„Weil Du eine Frau bist“: Zum Stand der Gleichstellung in der Wissenschaft

Lohnungleichheit bei Männern und Frauen„„Du musst Dir keine Sorgen machen, Du bist ja eine Frau.“ So kommentierte ein Kollege vor Jahren beim Kaffee meine Karrierechancen in der Wissenschaft. Was er damit indirekt auch sagte, war dies: Wann immer Du Erfolg hast, ist der nicht allein auf Dein Können zurückzuführen. Auf Deine harte Arbeit, Dein Talent, Deine Kreativität, Deine wissenschaftlichen Fähigkeiten. Nein. Du hast das, was Du bekommen hast, die Stelle, die Auszeichnung, die Möglichkeit, auf einer Konferenz zu sprechen, wesentlich auch deshalb, weil Du eine Frau bist. Niemand glaubt so fest an die Macht von Gleichstellungsmaßnahmen wie diejenigen Männer, die sich dadurch zu Unrecht benachteiligt fühlen. (…) Ob Wissenschaftler_innen Kinder haben oder nicht, ihre Familienplanung, die Art, wie sie Sorgearbeit leisten usw. werden ständig zum Thema gemacht. Und das oft in Verbindung mit zahlreichen Vorurteilen. Derweil forschen die Männer von solchen Diskussionen und Bemerkungen weitgehend unbehelligt weiter…“ Beitrag vom 23.4.2024 von und bei Amrei Bahr externer Link und mehr daraus/dazu:

  • Frauen an Hochschulen: Ohne Sicherheit keine Gleichstellung. Trotz wachsender Zahl von Professorinnen bleiben Hochschulen ein Ort der Ungleichheit New
    „Die gute Nachricht zuerst: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil von Frauen in der Professorenschaft mehr als verdoppelt. Laut den am Dienstag vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten hatte dieser im Jahr 2004 noch bei 14 Prozent gelegen. Zum Jahresende 2024 waren von den 52 100 Professor*innen an Hochschulen in Deutschland 30 Prozent Frauen. Womit wir bei der weniger erfreulichen Botschaft wären. Denn obwohl der Frauenanteil langsam steigt, kann auf der höchsten Stufe der akademischen Laufbahn längst keine Rede von einer geschlechtergerechten Verteilung sein. »Wenn es so weitergeht, dauert es noch Jahrzehnte, bis eine Gleichstellung erreicht ist«, sagt Andreas Keller, Vorstandsmitglied und Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dabei sieht es zu Beginn einer wissenschaftlichen Karriere noch ganz anders aus: Am Anfang des Studiums sind Frauen in der Überzahl. Doch ihr Anteil nimmt ab, je höher die Stufe der akademischen Leiter ist. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, waren im Wintersemester 2024/25 52 Prozent der Studienanfänger*innen Frauen, bei den abgeschlossenen Promotionen lag der Anteil im Prüfungsjahr 2024 noch bei 46 Prozent. Bei der Habilitation, der höchstrangigen Hochschulprüfung, betrug er 36 Prozent. Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Fachrichtungen: In den Geisteswissenschaften waren Ende 2024 44 Prozent der hauptberuflichen Professuren mit einer Frau besetzt – in den Ingenieurwissenschaften waren es gerade einmal 17 Prozent. Doch dass Frauen häufiger als Männer aus dem wissenschaftlichen Betrieb »herauströpfeln«, ist ein fächerübergreifendes Phänomen. (…)
    Fachleute sprechen von einer »Leaky Pipeline«, also einer »undichten Leitung«. Gründe dafür gibt es viele. Der wohl gewichtigste hat mit den schlechten Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb zu tun. Zwischen Doktorarbeit und Professur liegen Jahre der Unsicherheit: Die wenigen Professorenstellen sind hart umkämpft, Selbstausbeutung ist quasi Pflicht, der Wohnort nur bedingt frei wählbar – und vor allem die Beschäftigungsverhältnisse wirken abschreckend. Befristete Verträge sind die Regel, oft werden sie über längere Zeiträume in Kettenverträgen aneinandergehängt. Eine angemessene Familienplanung: schier unmöglich. (…)
    Angesichts der nach wie vor widrigen Arbeitsbedingungen stellt sich die Frage, wie es überhaupt zu den Fortschritten in der Gleichstellung im akademischen Betrieb gekommen ist. Eine große Rolle spielt dabei wohl das »Professorinnenprogramm 2030«. Das Programm besteht seit 2008 und gewährt Hochschulen mit vielversprechenden Gleichstellungskonzepten Anschubfinanzierungen für die Erstberufung von Wissenschaftler*innen auf unbefristete Professorenstellen. Die Koalition hat angekündigt, dieses Programm zu stärken. Bislang wurden laut Forschungsministerium über 900 Professuren gefördert.“
    Artikel von Anton Benz vom 9. Dezember 2025 in Neues Deutschland online externer Link
  • Noch 21 Jahre bis zur Gleichstellung? fzs warnt vor strukturell verankertem Sexismus in Forschung und Lehre nach neusten Zahlen zu Professorinnenanteil von 29% in 2023
    „Das statistische Bundesamt gab am heutigen Freitag, 6. Dezember 2024, bekannt, dass 2023 der Frauenanteil unter Professor*innen bei nur 29 % lag. Der bundesweite Dachverband der Studierendenvertretungen, fzs, äußert sich zu den heute veröffentlichten Zahlen. Carlotta Eklöh, fzs-Referentin für gute Lehre und Arbeitsbedingungen an Hochschulen kommentiert: „Dass weniger als ein Drittel der Professuren mit Frauen besetzt sind, ist ein Armutszeugnis der deutschen Hochschullandschaft – gleichzeitig ist es in strukturellen Verhältnissen von Machmissbrauch und Sexismus keine Überraschung. Diese Zustände haben Auswirkungen auf Studentinnen – ihnen fehlen nicht nur Vorbilder ihres Geschlechts in Forschung und Lehre, sondern es verstärkt auch den falschen Eindruck, dass gewisse Disziplinen Frauen verwehrt bleiben. Wo fast ausschließlich Männer in Machtpositionen sind, entsteht oft ein Klima, in dem Sexismus gedeiht: in der Lehre, Forschung und am Arbeitsplatz.“ „Die Zahlen des statistischen Bundesamts zeigen ebenso, dass Frauen nicht erst auf der obersten Stufe der Karriereleiter unterrepräsentiert sind – obwohl Studentinnen die Mehrheit gegenüber ihren Kommilitonen ausmachen. Wir fordern daher einen stärkeren Fokus auf Gleichstellung auch in den unteren Karrierestufen. Die Machtstrukturen des Hochschulsystems schützen Professor*innen lange vor Konsequenzen für Fehlverhalten und vereinfachen Machtmissbrauch und Benachteiligung. Das kann einige Frauen und nicht-männliche Personen in der Wissenschaft dazu bewegen, das Arbeitsumfeld zu verlassen. Daneben werden ausufernde Forderungen an Arbeitszeit und -belastung gestellt, die von Personen, die qua Geschlecht mehrheitlich Sorgearbeit leisten, nicht erfüllt werden können,“ ergänzt Emmi Kraft aus dem fzs-Vorstand. Der fzs bedauert, dass die Statistik nur im Verhältnis Männer/Frauen erfasst wird und keine Daten zu inter, nicht-binären, trans* oder agender Personen erhoben wurden.“ fzs-Pressemitteilung vom 6. Dezember 2024, verfasst von Emmi Kraft externer Link
  • Im Beitrag vom 23.4.2024 von und bei Amrei Bahr externer Link auch: „Während die Vorträge meiner männlichen Kollegen bei Workshops und Konferenzen inhaltlich kommentiert und diskutiert werden, achten andere Tagungsteilnehmer bei mir auch gern mal darauf, was ich anhabe, wie ich aussehe.“ – kommt sicher nicht nur Mag Wompel sehr bekannt vor…

Siehe dazu auch: Wem nutzt die Frauenquote? Wie uns Arbeitspolitik als Feminismus verkauft wird

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=220125
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