Tarifrunde Metall und Elektro 2026: „Die Lage ist extrem differenziert … Was sollen wir fordern?“

Dossier

Tarifrunde Metall und Elektro 2024: „Wir wollen mehr Geld, weil wir es brauchen“ (7 Prozent mehr Lohn für 12 Monate) (IG Metall)„Die Tarifbewegung in der Metall- und Elektroindustrie ist gestartet. Die Tarifkommissionen der IG Metall haben sich zusammengeschaltet, um die Lage und erste Forderungen zu diskutieren. Die Lage ist extrem differenziert: Viele Betriebe stecken in der Krise, andere wiederum machen gute Gewinne. Ab Oktober verhandelt die IG Metall wieder über höhere Entgelte für 3,8 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie. Zum Auftakt zur Tarifbewegung haben die Tarifkommissionen der IG Metall am Mittwoch die Kündigung der derzeitigen Entgelttarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie beschlossen – die Voraussetzung für Tarifverhandlungen – und die Diskussion über die wirtschaftliche Lage und mögliche Forderungen für die Tarifverhandlungen gestartet…“ Meldung der IG Metall vom 25. Juni 2026 externer Link und erste Beiträge dazu:

  • [„Verzicht bringt nichts voran“!] IG Metall beschließt „passgenaues“ Forderungspaket: 5 Prozent mehr Geld, Jobsicherung und Gewinnbeteiligung für Boom-Unternehmen New
    „Metall- und Elektroindustrie: Gewerkschaft fordert Antworten auf alle Lagen der Unternehmen ein +++ Benner: „Wir gehen mit kämpferischem Realismus in die Verhandlungen.“ +++ Boguslawski: „Unser Paket ist verantwortungsvoll, gerecht und passgenau“
    Vielfältige Forderung für eine differenzierte Lage: Bei den anstehenden Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie will die IG Metall die Kaufkraft stärken und Arbeitsplätze schützen. Beschäftigte in Boom-Unternehmen sollen ein tarifliches Extra bekommen. Das beschloss der IG Metall-Vorstand am Mittwoch:
    – 5 Prozent mehr Geld. Beschäftigte in unteren Entgeltgruppen sollen bessergestellt werden.
    – Eine tarifliche Sicherung von Zukunft und Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie.
    – Eine tarifliche Gewinnbeteiligung für Boom-Unternehmen.
    „Wir gehen mit kämpferischem Realismus in die Verhandlungen“, sagt Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall. „Verzicht bringt nichts voran. Statt Krisenrhetorik, Angriffen auf soziale Standards und Schwarzmalerei erwarten die Beschäftigten sichere Jobs, Ausgleich für gestiegene Preise und einen gerechten Anteil an den Gewinnen der Unternehmen. Verlagerungsdrohungen als Ablenkungsmanöver von Management-Versagen akzeptieren wir nicht.“
    Laut Erhebungen der Gewerkschaft ist der Auftragsbestand in zwei Dritteln der Unternehmen gut oder sehr gut. Die Mehrheit erwartet zudem eine gute oder sehr gute Entwicklung in nächster Zeit. Gleichzeitig beobachtet die IG Metall unterschiedliche, einzelne Lagen der Teilbranchen. So boomen die Aufträge insbesondere bei Herstellern von Schiffen, Schienenfahrzeugen, in der Medizintechnik, in der Luft- und Raumfahrt sowie der Rüstung. Bei einem Drittel der Unternehmen, insbesondere in der Autoindustrie oder im Maschinenbau, ist die Auftragslage schlecht bis sehr schlecht.
