- Automobilindustrie
- Bauindustrie und Handwerk
- Chemische Industrie
- Dienstleistungen, privat und Öffentlicher Dienst
- Elektro- und Metall(-Zulieferer)
- Elektrotechnik
- Energiewirtschaft (und -politik)
- Fahrzeugbau (Vom Fahrrad, über Trecker bis zum Flugzeug)
- Gewerkschaften als Arbeitgeber
- Holz, Papier, Glas und Kunststoffe
- Landwirtschaft und Gartenbau
- Maschinen- und Anlagenbau
- Medien und Informationstechnik
- Rüstungsindustrie und -exporte
- Sonstige Branchen
- Stahl-Industrie
- Stoffe und Bekleidung
Aus für Eberswalder Würstchen (Mühlen Gruppe): Tönnies setzt für Marktbereinigung 500 Menschen in Britz (Brandenburg) auf die Straße
„Die Geschäftsleitung der zu Tönnies gehörenden Eberswalder Wurstwerke hat bekannt gegeben, dass der ostdeutsche Traditionsbetrieb zum 28.Februar 2026 geschlossen wird. Über 500 Menschen verlieren ihren Job. Die Gewerkschaft NGG kritisiert die rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik des Fleisch-Milliardärs auf dem Rücken der Beschäftigten und rechtliches Schlupfloch bei Betriebsschließungen. (…) Die Zur Mühlen Gruppe – Teil des Fleisch-Giganten Tönnies – hat angekündigt, den Betrieb stillzulegen. Das Unternehmen hatte den Betrieb erst 2023 übernommen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zeigt sich empört, aber wenig überrascht (…) „Von den versprochenen Investitionen war weit und breit nichts zu sehen. Es wurde zweieinhalb Jahre auf Verschleiß gefahren und nun werden die Leute auf die Straße gesetzt…“ Pressemitteilung der NGG Ost vom 6. Januar 2026
mit mehr Informationen zum Sozialplan und dem rechtlichen Schlupfloch bei Betriebsübernahme:
- Abschiedsveranstaltung von Eberswalder Wurst in Britz mit dem Motto „Tradition endet – Solidarität bleibt“ sowie Protest gegen den Fleischbaron Tönnies
- Aus für Wurstwerk in Britz: Eberswalder eiskalt abserviert
„Abschied in Wut und Würde: Letzte Beschäftigte protestieren vor Werkstor der einst größten Fleischfabrik Europas. Tönnies-Konzern produziert Traditionswurst künftig andernorts
Der Wind pfeift gnadenlos vor der heruntergelassenen Schranke des Fabrikkomplexes in Britz nahe Eberswalde. Eine dünne Schneedecke hat sich über den Parkplatz gelegt, der Frost die Landschaft mit ihren endlosen Feldern drumherum fest im Griff. Doch die Menschen, die hierherkommen, suchen Wärme. Und finden sie erst einmal am großen Grill, auf den säckeweise neue Kohle geworfen wird. Die Gewerkschafter der Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) feuern ihn an. Explizit garen an diesem Sonnabend, symbolisch ab Mittag fünf nach zwölf, keine Eberswalder Bratwürste auf dem Rost, sondern solche aus Thüringen. Kein Euro zusätzlich soll dem Fleischmagnaten Clemens Tönnies in den Rachen geworfen werden. Seit er das Eberswalder Werk übernommen hat, wurden die Beschäftigten schon genug durch »freiwilligen« Lohnverzicht geschröpft, mit Versprechungen auf den Bestand ihrer Arbeitsplätze abgespeist – nun werden die letzten 500 von ihnen zum Ende des Monats auf der Straße sitzen. In weniger als zwei Wochen. (…)
Eberswalder hat nicht nur die geprägt, die hier beschäftigt waren oder es noch wenige Tage sind. Die hiesigen Fleischprodukte gehören zum Osten wie Rotkäppchen und Riesa-Nudeln, zu den wenigen DDR-Traditionsmarken, die den Einzug des Kapitalismus überlebt haben und sich erhalten konnten, auch wenn stets in Berg- und Talfahrt. Für Frauke Hildebrandt zum Beispiel ist es die »totale Katastrophe, wie 37 Jahre nach der Wende, der damaligen Deindustrialisierung, der Betrieb nach zwei Jahren im Tönnies-Konzern knallhart abgewickelt wird«. Hildebrandt ist Professorin an der FH Potsdam und mit ihrem Vater Jörg vors Eberswalder Werkstor gekommen. Sie findet es »nicht in Ordnung, wie wenig man sich solidarisiert« heutzutage. In den 1990ern, da hätte es einen Aufschrei gegeben, ist sie sich sicher, jetzt seien die meisten Leute einfach »so abgegessen, dass sie sich nicht mehr aufregen können«. Sehr gut vorstellbar, dass ihre 2001 verstorbene Mutter Regine Hildebrandt – Ikone der ostdeutschen Politik und immer mit mindestens einem Ohr bei der Bevölkerung – hier am Werkstor lautstark Rabatz gemacht hätte. Brandenburgs Landwirtschaftsministerin ist zwar da, aber Frauke Hildebrandt, selbst SPD-Mitglied, vermisst tatkräftige Unterstützung aus der Landesregierung für die Menschen vor Ort. »Was soll nun werden, hier ist ja sonst nüscht?« (…)
