Der „demokratische Betrieb“ als Disziplinierungsprojekt – Wenn HR die Demokratie verteidigt. Oder: Der BPM – Das progressive Gesicht der Sozialpartnerschaft

Mitbestimmung! Oder "Herr im Hause"?„Es gibt Texte, die mehr über den Zustand gesellschaftlicher Machtverhältnisse verraten, als ihre Verfasser vermutlich beabsichtigen. Das im Vorfeld der diesjährigen Betriebsratswahlen veröffentlichte „HR-Thesenpapier 2026“ externer Link des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) gehört dazu. Unter Überschriften wie „Mut zur Zumutung“, „Produktivität neu denken“, „Arbeitszeit ist nicht Leistung“ oder „Menschlichkeit ist kein Nice-to-have“ entwirft der Verband das Selbstbild eines modernen, progressiven und gesellschaftlich verantwortlichen Personalmanagements. Besonders aufschlussreich ist dabei These 3: „Sorgen um den einstigen Klassenfeind oder warum wir eine der Demokratie verpflichtete Mitbestimmung brauchen. Zwischen Betriebsrat und Bürgerfrust spannt sich zunehmend ein neues Aktionsfeld: Mitbestimmung wird zur Bühne der Polarisierung durch populistische Mikrofone…“ Artikel von Andreas Buderus vom 18. Juni 2026 beim gewerkschaftsforum.de externer Link und mehr daraus:

  • Weiter aus dem Artikel von Andreas Buderus vom 18. Juni 2026 beim gewerkschaftsforum.de externer Link: „… Wenn Interessenvertretung nicht mehr Interessen vertritt, sondern Populismus predigt, verliert sie Vertrauen. In Krisenzeiten brauchen Menschen Orientierung und Glaubwürdigkeit – HR kann und muss überzeugendere Antworten liefern, die den Betriebsfrieden und das Bekenntnis zur pluralistischen Gesellschaft sicherstellen. Dort, wo die Mitbestimmung erodiert, muss HR korrigierend eingreifen und wird somit mehr und mehr zum Stabilitätsanker des demokratischen Betriebs. Wir setzen in 2026 einen Kurs mit konsequenter Ausrichtung: Konflikte müssen benannt und mit klarem Kompass bearbeitet werden. Kooperative Konfliktbewältigung ist möglich und nötig, um Zukunft zu sichern. Diese Zuversicht leitet uns auch mit Blick auf die Betriebsratswahlen 2026. Gemeinsam mit unseren Partner*innen aus der Mitbestimmung richten wir nun unseren Blick nach vorne. Dem Populismus erteilen wir eine klare Absage.“ (…)
    Wer verstehen will, warum ausgerechnet Personalmanager*innen heute beginnen, von betrieblicher Demokratie zu sprechen, muss (…) nicht bei HR beginnen. Er muss bei einer Gesellschaft ansetzen, die unter den Bedingungen von Krise, verschärfter Konkurrenz, Militarisierung und Kriegsvorbereitung zunehmend nach autoritär formierter Stabilität verlangt. (…)
    Das klassische Vokabular des Unternehmerlagers – Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherung und Disziplin – ist keineswegs verschwunden. Es erscheint lediglich in neuer Gestalt. Wo früher offen von Anpassung die Rede war, dominieren nun Begriffe wie Resilienz, Diversität, psychologische Sicherheit oder Purpose. Die Sprache wird weicher, die Funktion bleibt vertraut: die Stabilisierung betrieblicher Herrschaftsverhältnisse unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Unternehmen sehen sich mit Fachkräftemangel, sinkender Loyalität, wachsender sozialer Polarisierung und einer zunehmend krisenhaften Weltlage konfrontiert. Kontrolle allein durch Hierarchie genügt vielerorts nicht mehr. Zustimmung muss organisiert, Loyalität erzeugt und Konflikte moderiert werden. Der Betrieb erscheint als sozialer Raum, dessen Stabilität aktiv hergestellt werden muss. Gemeint ist allerdings keine Demokratisierung ökonomischer Macht. Weder Eigentum noch Investitionen, Produktionsentscheidungen oder Unternehmensstrategien stehen zur Debatte. Der demokratische Betrieb des BPM bezeichnet nicht die Erweiterung kollektiver Verfügungsmacht, sondern die Herstellung von Stabilität. Der Betrieb erscheint nicht als Ort widerstreitender Interessen, sondern als Gemeinschaft, deren Zusammenhalt gesichert werden muss. (…)
    Aufschlussreich ist deshalb auch, worüber das BPM-Papier schweigt. Die zunehmende Behinderung von Betriebsratsgründungen, die Einschüchterung gewerkschaftlich aktiver Beschäftigter oder das um sich greifende professionelle Union-Busting zahlreicher Unternehmen spielen keine Rolle. Die Sorge beginnt nicht dort, wo Mitbestimmung geschwächt wird. Sie beginnt dort, wo Mitbestimmung mehr sein könnte als die konfliktarme Begleitung betrieblicher Transformation, Standortkonkurrenz, Deindustrialisierung und Kriegskonversion. Der Text des BPM verrät gerade dort am meisten über die Gegenwart, wo er von Demokratie spricht. Die eigentliche Konfliktlinie verläuft nicht zwischen demokratischer und populistischer Mitbestimmung. Sie verläuft zwischen einer Mitbestimmung, die Beschäftigte in bestehende, zunehmend undemokratische und militarisierte Verhältnisse integriert, und einer Mitbestimmung, die widerständige kollektive Handlungsfähigkeit stärkt und gesellschaftliche Konflikte zum Ausgangspunkt einer emanzipatorischen Praxis der Selbstermächtigung macht.“
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=236200
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