Metoo an der Berliner Volksbühne: Eine Bühne für Sexisten

#MeTooMehrere Mitarbeiterinnen der Berliner Volksbühne erheben Vorwürfe gegen Intendant Klaus Dörr. War die Senatsverwaltung gewarnt? (…) Dörr setzte neue Schwerpunkte. Feminismus war einer davon. (…)  Zuvor war Klaus Dörr stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart und am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Dort waren viele irritiert, auch belustigt, als sie von seinem neuen Schwerpunkt erfuhren: Seit wann ist Klaus Dörr Feminist? „Das war ein Running Gag bei uns“ (…)Auch an der Volksbühne zweifeln bald viele an Klaus Dörrs Feminismus, darunter auch Frauen, die er eingestellt hat. Ein paar von ihnen treffen sich mehrmals im Sommer 2020, um Erfahrungen auszutauschen. Bis zum Herbst wächst die Gruppe. Im November sind zehn Frauen dazu bereit, eine Beschwerde gegen Dörr bei Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, einzureichen. Sie schreiben ihre Erfahrungen auf und beweisen sie, so gut es geht. (…) Dokumente, die das bestätigen, liegen der taz vor. Die Vorwürfe, zitiert aus dem Dokument: enge, intime, körperliche Nähe und Berührungen, erotisierende Bemerkungen, anzügliche Witze, sexistische Sprüche (…) Die Vergiftung des Betriebsklimas sowie herabwürdigende Äußerungen werden sowohl Klaus Dörr als auch der geschäftsführenden Direktorin Nicole Lohrisch zur Last gelegt. (…) Am 2. März 2021 hatte Klaus Dörr wegen der Beschwerde der zehn Frauen eine Anhörung bei der Senatsverwaltung für Kultur…“ Artikel von Viktoria Morasch vom 13. März 2021 in der taz online externer Link, siehe dazu weitere:

  • Tatort Theater. Der heutige Kulturbetrieb hat ein Strukturproblem. Doch welches? New
    Der Intendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, ist zurückgetreten, nachdem sich mehrere Frauen nicht nur an die Vertrauensstelle Themis und damit wiederum an die Senatsverwaltung für Kultur, sondern auch an die Öffentlichkeit wandten. Sie warfen dem 60-Jährigen sexuelle Belästigung in Worten und Taten vor. Nun sind sich die Feuilletons der Republik einig, wie der Vorgang einzuordnen ist. Die Ära das alten weißen Mannes ist nun endgültig vorbei, das Modell der Intendanz ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts. Neue Führungskräfte braucht das Land, möglichst unbelastet – jung, weiblich, divers. Das ist zwar eine ansprechende Erzählung. Sie hat allerdings das Problem, dass sie kaum dazu beiträgt, die heutige Lage zu begreifen. Denn die hat mehr mit dem 21. als dem 19. Jahrhundert zu tun. (…) Das viel gescholtene deutsche Stadt- und Staatstheater hat sich dem in den vergangen Jahren angeglichen, so dass man es mitnichten einfach der Vergangenheit zuschlagen kann. Festanstellungen gehen allerorten zurück, Projektarbeit nimmt zu. Intendanten sind meist gewiefte Kulturmanager städtischer GmbHs. Von ihnen wird keine künstlerische Idee, sondern ökonomische Kennzahlen zur Auslastung verlangt. Sie verwalten große Etats und regeln den Zugang dazu. Ihnen gegenüber steht eine Masse mittelloser Künstler, die schon allein deswegen, weil sie auch von etwas leben müssen, ihre Ideen in Kontakt mit dem lieben Geld bringen müssen. Und jedes Jahr strömen von den staatlichen und zahlreichen Privaten Schauspielschulen und Kunstakademien mehr und mehr Absolventen auf den Markt, wo sie ihre Arbeitskraft – also Körper und Geist – feilbieten müssen. Gleichzeitig geht die Zahl der Stellen Jahr für Jahr zurück. Die Konkurrenz ist erbarmungslos. Und die Erpressbarkeit und Abhängigkeit der Einzelnen enorm. Am deutschen Stadttheater verbindet sich hierarchische Führung mit neoliberaler Projektebörse. Alternative Wege der unabhängigen Institutionalisierung für Künstler und Künstlergruppen sind kaum möglich, in der »freien Szene« kann man sich von Projektantrag zu Projektantrag hangeln. Die unmittelbare persönliche Abhängigkeit ist zugunsten anonymer Förderkriterien gelockert, durchs Raster fallen kann man hier aber auch…“ Artikel von Jakob Hayner vom 22.03.2021 im ND online externer Link
  • Stellungnahme des Ensembles der Volksbühne: „Uneingeschränkte Solidarität mit den Frauen“ – „Unsere Branche krankt an veralteten Machtstrukturen“ 
    Wir, als Ensemble der Volksbühne Berlin, bekunden unsere uneingeschränkte Solidarität mit den Frauen, die sich an Themis gewandt haben, und allen anderen Betroffenen solcher Vorfälle. Unsere Branche krankt an veralteten Machtstrukturen. Wir fordern eine transparente Debatte und gründliche Auseinandersetzung, wie künftig Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Diskriminierung in unserem Arbeitsfeld verhindert werden können. Wir sind tief erschüttert und durchlaufen einen Lernprozess – mit Klaus Dörrs Rücktritt darf dieser Diskurs nicht enden.“ Stellungnahme vom 16.03.21 auf der Homepage der Volksbühne externer Link, siehe auch:

