Die AfD filmt, wie sie MigrantInnen in Gelsenkirchen die Straße („freiwillig“) putzen lässt – und sorgt mit den Parallelen zum NS-Regime nicht bei allen für Entsetzen
„“Diese Menschen müssen unsere Stadt verlassen“, ruft Enxhi Seli-Zacharias in die Kamera. Dazu dramatische Musik und Aufnahmen von Müllbergen, Schmierereien und mit Holzlatten verrammelten Schaufenstern. So startet das Video, das die AfD-Landtagsabgeordnete aus Gelsenkirchen kürzlich auf ihrem Instagram-Kanal gepostet hat – und das für Entsetzen in der Stadt sorgt. In dem Video zieht Seli-Zacharias mit rund zehn weiteren AfD-Politikern – darunter der stellvertretende Bürgermeister Norbert Emmerich – und ausgestattet mit Besen und Kehrblech durch den Stadtteil Ückendorf. Lautstark fordert sie Anwohner mit Migrationshintergrund dazu auf, die Straße zu putzen. Betroffen sind vor allem Sinti und Roma. Einige von ihnen kommen der Aufforderung nach und kehren vor ihrer Haustür…“ Beitrag von Andreas Artz und Rainer Kuka vom 05.06.2026 im WDR
(„Entsetzen über Video: AfD lässt Migranten in Gelsenkirchen putzen“) mit Video des Beitrags – siehe mehr daraus und dazu:
- AfD-Bürgermeister Emmerich abgewählt : „Großer Tag für Gelsenkirchen“
„Der Gelsenkirchener Stadtrat hat den AfD-Politiker Norbert Emmerich als Zweiten Bürgermeister abgewählt. Es gibt viele Reaktionen und einen Nachfolger.
Seit Dezember war Emmerich im Amt – nun ist seine Zeit als Zweiter Bürgermeister in Gelsenkirchen wieder vorbei. 47 von 65 Ratsmitgliedern stimmten am Donnerstagnachmittag für seine Abwahl, 18 stimmten dagegen. Auf seine Abwahl reagierte Emmerich gelassen. In einer kurzen Reaktion sagte er gegenüber dem WDR, er sehe die Abwahl entspannt. Und: Er bereue nichts. (…)
Umstrittenes Straßenputz-Video war Hintergrund
Die Entscheidung war mit Spannung erwartet worden, nachdem es in der Gelsenkirchener Politik eine rege Debatte um Emmerich und die AfD gegeben hatte. Denn in den sozialen Medien war vor einigen Wochen ein Video aufgetaucht, in dem Mitglieder der AfD Anwohner mit Migrationshintergrund aufgefordert hatten, ihre Straße zu putzen. Auch Norbert Emmerich war darin zu sehen.
CDU, SPD, FDP und Grüne hatten daraufhin einen Antrag zur Abwahl gestellt. Dazu waren auch die Stimmen der Fraktion der Linken sowie von Einzelvertretern verschiedener Parteien nötig, was nun offensichtlich eingetroffen ist. Emmerich selbst betonte nach seiner Abwahl noch einmal, er habe in dem Video niemanden vorgeführt. (…)
In einer gemeinsamen Erklärung der Fraktionen SPD, Grüne und FDP heißt es: „In Gelsenkirchen steht ein überparteiliches demokratisches Spektrum zusammen, das öffentliche Diffamierung und Demütigung nicht hinnimmt. Das ist keine parteipolitische Momentaufnahme, sondern ein notwendiger Akt des Schutzes unserer gemeinsamen Werte.“ (…) In einer geheimen Abstimmung wurde unmittelbar nach der Abwahl von Emmerich der CDU-Politiker Werner Wöll zum neuen Zweiten Bürgermeister gewählt. Er erhielt 41 Stimmen. Gegen Wöll trat spontan noch ein Kandidat der Fraktion „Die Partei“ an – er bekam sieben Stimmen.“ WDR-Meldung vom 09.07.2026
- In dem Beitrag Beitrag von Andreas Artz und Rainer Kuka vom 05.06.2026 im WDR
heißt es u.a. weiter: „… Karim Fereidooni, Rassismusforscher an der Ruhr-Universität Bochum, sieht in dem Video eine neue Strategie der AfD: „Bisher war das Teil der Sprache, aber jetzt schreitet man zur Tat und konfrontiert die Menschen da, wo sie wohnen“, sagt er. Fereidooni sieht hier Parallelen zum NS-Regime: „Die öffentliche Demütigung gab es schon mal. Von 1933 bis 1945 wurden etwa Sinti und Roma oder Juden auch gezwungen, vor der Haustür zu kehren und dann wurden sie deportiert. Die Botschaft lautet: ‚Ihr seid nirgendwo sicher.'“ (…)
Aber war das wirklich freiwillig? Der WDR spricht mit mehreren Menschen, die gesehen haben, wie die AfD mit über zehn Personen und mit Kamera, Besen und Kehrblech ausgerüstet nach Ückendorf kam. Einige Anwohner, die aus Angst vor der AfD unerkannt bleiben wollen, berichten, dass die betroffenen Menschen von der Gruppe eingeschüchtert gewesen seien und aus Angst zum Besen gegriffen hätten. (…)
Wir sprechen auch mit der betroffenen Gruppe selbst: den Sinti und Roma. Da viele kaum Deutsch sprechen, hilft eine Übersetzerin bei den Gesprächen. Die meisten wollen aus Angst vor der AfD ebenfalls nicht erkannt werden.
„Ich wollte das nicht machen. Aber die haben gesagt: ‚Du musst putzen'“, erzählt etwa ein Mädchen, das auch in dem AfD-Video auftaucht. Mehrere weitere Menschen bestätigen uns das am Rande eines Gottesdienstes der Sinti und Roma in Ückendorf. Hier treffen wir Adrian Ion. Er hat den AfD-Dreh miterlebt und ist als einziger dazu bereit, offen über die Erlebnisse zu sprechen.
„Sie wollten uns beibringen, wie man sauber macht“, erzählt Ion. Von Freiwilligkeit könne dabei keine Rede sein: „Sie sind zu uns gekommen und haben uns gezwungen, sauber zu machen“, sagt er. Die Sinti-und-Roma-Community habe das verärgert. (…)
Der WDR spricht mit zahlreichen Anwohnern in Ückendorf darüber, wie sie den Zustand ihres Viertels wahrnehmen. Wieder wollen nur wenige offen über ihre Erfahrungen sprechen – die einen aus Angst vor den Migranten, die anderen aus Angst davor, selbst ins Visier der AfD zu geraten. (…) Anwohner Meik Metzelder spricht offen über das Thema. Das Zusammenleben in Ückendorf sei „sehr kompliziert“, er berichtet etwa davon, dass Frauen und Mädchen bedrängt worden seien. Er selbst wähle die AfD und kenne auch das Video von Enxhi-Seli Zacharias. Das sieht er mit gemischten Gefühlen…“