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Sorgende Städte – Strategien für feministisches Vergesellschaften

Dossier

Rosa-Luxemburg-Stiftung: Sorgende Städte - Strategien für feministisches VergesellschaftenDas Konzept „Sorgender Städte“ entwirft einen Ausweg aus der alltäglichen Care-Krise: Die (Sorge-)Bedürfnisse aller werden demokratisch ausgehandelt und über öffentliche oder gemeinwohlorientierte Angebote abgedeckt. Eine feministisch-sozialistische Kommunalpolitik entwickelt konkrete Projekte, die einen Einstieg in den Umbau ermöglichen. Es geht um feministisches Vergesellschaften als „revolutionäre Realpolitik“. (…) Das Konzept wurde im Kontext des spanischen Munizipalismus entwickelt. Dass die Idee aus Bewegungen kommt, die die Wohnviertel als politische Handlungsfeld erst nehmen, ist kein Zufall, denn auch Sorge findet im Nahraum statt. Selbstverständlich können ähnliche Ansätze aber auch für den ländlichen Raum entwickelt werden. Gleichzeitig gibt es eine internationale Vernetzung von munizipalistischen Bewegungen externer Link. Denn klar ist: Was sich vor Ort als Krise im Alltag niederschlägt, hat häufig transnationale Dimensionen… “ mehrsprachige Themenseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung externer Link und mehr darüber:

  • Von der Freiheit, füreinander da zu sein. Sorgende Städte: Was nötig ist, damit sich Menschen stressfrei um Kinder, Kranke und Alte kümmern können New
    „… Das geschilderte Beispiel ist fiktiv. Allerdings sind Sorgende Städte längst nicht mehr nur eine Utopie. Vielmehr gibt es in vielen Städten bereits erste Schritte in diese Richtung. Damit die persönlichen Bedürfnisse und Erfahrungen von Menschen wie Anna zu ihrem Recht kommen können, braucht es strukturelle Bedingungen, die das ermöglichen. Konkret: Für eine bedürfnisorientierte Daseinsvorsorge ist die Vergesellschaftung von Sorge-Infrastrukturen nötig. Was ist damit gemeint? Es bedeutet, dass Infrastrukturen wie Kinderbetreuung oder Altenpflege kein privates, sondern öffentliches Eigentum sind und daher weder permanenten Sparzwängen noch der Profitlogik unterworfen werden – entsprechend wird die Arbeit dort auch gut entlohnt. Das bedeutet mehr als den Ausbau derzeit existierender Sozialsysteme. Denn in Annas Stadt werden diese Infrastrukturen außerdem demokratisch durch die Mitwirkung der Menschen vor Ort entwickelt und betrieben. Vergesellschaftung heißt also auch die gemeinsame Verfügung der Menschen über Gemeingüter des Lebens.
    Vergesellschaftung von sozialer Infrastruktur hat aber noch einen dritten Aspekt: nämlich die Entprivatisierung der oft in der Isolation der Privathaushalte stattfindenden Sorgearbeit, die immer noch überwiegend von Frauen geleistet wird. Denn auch bei gut ausgestatteten öffentlichen Infrastrukturen werden große Teile von Sorgearbeit immer noch in Familien, WGs oder anderen sozialen Gefügen erbracht – und das ist auch gut so. Denn wenn sie von dem Druck, unter dem sie heute steht, entlastet ist, kann es etwas Schönes sein, sich umeinander zu kümmern.
    Oft wird befürchtet, dass die Sorge um uns und unsere Liebsten zwangsweise in professionelle Einrichtungen übergehen muss. Das ist nicht gemeint. Wohl aber, dass gesellschaftliche Verantwortung übernommen wird, also auch Infrastrukturen geschaffen werden, die ins Zuhause hineinreichen, wie bei Anna, die ihren Vater in guten Händen weiß. Es geht um Angebote, die Sorgende und Umsorgte entlasten und sie mit ihren individuellen Bedürfnissen und Lebensmodellen in ein gesellschaftliches Netz einbetten. (…)
    Tatsächlich ist ihre Geschichte längst nicht nur Utopie, sondern an vielen Orten der Welt teilweise gelebte Realität. Hier lohnt ein Blick auf ein konkretes Projekt aus Barcelona – die »Superblöcke«, die die Bewegungspartei Barcelona en Comú unter der feministischen Bürgermeisterin Ada Colau (2015–2023) in der Stadt entwickelt hat. Zunächst ging es dabei um verkehrsberuhigte Zonen, mit denen klimapolitische Ziele verfolgt und gleichzeitig öffentlicher Raum geschaffen wurde, damit sich die Nachbar*innen dort stressfrei aufhalten und begegnen konnten.
