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Nach langem Marsch in Ankara: Polizei setzt Tränengas gegen hungerstreikende Bergarbeiter von Doruk Mining in Eskişehir ein

Nach langem Marsch in Ankara: Polizei setzt Tränengas gegen hungerstreikende Bergarbeiter von Doruk Mining in Eskişehir ein (Foto: ANF)In Ankara hat die türkische Polizei hungerstreikende Bergarbeiter angegriffen, ihren Protestmarsch blockiert und mehrere Gewerkschafter festgenommen. Die Arbeiter befinden sich den siebten Tag in Folge in einem Hungerstreik und harren seit Tagen im Kurtuluş-Park aus. Die Mitglieder der Unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft waren bereits in der vergangenen Woche aus Eskişehir nach Ankara gekommen, um gegen seit Monaten ausstehende Lohnzahlungen zu protestieren. Nach ihrer Ankunft wurden 110 von ihnen vorübergehend festgenommen externer Link und noch am selben Tag wieder freigelassen.  Im Anschluss begannen die Arbeiter, die bei dem Unternehmen Doruk beschäftigt sind, das zum AKP-nahen Konzern Yıldızlar SSS Holding gehört, einen Hungerstreik und errichteten im Kurtuluş-Park ein Protestcamp. Von dort aus wollten sie heute erneut zum Ministerium für Energie und natürliche Ressourcen ziehen, um ihre Forderungen direkt vorzubringen…“ Bericht vom 27. April 2026 mit Fotos und Video  externer Link – siehe die weitere Entwicklung:

  • Türkei: Bergarbeiter beenden nach neun Tagen den Hungerstreik vor Energieministerium in Ankara, die meisten Kollegen haben ihr Gehalt bekommen New
    • Bergarbeiter beenden Streik vor Energieministerium in Ankara
      Nach neun Tagen im Hungerstreik haben Dutzende Bergarbeiter in der Türkei ihre Protestaktion vor dem Energieministerium in Ankara beendet. »Die meisten Kollegen haben ihr Gehalt bekommen, wir beenden ab heute unseren Streik«, sagte Gewerkschaftsführer Gökay Cakir am Dienstag nach einem Treffen im Innenministerium. Demnach wurde ein entsprechender Vertrag mit der Kapitalseite geschlossen. Die rund hundert Bergarbeiter hatten mit nacktem Oberkörper und gelben Schutzhelmen auf dem Kopf wegen ausstehender Löhne protestiert. Mit ihrer Demonstration wollten die Männer durchsetzen, von der Regierung angehört zu werden. Nach eigenen Angaben waren sie »fünf oder sechs Gehälter im Rückstand«.
      Die Arbeiter eines Braunkohlebergwerks des Unternehmens Doruk Mining waren zu Fuß aus der Nachbarprovinz Eskisehir in der Zentraltürkei nach Ankara gekommen. In der Türkei stieß der Protest auf großes Mitgefühl. In dem Land wird rund ein Drittel des Stroms durch Kohle produziert. Hinzu kommt, dass Bergarbeiter im Februar 2023 bei dem verheerenden Erdbeben mit über 53.000 Toten in der Südtürkei geholfen und zahllose Menschen mit ihren Schaufeln aus den Trümmern ihrer Häuser geborgen hatten. “ AFP-Meldung in der jungen Welt vom 28.04.2026 externer Link
    • Bergarbeiter sind nicht allein
      Türkei: Polizeirepression gegen Kumpel im Hungerstreik für ausstehende Löhne. Festnahmen von Sozialisten im Vorfeld des 1. Mai
      Sie fordern ausstehende Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, die Wiedereinstellung entlassener Kollegen und Gewerkschaftsrechte. Statt dessen bekommen sie Knüppelschläge, Tränengas ins Gesicht und leere Versprechungen. Mitten in Ankara im Kurtuluş-Park haben türkische Bergarbeiter ein Protestcamp errichtet. Vor rund zwei Wochen sind sie zu Fuß von ihrem Braunkohlebergwerk in der Nachbarprovinz Eskişehir in die türkische Hauptstadt marschiert und befinden sich dort seit nunmehr neun Tagen im Hungerstreik. Die Bergwerksbetreiberfirma Doruk Mining, die zur regierungsnahen Yıldızlar Holding gehört, schuldet ihnen Gehälter für bis zu sechs Monate. Immer wieder attackierte die Polizei in den vergangenen Tagen die Bergarbeiter, zu deren Forderung auch die Verstaatlichung des Bergwerks gehört, bei dem Versuch, vor das Energieministerium zu ziehen. Mehrere Funktionäre der Bergarbeitergewerkschaft wurden festgenommen.