    Tarifliche Antworten auf alle Lagen der Unternehmen
    IG Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski betont: „Unser Forderungspaket ist verantwortungsvoll, gerecht und passgenau. Wir bieten und verlangen von den Arbeitgebern tariflich Antworten für die vielfältigen wirtschaftlichen Situationen: vom Krisen- bis zum Boom-Betrieb.“
    „Wer Aufschwung will, braucht Kaufkraft“, sagte Nadine Boguslawski. (…)
    Die von den IG Metall-Bezirken regional geführten Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie starten ab dem 7. Oktober. Die Friedenspflicht endet mit dem 31. Oktober, ab 1. November sind Warnstreiks möglich. In der Branche arbeiten über 3,7 Millionen Beschäftigte
    .“ Pressemitteilung vom 23. September 2026 externer Link („IG Metall beschließt Forderungspaket: 5 Prozent mehr Geld, sichere Jobs und Gewinnbeteiligung“)

  • Erst Verzicht, dann Forderung: Die IG Metall hat Beschäftigte in Betrieben der Metall- und Elektroindustrie befragt – „Geld und Sicherheit“ folgen den längst veröffentlichten Zielen
    • Tarifrunde Metall und Elektro 2026 Befragung: Beschäftigte erwarten Geld und Sicherheit
      „Die IG Metall hat 267.000 Beschäftigte in 2285 Betrieben der Metall- und Elektroindustrie befragt. Die Lage ist sehr uneinheitlich. Fast 50 Prozent der Befragten schätzen die Lage in ihrem Betrieb als gut ein. Sie erwarten Sicherheit für ihre Arbeitsplätze – aber dennoch auch mehr Geld. (…)
      Die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie erwarten von den Arbeitgebern bei den Tarifverhandlungen im Herbst Antworten auf gestiegene Preise und die Zukunft der Betriebe. Die wirtschaftliche Lage der Unternehmen nehmen die Befragten als sehr unterschiedlich wahr: Die Hälfte bezeichnet die Situation im Betrieb als sehr gut (14,5 %) oder gut (31,7 %) oder. Ein Drittel (32,2 %) attestiert dem eigenen Arbeitgeber ein „geht so“. Jeder Fünfte nimmt die Situation als schlecht (16,9 %) oder sehr schlecht (4,7 %) wahr. Die positive wirtschaftliche Wahrnehmung ist getrieben von Betrieben der Luft- und Raumfahrt, Rüstung, Schiffsbau oder Energie. Kritischer blicken dagegen Beschäftigte der Autoindustrie und Dienstleistern auf den Kurs ihrer Unternehmen. (…) Mit Blick auf den Geldbeutel und die Gewinne der Unternehmen erwarten die Beschäftigten neben der Job-Sicherheit mehrheitlich eine moderate (47,8 %) bis kräftige Entgelterhöhung (35,0 %). Verzicht ist angesichts der wirtschaftlich soliden Gesamtlage kein Thema: Lediglich jede*r Sechste hält nur eine kleine (13,1 %) oder keine Entgelterhöhung (4,1 %) für angemessen. (…)
      Mit den Ergebnissen der Befragung startet die IG Metall in den regionalen Tarifbezirken jetzt in die Forderungsdebatte. Am 22. September entscheiden die Tarifkommissionen der Tarifgebiete über ihre Forderung. Eine konkrete und bundesweite Tarifforderung will der Vorstand der Gewerkschaft am 23. September beschließen
      …“ Meldung vom 10. September 2026 externer Link
    • IG Metall vor der Metall-Tarifrunde: Christiane Benners Programm gegen den Industrieabbau – eine deutsche Kopie des Trump’schen Protektionismus.
      „… Im Handelsblatt-Interview vom 28.07.2026 skizzierte IG-Metall-Chefin Christiane Benner ihre Rezepte, um Arbeitsplätze zu erhalten. Zölle, Local Content, ein Bekenntnis zu Wachstumsbranchen wie Rüstung und Rechenzentren – und eine Kampfansage in der Rentenfrage. Ein genauerer Blick auf die Fakten hinter diesem Programm zeigt: Es ist weit weniger kämpferisch, als es klingt, und an entscheidenden Stellen schlicht die deutsche Kopie einer gescheiterten US-amerikanischen Blaupause. (…) Wer als Aufsichtsrätin eine Arbeitszeitverlängerung mitträgt und als Gewerkschaftsvorsitzende gleichzeitig für eine Arbeitszeitverkürzung eintreten müsste, gerät zwangsläufig in einen Rollenkonflikt – vierzig Jahre nach dem größten Erfolg, den die eigene Organisation mit genau dieser Forderung je erzielt hat. (…) Standortnationalismus verspricht kurzfristigen Schutz für die eigene Belegschaft, erkauft ihn aber durch Konkurrenz zwischen Beschäftigten verschiedener Standorte und Länder – ein Spiel, das die Arbeiterklasse, gleich wer gerade nachgibt, auf Dauer nur verlieren kann…“ Artikel von Jörg Wuttke vom 14.9.2026 – wir danken!
