Unterbezahlt und unterbesetzt: In allen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit besteht höchstmögliche berufliche Erschöpfung

Dossier

Veröffentlichung "Was ist das Soziale wert? Eine mehrperspektivische Betrachtung" als Heft 19 in der Reihe "Soziale Arbeit kontrovers" des Deutschen Vereins„Eine Studie zur Situation in der Sozialen Arbeit offenbart eine dramatische Situation: Das Burnout-Risiko der Beschäftigten ist extrem hoch. In allen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit besteht eine höchstmögliche berufliche Erschöpfung. Das verdeutlicht die Studie „Professionelle Krise nach Corona? Steuerungsbedarf in der Sozialen Arbeit nach der Pandemie (CriCo)“ (…) Die ersten Studienergebnisse zeigen, dass viele Beschäftigte die gesetzlich vorgesehenen Erholungspausen seit Ausbruch der Pandemie häufig ausfallen lassen, um die vorhandene Arbeit zu schaffen. 40 Prozent der Befragten geben an, regelmäßig drei oder mehr Stunden wöchentlich zusätzlich zu arbeiten. Über 60 Prozent gehen häufig oder sehr häufig an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit…“ ver.di-Pressemitteilung vom 28. Dezember 2022 externer Link und mehr daraus/dazu:

  • Systemfehler in der Sozialen Arbeit: Prekäre Arbeitsverhältnisse in Kitas, Jugendämtern und der Eingliederungshilfe wirken sich inzwischen auch auf Betreute aus New
    • Realitäts-Check Soziale Arbeit: 81 Prozent der Teams brauchen mehr Personal
      Viele Aufgaben, zu wenig Hände: Der ver.di-Realitäts-Check Soziale Arbeit zeigt, wie stark fehlendes Personal die Beschäftigten in Kitas und Jugendämtern belastet. 373 Teams berichten von wachsender Arbeitsmenge und Abstrichen bei der Qualität. ver.di fordert eine verbindliche Personalbemessung und gut ausgebildetes Personal.
      Für den Realitäts-Check Soziale Arbeit hat ver.di gemeinsam mit dem Fuldaer Professor Nikolaus Meyer und dem Mannheimer Professor Yalçın Kutlu in diesem Sommer 373 Team-Meinungsbilder aus Arbeitsfeldern wie Kindertagesstätten und Jugendämtern erfasst und ausgewertet. Gefragt wurde nach Personalbesetzung, Arbeitsbelastung, Einkommen, Beschäftigungssicherheit und der Zukunft der jeweiligen Einrichtung.(…)
      Offene Stellen, Krankheitsausfälle, Personalübergänge und schlechte Personalausstattung sorgten für dauerhafte Unterbesetzung, so die Gewerkschafterin. Das zwinge die Beschäftigten zu Arbeit unter sehr hoher Belastung, was wiederum zu Erkrankungen und Fluktuation führe. „Zur Abhilfe fordern wir eine verbindliche Personalbemessung und eine entsprechende Personalausstattung. Darüber hinaus brauchen die Beschäftigten Entlastung, um gesund arbeiten und das Renteneintrittsalter im ausgeübten Beruf erreichen zu können.“
      Herausforderungen in der Sozialen Arbeit
      Die Befragung zeigt zudem, dass die Fälle in der Sozialen Arbeit immer komplexer werden. Das habe auch damit zu tun, dass das der Alltag und das Leben vieler der zu Betreuenden von Armut, Arbeitslosigkeit, Flucht und Krieg geprägt sei. „In dieser Situation, die sich durch einen Abbau des Sozialstaats weiter verschärfen würde, ist unsere Forderung klar“, sagt Behle: „Wir brauchen gut ausgebildetes Personal. Der Staat darf nicht an der Qualifikation sparen.“ Die Beschäftigten selbst seien dabei die Expertinnen und Experten, unterstützt durch ihre betriebliche Interessenvertretung und ihre Gewerkschaft. Sinkende Kinderzahlen müssten jetzt genutzt werden, um die Personalschlüssel zu erhöhen.