      Nicht nur bei Gewerkschaftern aus anderen Branchen, sondern auch in der breiteren Öffentlichkeit gibt es viel Sympathie. Unvergessen ist, dass es Bergleute waren, die nach einem verheerenden Erdbeben im Februar 2023 in der Südtürkei zahllose Überlebende aus den Trümmern gerettet hatten, als staatliche Katastrophenhilfe versagte: »Der Bergarbeiter ist nicht allein«, tönte es in den vergangenen Tagen nicht nur auf Solidaritätsdemonstrationen, sondern auch in Fußballstadien. »Sitzt im Parlament, bekommt kostenloses Steak! Bergarbeiter kämpfen gegen den Hunger, kämpfen gegen den Hunger!« skandierten die Beşiktaş-Ultras gegen korrumpierte Politiker...“ Artikel von Nick Brauns in der jungen Welt vom  29.4.2026 externer Link
    • Siehe zum 1. Mai in der Türkei das Dossier 1. Mai 2026: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“? Nein: Unser Leben statt eure Profite – gegen Aufrüstung und Krieg!
  • Wenn der Lohn nicht kommt, kommt die Wahrheit: Warum der Kampf der Minenarbeiter in der Türkei alle Lohnabhängigen betrifft und warum es keine sichere Existenz gibt, solange Arbeit vom Eigentum anderer abhängt
    Es ist ein altes, eigentlich bekanntes Muster, das sich wiederholt wie eine Zumutung, die nur deshalb als Normalität erscheint, weil sie täglich geschieht. Ein Unternehmen gerät in Schwierigkeiten oder der behauptet, in Schwierigkeiten zu geraten. Kosten steigen, Märkte schwanken, Energiepreise drücken, Konkurrenz wächst, Investitionen bleiben aus, Kredite werden teurer, Managemententscheidungen gehen schief, Eigentümer wechseln, Standorte werden neu bewertet. Und dann geschieht das, was in der kapitalistischen Ordnung so regelmässig eintritt, dass es kaum noch als Skandal wahrgenommen wird: Die Rechnung wird nach unten weitergereicht.
    Die Rechnung kommt immer nach unten
    Nicht an diejenigen, die entschieden haben. Nicht an diejenigen, die Eigentumstitel halten. Nicht an diejenigen, die Gewinne entnommen, Kredite verhandelt, Bilanzen gestaltet, Standorte gegeneinander ausgespielt und Investitionen verschoben haben. Sondern an diejenigen, die um zu leben bzw. überleben jeden Morgen aufstehen und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. An diejenigen, die unter Tage Kohle fördern, am Band Autos montieren, in Lagern Pakete sortieren, in Krankenhäusern Körper pflegen, in Büros verwalten, in Supermärkten Regale füllen, in Schulen unterrichten, auf Baustellen schuften.
    Der aktuelle Kampf der Doruk-Minenarbeiter in der Türkei macht all diese in einer besonderen Form sichtbar. Mihalıççık und der dazugehörigen Lignitfelder, marschierten nach Ankara, weil ihnen Löhne, Abfindungen und andere Ansprüche nicht gezahlt wurden. Sie forderten keine Wohltätigkeit, keine Almosen, keine symbolischen Gesten des Staates. Sie forderten das, was ihnen ohnehin gehört: den Lohn für geleistete Arbeit, die Auszahlung offener Rechte, sichere Arbeitsbedingungen unter Tage, das Ende erzwungenen unbezahlten Urlaubs und die Wiedereinstellung von Kolleginnen und Kollegen, die wegen gewerkschaftlicher Aktivität entlassen worden sein sollen. (…)
    Ausbleibende Löhne sind kein Betriebsunfall
    Ein nicht gezahlter Lohn ist kein Betriebsunfall. Er ist ein Klassenangriff. Diese Formulierung mag hart klingen, aber sie ist genauer als der Verwaltungsprech. Aber was geschieht, wenn ein Unternehmen Löhne nicht zahlt? Die Arbeiter finanzieren unfreiwillig den Betrieb. Sie werden zu Kreditgebern des Kapitals, ohne Vertrag, ohne Zinsen, ohne Zustimmung. Ihre Familien tragen Liquiditätsprobleme, die sie nicht verursacht haben. Ihre Körper arbeiten weiter, während ihre Ansprüche verschoben werden. Ihre Existenzgrundlage wird dadurch zur Bilanzposition.