    • Erst Verzicht, dann Forderung
      „IG-Metall-Vorsitzende bietet Zugeständnisse an, bevor die Gewerkschaft ihre Tarifforderung beschließt. Beschäftigtenbefragung ergibt »moderate« Entgeltforderung.
      Vor der Tarifrunde Metall und Elektro hat die IG Metall 267.000 Beschäftigte der Branche zu ihren Vorstellungen darüber befragt. Zum Wochenende veröffentlichte die Gewerkschaft einige Ergebnisse: 47,8 Prozent wollen demnach eine »moderate«, 35 Prozent der Beschäftigten eine »kräftige« Entgelterhöhung. Mehr als vier Fünftel wollen also keineswegs verzichten. Zugleich sorgen sich Mehrheiten um Lebenshaltungskosten, Rente, Gesundheit, Arbeitsplatz und Zukunft des Betriebs. Nur: Was »moderat« oder »kräftig« heißt, durften die Kollegen nicht beziffern. Weder Prozent noch Euro waren als Option in der Befragung vorgesehen. Ausgerechnet die Antwort auf die letzte »aktivierende« Frage – ob die Beschäftigten bereit sind, ihre Forderungen gemeinsam durchzusetzen – veröffentlichte die IG Metall bislang nicht. Um so bemerkenswerter ist, was die Spitze schon vor Abschluss der innergewerkschaftlichen Forderungsdebatte erklärt.
      Denn erst am 22. September beschließen die Tarifkommissionen ihre Forderungen, am 23. der Gewerkschaftsvorstand. Doch die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner hatte bereits Ende August im Interview mit der Wirtschaftswoche einen nach Geschäftslage und Region differenzierten Abschluss samt Öffnungsklauseln ins Spiel gebracht (…) Das klingt nach Gegenleistung, ist aber ein Angebot zum Zugeständnis – bevor überhaupt feststeht, was gefordert wird. Benner sagte zugleich, Arbeitsplätze seien »nicht durch zu hohe Arbeitskosten« bedroht. Wenn Löhne nicht Ursache der Krise sind – warum sollen sie dann Teil ihrer Therapie sein?
      Es ist die Logik des Pforzheimer Abkommens von 2004, die hierbei weitergetrieben wird. (…)
      Wer soziale Unsicherheit verwaltet, statt kollektive Gegenmacht erfahrbar zu machen, darf sich über die zunehmende politische Verschiebung nach rechts bei Arbeiterinnen und Arbeitern nicht wundern. Der von der IG Metall initiierte Aktionstag für die Automobilindustrie am 21. September wird deshalb zum Test. Baut er Druck auf – oder fängt er ihn einen Tag vor den Entscheidungen der Tarifkommissionen lediglich ein? Entscheidend ist, ob aus der Tarifrunde betriebliche Konflikt- und Streikfähigkeit wächst: »Verzicht bringt nichts«, sagt Christiane Benner. Das ist richtig. Dann sollte die IG-Metall-Spitze aber auch aufhören, ihn schon vorsorglich anzubieten
      .“ Artikel von Andreas Buderus in der jungen Welt vom 14.09.2026 externer Link – siehe dazu auch hier weiter unten „Pforzheim lässt grüßen…“
  • Sozialpartnerschaft in der Krise: Zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie
    „Ab Oktober verhandelt die IG Metall über die Entgelte für 3,8 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie. Die Arbeitgeber haben ihre Forderungen gegenüber der Regierung, den Gewerkschaften und der Öffentlichkeit schon vorgebracht: »Alles, was Wachstum hindert, darf im Moment nicht gemacht werden« sagt der Bundesverband der Industrie. Gefordert werden, wie vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall auch: Arbeitszeitverlängerung, Lohnsenkungen und Zustimmung zu Personalabbau.