Was die Arbeiterinnen und Arbeiter an Abfindung für ihre oft jahrzehntelange harte körperliche Maloche bekommen, sind Peanuts – mickrige 15.000 Euro für 45 Jahre. Tönnies hat mit der Übernahme auch die Gesellschaft neu gegründet, die Jahre der Betriebszugehörigkeit schrumpften so deutlich. Damit wird die Abfindung für langjährig Beschäftigte und ein Drittel der ehemaligen Werkvertragsarbeiter faktisch halbiert. Für den NGG-Gewerkschafter Veit Groß ist hier vor allem auch die Bundespolitik gefragt, das Betriebsverfassungsgesetz müsse reformiert werden, um solche Effekte zu verhindern. »Der Paragraph 112 wird eindeutig im Sinne der Marktbereinigung missbraucht«, so Groß im jW-Gespräch. Demnach sind »Betriebe eines Unternehmens in den ersten vier Jahren nach seiner Gründung« von der Anwendung eines Sozialplans ausgenommen. Hinzu komme, dass im Werk nur knapp über dem Mindestlohn gezahlt wurde. »Immer wieder wurde gesagt, durch Lohnverzicht könnten die Jobs erhalten werden – ein schlechter Witz ist das!« 17 Millionen Euro seien nach NGG-Berechnungen so von den Beschäftigten über die Jahre in den Betrieb gesteckt worden, ergänzt sein Kollege, der Chef des Landesbezirks Ost, Uwe Ledwig, auf der Kundgebung am Sonnabend. Er war schon während der Insolvenz im Jahr 2000 dabei, entsprechend vorbelastet mit zwielichtigen Bossen. Als Milliardär Tönnies gekommen war, sei er gleich skeptisch gewesen. »Ihm ging es nur darum, sich die Marke zu sichern!«. (…)
Zuvor stand Thomas Gädicke am Mikrofon. Ihn kennt hier jeder, er kommt aus Britz und hat schon als Kind Rüben und Kartoffeln vom Acker geholt, bevor darauf 1977 das Kombinat gebaut und schließlich mit 3.000 vorwiegend weiblichen Arbeitern zur größten Fleischfabrik Europas wurde. Gädicke erinnert an den »sozialen Aspekt«, damals, als noch Leben in der Bude war. »Wisst ihr noch? In Antjes Kneipe, die Abende mit den jugoslawischen Arbeitern …« Seine Aufzählung ist lang. »Poliklinik, Ferienlager, Friseur, Haushaltstag – all das, was nicht ins Schema der Marktwirtschaft passt.« Gädicke kommt zum Schluss, aber eines ist ihm noch besonders wichtig. Unter dem Applaus seiner Kollegen mahnt er: »Bewahrt euch den Solidaritätsgedanken!«.“ Artikel von Michael Merz, Britz, in der jungen Welt vom 17.02.2026
und unter einem der Fotos steht: „Kein Euro mehr für Tönnies: Die letzte Wurst vor dem Werkstor in Britz ist eine Thüringer Roster“ - Abschiedsveranstaltung Eberswalder Wurst: Motto „Tradition endet – Solidarität bleibt“ – Protest gegen Fleischbaron Tönnies – Nachbesserungen gefordert
„Am vergangenen Sonnabend demonstrierten gut 400 Menschen auf der Gedenkveranstaltung für das Eberswalder Fleischwerk in Britz, das vom Fleischriesen Tönnies geschlossen wird. Dabei brachten sie ihren Protest gegen den respektlosen Umgang mit der ostdeutschen Traditionsmarke und den gekündigten Beschäftigten zum Ausdruck – und erhoben klare Forderungen. Zum Protest unter dem Motto „Tradition endet – Solidarität bleibt“ hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aufgerufen. Trotz Schnee und Kälte übertraf die Teilnehmerzahl die Erwartungen deutlich. Ziel war es, den Menschen, die im Fleischwerk arbeiten und gearbeitet haben einen würdigen Abschied zu geben. Das Fleischwerk hat über Jahrzehnte die Struktur der Region mitgeprägt, zeitweise Tausenden Menschen ein Einkommen verschafft, Kühlschränke mit Würstchen und die Herzen der Menschen in der Region mit Stolz gefüllt hatte…“ Meldung vom 17. Februar 2026 der NGG im Landesbezirk Ost