    Die »Superblöcke« von Barcelona
    In einem nächsten Schritt wurden diese zu »Care-Superblöcken« weiterentwickelt: In einem solchen Stadtgebiet, in dem etwa 30 000 Menschen wohnen und das sich zu Fuß in wenigen Minuten durchqueren lässt, wurde jeweils ein von der Stadt beauftragter ambulanter Pflegedienst eingerichtet, bei dem Gruppen von zwölf Fachkräften für bis zu 50 pflegebedürftige Personen innerhalb dieses Gebietes verantwortlich sind. Kurze Wege und kleine Bezugsgruppen bedeuten nicht nur Stressabbau für die Beschäftigten, sondern auch eine engere und persönlichere Beziehung zu den zu Pflegenden und ihren Angehörigen, was letztere entlastet und aus einer verbreiteten Isolation herausführt.
    In einem weiteren Schritt wurden breitere Care-Bedürfnisse in den Blick genommen und jeder Block ergänzt durch ein nachbarschaftliches Sorgesystem (genannt »Vila Veïna«). Auf der Grundlage einer Bedürfniserhebung wurde ein jeweils spezifisches Programm für die Anliegen in diesem Gebiet entwickelt – von Sportkursen für pflegende Angehörige bis hin zur selbstorganisierten Kinderbetreuung oder Kiezküchen. Die bei der Kommune angestellten Koordinator*innen behalten jeweils den Überblick, bieten Beratung und Information und unterstützen die Weiterentwicklung der einzelnen Elemente des Programms. So können passgenaue Angebote sowie Räume für selbstorganisierte Aktivitäten geschaffen werden, in denen es auch möglich ist, neue – nicht familienzentrierte – Care-Praxen auszuprobieren.
    Auch die beeindruckenden Sorgezentren in Mexiko-Stadt oder Bogota sind noch nicht die vollkommene Vergesellschaftung. Aber es sind Einstiegsprojekte in einen schrittweisen Umbau – denn grundlegende Gesellschaftsveränderung wird nicht über Nacht passieren. Die Idee der Sorgenden Stadt gibt uns jedoch die Möglichkeit, unsere Projekte so zu planen, dass wir diesem Ziel Schritt für Schritt näher kommen können. Es geht darum, wie wir im Hier und Jetzt dringend notwendige Verbesserungen im Alltag der Menschen erreichen, die aber nicht nur Symptome lindern, sondern Ursachen verändern
    …“ Artikel von Barbara Fried und Alex Wischnewski vom 01.01.2026 in ND online externer Link, siehe auch:
  • Feministische Stadtplanung: Die utopischen »Sorgestädte« Lateinamerikas
    Mehrere lateinamerikanische Metropolen nehmen eine Vorreiterrolle in der gerechten Verteilung von Arbeit ein
    [Projekte wie die sogenannten »Utopias« in Mexiko-Stadt – öffentliche Einrichtungen, in denen Menschen, die Sorgearbeit leisten, selbst versorgt werden – klingen in Ihrer Beschreibung wie feministische Science-Fiction. Sind diese Orte tatsächlich so utopisch?]
    Eugenia Testoni: Wenn bei unseren Beschreibungen ein utopisches Bild entsteht, dann wegen dem, was die Projekte alles bieten. In einem Bezirk von Mexiko-Stadt gibt es 14 »Utopias«, von denen jede ihre eigenen Besonderheiten hat, wie Schmetterlingsgärten, Dinosaurierparks oder Eisbahnen. Sie sind frei zugänglich, insbesondere für marginalisierte Menschen, und werden vom Staat finanziert. Das erscheint uns sehr besonders. Auch wenn der meritokratische Gedanke im Land weiterhin vorherrschend ist, brechen diese Projekte hier mit der Idee der Leistungsgesellschaft. Deshalb passt der Name »Utopia« so gut.