    Die IG Metall diskutiert noch ihre Forderungen und sieht die wirtschaftliche Situation und die Lage von Betrieben differenziert, spricht von vielen Betrieben in wirtschaftlicher Schieflage und Betrieben, denen es richtig gut geht. »Die Kunst wird sein, Tarifforderungen aufzustellen, die für alle passen«, so Nadine Boguslawski vom IGM-Vorstand. In der Gewerkschaft sind deshalb auch Aufschläge für gut laufende Betriebe auf die absehbar geringe tarifliche Erhöhung im Gespräch. (…)
    In »Schieflage« sind vielleicht Betriebe der Auto- und Zulieferindustrie wegen der Unterauslastung der Fabriken von VW, Mercedes und Ford, von Bosch, Conti und ZF. Aber die Unterauslastung ist der verweigerten Mobilitätswende, der falschen Modellpolitik und technologischem Rückstand gegenüber der internationalen Konkurrenz zuzuschreiben. Die »Schieflage« besteht überwiegend darin, dass die Eigentümer mit der Profitrate von vier Prozent nicht zufrieden sind. (…)
    Knut Giesler, der IGM-Bezirksleiter aus NRW, reproduziert das Bild aus dem Kommentar im Handelsblatt, wenn er sagt: »In dieser Tarifrunde
    müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften über ihren Schatten springen.« Gleichzeitig warnt er die Arbeitgeber, ihre Forderungen nicht zu überziehen: »Durch solche Forderungen radiklisieren sie unsere Mitglieder. Das beobachten wir schon.«…“ Artikel am 11. September 2026 von und bei Stephan Krull externer Link zuerst veröffentlicht im express 9/2026
  • Pforzheim lässt grüßen: IG Metall schon vor Beginn der Tarifrunde Metall und Elektro 2026 zu flexiblem Tarifabschluss bereit – (Flassbeck: „ein grandioser Irrweg“)
    • Christiane Benner: IG Metall ist zu flexiblem Tarifabschluss bereit
      „Die Gewerkschaftsvorsitzende Christiane Benner will bei der Lohnrunde stärker nach Geschäftslage und Region differenzieren. Einen reinen Inflationsausgleich lehnt sie aber ab.
      Die IG Metall will in der anstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie spürbare Lohnzuwächse für die Beschäftigten durchsetzen. „Ein Inflationsausgleich wäre zu wenig“, sagte die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner im Interview mit der WirtschaftsWoche externer Link [paywall]. Zugleich zeigte sich Benner angesichts der schwierigen Situation vieler Industriebetriebe offen für einen Tarifabschluss mit Öffnungsklauseln. „Wir wissen, dass die wirtschaftliche Lage bei vielen Betrieben angespannt ist. Eine solche Situation habe ich während meiner Zeit bei der IG Metall noch nie erlebt“, so Benner. „Flexible Instrumente, die die wirtschaftliche Situation berücksichtigen, sind keine Revolution. Sie sind Bestandteil einer differenzierten Tarifpolitik – und es hat sie in der Vergangenheit auch schon gegeben“, so Benner im WirtschaftsWoche-Interview. Sie verwies darauf, dass es in einigen Branchen sehr gut laufe, etwa in der Luftfahrt, Teilen des Energiesektors, der Medizintechnik und der Rüstungsindustrie. Auch geografisch bestünden große Unterschiede…“ Artikel von Bert Losse und Annina Reimann vom 31.08.2026 in der WirtschaftsWoche online externer Link
    • IG-Metall will mehr betriebliche Lohn-Flexibilität – Das ist ein grandioser Irrweg
