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Kursangebot der Jobcenter: Das Milliardengeschäft mit den Arbeitslosen
„Kursanbieter und Jobcenter-Angestellte haben ein System etabliert, das die Arbeitslosen-Statistiken schönt und der eigenen Karriere dient (…) An ihrer besonderen Wirksamkeit kann dieser Fokus auf Kurse nicht liegen. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) macht deutlich, dass Arbeitslose dadurch kaum nachhaltig in Arbeit gebracht werden. Sechs Monate danach sind mehr als zwei Drittel der Teilnehmer noch immer im Hartz-IV-Bezug. Warum ist die Auslastung der Kurse den Jobcentern dann so enorm wichtig? (…) „Ob so ein Kurs den Arbeitslosen etwas bringt, spielt bei der Vergabe keine Rolle“, sagt Petra Friedrichs, eine ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin, die eigentlich anders heißt. „Nicht die Interessen der Arbeitslosen stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die der Mitarbeiter“, sagt sie. (…) Die einfachen Mitarbeiter – Arbeitsvermittler und Fallmanager – bekommen zwar kein Geld für ausgebuchte Kurse. Für sie hängt an den Statistik-Zielen aber oft der Job…“ Analyse von Hannes Hoffmann und Christian Honey vom 4. Januar 2018 beim Tagesspiegel online
und mehr daraus/dazu:
- „Sie greifen Fördermittel ab und verschwinden“: Die Weiterbildung von Arbeitslosen ist ein Milliardengeschäft mit systematischen Fehlanreizen. Einige Anbieter betrügen den Staat und verdienen dabei viel Geld
„… Knapp 170.000 Arbeitslose haben (…) 2024 an einer vom Arbeitsamt finanzierten Weiterbildung teilgenommen. Es ist das erklärte Ziel der Bundesagentur für Arbeit, über Qualifizierungen und Weiterbildung Erwerbslose für den Arbeitsmarkt fit zu machen. 4,1 Milliarden Euro sind dafür allein 2026 im Haushalt vorgesehen. Aktuell ist die Arbeitslosigkeit mit über drei Millionen Menschen auf einem Langzeithoch. (…) Mit der Milliardensumme fördert der Staat nicht nur Arbeitslose, sondern auch einen großen und unübersichtlichen Markt, der an Fehlanreizen leidet und besonders anfällig für Missbrauch ist. (…) In dem Geschäft geht es um viel Geld. Pro Person kosten Maßnahmen häufig 10.000 bis 20.000 Euro. In informationskaufmännischen und technischen Berufen (IKT) sind die Kostensätze besonders attraktiv. Deshalb gibt es dort auch so viele Angebote. (…) [Daniel] Graf ist Brancheninsider, er berät seit Jahren Bildungsträger und kennt die Regeln, nach denen Kurse überhaupt auf den Markt kommen. (…) Zwar ist jedes Angebot im Portal „zertifiziert“. Doch dieses Siegel sagt nach Grafs Erfahrung wenig über die Qualität aus. (…)
Die Arbeitsagentur schreibe zwar vor, dass in einem Kurs maximal zwölf Teilnehmende sitzen sollen. Trotzdem gebe es Anbieter, die hundertfünfzig Leute von einem Dozenten unterrichten lassen. „Das Verhältnis Dozent – Teilnehmer ist katastrophal.“ Aber der Anbieter kann dann viel mehr Gewinn einstreichen, denn die tatsächliche Anzahl der Teilnehmer wird nicht kontrolliert. Ein zweites Muster: Für einen Kurs werde offiziell ein Dozent abgerechnet, der über viele Stunden unterrichtet. Tatsächlich weise der Dozent aber die Teilnehmenden nur einmal ein, den Rest des Kurses schauen sie nur noch Videos oder lesen Texte. (…) Graf schätzt: „Zwanzig Prozent der Träger arbeiten illegal. Sie greifen Fördermittel im großen Stil ab und machen sich dann aus dem Staub.“ Doch auch den Großteil der restlichen Angebote sieht Graf kritisch: „Die Mehrheit ist wertlos und befähigt Arbeitslose nicht, danach einen Job zu bekommen.“ (…)
