Ehrenamtler als Lückenbüßer: Freiwilliges soziales Engagement trägt oft dazu bei, die Folgen staatlicher Sparpolitik auszubügeln

Bürgerarbeit„… Menschen, die sich ehrenamtlich einsetzen, sind für das Gemeinwesen in vielerlei Hinsicht unentbehrlich. „Engagement und Freiwilligenarbeit können wichtige Freiräume schaffen, um Formen der alltäglichen Solidarität und Unterstützung jenseits von Privathaushalt, Markt und Staat zu erproben und Alternativen zu stärken“, schreibt Silke van Dyk. Es gebe allerdings auch Schattenseiten. Mit ihnen hat sich die Soziologin von der Universität Jena in einer Studie beschäftigt, die auf einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt beruht, das sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen Laura Boemke, Emma Dowling und Tine Haubner bearbeitet hat. Ihrer Analyse zufolge, die auf Interviews mit Engagierten und Experten sowie einer umfangreichen Auswertung von Dokumenten beruht, verschwimmen zum Teil die Grenzen zwischen freiwilligem Engagement und Erwerbstätigkeit. Freiwillige würden zu preiswerten Konkurrenten in den Grauzonen des Wohlfahrtsmarktes, der Bundesfreiwilligendienst in den neuen Bundesländern zum zweiten Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose…“ Beitrag aus Böckler Impuls Ausgabe 17/2021 externer Link, siehe daraus auch zur Rolle des Staats:

  • Die dunkle Seite des Ehrenamts: Alle Jahre wieder kommt der Appell, sich unentgeltlich für den Nächsten einzusetzen. Das Armutszeugnis eines perfiden Gesellschaftsentwurfs? New
    Der Staat, unsere Gesellschaft gibt jedes Jahr hunderte von Milliarden Euro aus, nimmt astronomische Kredite auf – unter anderem für Autobahnen, Zugverkehr, Waffenproduktion, künstliche Intelligenz, Experimente im Weltraum, Förderung der Unterhaltungs- und Videospielindustrie und vieles Wunderbare mehr. Aber um jedem Mitbürger die Teilnahme an einem würdigen Leben zu garantieren, dafür sind die Kassen knapp, dafür haben wir kein Geld. So appellieren unsere Staatsoberhäupter im Gewand der Moralapostel zu jedem Weihnachtsfest, zu jedem Jahreswechsel, man solle sich doch unentgeltlich für den Nächsten einsetzen – um Notlagen abzufedern. Hallo, geht’s noch? (…)
    Die steigende Tendenz sozialer Missstände in Deutschland über die letzten zehn Jahre spricht Bände, überall gehen die Zahlen nach oben – Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Armutsgefährdung, prekäre Beschäftigung, Depressionen und Vereinsamung. Mit dem evidenten, aber unausgesprochenen Hinweis, selbst nicht die nötigen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellen zu können, appelliert der Staat an das Mitgefühl der Bürger und Bürgerinnen – mit inbegriffen sind Zeit, körperliche und psychische Leistung und persönliche Geldmittel –, sich doch auch um diese Missstände ein bisschen zu kümmern – selbstverständlich gratis. (…)
    Ehrenamtliches Engagement ersetzt Leistungen, die andernfalls auch von bezahlten Fachkräften erbracht werden müssten. Damit werden dem Staat immense Kosten erspart – vor allem im sozialen Sektor, aber auch in Bereichen wie Bildung, Sport und Kultur. (…)
    Wenn man sich diese Zahlen vergegenwärtigt, wird klar, warum Präsident und Kanzler uns jedes Jahr darum anbetteln, jene Kosten des Ehrenamts zu übernehmen, schließlich sind andere Dinge doch viel wichtiger für den Staat und für uns, oder nicht? Aber Moment mal, wie wäre das eigentlich, wenn der Staat diese, sagen wir mal 100 Milliarden Euro im Rahmen einer hypothetischen „ideologischen“ Haushaltsreform tatsächlich für die Gesellschaftsbereiche des heutigen Ehrenamts einplanen würde? (…)
    es sind ja gerade unsere Wirtschafts- und Sozialsysteme, es sind die Konsequenzen unserer eben auch so gewollten Wettbewerbs- und profitorientierten Leistungsgesellschaft, es ist der allgegenwärtige Materialismus und Individualismus, welche eben diese Missstände hervorbringen, welche verantwortlich sind für finanzielle Not, soziale Ausgrenzung, körperliches und seelisches Leid vieler Menschen – ja, eben auch in einer Demokratie, wie der unsrigen. Ist es da moralisch akzeptabel, dass wir, dass sich der von uns gewählte und finanzierte Staat beziehungsweise die Regierung aus der Verantwortung stiehlt; dass man nicht die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellt, nicht zur Verfügung stellen will, um eben auch diesen „unproduktiven“ Menschen ein würdiges Leben als anerkannte Mitglieder unserer Gesellschaft zu garantieren?…“
    Essay von Albert T. Lieberg vom 24.12.2025 in der taz online externer Link
  • Weiter im Beitrag aus Böckler Impuls Ausgabe 17/2021externer Link: „(…) Für die Zweckentfremdung des Ehrenamts macht die Forscherin auch den Staat verantwortlich. Dieser habe in den vergangenen Jahren vermehrt Förderprogramme aufgelegt sowie 2011 den Bundesfreiwilligendienst ins Leben gerufen. Das Ehrenamtsstärkungsgesetz von 2013 habe die Auszahlung von höheren Aufwandsentschädigungen ermöglicht. Zugleich habe man versucht, Engagement durch Kampagnen und Preise moralisch aufzuwerten. Auf der anderen Seite sei es zu einer „Politik des Unterlassens“ durch Kürzungen und Schließungen gekommen: Freiwillige müssten einspringen, wenn Freibäder oder Bibliotheken aus Kostengründen zumachen, oder kümmerten sich in den Tafeln um Menschen, die durchs soziale Netz fallen. Die Not vieler Kommunen habe sich dadurch verschärft, dass sie Rechtsansprüche – etwa auf einen Kitaplatz oder schulische Ganztagsbetreuung – umsetzen müssen, die auf höherer Ebene beschlossen worden sind. Vor diesem Hintergrund bestehe die Gefahr, dass Erwerbsarbeit in der öffentlichen Infrastruktur und Daseinsvorsorge durch freiwilliges Engagement ersetzt wird, so van Dyk. (…) „Man kann von einer doppelten Erosion tradierter Grenzziehungen zwischen regulärer Erwerbsarbeit und Engagement sprechen, die sich durch die Diffusion des Engagements in den Erwerbsbereich hinein einerseits sowie die zunehmende Prekarisierung von Erwerbsarbeit andererseits auszeichnet“, stellt die Wissenschaftlerin fest. (…) Den abstrakten Begriff der Arbeitsmarktneutralität zu präzisieren, wie es auch der DGB fordert, wäre ein erster wichtiger Schritt zu einer wirksamen Regulierung.“
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=194941
nach oben