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Überlastete Ärzte: „Es muss erst jemand sterben, bevor sich das System ändert“

Dossier

Marburger Bund: Arbeit unlimited? [Länder-Tarifrunde für Ärztinnen und Ärzte in Unikliniken 2019/20„… Laut einer Online-Umfrage des Hartmannbundes aus dem Jahr 2017 externer Link sind viele Ärzte mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden. Sie klagen über zu wenige Pausen, zu wenig Personal und die viele Zeit, die für die Dokumentation von Fällen draufgeht. Mehr als ein Drittel der Befragten (35 Prozent) gab an, bis zu zehn Überstunden pro Woche zu leisten. Eine Umfrage des Marburger Bundes von 2017 externer Link brachte ähnliche Ergebnisse hervor. Die Ärzte klagen laut beiden Umfragen auch über den ökonomischen Druck und sprechen von einer Fließbandarbeit in den Krankenhäusern, die sich seit der Einführung von Fallpauschalen vor mehr als 14 Jahren verschärft habe: (…) Für ihre Betreuung und für Gespräche mit Angehörigen bleibe demnach nicht genug Zeit – ebenso wenig wie für Weiterbildungen oder die eigene Familie.“…“ Artikel von Kristin Haug vom 04.06.2018 im Spiegel online externer Link und die Entwicklung seitdem:

  • 24-Stunden-Dienste von Ärzt*innen in Krankenhäusern: Halb auf Autopilot New
    24-Stunden-Dienste sind in vielen Branchen verboten. Aber in Krankenhäusern sind sie erlaubt. Dort arbeiten Ärzt*innen über lange Zeit mit wenig Schlaf. Dabei tragen sie eine besondere Verantwortung für Patient*innen. Warum ist das legal? (…) Schmitz arbeitet in einem privaten Klinikkonzern in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen und macht dort seine Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendarzt. Er möchte anonym bleiben, denn er ist bereit, über ein heikles Thema im Gesundheitswesen zu reden: die verhassten 24-Stunden-Dienste. Deshalb haben wir ihm einen anderen Namen gegeben. In den meisten Berufen wären solche Dienste undenkbar, mehr noch, es ist verboten. Warum wird das Ärzt*innen, Pflegekräften – und vor allem Patient*innen zugemutet? Ausgerechnet im hochsensiblen Gesundheitsbereich? (…)
    Es ist zwar nicht zu befürchten, dass künftig alle Menschen Tag und Nacht durcharbeiten sollen. Aber wer wissen will, wie lange Arbeitszeiten auf die Gesundheit wirken, sollte einen Blick ins Krankenhaus wagen. Denn dort, aber auch etwa bei der Feuerwehr oder Polizei ist es heute schon laut Arbeitszeitgesetz möglich, die täglichen Höchstarbeitszeiten zu überschreiten – wenn es entsprechende Regelungen im Tarifvertrag gibt. 24-Stunden-Dienste sind generell dort möglich, wo regelmäßig Bereitschaftsdienste anfallen. Besonders heikel sind diese Dienste in Kombination mit der sogenannten Opt-out-Vereinbarung, einem freiwilligen Ausstieg aus dem Arbeitsschutz. Unterschreiben Krankenhausmitarbeiter*innen eine solche Vereinbarung, darf die wöchentliche Höchstarbeitszeit überschritten werden. Oftmals wird diese Vereinbarung gleich mit dem Arbeitsvertrag vorgelegt.
    Aus Sicht von Klinikbetreibern ist die Ausweitung von Arbeitszeit praktisch. Bei knappem Personal verschafft das mehr Flexibilität, und es lässt sich Geld einsparen: Zwei Ärzt*innen können die Arbeit von drei machen – und die Klinik spart sich die Lohnnebenkosten. Den Preis dafür zahlen aber die Angestellten mit Überstunden, Überlastung und einer höheren Fehleranfälligkeit. (…)
    Frank Brenscheidt, der seit 30 Jahren bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zum Thema Arbeitszeit forscht, sagt der taz: „Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sehen wir die 24-Stunden-Dienste und die Opt-out-Vereinbarungen kritisch.“ Die Forschung zeige deutlich, dass „insbesondere die Dauer der Arbeitszeit entscheidenden Einfluss auf erforderliche Erholungsphasen hat“. Brenscheidt verweist auf verschiedene Studien, in denen untersucht wurde, wie fehlende Erholung und Schlafmangel auf den Körper wirken. „Die Wirkung ist durchaus mit Alkohol vergleichbar“, sagt Brenscheidt. „Die Reaktions- und Wahrnehmungsfähigkeit ist irgendwann eingeschränkt.“ (…)
    Dass Ärzte den Großteil ihrer Bereitschaftszeit durcharbeiten oder gar nicht schlafen, ist nach deutschem Arbeitsrecht nicht zulässig. Und doch bestätigen mehrere Ärzt*innen der taz: Kaum Schlaf in 24-Stunden-Diensten ist keine Ausnahme. Auch Chirurg Andreas Kirschniak nennt die 24-Stunden-Dienste ein „Hot Topic“. Zu Recht verunsichere es Menschen, wenn sie hören, dass Ärzt*innen die ganze Nacht durcharbeiten. Es hänge seiner Meinung nach „aber stark von der Struktur der Klinik und dem jeweiligen Fachbereich ab“. (…)
    Ein Alltag mit langen Arbeitszeiten, Überstunden und Nachtschichten bleibt nicht folgenlos. In einer Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund externer Link gab fast jeder vierte Krankenhausarzt oder jede Ärztin (24 Prozent) an, 60 Stunden oder mehr in der Woche zu arbeiten. 49 Prozent gaben an, häufig überlastet zu sein, 11 Prozent, dass sie ständig über ihre eigenen Grenzen gehen. Alarmierend ist: Mehr als ein Viertel der Befragten konnte sich vorstellen, die ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben…“ Artikel von Jasmin Kalarickal vom 30.10.2025 in der taz online externer Link („Halb auf Autopilot“)
  • Stress, Überstunden, Burnout: Ärzte klagen über zu hohe Arbeitsbelastung