    [Inwiefern brechen die »Utopias« damit? Also, was konkret ist eine feministische Stadtpolitik?]
    Testoni: Feministische Politik zielt darauf ab, zu demokratisieren und die Möglichkeiten der Bürger*innenschaft auszuweiten. In der Stadtpolitik will sie unbezahlte Sorgearbeit und die Verantwortung dafür neu verteilen. Sie hinterfragt, ob der Staat anerkennt, dass Sorge ein Grundbedürfnis ist und dass es vorrangig Frauen sind, die diese Tätigkeit ausüben. Ist klar, dass das zu Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, zwischen Frauen, die Geld haben oder eben nicht haben, sowie zwischen weißen Frauen und indigenen Frauen führt? Nimmt der Staat seine Verantwortung wahr? Der Feminismus war in den letzten Jahren die Bewegung, die die Demokratie gestärkt hat. (…)
    Testoni: In Chile hat die progressive Bürgermeisterin nun die Wahl gegen einen Politiker einer rechten Partei verloren. Er hat das Sorgeprojekt sofort gestoppt. Das gab es noch nicht lange, sodass sich die Menschen noch nicht damit identifiziert hatten. Das wäre der Weg, um die Maßnahmen längerfristig zu etablieren. Die Menschen sollen sie in Zukunft nicht nur nutzen, sondern sich an Entscheidungsfindungen beteiligen und sich organisieren. Auf diese Weise soll die Gemeinschaft die Maßnahmen mittragen und verteidigen, falls jemand sie wieder abschaffen will.
    Zubcov: Diese Projekte brauchen auch viel Unterstützung und Zuspruch durch die Bevölkerung vor Ort, um ihre Finanzierung zu sichern. Viele erhalten öffentliche Gelder, auch wenn sie nicht ausschließlich darüber finanziert sind.
    [Entfalten andere Projekte tatsächlich so große Wirkungen, dass die Bevölkerung sie gegen einen möglichen Backlash verteidigen würde?]
    Zubcov: Nun, wir sprechen hier von drei verschiedenen Ländern, und die Auswertung der Auswirkungen ist noch nicht abgeschlossen, daher ist das schwer zu sagen.
    Testoni: In Kolumbien und Mexiko hat es noch keinen Regierungswechsel gegeben, dadurch konnte das noch nicht getestet werden. Allein in Bogotá wurden aber von 2021 bis 2024 mehr als vier Millionen Fälle betreut. Das ist eine Menge und hat sicherlich Auswirkungen und verändert die Gesellschaft, auch wenn wir das noch nicht messen können.
    [Sie schreiben, dass solche Konzepte nicht auf staatlicher Ebene sondern eher in kleineren Dimensionen funktionieren. Warum?]
    Zubcov: Damit die politischen Maßnahmen funktionieren, müssen sie an den Ort angepasst werden, für den sie konzipiert sind. An die Geografie, ländliche oder städtische Gebiete und die dortigen Bedürfnisse. Dafür muss wiederum die Gesellschaft vor Ort einbezogen werden. Das beginnt in kleineren Dimensionen, wie Bezirken. Aus diesem Grund ist keine der »Utopias« genau wie die andere. Diejenige, die sich in der am wenigsten marginalisierten Gegend des Bezirks befindet, benötigt beispielsweise im Gegensatz zu den anderen Zentren keine öffentliche Waschküche.
    Testoni: Es ist weniger ein Problem der Größe als vielmehr der Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte. So macht man feministische Politik, indem man mit der Bevölkerung vor Ort zusammenarbeitet…“ Interview von Sarah Yolanda Koss vom 24.12.2025 in ND online externer Link leider ohne Informationen zu den Gesprächsteilnehmerinen aus Mexiko, Kolumbien und Chile

Grundinfos:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=233146
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