«Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen»: Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft

Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral„„Mit dem Bürgertum steigt eine Klasse zur Herrschaft auf, die sich über Arbeit definiert und sich durch eine um Leistung zentrierte, methodische Lebensführung von der Aristokratie abgrenzt. Die Selbstdisziplin, die sich das Bürgertum auferlegt, schlägt um in und vollendet sich als Fremddisziplinierung. Aus der Härte gegen sich selbst leitet man das Recht, ja beinahe die Pflicht ab, unnachgiebig gegen die unproduktiven und lasterhaften Unterschichten vorzugehen.“ Dieser Text stammt aus dem Jahr 1990 und ist ursprünglich in einer doppelt so langen Fassung in der Zeitschrift „psychosozial“ erschienen. Lange vor Einführung des Verelendungs- und Disziplinierungsprogramms Hartz IV analysierte der Autor den allgegenwertigen Terror der Arbeit treffend und mit vielen aufschlussreichen historischen Belegen…“ Teil 1 des Beitrags von Götz Eisenberg vom 24. November 2017 bei Hinter den Schlagzeilen externer Link und nun auch Teil 2/2 und mehr dazu:

  • Leistung gilt als moralischer Maßstab unserer Gesellschaft: Wer nicht produktiv ist, gehört nicht dazu New
    Leistung gilt als moralischer Maßstab unserer Gesellschaft. Wer arbeitet, gehört dazu – wer nicht arbeitet, steht unter Verdacht. Diese Logik prägt nicht nur die aktuelle Bürgergelddebatte, sondern reicht bis zu den liberalen Grundannahmen eines John Locke zurück, kommentiert Otmar Tibes. (…)
    Die alte Denkfigur von Locke begegnet uns in der heutigen Bürgergelddebatte in gewandelter Form wieder. Der Bürgergeldempfänger erscheint als jemand, der eine wichtige ökonomische Ressource ungenutzt lässt: seine Arbeitskraft. Diese »brachliegende Arbeitskraft« gilt als Problem – ökonomisch, aber auch moralisch. Wer nicht arbeitet, will angeblich nicht arbeiten. Wer hingegen Unterstützung erhält, ohne Leistung zu erbringen, steht unter Generalverdacht. Armut wird so nicht als gesellschaftliche Realität verstanden, sondern als individuelles Fehlverhalten.
    An diesem Punkt zeigt sich ein grundlegender Widerspruch. Ein Sozialstaat, der dazu da ist, Menschen sozial abzusichern, richtet seine Hilfe zunehmend an jenen aus, die am wenigsten Hilfe benötigen. Als unterstützungswürdig gelten nämlich vor allem diejenigen, die nur kurzzeitig arbeitslos sind, als gut vermittelbar erscheinen und ihre Bedürftigkeit als Ausnahme erklären können. Wer dauerhaft auf Hilfe angewiesen ist, scheint hingegen bloß faul und unproduktiv zu sein. Je größer die Bedürftigkeit, desto stärker das moralische Misstrauen. Logisch betrachtet ist das paradox: Ein Sicherungssystem, das denjenigen am meisten vertraut, die am wenigsten bedürftig sind, und wiederum denjenigen am meisten misstraut, die am meisten bedürftig sind, verfehlt seinen Zweck.
    Das zugrunde liegende Menschenbild jedoch ist klar: Der Mensch ist vor allem Träger von Leistung. Seine Anerkennung hängt davon ab, ob er verwertbar ist und er sein ihm zugeschriebenes Leistungsversprechen einlöst. Hilfe ist dann kein Recht, sondern ein moralischer Vorschuss, der sich nur lohnt, wenn er in Produktivität zurückgezahlt wird. (…)
    Vieles wird in dieser Perspektive ausgeblendet: Krankheit, psychische Belastungen, Care-Arbeit, strukturelle Arbeitslosigkeit, fehlende Kinderbetreuung, regionale Ungleichheit, Diskriminierung. Sie tut so, als sei der Arbeitsmarkt ein neutraler Ort, an dem allein der individuelle Wille entscheidet. Vor allem aber verkennt sie eine grundlegende Wahrheit: Der Wert eines Menschen lässt sich nicht an seiner Produktivität messen. (…)
    Eine demokratische Gesellschaft sollte sich angesichts zunehmender sozialer Ungleichheit und Armut fragen, ob sie dieses Menschenbild weitertragen will. Ob sie Menschen also nach ihrem Nutzen bewerten will oder nach ihrer Würde, ob Existenzsicherung als Gnade gilt oder als Recht. Vielleicht ist es an der Zeit, mit Locke und der liberalen Vorstellung zu brechen, dass Freiheit und Anerkennung erst verdient werden müssen. Denn ein Sozialstaat, der nur den Produktiven vertraut, hat bereits aufgehört, sozial zu sein
    .“ Artikel von Otmar Tibes vom 18. Dezember 2025 im Politik & Ökonomie Blog externer Link („Wer nicht produktiv ist, gehört nicht dazu“)
  • «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen»
    „„Wie schafft man es, dass Menschen arbeiten wollen und sich das Produkt ihrer Arbeit wegnehmen lassen?“ Im zweiten Teil seines Artikels erzählt Götz Eisenberg, wie es gelang, Menschen entgegen ihren natürlichen Bedürfnissen nach Freiheit, Freizeit, Bequemlichkeit und Lust eine rigide „Arbeitsmoral“ anzudressieren. Das zentrale Problem der kapitalistischen Produktion erwies sich als lösbar: „Man verpasste den Zöglingen eine Seele, die als innere Ergänzung des äußeren Zwangs wirkte.“ …“ Teil 2 des Beitrags von Götz Eisenberg vom 24. November 2017 bei Hinter den Schlagzeilen externer Link

Wir erinnern an:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=125237
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