    Alarmierende Zustände in deutschen Krankenhäusern. Ärzte sind überlastet und haben keine Zeit für Patienten. Von jungen Medizinern kommt jetzt ein Aufschrei. Eine Studie gibt ihnen recht: 70 Prozent der Ärzte haben Anzeichen von Burnout. (…) Die Arbeit in den Kliniken mache die Ärzte krank, sagt der Marburger Bund, die Interessensvertretung der Ärzte. Viele Ärzte sind am Limit, fühlen sich ausgebrannt. Das zeigt die aktuelle Umfrage externer Link des Marburger Bundes. Auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) bestätigt die hohe Arbeitsbelastung von Ärzten und Pflegekräften. (…) Nur auf Bundesebene können die Rahmenbedingungen für die Kliniken geändert werden, so Huml. Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin entgegnet auf Anfrage, dass nicht bekannt sei, dass flächendeckend Arbeitsschutzregeln in Kliniken verletzt werden. Außerdem liege die Verantwortung bei den zuständigen Behörden der Bundesländer, dass die Arbeitszeiten des Klinikpersonals eingehalten werden. Der schwarze Peter wird also hin- und hergeschoben. Eine Lösung ist somit nicht in Sicht. Sollte sich bald nicht etwas ändern, befürchtet Assistenzarzt Fritz, dass die Kliniken nicht mehr die Versorgung aufrechterhalten können. „Das ist für die Patienten ganz sicher eine Katastrophe.“ Der junge Mediziner will auf die Probleme in den Krankenhäusern aufmerksam machen und aufrütteln. Es muss sich etwas ändern, sagt der bayerische Assistenzarzt, damit er und seine Kollegen einfach mehr Zeit haben für seine Patienten.“ Beitrag von Katrin Bohlmann vom 23.01.2020 in Deutschlandfunk Kultur externer Link
  • Arbeitsbelastung in bayerischen Kliniken: Ärzte am Ende ihrer Kräfte
    Druck, Stress und Burn-Out: Der Alltag in deutschen Klinken macht die Beschäftigten krank. Es gibt kaum noch Zeit für die Patienten, dafür umso mehr Papierkram zu erledigen. In Bayern versuchen Mediziner, ihren Kollegen beizustehen. (…) „Es gibt im Moment, aus guten Gründen würde ich behaupten, viel zu wenig Pflegekräfte im Krankenhaus“, sagt Hoffmann. „Mit zwei Maßnahmen versucht man dem Problem einigermaßen Herr zu werden. Erstens: Man holt aus dem Pflegepersonal, das da ist, das Letzte raus. Wenn man dann das Letzte herausgeholt hat, stellt man fest, noch mehr geht nicht, dann muss man eben die Zahl der Patienten reduzieren, damit das unterbesetzte Team halbwegs durch den Tag kommt.“ Ein Graus für jeden renditeorientierten Klinikmanager. Leere Betten bringen kein Geld. Die Rechnung geht immer seltener auf. (…) Pausen? Mittagessen? Kurz durchatmen? Fehlanzeige. Ärzte, die Halbgötter in Weiß? Das war einmal. Man fühle sich nur wie das Mittel zum Zweck der Gewinnmaximierung, kritisiert der Neurologe Zeno Gänsheimer. Junge Assistenzärzte würden zeitweise, wie selbstverständlich, die Intensivstationen wuppen, ohne Facharzt oder gar Chefarzt: „Vom Personal her waren wir immer chronisch unterbesetzt, das war auch bekannt, aber es hat keine Nachbesetzungen gegeben, aus welchen Gründen auch immer, höchstwahrscheinlich aus finanziellen Gründen, weil jeder Assistent so und so viel kostet, und das will man sich einsparen, wenn es irgend geht. Dementsprechend konnte man das Arbeitszeitgesetz in keinem Dienst in den zwei Jahren einhalten, die ich dort war. Es konnten keine Pause genommen werden, es wurden Überstunden gemacht, die nicht bezahlt wurden. (…) Lange wurde vernachlässigt, dass auch Klinikpersonal an seine Grenzen kommt. Die Folgen: Burnout 20 Prozent, Sucht zehn bis 15 Prozent, bis zu sechsmal höhere Suizidrate im Vergleich zur Normalbevölkerung…“ Beitrag vom 05.08.2019 von Susanne Lettenbauer beim Deutschlandfunk Kultur externer Link – mit einigen Beispielen zur individuellen (!) Stressprävention statt Personalaufbau…
  • Klinikärzte: Bis nix mehr geht
    „Es begann mit Kopf- und Magenschmerzen. Gegen die Kopfschmerzen nahm ich Ibu, dazu Pantoprazol. Täglich die gleichen quälenden Fragen: Wohin mit den Patienten? Schaffe ich es heute, die Kinder abzuholen? Und dann fing mein Herz an zu stolpern. Es mag sein, dass dieser Text von einigen als zu persönlich empfunden wird und vielleicht gebe ich zu viel von mir preis. Aber wie soll man sonst auf Missstände aufmerksam machen? Wie kann man der Welt begreiflich machen, dass das, was in vielen Krankenhäusern passiert, gefährlich ist? Für Arzt und Patient. Ich war auch schon auf der anderen Seite, nämlich Patientin. Es ging mir schlecht und ich hatte tolle Ärzte, die sich Zeit nahmen und tolle Pflegerkräfte, die sich ein Bein für mich ausrissen. Genau so war und bin ich eine Ärztin, die sich für ihre Patienten ein Bein ausgerissen hat. Und die gearbeitet hat, bis die Pumpe streikte. (…) Und was ist mein Fazit? Das ist es nicht wert. Punkt. Das Leben ist wertvoll. Aber solange wir uns alle in diesem System aufopfern, wird es sich nicht bessern. Geht zu euren Familien, drückt eure Kinder, baut Gemüse an, freut euch über Sonnenschein und ein Glas Aperol auf dem Balkon. Arbeiten müssen wir alle, das Leben ist teuer. Aber setzt Grenzen, wartet nicht, bis euer Körper euch eine verpasst.“ Erfahrungsbericht von Schwesterfraudoktor vom 1. August 2019 bei DocCheck externer Link

Siehe auch:  #Twankenhaus: Ärztinnen und Ärzte machen in sozialen Netzwerken auf schlechte Arbeitsbedingungen in Kliniken aufmerksam

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=133052
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