      „Nicht von den Arbeitgebern, nein, von der IG-Metall selbst kommt ein Vorstoß zur Flexibilisierung der Tarifabschlüsse. Das ist tragisch. Es zeigt jedoch die seit Anfang der 2000er Jahre um sich greifende Desorientierung der Gewerkschaftsfunktionäre. Jahrzehntelang war der Flächentarifvertrag das wichtigste Instrument gewerkschaftlicher Lohnpolitik. Doch das Wissen um die überragende Bedeutung des Flächentarifvertrages für die Arbeitnehmer und für die gesamte Volkswirtschaft ist verloren gegangen. Wer Produktivitätszuwächse und steigende Reallöhne für alle Beschäftigten will, muss auf der strikten Anwendung des Flächentarifvertrages beharren. Wer davon abweicht, führt die Volkswirtschaft auf die falsche Schiene der Rettung von Arbeitsplätzen um jeden Preis. (…) Die Mobilität der Arbeitskräfte, die von der klassischen Theorie unterstellt wird, gibt es (…) auf modernen Arbeitsmärkten nicht. Einerseits sind die Arbeitnehmer sesshaft geworden und können und wollen nicht alle paar Monate umziehen, um sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Andererseits ist auch den Unternehmen daran gelegen, gut eingearbeitete Fachkräfte zu halten, weil die Suchkosten auf ihrer Seite u.U. sehr hoch sind. Folglich haben die Gewerkschaften in einigen Ländern in den 1950er- und 1960er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts angefangen, Tarifverträge zu vereinbaren, die Gehaltsstrukturen und Lohnsteigerungen über ganze Branchen oder – via Zusammenarbeit verschiedener Gewerkschaften – gar über die Gesamtwirtschaft hinweg ähnlich regeln. Diese Flächentarifverträge sind nichts anderes als ein funktionales Äquivalent zur Mobilität der Arbeitskräfte in einer Welt, in der die Arbeitskräfte nicht mehr so mobil sind. (…) Trotz einer worauf auch immer zurückzuführenden Immobilität der Arbeitskräfte kann dem Gesetz des „gleichen Lohns für gleiche Arbeit“ Geltung verschafft werden. Am besten gewährleistet dies ein Flächentarifvertrag mit möglichst wenigen Ausnahmen. Nur in einem solchen System funktioniert die Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung über die Gewinne anstatt über Ersatzmechanismen wie betriebliche Vereinbarungen. Nicht anders als bei staatlichen Subventionen für notleidende Branchen muss eine Abweichung vom Prinzip des gleichen Preises für alle Produktionsfaktoren einschließlich Arbeit die Ausnahme sein. Etliche Fälle haben in der Vergangenheit gezeigt, dass derjenige, der die Ausnahme zur Regel macht, nicht nur die aus vielen guten Gründen bei uns gewachsenen Strukturen des sozialen Dialogs zerstört, sondern vor allem die marktwirtschaftliche Effizienz eines sich dynamisch entwickelnden Systems. (…) Lohnvereinbarungen, bei denen die einzelnen Branchen Lohnsteigerungen entsprechend der Produktivitätsentwicklung in ihrer jeweiligen Branche bzw. in ihrem Sektor zahlen, sind aus ähnlichen Gründen problematisch wie die betriebliche Differenzierung. Wenn der Wirtschaftszweig mit dem höchsten Produktivitätszuwachs die höchsten Lohnsteigerungen zu verkraften hat und der mit dem niedrigsten Produktivitätswachstum die geringsten, hemmt auch das den technischen Fortschritt und bringt auf diese Weise Einkommenseinbußen mit sich gegenüber einer Situation, in der sich alle Branchen am durchschnittlichen Produktivitätswachstum der gesamten Volkswirtschaft orientieren. Denn die Gewinne und damit die Investitionsmöglichkeiten der erfolgreicheren Branchen wachsen langsamer bzw. der Spielraum für relative Preissenkungen der erfolgreicheren Branchen gegenüber den weniger erfolgreichen nimmt bei rein branchenorientierten Lohnabschlüssen ab. (…) Der Versuch, die Branche durch unterdurchschnittlich wachsende Löhne von der Kostenseite her zu retten, ist mittel- bis