      Ein weiterer Befund des Realitäts-Checks ist aber die Sorge der Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze und deren Gestaltung. Viele fühlen sich nicht ausreichend darüber informiert, wie ihre Institutionen umgebaut werden, etwa aufgrund der demografischen Entwicklung oder durch Reformgesetze. „Nötig ist die Partizipation der Beschäftigten an den entsprechenden Aushandlungsprozessen“, so Behle abschließend
      .“ ver.di-Nachricht vom 16.9.2026 externer Link mit dem Realitäts-Check externer Link im Detail, siehe auch:
    • Systemfehler in der Sozialen Arbeit
      Prekäre Arbeitsverhältnisse in Kitas, Jugendämtern und der Eingliederungshilfe wirken sich inzwischen auf Betreute aus. Gewerkschaft Verdi schlägt Alarm.
      Ein Krippenkind, das unbemerkt von seiner Betreuung das Gelände verlässt und allein in einer norddeutschen Stadt herumwandert. Eine Person in der Eingliederungshilfe, der man bei der Einarbeitung die grundsätzlichen Aspekte erklären muss – zum Beispiel in welcher Reihenfolge man den Körper einer betreuten Person wäscht. Eine Angestellte im Jugendamt, die sich keine Zeit nimmt, um eingehend zu analysieren, ob sie ein Kind aus einem Haushalt holen soll oder nicht. Das liege nicht an den Kolleg*innen, meint Stefanie Lehmann vom Kita-Eigenbetrieb in Bremen. »Das ist ein Systemfehler.« (…)
      Das belaste nicht nur die Beschäftigten, sondern beeinträchtige auch die fachliche Qualität der Versorgung, die Verwirklichung der Rechte von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie die Verlässlichkeit sozialer Infrastruktur. In vielen Fällen würden nur noch Menschen in absoluten Notlagen versorgt, wie bei der Kindeswohlgefährdung. In einigen Jugendämtern spreche man bereits von Triage.
      Der Fuldaer Professor für Soziale Arbeit, Nikolaus Meyer, und der Mannheimer Professor für Makrosoziologie, Yalçın Kutlu, hatten für die Gewerkschaft über den Sommer Meinungsbilder aus 373 Teams in unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit gesammelt und ausgewertet. Die Idee: »Arbeitsbedingungen gemeinsam sichtbar zu machen«, erklärt Kutlu. 97 Prozent der Rückmeldungen stammen aus Westdeutschland. (…)
      In den Jugendämtern nehmen die Arbeiter*innen inzwischen an, dass Aufgaben in ihren Bereich verlagert würden, weil andere Ansprechpartner nicht ausreichend zur Verfügung stünden. Zugleich werde die gestiegene Verantwortung nicht adäquat vergütet. Die Beschäftigten stört dabei weniger die Höhe der Vergütung, sondern das Missverhältnis zwischen der gestiegenen Komplexität und ihrer Einstufung. In den Kitas berichten 84,1 Prozent der Teams von Arbeit trotz Krankheit. Angestellte kritisieren dort vor allem, dass sinkende Kinderzahlen nicht für kleinere Gruppen genutzt, sondern mit Gruppenschließungen, Platzabbau oder möglichen Stellenkürzungen verbunden würden. Erst Anfang September hatte der Kita-Qualitätsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands festgestellt, dass bundesweit etwa 550.000 Kita-Plätze ungenutzt blieben. Das bedeute aber nicht, dass deshalb der Fachkräftemangel behoben wäre. (…)
      Kürzungen im Sozialbereich, Verdichtung der Arbeit durch das überarbeitete Kinder- und Jugendhilfegesetz sowie zusätzlicher Druck durch das neue Kita-Qualitätsgesetz hätten den gegenteiligen Effekt, kritisiert Behle von Verdi. Die Angestellten sehen die besten Lösungen in einer Personalbemessung, zusätzlichen Stellen, einer geringeren Arbeitsmenge und einer adäquaten Bezahlung und Eingruppierung. »Wenn die soziale Infrastruktur verlässlich sein soll, müssen es auch die Arbeitsbedingungen sein«, fordert Kutlu
