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Über die Entwicklung des Streiks und neue Organisationsformen ohne Gewerkschaft

Mai 2015 - Auch die Belegschaft von Tuerk Traktor schliesst sich den Streiks anDie Arbeiter haben sich zum Teil in einer neuen »Vereinigung der Metallarbeiter von Bursa« (MIB) zusammengeschlossen. Deren Forderungen seien »eine Verbesserung der Löhne gemäß des Tarifvertrags bei Bosch, Wahl eigener Gewerkschaftsvertreter und eine Garantie für die Nichtentlassung wegen der Teilnahme an den Streikaktionen«, erklärte MIB-Sprecher Yildirim Dogan gegenüber dem Sender BBC Türkçe” aus dem Artikel ” Tausende Automobilarbeiter im »türkischen Detroit« im Ausstand” von Nick Brauns (ursprünglich erschienen in der jungen welt vom 21. Mai 2015 – wir danken dem Autor für die Überlassung)

Wilde Streiks in Bursa: Tausende Automobilarbeiter im »türkischen Detroit« im Ausstand. Scharfe Kritik an Gewerkschaftsführung

In der Industriemetropole Bursa im Nordwesten der Türkei hat eine Welle wilder Streiks die Automobilproduktion lahmgelegt. Zuerst traten vor einer Woche Tausende Arbeiter aller Schichten im Oyak-Renault-Werk in den Ausstand und besetzten das Fabrikgelände. Seitdem ruht die Fertigung an dem als Joint-venture betriebenen Standort des französischen Autoherstellers Renault und des Pensionsfonds der türkischen Armee, »Oyak«. Dahinter verbirgt sich einer der einflussreichsten Kapitalgruppen des Landes.

Am Freitag schlossen sich auch die Arbeiter von Tofas-Fiat, einer Kooperation des italienischen Konzerns mit der Koç-Holding, den Protesten an. Gestreikt wird seit dieser Woche zudem in den Zulieferbetrieben Beltan Trelleborg Vibracoustic, Delphi, SKT, Ototrim Automotive, Rollmech und Mako.

Die Metallarbeiter in der als »türkisches Detroit« bekannten Industrieregion fordern höhere Löhne zum Ausgleich für die galoppierende Inflation und eine Erneuerung ihres vor acht Monaten von der Gewerkschaft Türk Metal Sendikasi abgeschlossenen Tarifvertrages. Ermutigt wurden sie durch einen Streik bei dem türkischen Ableger der deutschen Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH in Bursa zum Jahresbeginn. Damals erzwangen die 6.000 Arbeiter den Abschluss eines neuen Tarifvertrages mit Lohnzuwächsen von bis zu 60 Prozent.

Die wilden Streiks richten sich nicht nur gegen den Unternehmerverband der Metallindustrie MESS, sondern auch gegen die Gewerkschaft Türk Metal Sendikasi, der viele Arbeiter den Ausverkauf ihrer Interessen vorwerfen. Mit 180.000 Mitgliedern gehört sie zu den größten Gliederungen des staatsnahen Gewerkschaftsbundes Türk-Is.

Einige Türk-Is-Verbände haben sich in Reaktion auf die neoliberale Privatisierungspolitik der Regierung konfrontativer ausgerichtet. Doch blieb die eng mit dem militärisch-industriellen Komplex der Türkei verbundene, äußerst nationalistische Metallarbeitergewerkschaft ein von Faschisten durchsetzter Ordnungsfaktor für die Unternehmer. So prügelten Schlägertrupps der Türk Metal Sendikasi in Bursa Kritiker des Kurses der Führung krankenhausreif, berichtet die sozialistische Website Kizil Bayrak (Rote Fahne).

Aus Protest haben nach Informationen der konservativen Tageszeitung /Today’s Zaman /in den vergangenen Wochen bis zu 7.000 Automobilarbeiter ihre Mitgliedschaft bei Türk Metal Sendikasi quittiert. »Von nun an haben wir mit dieser blutvergießenden Mafiagewerkschaft nichts mehr gemein! Wir rufen alle Mitarbeiter auf auszutreten!« heißt es in einem Aufruf.

Die Arbeiter haben sich zum Teil in einer neuen »Vereinigung der Metallarbeiter von Bursa« (MIB) zusammengeschlossen. Deren Forderungen seien »eine Verbesserung der Löhne gemäß des Tarifvertrags bei Bosch, Wahl eigener Gewerkschaftsvertreter und eine Garantie für die Nichtentlassung wegen der Teilnahme an den Streikaktionen«, erklärte MIB-Sprecher Yildirim Dogan gegenüber dem Sender BBC Türkçe.

Die Managements von Fiat und Renault haben vorerst die Einstellung der Produktion in Bursa angeordnet. »Wir können keine Veränderungen an dem Tarifvertrag vornehmen, da dieser bis August 2017 gilt«, erklärte der Vorstandsvorsitzende von Tofas-Fiat, Cengiz Eroldu, am Montag. Er setzte sich aber für eine finanzielle Sonderzulage für die Arbeiter ein.

Der Unternehmerverband MESS spricht inzwischen von einer »nicht mehr hinnehmbaren Dimension illegaler Aktionen, wie dem Nichtverlassen der Betriebe und gemeinschaftlichen Arbeitsniederlegungen«. Dadurch würden den wirtschaftlichen Interessen des Landes ein schwerer Schaden zugefügt. Tofas-Fiat und Oyak-Renault machen rund 40 Prozent der türkischen Automobilindustrie aus; 80 Prozent der Produktion werden exportiert.

Die Proteste hätten inzwischen einen Punkt erreicht, an dem sie zu »einer ernsthaften Gefahr« für die Branche werden, erklärte ein anonym bleibender Oyak-Renault-Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Nach Angaben von Today’s Zaman betrug der Ausfall bei dem Joint-venture bis Dienstag 5.220 und bei Fiat 3.248 Einheiten. Weil keine Motoren mehr das Renault-Werk in Bursa verlassen, kommt es bereits zu Stockungen in Werken in Rumänien und zur Drosselung der Fertigung in Spanien.

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=80683
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