bestehende Tariflogiken?

Aus dieser Perspektive lassen sich unterschiedliche Typen von Organizing-Konflikten un­terscheiden:

  • Organizing zur Herstellung von Tariffähigkeit,
  • Organizing zur Wiederaneignung ausgehöhlter Tarifnormen,
  • Organizing zur Expansion kollektiver Regelungsgegenstände und
  • Organizing mit explizit politischer Stoßrichtung.

Dass Organizing dabei nicht auf Tarifpflege zu reduzieren ist, sondern Fragen von Macht, De­mokratie und kollektiver Lernfähigkeit berührt, wurde im express zuletzt auch in der Debatte um das Schlüsselpersonenkonzept diskutiert (siehe 9–10/2025, S. 20; 11/2025, S. 1; 12/2025, S. 12). Gerade diese Punkte lassen sich nur unzureichend mit der Frage nach Tarifbindung erfassen.

Zur politischen Voraussetzung von Tarifbindung

Die zentrale Schlussfolgerung der WSI-Studie – dass eine Stabilisierung des Tarifsystems »von unten« ohne politische Flankierung nicht zu erwarten ist – bleibt richtig. Ihre analytische Reichweite würde jedoch gewinnen, wenn Organizing nicht primär als Instrument der Tarif­pflege, sondern als Praxis der Grenzverschiebung verstanden würde: als kollektiver Versuch, neue Felder der Regulierung zu eröffnen, wo bestehende Tarifverträge keine Regelungen vor­sehen.

Organizing ist kein Ersatz für Tarifpolitik. Und es ist nicht auf sie reduzierbar. In vielen Fällen zeigt es weniger, wie die Tarifbindung stabilisiert werden kann, als vielmehr, wo und warum das Tarifsystem selbst reformbedürftig ist. Gerade darin liegt sein politisches Potenzi­al – und seine analytische Herausforderung.

Die Frage, ob und wie das Tarifsystem politisch stabilisiert werden kann, stellt sich heute unter grundlegend veränderten Vorzeichen. In der gegenwärtigen und allen absehbaren Regie­rungskoalitionen – gleich welcher parteipolitischen Zusammensetzung – ist Tarifbindung kein prioritäres politisches Ziel. Sie gilt bestenfalls als ordnungspolitisches Beiwerk, schlimmsten­falls als Standortnachteil. Die Rede von der »Stärkung der Sozialpartnerschaft« ersetzt keine machtpolitische Intervention, wo Tarifflucht zum Geschäftsmodell geworden ist.

Vor diesem Hintergrund wäre es illusionär, die politische Stabilisierung des Tarifsystems als externen Hebel zu denken, der unabhängig von gewerkschaftlicher Machtentfaltung wirk­sam werden könnte. Historisch betrachtet wurde das Tarifsystem nie aus Einsicht stabilisiert, sondern als Reaktion auf gesellschaftlichen Druck. Wo dieser Druck fehlte oder erodierte, wurde die Tarifbindung politisch relativiert, ausgehöhlt oder stillschweigend preisgegeben.

Ohne Druck keine Stabilisierung

Damit verschiebt sich die strategische Perspektive: Politische Stabilisierung ist nicht der Aus­gangspunkt, sondern das Resultat gewerkschaftlicher Handlungsfähigkeit. Sie setzt voraus, dass Gewerkschaften wieder als konflikthaft relevante Akteure auftreten – nicht nur in Betrie­ben, sondern ebenso im öffentlichen Raum. Entscheidend ist dabei weniger die Rückkehr zu einem idealisierten Modell industrieller Streikmacht als die Fähigkeit, betriebliche Konflikte in gesellschaftliche Fragen zu übersetzen.

Kommen wir noch einmal zurück zur Krankenhausbewegung: Sie markierte in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Sie zeigte, dass Organizing dort politisch wirksam wird, wo es nicht auf tarifliche Detailverbesserungen zielt, sondern auf strukturelle Defizite des bestehen­den Systems. Der Kampf um die Mindestpersonalbemessung war kein tariftechnisches Pro­jekt, sondern ein Konflikt um Daseinsvorsorge, Arbeitsqualität und professionelle Würde. Seine politische Resonanz speiste sich nicht aus der Existenz eines Tarifvertrags, sondern aus der sichtbaren Kluft zwischen gesellschaftlichem Bedarf und institutioneller Regulierung. Ähnliche Erfahrungen wurden im express in der Debatte um #wirfahrenzusammen beschrie­ben – als Versuch, tarifliche Auseinandersetzungen in gesellschaftliche Konflikte zu überset­zen (siehe express 11/2025, S. 10).

Daraus folgt eine unbequeme, aber notwendige Einsicht: Eine politische Stabilisierung des Tarifsystems ist an die Fähigkeit der Gewerkschaftsbewegung gebunden, Unruhe zu erzeugen – nicht im Sinne permanenter Eskalation, sondern als glaubwürdige Drohung kollektiver Ver­weigerung. Ohne die Erfahrung realer Störungen, ohne sichtbare Kosten von Nicht-Regulie­rung, gibt es für politische Akteure keinen Anlass, die Tarifbindung gegen mächtige ökono­mische Interessen zu verteidigen oder auszuweiten.

Demokratische Klassenpolitik von unten

Organizing erhält vor diesem Hintergrund eine neue strategische Bedeutung. Es ist nicht pri­mär ein Instrument zur Stabilisierung bestehender Tarifverhältnisse, sondern ein Mittel zur Re-Politisierung von Arbeit. Es macht sichtbar, wo tarifliche Regelungen nicht ausreichen, wo die Marktlogik gesellschaftliche Schäden produziert und wo kollektive Gegenmacht auf­gebaut werden muss. Erst aus dieser Praxis heraus kann politischer Druck entstehen, der über betriebliche Arenen hinausweist.

Dass Organizing auch unter extrem fragmentierten Bedingungen politische Wirkung ent­falten kann – aber nur durch Konflikt und kollektive Selbstermächtigung –, zeigen jüngere internationale Beispiele, etwa aus der Amazon-Organisierung in Großbritannien (siehe ex­press 12/2025, S. 17 externer Link ).

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Organizing die Tarifbindung »von unten« sta­bilisieren kann. Sie lautet, ob es der Gewerkschaftsbewegung gelingt, mittels Organizing wie­der als gesellschaftliche Konfliktkraft zu wirken. Politische Stabilisierung ist dann möglich – nicht als Geschenk, sondern als Konzession. Ohne diese Voraussetzung bleibt sie ein wohl­klingendes Versprechen ohne Adressaten.

Artikel von Jörn Boewe in express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit Ausgabe 2-3/2026

* Jörn Boewe ist freier Journalist und Autor. Er schreibt regelmäßig über Arbeitskämpfe, Organizing und industrielle Transformation.

Siehe zum Hintergrund: Heiner Dribbusch, Johannes Schulten, Marcel Thiel: »›Organizing‹ als Instrument zur Stärkung der Tarifbindung ›von unten‹?«, Studie im Rahmen des IAQ/WSI-Projektes »Stärkung der Tarifbindung«, Analysen zur Tarifpolitik Nr. 113, WSI 2026, 59 Seiten, Open Access auf der Website des WSI externer Link

Siehe u.a. zum Thema auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=234432
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