langfristig zum Scheitern verurteilt, weil die Arbeitskräfte versuchen werden, die Branche zu wechseln. Je nach Qualifikation ist ein solcher Wechsel auch nicht generell unmöglich. Zwar mag ein Bergmann nicht ohne zeitintensive Umschulung in den Telekommunikationsbereich wechseln können, ein Elektriker aus dem Baugewerbe wird jedoch ohne allzu große Schwierigkeiten in der Industrie Arbeit finden. Das Law of One Price lässt sich eben nicht beliebig aushebeln. Spätestens bei der Frage, welche Ausbildungsrichtung unter Schulabgängern bevorzugt wird, spielen die Aussichten auf das spätere Arbeitseinkommen eine Rolle. Werden über Jahre hinweg in einer schwachen Branche unterdurchschnittliche Lohnsteigerungen vereinbart, zieht das keine neuen Talente unter den Arbeitskräften an. Dann gesellt sich zu der unterdurchschnittlichen Produktivitätsentwicklung auch noch eine Art Negativauslese am Arbeitsmarkt, was die langfristigen Aussichten der Branche weiter verdüstern dürfte.“ Artikel von Heiner Flassbeck vom 2. September 2026 auf seinem Blog Relevante Ökonomik externer Link
    • „Tarifrevolution“ bei der IG Metall
      „Im Herbst startet die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Die Unternehmen haben wie stets „nichts zu verteilen“. Die Antwort der IG Metall: Verstehen wir, aber es gibt auch Firmen, die machen viel Gewinn. Also mehr Lohn dort und, klar, weniger bei dem großen Rest. Über eine fatale Logik. (…)
      Mit einem Zuschlag für wenige den Abschlag für viele verkaufen
      Denn die Idee der IG Metall passt nur auf den ersten Blick nicht in die aktuelle „Landschaft“, in der es bekanntlich wegen der Wirtschaftskrise nichts zu verteilen gibt. Am Ende bereitet sie nämlich den Weg für angemessen niedrige Tarifabschlüsse. Und das geht so: Den Aufschlag sollen nur jene Firmen der Metall- und Elektroindustrie zahlen, denen es entgegen der allgemein schlechteren Lage vergleichsweise gut geht. Dazu gehören die Luft- und Raumfahrtindustrie, Medizin- und Energietechnik, Rüstungsproduzenten und Teile des Maschinenbaus. Die Mehrheit der Unternehmen müsste keinen Aufschlag entrichten und erhielten ihren geforderten geringen Tarifabschluss. Ein nicht unerheblicher Teil von ihnen zahlt auf jeden Fall noch weniger. Denn das sogenannte „T-Geld“ entfällt automatisch für jene Betriebe, deren Umsatzrendite unter 2,3 Prozent sinkt.
      So könnte die Gewerkschaft ihren Mitgliedern einen krisengerechten niedrigen Tarifabschluss verkaufen. Damit, schreibt die Süddeutsche Zeitung, muss sie „nicht befürchten, dass ihre Mitglieder in gutverdienenden Unternehmen der Rüstung oder Raumfahrt den generellen Abschluss ablehnen“ (SZ, ebenda).
      Der Charme der Sonderzahlung: bei Bedarf jederzeit einstellbar
      Willkommen im Tarifdschungel: Neben den Monatsentgelten, Eckentgelten, Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, neben den zahllosen Lohngruppen und je nach Bundesland unterschiedlichen Entgelthöhen gibt es auch die Sonderzahlung „Tarifliches Zusatzgeld“ (T-Geld), in Höhe von 18,4 Prozent des Monatsgehalts. Sonderzahlungen haben laut IG Metall den Vorteil: „Sie können differenziert und in Zeit gewandelt werden, um in betrieblichen Krisen Arbeitsplätze zu sichern, ohne dass das Monatsgehalt gekürzt wird.“ Betriebe verfügen damit über ein bequemes Mittel, ihren Beschäftigten während eines gültigen Tarifvertrages weniger zu bezahlen – wenn sie weniger Gewinn machen als besagte 2,3 Prozent.