      .“ Artikel von Sarah Yolanda Koss vom 16.09.2026 in ND online externer Link
  • Studie: 17 Prozent weniger Verdienst im sozialen Sektor – trotz hohen Bedarfs
    „Die rund drei Millionen Beschäftigten im sozialen Sektor in Deutschland verdienen laut einer Studie durchschnittlich 17 Prozent weniger als Beschäftigte in anderen Bereichen. Zudem sind wechselnde Arbeitszeiten, eine hohe Fluktuation und Teilzeit für mehr Beschäftigte an der Tagesordnung als in der übrigen Wirtschaft. Das geht aus der heute vorgestellten Studie „Vor dem Kollaps? Beschäftigung im sozialen Sektor“ hervor, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Deutsche Rote Kreuz in Auftrag gegeben haben. Ob in der Kinderbetreuung, der Alten- und Krankenpflege oder der Sozialarbeit – der Bedarf an sozialer Arbeit hat demnach in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. So sei die Zahl der Beschäftigten seit 2010 zwar von zwei Millionen um eine Million gestiegen, dennoch gebe es einen gravierenden Personalmangel. (…) Jeder Zweite im sozialen Sektor arbeitet trotz Personalmangels in Teilzeit – auch wegen der hohen Arbeitsbelastung, heißt es weiter. Schicht- und Nachtarbeit sei bei mehr als doppelt so vielen wie in anderen Sektoren üblich. Auch hohe Krankheits- und Fehlzeiten markieren den sozialen Sektor. (…) Die Forscherinnen und Forscher sprechen vom „Care Pay Gap“: Plakativ formuliert würden Vollzeittätigkeiten im sozialen Sektor weitaus geringer bezahlt und damit auch weniger wertgeschätzt als in anderen Branchen. (…) Das Deutsche Rote Kreuz forderte die Politik auf, mehr Mittel für den sozialen Sektor bereitzustellen. „Am Ende sind es politische Entscheidungen und Akteure wie Kommunen, Kassen, Länder und der Bund, die eine entscheidende Rolle spielen“, sagte der DRK-Bereichsleiter Joß Steinke. Er ist Mitautor der Studie.“ Meldung vom 18. März 2024 beim Deutschlandfunk externer Link, siehe beim DRK:

    • Krise im sozialen Sektor: „Das größte Risiko ist, dass grundlegende Leistungen der sozialen Daseinsvorsorge wegbrechen“
      Der soziale Sektor steht im Wettbewerb um Arbeitskräfte schlecht da, zeigen aktuelle Studien. In Teilen beeinträchtigt Personalnot jetzt schon die Erbringung wichtiger sozialer Leistungen. Ein Team von Autor*innen aus Forschung und Praxis hat sich nun zusammengeschlossen, um seine Expertise zu diesem Thema zu bündeln. In ihrem Buch, das heute erscheint, zeichnen Christian Hohendanner, Jasmin Rocha und Joß Steinke ein düsteres Bild dessen, was ohne grundlegende politische Maßnahmen auf den deutschen Wohlfahrtsstaat zukommen könnte. Zugleich zeigen sie Wege auf, um den sozialen Kollaps zu verhindern…“ Gastbeitrag und Interview von Christiane Keitel vom 18.03.2024 in drk-wohlfahrt.de externer Link zu:
    • Hohendanner, Christian; Rocha, Jasmin; Steinke, Joß (2024): Vor dem Kollaps!? Beschäftigung im sozialen Sektor. Empirische Vermessung und Handlungsansätze externer Link. Berlin: De Gruyter Oldenbourg
  • Ergebnisse der Studie „Professionelle Krise nach Corona? Steuerungsbedarf in der Sozialen Arbeit nach der Pandemie (CriCo)“: Beschäftigte an der Belastungsgrenze
    Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit in Deutschland sind am Limit: Das macht eine gemeinsame bundesweit von Prof. Dr. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und Dr. Elke Alsago (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft – ver.di) durchgeführte Studie deutlich.
