Digitaler Kolonialismus – eine Reihe bei Netzpolitik

Datenschutz - Grafik von "Frosch"Wir werden verschiedene Themen behandeln, die mit der Dominanz einer Handvoll mächtiger Länder und großer Technologieunternehmen im digitalen Raum des globalen Südens zusammenhängen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Aktivisten zunehmend darüber geschrieben, wie diese Handvoll Firmen digitale Technologien nutzen, um eine sozio-politische und wirtschaftliche Vorherrschaft zu erlangen, die die Souveränität und die lokale Regierungsführung in den Ländern des globalen Südens untergräbt. Einige Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als digitalen Kolonialismus. Sie argumentieren, dass sich zwar die Art und Weise, das Ausmaß und die Kontexte geändert haben mögen, die dem Kolonialismus zugrunde liegende Funktion des Aufbaus von Imperien, der Wertschöpfung, der Ausbeutung von Arbeitskräften und der Aneignung jedoch dieselbe geblieben ist.“ Netzpolitik zur Eröffnung der Reihe von Veröffentlichungen, siehe daraus:

  • Globale Arbeitsketten der westlichen KI New
    Westliche Technologieunternehmen lagern Aufgaben wie die Kennzeichnung von Daten oder die Moderation von Inhalten in Länder des Globalen Südens aus. Sie lassen arme Arbeitnehmer gegeneinander antreten – und zwar weltweit. Teil 2 unserer Serie zu Digitalem Kolonialismus.
    Während der Kolonialzeit spielte die Arbeit der Menschen in den Kolonien die wichtigste Rolle bei der Schaffung von Wohlstand für die Kolonialmächte. Dies ging mit enormen menschlichen Kosten und Ausbeutung einher. Die Menschen in den Kolonien wurden jedoch weder für die Ausbeutung entschädigt, die sie erdulden mussten. Noch wurde ihre wichtige Rolle gebührend anerkannt, die sie bei der Schaffung von Wohlstand für den Westen gespielt haben. Wenn heute die Digitalisierung Arbeitsplätze im gesamten globalen Süden verteilt, sehen wir, dass etwas Ähnliches passiert. (…)
    Gleichzeitig ist die Auslagerung digitaler Arbeit in den globalen Süden untrennbar mit ausbeuterischen Arbeitspraktiken ausländischer Unternehmen verbunden. Der digitale Arbeitsmarkt in diesen Regionen ist durch niedrige Löhne, harte Arbeitsbedingungen, Entfremdung, Einkommensunterschiede, Rassismus, Stress und fehlende globale Anerkennung gekennzeichnet. Digitalarbeiter aus dem Globalen Süden verdienen dabei nur einen winzigen Bruchteil der Erträge, die durch ihre Arbeitskraft erzielt werden. (…)
    Diese Schilderungen stehen stellvertretend für weit verbreitete Ausbeutungspraktiken im Informations- und Kommunikationssektor; Arbeit, die ausgelagert in den Ländern des Globalen Südens ausgeführt wird. Die Debatte über die Ausbeutung und den Profit der digitalen Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden wird zunehmend Teil der Debatte über den digitalen Kolonialismus. Wissenschaftler und Aktivisten sprechen über die Praktiken der Ausbeutung von Arbeitskräften aus der Kolonialzeit, die auch heute noch fortgesetzt werden und das weltweite Wohlstandsgefälle verfestigen. Neben dem scheinbar unendlichen Angebot an billigen Arbeitskräften spielt auch die schwache Arbeitsgesetzgebung in vielen Ländern des globalen Südens eine entscheidende Rolle. (…)
    Letztlich stehen die Arbeitnehmer im Globalen Süden jedoch vor einer weiteren und größeren Herausforderung. Da die Arbeitsplätze aufgrund der zunehmenden Internetverbreitung über die ganze Welt verteilt werden, konkurrieren die Arbeitnehmer heute nicht nur auf lokaler oder nationaler Ebene miteinander, sondern auf globaler Ebene. Infolge der hohen Armut und Arbeitslosigkeit müssen sich die Arbeitnehmer mit schlechten Arbeitsbedingungen zufrieden geben. Auf diese Weise unterbieten sich die Arbeitnehmer weltweit gegenseitig. Während das Internet für manche eine befreiende Technologie ist, schafft es neue Wege für die Ausbeutung in großem Umfang, verschärft die bestehenden Ungleichheiten und erzeugt neue. Solange es keinen Mechanismus gibt, den man als globale Gewerkschaft für digitale Arbeitnehmer bezeichnen könnte, die ihre Rechte schützt und vertritt, werden diese Anreize bestehen bleiben und der Wettlauf nach unten wird weitergehen. Das Fehlen eines solchen Mechanismus oder etwa verbindlicher Mindestlohnstandards ermöglicht es den globalen Unternehmen, die strukturellen Ungleichheiten im globalen Süden mit großer Leichtigkeit auszunutzen.“ Artikel von Satyajeet Malik vom 06.05.2022 bei Netzpolitik externer Link – Teil 2 der Reihe über digitalen Kolonialismus
  • Wie Meta den indischen Agrarsektor dominieren will
    Nach vielen Versuchen, im indischen Markt Fuß zu fassen, hat Facebook sich zuletzt mit dem größten Unternehmen des Landes zusammengetan. Die Partnerschaft mit Reliance Industries könnte dazu beitragen, die gesamte Lebensmittelversorgungskette in Indien zu monopolisieren.