      Die vermeintliche „Tarifrevolution“ besteht nun darin, dieses Instrument ausnahmsweise umzukehren: „Wir haben eine automatische Differenzierung von Teilen des Gehalts nach unten, wenn es einem Betrieb schlecht geht. Dann sollte es auch eine automatische Differenzierung nach oben geben, wenn die Geschäfte toll laufen. Denkbar wäre, das T-Geld zu erhöhen, wenn ein Betrieb eine bestimmte Umsatzrendite erwirtschaftet hat“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen (zit. nach SZ, ebenda)
      …“ Artikel von Björn Hendrig vom 29. August 2026 im Overton-Magazin externer Link
    • IG-Metaller fordern „Flexibilität nach unten und oben“
      „Zwei regionale IG-Metall-Chefs schlagen vor, das Tarifentgelt stärker an den Unternehmenserfolg zu koppeln. So würden Rüstungs- und Energiefirmen stärker zur Kasse gebeten und Autobauer geschont.
      Berlin. Zwei Bezirksleiter der IG Metall haben im Vorfeld der großen Tarifrunde im Herbst einen Vorstoß gemacht, wie die Sozialpartner die enorme Kluft innerhalb der Branche überbrücken könnten: Sie schlagen vor, dass gut verdienende Betriebe ihren Mitarbeitern einen Aufschlag zahlen. Das könnte im Gegenzug einen niedrigeren allgemeinen Tarifabschluss für die rund vier Millionen Beschäftigten der gesamten Metall- und Elektroindustrie ermöglichen. Die Teile der Branche, denen es nicht gut geht, würden so geschont – vor allem die Autobauer und ihre Zulieferer.  (…)
      Benner beklagte daher: „Die Arbeitgeber missbrauchen die Krise als Vorwand, um Tabula rasa zu machen.“ Sie versuchten, „Errungenschaften zu schleifen, die von uns hart erkämpft und bezahlt wurden“, sagte sie mit Blick auf die Forderung von Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller
      nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Volkswagen hat angekündigt, bis 2030 mindestens 50.000 Stellen abzubauen – darüber hinaus kursieren Pläne für bis zu vier Werksschließungen, die der Konzern bisher nicht offiziell bestätigt hat.
      Entsprechend kompliziert wird die im Herbst anstehende Tarifrunde für Deutschlands größte Industriebranche. Vor allem im Arbeitgeberlager ist die Nervosität schon jetzt enorm hoch, berichten Insider. „Am Ende könnte mehr Differenzierung nötig sein“, kündigte Benner an.
      Eine ganz konkrete Differenzierung haben nun bereits die beiden IG‑Metall-Bezirksleiter der Regionen Küste und NRW, Daniel Friedrich und Knut Giesler, ins Spiel gebracht. Sie wollen ein Instrument ausbauen, das bisher nur für Krisen gedacht ist: das „Transformationsgeld“ (T-Geld), das in Baden-Württemberg  „Trafobaustein“ heißt.
      Dabei handelt es sich um eine weitere, 2021 eingeführte jährliche Sonderzahlung neben dem Weihnachts- und dem Urlaubsgeld. Sie beträgt 18,4 Prozent eines Monatseinkommens. Wenn die Umsatzrendite eines Unternehmens jedoch unter 2,3 Prozent sinkt, kann es die Auszahlung erst verschieben und bei Bedarf auch ganz aussetzen. Dieses Instrument könnte man so umwidmen, dass boomende Betriebe ab einer gewissen Rendite mehr zahlen, schlagen die Gewerkschafter vor. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte zuerst darüber berichtet
      …“ Artikel von Barbara Gillmann vom 21.08.2026 im Handelsblatt online externer Link
    • Wir erinnern an:
  • Befragung der Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie startet. Kapitalisten klagen über Kosten und Krise: Achtung Lohndrücker!