- Siehe auch das Video der NGG Ost – Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten am 15.02.2026 auf bsky
: „Trauerfeier für das Eberswalder Wurstwerk am 14.2.2026: Tradition endet. Solidarität bleibt! Schluss mit Kaufen und Schließen!„ - Und der Kommentar von LabourNet Germany dazu: „Liebe Kolleg:innen, bei allem Verständnis um die Nöte der Lohnabhängigkeit und die Ängste der Existenzsicherung: Ich bin solidarisch mit allen Betroffenen bei ihren Kämpfen gegen diese – aber bei einer „Trauerfeier für das Eberswalder Wurstwerk“ bin ich raus, weil unangemessen und geschmacklos!„
- Siehe auch das Video der NGG Ost – Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten am 15.02.2026 auf bsky
- Aus für Wurstwerk in Britz: Eberswalder eiskalt abserviert
- Eberswalder Wurstwerke in Britz: „Wenn uns ein Wessi aufkauft, dann wird meistens der Osten plattgemacht“
„Die Frage klingt nach Neunzigerjahren, nach Treuhand und abgewickelten Kombinaten, nach Versprechen und Brüchen. Doch seit der Ankündigung, die Eberswalder Wurstwerke zu schließen
, wird sie in Brandenburg wieder gestellt: Macht der Westen ostdeutsche Traditionsmarken kaputt? Vor dem Werksverkauf in Britz glauben einige, sie eindeutig beantworten zu können. „Wie immer im Osten – wenn uns ein Wessi aufkauft, dann wird meistens der Osten platt gemacht“, sagt ein Kunde vor dem Wurstwerk. Eine Kundin erzählt von Freunden, die nun wieder Bewerbungen schreiben müssen, von polnischen Pendlern, die über Nacht ihren Job verlieren. Die Wut richtet sich schnell gegen den neuen Eigentümer – gegen Tönnies. (…)
Übernahme 2023 formal als Neugründung gewertet
Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte die Übernahme damals skeptisch begleitet. Ihr Landeschef Uwe Ledwig verweist darauf, dass Tönnies in den vergangenen Jahren zahlreiche Betriebe übernommen und viele davon später geschlossen habe. Der Verdacht: kaufen, bündeln, Konkurrenz vom Markt nehmen. Investitionen, die im Zuge der Übernahme angekündigt worden seien, seien ausgeblieben, sagte Ledwig dem rbb.
Ein wichtiges juristisches Detail: Die Zur-Mühlen-Gruppe wertete die Übernahme 2023 formal als Neugründung. Nach § 112a des Betriebsverfassungsgesetzes seien Betriebe in den ersten vier Jahren nach ihrer Gründung von verpflichtenden Sozialplänen ausgenommen. Diese Interpretation habe dem Arbeitgeber in den Verhandlungen erheblichen Druck verschafft, so Ledwig.
„Eigentlich ist das ein Skandal, weil jeder weiß, dass das Werk seit DDR-Zeiten besteht“, sagte dazu Christian Görke. Außerdem halte das Gesetz ausdrücklich fest, dass diese Ausnahme nicht für Neugründungen im Zusammenhang mit der rechtlichen Umstrukturierung von Unternehmen und Konzernen gelten würden. Die Folge dieses Details: „So manch einer der über 500 Beschäftigten hat sich hier 45 Jahre abgerackert und bekommt zum Dank nur eine mickrige Abfindung“, sagte Görke. (…)
Auch das Brandenburger Landwirtschaftsministerium erklärt, man sehe „keine belastbaren Anhaltspunkte für eine unzulässige Marktbereinigung“. Die Bewertung kartellrechtlicher Fragen liege beim Bundeskartellamt. Das Bundeskartellamt verweist auf seine Entscheidung von 2023. Die Übernahme der Eberswalder Wurstwerke durch die Tönnies-Gruppe sei fusionskontrollrechtlich geprüft und freigegeben worden. Das Vorhaben sei als wettbewerblich unbedenklich bewertet worden…“ Beitrag von Efthymis Angeloudis und Georg-Stefan Russew vom 08.01.2026 bei rbb
Siehe auch von 2024: Proteste gegen „Ostlöhne“ der Arbeiter*innen v.a. aus Rumänien und Polen bei „Die frische Thüringer“ in Suhl (Tönnies-Holding)