Gedenken an Süleyman Taşköprü: „Kein Vergessen – Kein Einzelfall“ – für Aufklärung des NSU-Komplex in Hamburg

Dossier

19. Juni 2021 in Hamburg: Demonstration in Gedenken an Süleyman Taşköprü: "Kein Vergessen - Kein Einzelfall" - für Aufklärung des NSU-Komplex in HamburgVor 20 Jahren wurde Süleyman Taşköprü ermordet. Obwohl die rechtsterroristischen Mörder*innen sich vor 10 Jahren enttarnten, folgten bis heute in Hamburg kaum nennenswerte Taten der Aufklärung und Verhinderung rassistischer Gewalt. (…) Zwei der Täter wurden beim Verlassen des Ladens von Süleyman Taşköprüs Vater gesehen. Die Polizei ignorierte jedoch die Aussagen des Vaters, dass es sich um blonde Männer handelte und suchte fast ausschließlich nach dunkelhaarigen Tätern eines sogenannten “südländischen Typs”. Zudem richteten die Hamburger Beamt*innen die Ermittlung ausschließlich gegen Süleyman Taşköprü, seine Familie und Umfeld, indem sie unterstützt von der Springerpresse und anderen haltlose Lügen und Falschdarstellungen verbreiteten...“ Aufruf des Aktionsbündnis „Hamburg nach Hanau“ vom 14.06.2021 externer Link zur Demo am 19. Juni 2021 und auch für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des NSU-Komplex in Hamburg und dazu:

  • Hamburg (das einzige NSU-Tatort-Bundesland ohne Untersuchungsausschuss) sagt Gedenkfeiern für Süleyman Taşköprü ab – Familie fordert Aufklärung und gedenkt allein am 27. Juni New
    In allen NSU-Tatort-Bundesländern gab es Untersuchungsausschüsse – nur in Hamburg nicht. Zum 25. Todestag von Süleyman Taşköprü prallen Aufarbeitung, offizielles Gedenken und das Misstrauen der Familie erneut aufeinander. (…)
    Die Sicherheitsbehörden hatten den Zusammenhang der Taten lange nicht erkannt und zunächst im Umfeld der Opfer ermittelt. Auch der Hinweis von Taşköprüs Vater, dass er zwei Deutsche in der Nähe des Tatorts gesehen habe, blieb unberücksichtigt. (…)
    Hamburg lässt NSU-Mord wissenschaftlich aufarbeiten
    Am Hamburger Tatort in der Schützenstraße erinnert seit Ende 2012 ein Gedenkstein an den Mord. Nicht weit entfernt wurde 2014 ein 300 Meter langes Teilstück der Kohlentwiete in Taşköprüstraße unbenannt. Forderungen, die Schützenstraße selbst umzubenennen – wie auch von den Angehörigen gewünscht, waren am Widerstand der Anwohner gescheitert.
    In allen anderen Bundesländern, in denen der NSU gemordet hatte, wurden Parlamentarische Untersuchungsausschüsse (PUA) eingerichtet, um das Behördenversagen aufzuklären – nur in Hamburg nicht. Der Senat der Hansestadt hatte 2014 einen fast 90 Seiten langen Bericht zur NSU-Mordserie vorgelegt, in dem der Fall aus seiner Sicht umfangreich aufgearbeitet worden ist.
    Doch die Rufe nach mehr Aufklärung verstummten nicht. Anfang vergangenen Jahres begann dann im Auftrag der Bürgerschaft ein interdisziplinäres Forschungsteam mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das Ziel ist eine unabhängige Untersuchung der Geschehnisse und eine umfassende Analyse der damaligen Strukturen und Netzwerke.
    Familie lehnt Gedenkfeier zum 25. Jahrestag ab
    Für die Familie, die nach wie vor einen PUA fordert, ist das nicht genug. Sie fühlt sich von der Politik alleingelassen. Wie tief die Kluft zwischen der Stadt und den Angehörigen ist, zeigte sich nun bei den Vorbereitungen zum 25. Jahrestag der lange unaufgeklärten Tat. (…)
    In einem Interview mit dem Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ externer Link hatte der Neffe des Mordopfers, Okan Taşköprü, sich Ende Mai von dem Beschluss der Bürgerschaft überfahren gezeigt: „Es war eine nett gemeinte Geste, aber als die Politik es ohne Rücksprache an die Presse gegeben hat, haben wir uns als Familie instrumentalisiert gefühlt“, sagte er.
    Statt einer zentralen Feier wolle seine Familie lieber im Gedenken an und im Namen des Toten Essen an Obdachlose austeilen – wie es in der Türkei Brauch sei…“ Beitrag von Martin Fischer vom 25.06.2026 im Migazin externer Link
  • Polizei ignorierte Hinweise auf rechtsextreme Motive: Der Generalbundesanwalt hält die Akten zum Hamburger NSU-Mord unter Verschluss. Die taz konnte nun Teile davon einsehen
    „Die Aufarbeitung des Hamburger NSU-Mordes ist bis dato daran gescheitert, dass die Bundesanwaltschaft die dafür nötigen Akten unter Verschluss hält. Die taz konnte jetzt einen Teil dieser Unterlagen einsehen. Sie dokumentieren eine strukturelle Ignoranz gegenüber migrantischen Zeugen und Hinweisen auf ein rechtsextremes Tatmotiv. (…) Es sind Tausende Seiten Ermittlungsakten über den kompletten Zeitraum von der Ermordung Süleyman Taşköprüs bis zur Selbstenttarnung des NSU. (…) Die Ausblendungen begannen schon wenige Stunden nach der Ermordung von Süleyman Taşköprü. Sein Vater fand ihn unmittelbar nach der Tat erschossen in seinem Laden. Noch am selben Tag sagte er dem LKA, dass er zwei junge Männer gesehen habe: groß, schlank, 25 bis 30 Jahre alt. Auf Nachfrage antwortete er, dass es „Deutsche“ waren. (…) Die Akten belegen, dass das LKA den Hinweis auf die beiden Männer in wichtige Berichte nicht aufnahm. (…)
    Ganz anders ging das LKA mit der Aussage einer deutschen Zeugin um, die sich initiativ bei der Polizei gemeldet hatte. Sie gab an, zwei Tage vor der Tat drei Türken im Laden von Süleyman Taşköprü gesehen zu haben. Die Männer hätten auf sie aggressiv gewirkt. (…) Diese Aussage wurde in alle wichtigen Berichte aufgenommen. (…) Ein Zeuge meinte, dass es sich nicht um Morde aus Ehrverletzung handeln könne, er glaube auch nicht an einen Auftragskiller. „Vielleicht ist es ein Rassist. Ein Nazi, der Türken und Ausländer hasst“, schloss er. (…) Die Ermittler fragten aber nur nach anderen möglichen Tätergruppen wie Drogenhändlern oder den türkisch-nationalistischen Grauen Wölfen. Alle Möglichkeiten lehnte der Zeuge ab. In ihrer Zusammenfassung schrieben die Beamten: „keine Aussage von Substanz zum Motiv“. Das Stichwort Rechtsextremismus wurde nicht aufgegriffen. Ein anderer Zeuge überlegte, ebenfalls 2006, neben anderem, dass die Morde mit Ausländerhass zu tun haben könnten. „Vielleicht steht eine NPD-nahe Organisation oder etwas Ähnliches dahinter“, gab er zu Protokoll. Die Ermittler taten den Hinweis in ihrer Zusammenfassung mit dem Satz ab: „Der Zeuge nennt drei nackte Theorien ohne konkreten Hintergrund.“ (…)
    Die Akten erzählen auch, wie die Ermittelnden mit der Familie des Ermordeten umgingen. Nach mehreren Anfragen erhielt der Anwalt der Eltern von Süleyman Taşköprü 2003 Einsicht in die Akten – und erfuhr erst daraus, dass schon seit Monaten nicht mehr ermittelt wurde. „Ich finde es unverständlich, dass die Ermittlungen eingestellt und die Akten weggelegt wurden, ohne die von mir vertretenen Eltern des Tatopfers zu informieren“, schrieb er daraufhin in einem Brief an die Staatsanwaltschaft. (…) Ein Polizeibeamter vermerkte, dass er vorab ein langes Gespräch mit dem Vater geführt habe, um „ethnische Barrikaden (Vorurteile gegenüber der Polizei) zu minimieren“. Die Akten geben keine Hinweise auf „ethnische Barrikaden“. Die Familie von Süleyman Taşköprü hatte sich immer kooperativ verhalten. Über die Jahre hinweg befragte das LKA die Angehörigen immer wieder zu denselben Themen, überprüfte die Geschäftsunterlagen des Gemüseladens intensiv, bemühte sich jedoch nicht darum, die Familie über den Stand der Ermittlungen aufzuklären. In den Protokollen lässt sich nachverfolgen, wie das Vorgehen die Familie zunehmend belastete. (…)
    Am 27. Juni gedenkt die Familie ohne die Stadt Hamburg ihres ermordeten Angehörigen externer Link. Die Familie fühlt sich übergangen, weil die Stadt eine Gedenkveranstaltung geplant hatte, ohne sie einzubeziehen. Sie will lieber ohne politische Vertreter trauern. Stattdessen wird Okan Taşköprü, der Neffe des Ermordeten, Essen an obdachlose Menschen ausgeben.“
    Artikel von Andreas Speit und Marta Ahmedov vom 18. Juni 2026 in der taz online externer Link
  • Ruhr-Uni Bochum soll Hamburger NSU-Mord an Süleyman Taşköprü aufarbeiten – parlamentarisch wurde der Fall nie untersucht
    Die Ruhr-Universität Bochum soll die Geschehnisse und Ermittlungen rund um den Mord an dem Hamburger NSU-Opfer Süleyman Taşköprü wissenschaftlich aufarbeiten. Der von der Hamburgischen Bürgerschaft eingesetzte Beirat „Wissenschaftliche Aufarbeitung des NSU-Komplexes“ habe sich bei der Vergabe des Auftrags für das Studienkonzept der nordrhein-westfälischen Uni entschieden, teilte Bürgerschaftspräsidentin und Beiratsvorsitzende Carola Veit mit. Zur Umsetzung des Auftrags soll der Senat 900.000 Euro bereitstellen. Taşköprü war am 27. Juni 2001 im Lebensmittelgeschäft seines Vaters in Hamburg-Bahrenfeld von den NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen worden. Er hinterließ seine Frau und eine kleine Tochter. (…) Der 31-Jährige war eines von zehn Mordopfern des rechten Terrornetzes „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) um das Trio Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe. (…) Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem der NSU gemordet hat und in dem die Taten nicht von einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss untersucht wurden. Im April vergangenen Jahres hatte die Bürgerschaft eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Hamburger Falls beschlossen. Mit der Fertigstellung des Gutachtens werde in drei Jahren gerechnet. Bis dahin soll es bereits Zwischenberichte geben.“ Meldung vom 20. November 2024 im MiGAZIN externer Link („Ruhr-Uni Bochum soll Hamburger NSU-Mord aufarbeiten“)

Siehe zum Hintergrunf die gesamte Rubrik und v.a. das Dossier: Angehörige der Opfer von Hanau: Die eigenen Ermittlungsergebnisse über die Untätigkeit der Polizei sind zusätzliche Motivation

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=190991
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