    „Die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie beginnen zwar erst im Oktober, aber die Diskussionen in den Tarifkommissionen sind bereits angelaufen. Am 1. Juni startet die Beschäftigtenbefragung zu den Forderungen, mit denen die IG Metall in die Verhandlungen gehen will. (…) Die erste Frage in dem Bogen lautet: „Wie schätzt du die wirtschaftliche Situation bei dir im Betrieb ein?“ Erst danach werden Themen abgefragt, die die Kollegen bewegen: steigende Preise für Lebensmittel, Wohnkosten, Gesundheitskosten, die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Zukunft des Betriebes, Weiterbildungsangebote, Ausbildung und Übernahme junger Menschen sowie Rente. Anschließend gibt es die Möglichkeit, die jeweils eigene Vorstellung zur Entgeltforderung einzusortieren: „kräftig“, „moderat“, „klein“ oder „gar keine Entgelterhöhung“ – das sind die möglichen Antworten. Eine Lohnerhöhung in Euro oder Prozent anzugeben, ist nicht vorgesehen. Es bleibt also der Interpretation der Auswertenden überlassen, ob eine kräftige Erhöhung 3 oder 10 Prozent, 50 oder 500 Euro sind. Die letzte Frage ist zur Bereitschaft der Befragten, sich einzusetzen – also Mitglied zu werden, sich zu informieren, an Warnstreiks teilzunehmen beziehungsweise zu streiken, „wenn es nötig ist“. Dieser Fragebogen wird für die Forderungsfindung wenig hilfreich sein. Es hat den Anschein, dass die Erwartungen gedämpft werden sollen – auch weil die Abfrage zur wirtschaftlichen Lage als Einstieg gewählt wurde. (…) Die Reallöhne sind seit dem Jahr 2018 rückläufig. Dazu kommt, dass auch die Beschäftigungssicherungsvereinbarungen die Reallöhne gesenkt haben, da dort tarifliche Standards abgesenkt wurden. „Insbesondere werden übertarifliche Zulagen reduziert oder vollständig abgeschafft; in einzelnen Fällen kommt es darüber hinaus zur Aufkündigung bestehender Tarifverträge. Die tariflichen Eingriffe betreffen dabei nicht nur Entgeltbestandteile und Sonderzahlungen, sondern auch Arbeitszeitregelungen. (…) Sie bedeuten Reallohnverluste für einen Großteil der Beschäftigten in der Branche“, so das WSI. (…) Eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Das Gejammere der Kapitalisten wird groß sein. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), klagte bereits am 13. Mai in der Tagesschau über die hohen Lohnkosten sowie die gravierende und anhaltende Standortkrise. Je näher wir der Forderungsaufstellung kommen, desto lauter wird das Wehklagen der Kapitalisten. Davon dürfen sich die Kolleginnen und Kollegen aber nicht abschrecken lassen. Für das Kapital gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für eine gute Lohnerhöhung. Es will immer – ob Krise oder Hochkonjunktur – die Löhne drücken, um die Gewinne zu steigern. Tatsache ist – und das zeigen auch die Zahlen des WSI –, dass in den meisten Unternehmen trotz sinkender Profitmargen weiterhin Gewinne erzielt werden. Sie sind nur niedriger als die Gewinne, die sie sich wünschen.“ Artikel von Christa Hourani in UZ vom 29. Mai 2026 externer Link

Siehe zuletzt: Dossier: Tarifrunde Metall und Elektro 2024: „Wir wollen mehr Geld, weil wir es brauchen“ (7 Prozent mehr Lohn für 12 Monate)

Die Grafik zum Dossier ist von der Tarifrunde Metall und Elektro 2024: „Wir wollen mehr Geld, weil wir es brauchen“ (7 Prozent mehr Lohn für 12 Monate) (IG Metall)

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=235781
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