    Im Ergebnis der heute (21. März 2023) vorgestellten aktuellen Untersuchung zeigen die mehr als 8.200 befragten Beschäftigten aus der Sozialen Arbeit hohe berufliche Erschöpfungswerte und sehen bereits eine verminderte eigene Leistungsfähigkeit. Betroffen waren vor allem Beschäftigte in Kindertagesstätten, Jugendämtern, Beratungsstellen, der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung, der Ganztagesbetreuung an Schulen, der Schulsozialarbeit, der Heimerziehung, der Wohnungslosenhilfe, den sozialpsychiatrischen Diensten, der Sozialen Arbeit mit Arbeitslosen, der Sucht-/Drogenhilfe, der Jugendgerichtshilfe sowie der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Entsprechend fühlen sich bundesweit derzeit 60,8 Prozent der Befragten häufig oder sogar sehr häufig an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Dabei ist das Burnout-Risiko der Beschäftigten über alle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit hinweg hoch. Besonders betroffen: Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst; keine Gruppe in der Studie erreicht so hohe Stresswerte.
    Über alle Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit hinweg arbeitet mehr als ein Drittel (38,9 Prozent) der Befragten regelmäßig drei oder mehr Stunden wöchentlich zusätzlich und über 65 Prozent der Befragten stehen bei ihrer Arbeit unter Zeitdruck. (…)
    Um diese problematische Situation zu ändern, fordert ver.di einen Schulterschluss von Bund, Ländern und Kommunen und die Bereitstellung finanzieller Mittel für Ausbildung und Studium zukünftiger Fachkräfte, die Verbesserung der Personalschlüssel und sofortige Maßnahmen für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit…“ ver.di-Pressemitteilung vom 21.03.2023 externer Link
  • Beschäftigte vor dem Burnout – ver.di veröffentlicht erste vorläufige Ergebnisse einer aktuellen Studie zur Situation der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit
    Weiter aus der ver.di-Pressemitteilung vom 28. Dezember 2022 externer Link: „… Insbesondere in den Kindertagesstätten und Jugendämtern klagen die Beschäftigten, dass der dringend notwendige direkte Kontakt zu den Erziehungsberechtigten sowie den Kindern und Jugendlichen abgenommen hat. Die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen und der eklatante Personalmangel in der gesamten Sozialen Arbeit – alleine in Kindertagesstätten fehlen laut dem ver.di KITA-Personalcheck 175.000 Fachkräfte – zeigen sich in einer hohen Personalfluktuation. Nur bei etwa jeder oder jedem vierten Befragten gab es in den letzten zwölf Monaten keinen personellen Wechsel im Team. Ein Drittel der Befragten muss mehr arbeiten, weil zu wenig Personal vorhanden ist. (…) Meyer wies darauf hin, dass unterschiedliche Effekte aufeinandertreffen: der Fachkräftemangel in der gesamten Sozialen Arbeit, die Zunahme von unterstützungsbedürftigen Menschen (23,5 Prozent), eine Verschlechterung der Lebenssituation bei vorhandenen Adressat/innen während der Corona-Pandemie und eine starke Corona-bedingte Krankheitswelle der Beschäftigten. Dies führe dazu, dass es den Beschäftigten trotz individuellem Einsatz, wie z.B. Mehrarbeit und Verzicht auf Pausen, nicht mehr gelinge, den Ansprüchen an ihre Arbeit gerecht zu werden. Entsprechend würden mehr als 77 Prozent der Befragten davon ausgehen, nicht bis zur Rente weiterarbeiten zu können. Noch höher liegt der Wert mit 86,5 Prozent im Bereich der Kindertagesstätten. Behle forderte die Arbeitgeber auf, die anstehenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst dazu zu nutzen, die Beschäftigten durch einen guten Abschluss wenigstens von den finanziellen Sorgen und Existenzängsten zu entlasten…“

Siehe auch:

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=207359
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