    Der bürgerliche Blick nennt das dann Krise. Die Arbeiter sollen Verständnis haben für schwierige Märkte. Für Produktionsausfälle. Für Kostensteigerungen. Für die Lage des Unternehmens. Aber nur für einen kurzen Moment innegehalten: wann hat eigentlich ein Unternehmen Verständnis für die Lage der Arbeiter? Wann werden Eigentümer gefragt, ob sie auf Vermögenswerte, Grundstücke, Maschinen, private Sicherheiten verzichten, bevor Löhne ausbleiben? Wann wird die Existenz der Besitzer zur Verhandlungsmasse gemacht, so wie die Existenz der Arbeiter ständig zur Verhandlungsmasse gemacht wird?
    Hier, genau hier beginnt die Klassenfrage. Nicht dort, wo jemand besonders arm ist. Nicht dort, wo Mitleid organisiert wird. Nicht dort, wo Medien einmal kurz über dramatische Einzelschicksale berichten. Die Klassenfrage beginnt dort, wo sichtbar wird, dass die einen arbeiten müssen, um zu überleben, während die anderen über die Bedingungen dieses Überlebens verfügen. Sie beginnt dort, wo deutlich wird, dass die Arbeiterklasse die Entscheidungen des Kapitals nicht trifft, aber deren Folgen tragen soll.
    ..“  umfangreicher Artikel von Düzgün Polat vom 28. April 2026 in untergrund-blättle.ch externer Link als „Von der Türkei bis Deutschland: Wie Unternehmen Krisen auf die Arbeiter abwälzen“ (Teil I)
  • Eine aktuelle Verkörperung historischer Kontinuität: Der Kampf der Doruk-Bergbauarbeiter für ihre Rechte
    Die Bergarbeiter, die von Eskişehir nach Ankara marschieren, erinnern erneut an die Kontinuität des Arbeitskampfes in der Türkei und nehmen im öffentlichen Raum ihren Platz ein als konkrete Antwort auf die Forderungen nach Gleichheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, während der 1. Mai näher rückt
    Die Praxis der Arbeiterklasse in der Türkei, für ihre Rechte einzutreten, bildet eine historische Linie, die durch Märsche nach Ankara geprägt ist. Ankara, das Zentrum der politischen Macht und der Entscheidungsmechanismen, ist ein Schauplatz des Kampfes, an den sich die Kämpfe um Rechte direkt richten.
    Der Große Bergarbeitermarsch von Zonguldak nach Ankara im Jahr 1991 ist eine der größten Aktionen in der Geschichte der türkischen Arbeiterklasse. Der Widerstand der Tekel-Arbeiter, der im Dezember 2009 begann und 78 Tage dauerte, ist die größte und längste Massenaktion in der Geschichte der Türkei.
    Heute knüpfen die Arbeiter von Doruk Madencilik, die von Eskişehir nach Ankara marschieren, an diese Tradition an. Diese Märsche sind mehr als nur Aktionen zur Durchsetzung wirtschaftlicher Forderungen; sie gewinnen auch als Formen der Ausübung verfassungsmäßiger Rechte im öffentlichen Raum an Bedeutung.
    Gewerkschaftliche Freiheiten im Rahmen des Rechts auf Versammlung und Demonstration
    Der Hungerstreik, den die Arbeiter von Doruk Madencilik, die von Eskişehir nach Ankara marschieren, im Kurtuluş-Park begonnen haben, stellt einen vielschichtigen Kampf um Rechte dar. Die Aktion der Arbeiter, die seit fünf Monaten keine Löhne mehr erhalten haben, steht an der Schnittstelle zwischen dem Recht auf Rechtsbehelf, dem Recht auf Versammlung und Demonstration sowie den gewerkschaftlichen Freiheiten. (…)
    Der Kampf um die Durchsetzung von Rechten ist einer der grundlegenden Bereiche, in denen sich das Prinzip des Sozialstaats konkretisiert. Der Marsch von Arbeitnehmern, die seit fünf Monaten keinen Lohn erhalten haben, ist ein direkter Ausdruck der Forderung nach einem menschenwürdigen Leben. Der Marsch von Eskişehir nach Ankara ist eine Kampflinie, auf der wirtschaftliche Forderungen und die verfassungsmäßige Freiheit der Rechtsdurchsetzung miteinander verflochten sind
    …“ türk. Artikel der Rechtsanwältin Elçin Özge Şimşek Çağlayan vom 27. April 2026 bei Senika.org externer Link (maschinenübersetzt)
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=235219
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