    • MeToo: Ensemble der Volksbühne nimmt Stellung nach Dörr-Rücktritt
      In einer Solidaritätsbekundung für die betroffenen Frauen fordert das Ensemble eine Strukturdebatte und eine gründliche Untersuchung (…) Nachdem am Wochenende die taz eine Recherche darüber veröffentlichte und viele Medien darüber berichteten, trat der Intendant am Montag im Einvernehmen mit dem Kultursenator zurück. Das Ensemble konstatiert, dass die Branche an veralteten Machtstrukturen kranke und appelliert an die Kulturpolitik: „Wir fordern eine transparente Debatte und gründliche Auseinandersetzung, wie künftig Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Diskriminierung in unserem Arbeitsfeld verhindert werden können. Wir sind tief erschüttert und durchlaufen einen Lernprozess – mit Klaus Dörrs Rücktritt darf dieser Diskurs nicht enden.“…“ Artikel von Ulrich Seidler vom 16.3.2021 in der Berliner Zeitung online externer Link
  • Me-too-Vorwürfe an der Volksbühne: Es bleiben noch Fragen
    „… Die Grünen-Fraktion will am heutigen Montag in der Aktuellen Viertelstunde des Kulturausschusses per Dringlichkeitsantrag wissen, welche Kenntnisse der Senat „über die öffentlich erhobenen Vorwürfe gegen den Intendanten der Volksbühne“ habe – und „welche weiteren Schritte“ man nun plane. So steht es in dem Antrag, der der taz vorliegt. Auch SPD und Linke haben nach taz-Informationen ähnliche Fragen. (…)Für Daniel Wesener, kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion und auch deren parlamentarischer Geschäftsführer, geht es nun weniger um Schuldzuweisungen als vielmehr um die Erkenntnis: „Wir haben ganz offensichtlich ein strukturelles Problem, gerade auch in den staatlichen Institutionen“, sagte er am Sonntag der taz. „Wo sind die Beschwerdestellen in den Institutionen, und warum hat es offenbar zwei Jahre gedauert, bis doch eine recht große Anzahl von Frauen sich getraut hat, die Vorwürfe öffentlich zu machen?“ In den vergangenen zwei Jahren hatte es auch im ebenfalls landeseigenen Theater an der Parkaue sowie in der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Anschuldigungen von Machtmissbrauch, Sexismus und Rassismus von Angestellten beziehungsweise SchülerInnen gegenüber den Leitungsebenen gegeben. Laut Wesener seien das im Detail zwar sehr verschieden gelagerte Fälle. Aber es sei doch auffällig „dass man auch immer wieder dieselben Fragen diskutiere“: Wie könne man im autoritär organisierten Kulturbetrieb besser vor Machtmissbrauch schützen, also Beschwerdehemmnisse abbauen? (…) Für die Schulen gibt es bei der Senatsbildungsverwaltung eine – derzeit unbesetzte – Stelle einer/s Antidiskriminierungsbeauftragten. Für den Kulturbereich gibt es so eine Stelle auf Landesebene bisher nicht. Bundesweit gibt es seit der Me-too-Debatte 2018 die Beratungsstelle Themis, an die sich auch die Frauen der Volksbühne gewandt hatten.“ Artikel von Anna Klöpper vom 14. März 2021 in der taz online externer Link
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=187917
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