    Mukesh Ambani ist ein Mann, der der ausländischen Einmischung in die indischen Märkte einst sehr skeptisch gegenüberstand. Die „Datenkolonisierung“ sei genauso schlimm wie frühere Formen der Kolonisierung, erklärte der CEO von Indiens größtem Unternehmen Reliance Industries im Jahr 2018. „Indiens Daten müssen von der indischen Bevölkerung kontrolliert werden und in ihrem Besitz sein und nicht im Besitz von globalen Konzernen“, sagte er und forderte die indische Regierung auf, strengere Gesetze zu erlassen, um die Daten vor Ort zu halten.
    Doch nur zwei Jahre später gab Reliance Industries grünes Licht für einen Deal mit Facebook, das heute unter dem Namen Meta bekannt ist. Das könnte Facebook Zugang zu den Finanzdaten von Hunderten Millionen Menschen in Indien verschaffen. Die Partnerschaft könnte auch die gesamte Lebensmittelversorgungskette monopolisieren und die Ernährungssicherheit Indiens gefährden. (…)
    In Indien erweitert Facebook seine Rolle weit über die einer Social-Media-Plattform hinaus. WhatsApp hat damit begonnen, in Zusammenarbeit mit India Infoline Finance Limited (IIFL), einem Nicht-Banken-Finanzunternehmen, Geschäftskredite zu vergeben. WhatsApp bezeichnet dies als eines seiner Hauptziele in Indien bezeichnete. WhatsApp-Nutzer können jetzt ihre Geschäftskredite bis zu 12.300 Euro in 5 Minuten erhalten. Die Kreditlaufzeit beträgt zwischen 6 und 48 Monaten.
    Indien ist keine Ausnahme bei der Expansion von Facebooks globalen Aktivitäten. Das Unternehmen hat im Alleingang eine umfangreiche digitale Infrastruktur in den Ländern des globalen Südens aufgebaut. Seine Anwendung Freebasics – Facebooks kostenlose, abgespeckte Version des Internets – ist derzeit in 29 afrikanischen Ländern verfügbar. Facebook hat 2Africa vorgestellt, ein 45.000 km langes Unterseekabel, das um Afrika herum gebaut wird und 33 Länder in Europa, Afrika und Asien miteinander verbindet, mit dem Versprechen, diese Länder mit besserem Internet zu versorgen. Indien spielt jedoch eine wichtige Rolle bei der globalen Reichweite des Unternehmens. (…)
    Die Partnerschaft zwischen Reliance und Facebook hat Facebook nicht nur geholfen, in Indien Fuß zu fassen, sie hat auch den Zugang zu Daten ermöglicht. Die JioKrishi-App verwendet die Daten von Anbauflächen, um Landwirte über den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat, Bewässerung und Düngung der Pflanzen zu informieren – Pflanzen, die Reliance später von den Landwirten kaufen würde. Die Integration von JioKrishi mit Jio Mart und WhatsApp Pay würde Reliance und Facebook mit umfänglichen Informationen darüber versorgen, was produziert wird, welche Betriebsmittel für die Produktion benötigt werden und wie der finanzielle Status des Landwirts ist…“ Artikel von Satyajeet Malik vom 29.04.2022 bei Netzpolitik externer Link – Teil 1 der Reihe über digitalen Kolonialismus
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=200667
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