Seit dem Qualifizierungschancengesetz können sich auch Beschäftigte weiterbilden lassen. Das macht den Markt aus Grafs Sicht noch attraktiver; er schätzt, dass rund 75 Prozent der Anbieter „ausschließlich“ von Staatsgeld leben. (…) Wer einmal eine Zulassung bekommt, hat zunächst freie Bahn. Carina Knie-Nürnberg, Geschäftsführerin der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Brandenburg, beschreibt das Grundproblem aus Behördensicht: „Wenn der Zertifizierer die Maßnahme anerkennt, dann ist das für uns verbindlich (…) Und sie bestätigt: In Berlin gebe es Fälle, in denen es nicht um Nachlässigkeit, sondern um „systematischen Betrug“ gehe. „Da sind die Kunden dann die Opfer“, sagt Knie‑Nürnberg. Die Fälle seien „organisiert“ und nicht nur auf Berlin beschränkt. Solche Vorwürfe werden in Berlin gegenwärtig auch strafrechtlich verfolgt. Wie die Staatsanwaltschaft der Hauptstadt und das Landeskriminalamt mitteilten, gab es im September 2025 Festnahmen und Durchsuchungen an Dutzenden Orten wegen des Verdachts auf gewerbs- und bandenmäßigen Betrug. Beschuldigte sollen Coachingmaßnahmen gegenüber Jobcentern und Arbeitsagenturen abgerechnet haben, die gar nicht oder nur teilweise erbracht wurden. Der Schaden: rund 891.000 Euro. (…)
Für viele andere Arbeitslose, die sich für den falschen Anbieter entschieden haben, bleiben jedoch nur Ärger und verschwendete Zeit zurück. Die Auswüchse des Milliardenmarkts, in dem Fehlanreize und Betrug grassieren, gehen auf ihre Kosten – und auf die der Steuerzahler. Brancheninsider Graf spricht von „Milliarden Steuergeldern“, die über Bildungsgutscheine „seit Jahren“ verpufften. Der Experte fordert, Inhalte müssten richtig geprüft werden – bis hin zu Lehrplänen und stichprobenartigen Hospitationen. Allein die Ankündigung solcher Kontrollen würde schon manchen Anbieter abschrecken, so Graf. Die Arbeitsagentur sollte zudem die Weiterbildung viel stärker an Engpassberufen ausrichten – „da würde locker die Hälfte aller Angebote rausfliegen“, so Graf. So ließe sich auch der Wildwuchs eindämmen. Und die Behörde müsse ein Bewertungssystem schaffen, damit Arbeitslose im Kursdschungel überhaupt sehen können, wo wirklich Qualität ist und wo diese nur versprochen wird.“ Beitrag von Jakob Hartung vom 27. April 2026 bei t-online
- Kursangebot der Jobcenter: Das Milliardengeschäft mit den Arbeitslosen
Weiter aus der Analyse von Hannes Hoffmann und Christian Honey vom 4. Januar 2018 beim Tagesspiegel online
: „„… „Wer am Ende des Jahres die Note A oder B bekommt, der muss zum Gespräch über eine Beförderung eingeladen werden“, sagt Friedrichs. Wer befristet angestellt sei und ein C oder gar ein D bekommt, gerate in Gefahr, bald selbst Kunde des Jobcenters zu werden. (…) Wer eine Sanktion erhält, gerät schnell in finanzielle Not und wird sich dem nächsten Kursangebot des Jobcenters umso weniger entziehen. Oder er wird zu einem jener Schicksale, die durch weitere Sanktionen ganz aus dem Hartz-IV-Bezug fallen – und aus der Statistik des Jobcenters. (…) So nutzen Fallmanager und Jobvermittler sogar Zwangsmittel, um Kurse zu füllen. Über die Jahre ist so ein Milliardengeschäft entstanden. Private Kursanbieter verkaufen Jobcenter-Mitarbeitern mit den Kursen die „Zielerreichung“. Beide Seiten profitieren. Zum Leidwesen von Arbeitslosen und Steuerzahlern.“